Bergfahrten im Dauphiné

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VON ERICH FRIEDLI, JUN., GWATT-THUN

Mit 2 Bildern ( 133, 134 ) Aiguille Dibona Die Hinfahrt führt uns über Genf und Grenoble nach La Bérarde, mitten ins Zentrum des Dauphiné. Bei Regen fahren wir zu Hause weg und bei Regen kommen wir in La Bérarde an. In einer Regenpause können wir unser Zelt aufstellen und unser Lager für die kommenden Tage einrichten.

Wir sind zu dritt, Fritz Luchsinger, mein Vater und ich.

Als Einlauftour soll die Aiguille Dibona bestiegen werden. Unsere Hoffnung auf eine Wetterbesserung ist nicht gerade gross. Wir schliessen das Zelt und kriechen in unsere Schlafsäcke. Zuversichtlich stellt der Vater den Taschenwecker auf vier Uhr morgens.

Und punkt vier Uhr rasselt es! Unser erster Blick gilt dem Wetter. Nebel! Das ist unser erster Eindruck. Doch mit zunehmender Helligkeit bemerken wir, dass es sich nur um eine dünne Hochnebeldecke handelt.

Also auf! Wir kochen im taunassen Gras unser Morgenessen.

Dann fahren wir mit dem Auto bis nach Les Etages hinunter und beginnen von hier aus den Anmarsch zur Aiguille Dibona. Das Wetter ist endgültig gut geworden, und auch die letzten Nebel werden von der aufgehenden Sonne aufgezehrt.

Ich bin zum erstenmal im Dauphiné. Was mich während dieses Aufstieges besonders beeindruckt, ist der eigenartige Kontrast der schwarzen, schroffen Felsformen zu den blendend weissen und wilden Gletschern.

Wie wir um eine Felsnase biegen, steht die Aiguille Dibona plötzlich vor uns, und nur etwas höher am Weg ist sie dann in ganzer Grosse zu erblicken: Der ebenmässige Sockelaufbau und die auf ihm ruhende, schlanke Gipfelpyramide geben dem Berg ein imposantes Aussehen. Am Südfuss des Gipfels steht eine neu errichtete Hütte, das Refuge du Soreiller. Steil und in manchem Zickzack führt der Weg zur Unterkunft hinauf. Wir sind noch kaum 2½ Stunden unterwegs, wie wir die Hütte erreichen. Sie ist gross und sehr gut eingerichtet. Wir halten uns aber nicht lange auf und steigen nach einer kurzen Pause weiter. Schon eine Stunde später gelangen wir an den Einstieg.

Über den Südgrat gehen wir diesen stolzen Berg an. Wir seilen uns an und queren im warmen und griffigen Fels hinaus zum Grat. In herrlich luftiger Gratkletterei geht 's aufwärts, über griffige Felsen, wie man sie sich nicht besser wünschen kann. Über ein Band gelangen wir in die Südwand,dann durch eine Verschneidung aufwärts. Nach einem etwas exponierten Quergang stehen wir wieder auf dem Grat, wo die Route durch eine Reihe von Rissen weiterführt. Guter, griffiger Fels ist da. So kommen wir, trotzdem mein Vater in der Schulter Gelenkschmerzen verspürt, rasch vorwärts. Noch vor Mittag betreten wir den Gipfel, der hier allerdings seine Schlankheit etwas verloren hat. Er bildet einen langen, schmalen Grat, der sich von Süden her aufschwingt und im Norden nicht sehr steil zur Brèche Gunneng abfällt. Erblickt man die Aiguille Dibona von Osten oder Westen, so erscheint sie breit, mit steil abfallenden Wänden, sieht man sie aber von Süden, dann gleicht sie einer schönen kühn aufgebauten Nadel und wird kaum von einem anderen Gipfel übertroffen.

Eine ganze Stunde liegen wir im warmen Sonnenschein und kosten das zu Hause so lange entbehrte schöne Wetter aus. Eine schöne und wilde Landschaft breitet sich um uns. Aber der Himmel ist voll Schlechtwetterzeichen, so dass in uns allerlei Fragen nach dem kommenden Wetter auftauchen, wissen wir doch, dass im Dauphiné gar rasch Sturmtage und Sonnenschein wechseln können.

