Bergfahrt im Herbst

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Franz Wagner.

Tiefblauer Himmel schaut durch das knorrige Geäst eines Buchenhains, und an den silbrig glänzenden Baumstämmen spielt warmes Sonnenlicht. Flüsternd streicht der Herbstwind darüber hin, als wollte er das feine Zittern der dünnen, kahlen Zweige in sanfte Ruhe wiegen.

In rotgoldenes Leuchten sinkt mein Blick. Aus dem Rascheln des Laubes, das meine Schritte verursachen, steigen tausend helle, dumpfe Stimmen auf — ein buntes Gewirr von Empfindungen —, die sich ganz langsam zu einem mächtigen Akkord des Abschieds finden. Mir ist 's, als spiele ein grosser Meister in weiter Ferne — und doch so nah — das Lied des farbenfrohen, verglühenden Herbstes.

So schreite ich mit zwei Kameraden im Bergwald zur Höhe. Allmählich verbleicht der letzte Lichtstrahl, blaugrau breitet die Dämmerung einen Mantel über Berge und Täler aus und gibt dem Landschaftsbild weiche ineinanderfliessende Formen.

Im dichten Tann blitzen nun die Laternen auf, ihre dünnen Strahlenbündel springen wie lustiges Geistervolk in der Finsternis umher. Nur ab und zu sehen wir ein winziges Sterngefunkel, einen fahlen Mondlichtstreifen über uns.

Die Bäume werden spärlicher, zerzaust, verkrüppelt. Der Steig ist steinig geworden und schon hart gefroren. Wild verschlungene Zirbelkiefern bilden ein enges Gässlein, das uns sicher in vielen Windungen zur Hütte hinaufführt.

Jetzt taucht aus dem dunklen Samt des Nachthimmels kuppeiförmig die Gestalt der Arnspitze. Wie ernst und verschlossen sie im matten Schein der Gestirne zu uns hernieder schautSchier möchte ich glauben, ich nahe als mutwilliger Störenfried, scheuche den Berg aus seiner erhabenen Ruhe, aus der beginnenden Winterstarrheit. Aber was kümmert dies den Bergsteiger lange? Er hat doch selbst genug zu tun, seine eigene Ruhe zu findenIst der Berg wirklich nur Mittel zum Zweck, nur totes GesteinArmer Bergsteiger, wenn dein Denken und Fühlen die Frage bejahen muss. Harter Schnee dämpft das Scharren des schwerfälligen Schrittes. Kein Wort wird gewechselt, nichts stört die Ruhe. Da ziehen meine Gedanken hinaus in die Unendlichkeit des Alls, jagen dem Monde hinter den Föhnwolken nach, kreisen um Sternfiguren, möchten Zusammenhänge mit dem eigenen Ich finden. Sie kehren verwirrt, aufgelöst wieder zurück. Und wie schon so oft mahnt mich das Schweigen des Berges... Nein, er spricht aus tiefem Grunde von seinem Wesen, seinem Werden und Vergehen in der Sprache der Jahrtausende. Darob werde ich wieder ruhiger.

Etwas später, als ich vor das schlichte Hüttlein gehe und im Rund die vielen Berge schaue, hell vom Mond beschienen und in diesem Silberschein erstarrten, schaumgekrönten Meereswogen gleichend, da wird mir urgewaltig der Sinn der Bergliebe bewusst. Mit lebenswarmen Armen hält mich der Berg, wie eine gute Mutter, die das suchende Kind mit stillem, verstehendem Lächeln den richtigen Weg führt, zum Lichte, zur Erkenntnis des beglückenden Ausgleichs in der eigenen Seele. Und auf den fernen Gipfeln brennen die Flammen der mannigfachen Erinnerungen. Langsam sinken sie ineinander und fliessen als leuchtender Strom in die Vergangenheit zurück. Noch fühle ich keine Wehmut, dass ich sie nicht fest und klar behalten kann. Aber ich weiss, dass sie wieder auferstehen werden, wohl erst im Herbst meines Lebens. Und dann wird sie nichts mehr verdrängen... werden sie Wegzehrung sein.

Am frühen Morgen hallt leises Glockengeläute vom Tale herauf und begleitet uns in neues Bergland...

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