Wir steigen über den Nordgrat zur Brèche Gunneng ab. Alte Schneeresten erleichtern uns den Abstieg zur Hütte und weiter ins Tal hinunter. Immer wieder bleiben wir stehen und schauen zu diesem so kühnen Berg zurück.

Dann gelangen wir ins Tal, erreichen zur heissen Mittagszeit unser Auto und sind nach kurzer Fahrt wieder bei unserm Zelt.

Ein eiskaltes Bad im Gletscherbach erfrischt uns. Dann sind wir am Planen und Vorbereiten für die nächsten Touren. Unser Zeltplatz ist ein Wirrwarr von Ausrüstungsgegenständen, Kleidern und Proviant. Dazwischen wird gekocht und eine respektable Mahlzeit eingenommen. Das Packen der Rucksäcke ist gar köstlich: bis da jeder seine sieben Sachen gesucht und beisammen hatSchon um 17 Uhr sind wir wieder unterwegs und lenken unsere Schritte taleinwärts. Über blühende Alpweiden führt ein gut ausgebauter Weg dem Gletscherbach Vénéon entlang. Bei der Zunge des Glacier de la Pilatte gelangen wir auf die linke Talseite, über alte Lawinenresten hinauf zum Refuge de la Pilatte, einer grossen, gut eingerichteten Hütte.

Les Bans Beim ersten Morgengrauen verlassen wir die Hütte Das Wetter ist herrlich, nur die Täler liegen wiederum unter einer Hochnebeldecke verborgen. Wir haben die Besteigung der Bans über den Nordostpfeiler vor. Als mächtiger, eisgepanzerter Berg bilden die Bans den Talabschluss. Im Osten von ihnen kann man über den Col des Bans ins Refuge Entre-les-Aigues und weiter nach Le Villard gelangen. Da die Schulterschmerzen meines Vaters anhalten, ist die Kletterei über den Nordostpfeiler nicht möglich, weshalb wir uns entscheiden, den Berg über den Normalaufstieg des Ostgrates zu besteigen. Gemütlich geht 's über den Glacier de la Pilatte hinauf in den warmen Sonnenschein. Zwei Schweizer, die wir gestern in der Hütte angetroffen haben, stehen bereits am Einstieg des Nordostpfeilers. Wir jauchzen ihnen zu und steigen zum Col des Bans auf. In leichter Blockkletterei, so dass unser Patient sogar den Arm in der Schlinge tragen kann, geht es von hier über den Ostgrat hinauf zum Gipfel, den wir um 9.30 Uhr betreten.

Eine imposante Rundsicht bietet sich uns da: In nächster Nähe dominiert die Ailefroide, rechts davon der Mont Pelvoux und dahinter die Barre des Ecrins, schwarz und alles überragend. Sogar der Gipfel der Meije zeigt sich. Die weissen Gletscher der Rouies bringen eine schöne Abwechslung in diese Gipfelschau.

Der Abstieg erfolgt rasch und reibungslos. Schon um 12 Uhr sind wir wieder bei der Hütte.

Auf halbem Weg nach La Bérarde trennen wir uns, denn mein Vater muss einen Ruhetag einschalten, um sich erholen zu können, während Luchsinger und ich die Traversierung der Barre des Ecrins unternehmen wollen, eine Tour, die mein Vater bereits vor vier Jahren ausführte. So steigen wir zu zweit zum Refuge Temple-Ecrins hinauf. Die Hütte befindet sich am Südfusse der Barre des Ecrins. Sie kann von Plan du Carrelet gut erreicht werden. Um 5 Uhr nachmittags treten wir in den düsteren Raum dieser ziemlich alten Hütte ein, die aber vom Hüttenwart recht sauber gehalten wird.

Barre des Ecrins Um 2 Uhr früh weckt uns der Hüttenwart. Am liebsten hätte ich weitergeschlafen! Luchsinger war schon draussen und meldet schlechtes Wetter. Dichter Nebel herrscht und ein unfreundlicher Wind bläst. Das erfreut uns ganz und gar nicht. Trotzdem nehmen wir uns vor, aufzusteigen und umzukehren, wenn Schlechtwetter dies verlangt. So starten wir um 3 Uhr, froh darüber, dass wir gestern das erste Stück des Aufstieges rekognosziert haben, denn bei der herrschenden Dunkelheit ist es nicht leicht, dem nur schwach ausgeprägten Weglein zu folgen. Wie wir beim Glacier du Vallon de la Pilatte ankommen, ist es immer noch dunkel und die Sicht gleich Null. So bleibt uns nichts anderes übrig, als zu warten, bis es heller wird. Es vergehen aber dreiviertel Stunden bis sich die Wolken etwas lichten und einige gespenstische Felsen auftauchen. Zeichen zum Aufbruch! In raschem Tempo gewinnen wir Höhe, und bald sind wir über den Wolken. Es ist hell! Nur im Westen sind einige Föhn-bänke zu sehen. Am Gipfel der Ecrins hängt eine grosse Wolkenfahne. So steigen wir mit neuen Hoffnungen weiter und überschreiten ohne Hindernisse den Col des Avalanches.

Gründlich mustern wir die Fortsetzung des Aufstieges. Hier erhebt sich das mächtige Bollwerk der Südwand der Ecrins, eine mächtige Felsflucht, in deren oberen Teil ein grosses Firnfeld eingelagert ist. Der Aufstieg ist darin ziemlich gut zu überblicken! Zuerst durch die steile Felswand des unteren Teiles und dann über das Firnfeld hinauf.

Die Steigeisen schnallen wir ab, und nach einer kurzen Rast steigen wir in den Fels ein. Die Kle-terei ist mittelschwer und führt durch Verschneidungen, Bänder und schluchtartige Kamine. Schliesslich kommen wir zu einem grossen, vereisten Couloir. Luchsinger, der führt, hackt eine sichere Stufenfolge zur Gegenseite des Couloirs hinüber, wo zuerst etwas schwere Kletterei folgt, dann wird es einfacher, und nachdem das Eiscouloir wieder traversiert ist, erreichen wir das Firnfeld.Wir schnallen die Steigeisen an, und nach kurzem Unterbruch setzen wir den Aufstieg fort. Luchsinger hackt eine lange Stufenleiter in den steilen Firn. Meter um Meter kommen wir dem Gipfelgrat näher. Das Wetter ist ganz gut geworden, nur der stürmische Wind ist vom Grat her zu hören. In leichter Kletterei geht es dem Gipfelgrat zu, den wir beim Pic Lory erreichen. Ein beissend kalter Nordwind empfängt uns. Aber er bringt uns gutes Wetter. Eine Viertelstunde später stehen wir auf der höchsten Erhebung des Dauphinés, auf der 4102 m hohen Barre des Ecrins.

Doch halten wir kein langes Rasten, denn der Wind ist rauh und kalt. So schnell wie möglich klettern wir hinunter und erreichen schon eine halbe Stunde später die Brèche Lory. Über die letzte Stufe zu dieser Scharte mussten wir uns bei heftigem Sturmwind abseilen. Ein kurzer Aufstieg führt uns auf den Dôme de Neige des Ecrins. Wir überschreiten den Randspalt, und über den Glacier Blanc geht es die Nordflanke hinunter, wo wir Pulverschnee treffen und rasch hinunterkommen. Bei drückender Hitze erreichen wir den Col des Ecrins, wo wir eine längere Rast einschalten. Viel Tee und eine heisse Bouillon stillen unsern Durst. Dann gleiten wir an den fixen Drahtseilen über die Felsen in die Tiefe. Die nächsten 100 Meter verlangen noch einmal unsere ganze Aufmerksamkeit. Im steilen, stark aufgeweichten Firn muss immer einer sichern, derweil der andere die Stufen austritt. Die Flanke wird dann weniger steil, so dass wir uns losseilen können. In rascher Fahrt geht 's nun hinunter auf den Glacier de la Bonne Pierre. Eine endlos lange Moräne führt uns zu den Alpweiden oberhalb La Bérarde.

Ringsum sind die schönen, blühenden Blumen. Halbmeterhoch steht der Türkenbund, und einige Stengel haben sechs bis acht Blüten. Stark duftet das Männertreu.

Müde und zufrieden kommen wir um 16 Uhr in unserem Basislager an. « Was, schon hier? » so fragt mein Vater, « ich habe euch erst auf 19 Uhr erwartet ». Die Entzündung an seiner Schulter scheint zurückgegangen zu sein, denn er zeigt uns stolz, wie er sie gut bewegen kann « Morgen werden wir ins Refuge du Promontoire aufsteigen, um übermorgen die Traversierung der Meije zu versuchen », so unternehmungsfreudig ist er schon wieder.

Aufstieg ins Refuge du Promontoire Volle zwölf Stunden haben wir geschlafen. Gemütlich nehmen wir das Morgenessen ein und packen dann unsere Rucksäcke. Schwerbeladen verlassen wir am Mittag unser Basislager mit dem Ziel Refuge du Promontoire, das am Südfusse der Meije steht. Gemütlich steigen wir auf und geniessen die schöne, wilde Berglandschaft. Im Refuge du Châtelleret machen wir einen kurzen Halt und bestaunen die modern eingerichtete Hütte. Der weitere Aufstieg führt uns über grosse Lawinenkegel und eine lange, steile Moräne bis zum Felsaufschwung, auf dem die Hütte steht. Die fixen Drahtseile erleichtern dieses Stück erheblich.

Ein unbeschreiblicher Gestank schlägt uns beim Öffnen der Türe entgegen. In allen Ecken liegen halbverfaulte Resten von Esswaren. Eine unbeschreibliche Unordnung überall, wirklich das Gegenteil dessen, was wir bis jetzt angetroffen haben. Alles ist ungemütlich, das Essen und das Schlafen. Doch ab und zu muss man bei Touren auch so etwas in Kauf nehmen können!

La Meije, Traversìerung Drei Uhr morgens, Der Vater weckt uns und macht das Morgenessen bereit. Ich bin froh, dass es so weit ist, denn die Nacht in dieser Hütte war wirklich nicht angenehm. Bei flackerndem Kerzenlicht essen wir ohne rechten Appetit. Heftige Windstösse lassen das ganze Gebäude erknarren. Trotz dem glitzernden Sternenhimmel herrscht ein ziemlich starker Wind, wobei wir hoffen, es sei der Schönwetterwind.

In der Hütte ordnen wir die Seile und machen uns für die Kletterei bereit. Wir seilen uns an, denn man braucht nur die Türe zu öffnen, und die Kletterei beginnt bereits.

Es ist noch dunkel. Nur im Osten ist ein erstes Grauen des Tages zu erkennen. Wie wir feststellen, ist es gar nicht so einfach, nachts zu klettern. Aber kurze Zeit später ist es bereits hell, und man braucht nicht mehr sorgsam nach Griffen und Tritten zu tasten. Zuerst geht es über einen Sporn, dann durch ein schluchtartiges Couloir. Sanft röten die ersten Sonnenstrahlen die höchsten Gipfel. Wir erreichen die « Pyramide Duhamel », eine grosse Terrasse, und befinden uns nun unter der Wand, in der fast jede vorspringende Felsnase und jede Platte irgendeinen Namen trägt. Da ist die « Dalle Castelnau », die « Dalle des Autrichiens », der « Pas de Chat » und wie die Bezeichnungen alle heissen. Die Routenführung ist ziemlich kompliziert, und der Weg ist von Eisschlag gefährdet.Auch heute ist die Wand im oberen Teil von Eiszapfen durchsetzt, und weiter rechts plätschert das Schmelzwasser vom Glacier Carré über die Felsen hinab. Wir klettern flüssig die Wand hinauf und erreichen schliesslich nach einer wenig ausgeprägten Verschneidung über Platten den Glacier Carré. Im ersten Sonnenlicht machen wir hier eine kurze Rast. Die schwarzen Felsen des Grand Pic und die gleissend weisse Fläche des Glacier Carré bilden einen selten schönen Kontrast.

Die Steigeisen werden angeschnallt, und knirschend schlagen wir sie dann im hartgefrorenen Firn ein. So gewinnen wir rasch Höhe, und kaum eine Viertelstunde später erreichen wir die Brèche du Glacier Carré. Ein mächtiges Rauschen und Brausen empfängt uns hier, denn ein schneidend kalter Wind bläst von Norden her über die Grate. Er nimmt uns fast den Atem, so kalt und ungemütlich ist er. Aber auch die Tiefe und Weite, die sich vor unseren Augen ausbreitet, ist atemraubend. Wie ein Eckpfeiler steht hier die Meije im Dauphiné, keine Erhebung hemmt mehr unseren Blick. Nur weit, weit im Norden, wie eine emporquellende Gewitterwolke, erhebt sich der Mont Blanc. In halber Höhe ist er von weichen Wolken umgeben, die ihn noch grösser erscheinen lassen. Wie aus der Vogelperspektive sehen wir, wie ein kleines Spielzeug, das Bergdorf La Grave.

Die Steigeisen verschwinden wieder im Rucksack, und wir steigen über Platten und Rinnen höher. Den sogenannten « Cheval Rouge », eine rote, steile Platte, übersteigen wir ohne Schwierigkeiten. Dann befinden wir uns wieder auf dem Grat und sind dem Sturmwind voll ausgesetzt. Der « Chapeau du Capucin », ein kleiner Überhang, ist schwieriger, da die Finger bei diesem Winde klamm werden. Kaum sind wir über diese Stelle hinweg, betreten wir nach einer weiteren Seillänge den Gipfel. Fast 4000 m hoch sind wir hier auf dem Grand Pic, und die Aussicht, ganz besonders die gewaltigen Tiefblicke, sind sehr eindrücklich und wohl einmalig. Steil und imposant liegt der Verbindungsgrat zum « Doigt de Dieu » vor uns. Spitze um Spitze erhebt sich dazwischen, und wir erkennen die Traversierung der Meije in ihrer ganzen Pracht und Wildheit.

Geschützt gegen den Nordwind verbringen wir eine herrliche Gipfelrast. Dann beginnen wir die Traversierung. Nachdem wir zweimal in luftiger Fahrt abgeseilt haben, erreichen wir die Brèche Zsigmondy. Beim Ausziehen der Seile verklemmt sich unglücklicherweise eines, und so verlieren wir kostbare Zeit, bis es gelöst ist. In der Scharte herrscht der Nordwind mit aller Kraft. Wir haben nur ein Wollen: Vorwärts!

Nach der Beschreibung des Clubführers soll die schwierigste Stelle der Traversierung der Steilaufschwung zum Pic Zsigmondy sein. Ich vertausche die Fausthandschuhe mit den Fingerhand-schuhen und hoffe, dass meine Hände wenigstens damit einigermassen warm bleiben. Zuerst geht 's nach links, unter einem überhängenden Wulst durch. Es ist wirklich eine schwierige Passage. Der Sturmwind bläst und zerrt mich fast aus dem Stand. Die Finger werden steif vor Kälte. Die Tritte und Griffe sind zum Teil mit Eis und Schnee gefüllt. Ein angenehmes Gefühl erfasst mich immer wieder, wenn ein Karabiner einschnappt. Fast sehnsüchtig schaue ich nach einem weiteren Haken aus, presse mich an die scharfe Kante, schaue die endlos scheinende Tiefe unter mir. Zwei Meter höher sehe ich einen der alten, verrosteten Haken. Mühsam erreiche ich ihn und klinke den Karabiner ein, prüfe ihn. Er ist gut. « Nachkommen! » rufe ich mit der ganzen Kraft, denn eine Verständigung ist kaum möglich. Endlos lang scheint es zu dauern, bis mein Vater um die Kante erscheint und mich erreicht. « Ekelhafte Kälte », ruft er, zieht die Handschuhe wieder an. Endlich kommt auch Luchsinger nach, und ich bin froh, dass ich weiter kann.

Rasch gewinnen wir nun an Höhe und gelangen ohne Schwierigkeiten auf den Pic Zsigmondy. Auf der Südseite des Grates müssen wir nun zwei Meter absteigen, und der Wind braust über uns hinweg, ohne uns noch zu stören. Bevor wir weiterklettern, klopfen wir unsere Hände warm und geniessen für eine kurze Weile die warme Sonne. Dann aber sind wir wieder auf dem Grat und dem Winde ausgesetzt. Eine Firnschneide und ein leichter Felsgrat leiten uns zur nächsten Spitze. Noch einmal wuchtet sich der Grat empor zu dem kaum zehn Meter weniger hohen Doigt de Dieu. Auf ihm verbringen wir eine längere Rast und kochen uns eine heisse Bouillon. Herrlich mundet so ein Getränk, wenn man so lange der Kälte ausgesetzt war. Aber wir müssen weiter, denn der ganze Abstieg liegt noch vor uns. Wir gewinnen nach kurzer Zeit eine weitere Scharte, von wo wir durch zweimaliges Abseilen über eine Eisflanke und den Randspalt auf den Glacier du Tabuchet gelangen. Statt ins Refuge de l' Aigle abzusteigen, wenden wir uns dem Grat zu und betreten nach kurzem Aufstieg die Brèche Joseph Turc.

Ein vereistes, steiles Couloir leitet auf die Südseite der Meije, in der wir den Abstieg fortsetzen zum Glacier des Etançons und dann nach La Bérarde absteigen. Der Weg führt durch eine Runse. Schon 30 Meter unterhalb der Brèche Joseph Turc verschwinden Windbluse, Pullover und Handschuhe im Rucksack, denn wir sind nun dem Nordwind ab und wie in einen Backofen geraten. Voll und heiss brennt die Sonne in die Felsen und auf die Firnfelder. Überall tropft und rinnt das Schmelzwasser, und manchmal ist auch das Krachen von Steinschlagsalven zu vernehmen. Wir kommen rasch vorwärts. Nachdem eine Steilstufe durch Abseilen überwunden ist, sieht es aber nicht mehr so rosig aus. Es gilt das unter uns liegende Firnband zu erreichen, das zirka 300 Meter südlicher in den Glacier des Etançons mündet. Nach längerem Hin und Her finden wir eine alte, morsche Abseilschlinge. Wir legen eine unserer Schlingen um den Felszacken, und dann geht es in rascher Fahrt in die Tiefe. Ohne grössere Schwierigkeiten können wir das Firnband gewinnen. Aber unsere Hoffnungen werden arg enttäuscht, denn mit dem schnellen Vorwärtskommen ist es vorbei. Der Schnee ist 10-20 cm tief aufgeweicht und liegt auf einer harten Schicht. So müssen wir, um nicht auszurutschen, bei jedem Schritt eine richtige Stufe austreten. Dabei müssen wir den Vorangehenden zu zweit oder einzeln sichern. Wir queren so mühsam Stück um Stück. Dazu kommt noch, dass von oben ständig Steinschlag droht. Und wie wir eine Runse erreicht haben, geht auch schon ein dumpfes Poltern los. Pickeleinrammen. Rucksack auf den Kopf gehoben. Der Steinhagel geht an uns vorbei. Wir blieben verschont. War das ein Sausen und Pfeifen und SchlagenDann aber rasch weiter, das Couloir queren, das Band weiter gestampft. Die Sonne geht eben unter, wie wir den Glacier des Etançons betreten. Noch folgt ein Steilhang, der Stufe um Stufe zu treten fordert. Dann die Rand- kluft. Und endlich fühlen wir uns sicher, rasten eine Weile und steigen, etwas ermüdet, über den Gletscher ins Tal.

In der Chatelleret-Hütte können wir endlich unsern brennenden Durst stillen, ehe wir weiter wandern. Es ist spät in der Nacht, wie wir mehr stolpernd als gehend unser Basislager betreten und uns nach kurzem Imbiss ins Zelt verkriechen und schlafen, schlafen, bis tief in den folgenden Morgen hinein.

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