Bergfrühling

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Carl Schröter.

Der kurze Frühling verblühet so schnell, Lass immer ihn unten verwelken:

Hoch oben gibt 's Primeln am eisigen Quell Und Rosen und brennende Nelken.

Weicht unten das Veilchen dem reifenden Halm, So zieht 's mit der klingenden Herde zur Alm Auf unseren ewigen Bergen.

So besingt der Tiroler Dichter Hermann von Gilm das Aufsteigen des Frühlings im Gebirge, das dem Alpenwanderer einen eigenartigen Genuss gewährt durch die Wiederholung des im Tal längst vergangenen Erwachens der Pflanzenwelt.

Das definitive Verschwinden der Schneedecke, das « Ausapern », kann man in grossen Zügen als Frühlingsbeginn bezeichnen. Das Aufwärtswandern dieser « zeitlichen Schneegrenze » haben verschiedene Beobachter zu fixieren gesucht: Kerner an den Bergen bei Innsbruck, Denzler und Maurer am Säntis, Moreillon am Suchet. Das Schema auf der Tafel nach Seite 164 gibt die Beobachtungen Kerners graphisch wieder: die weissen Streifen bedeuten die Dauer der Schneedecke am Nordhang des Inntals; das Ende des linken Streifens entspricht dem « Ausapern », der Beginn des rechten Streifens dem « Einschneien »; die Zeit zwischen Ausapern und Einschneien, der grüne Streifen, ist die schneefreie Vegetationszeit, die « Aperzeit », vom Frühling bis Winteranfang. Die weissen Zahlen am Kopf jeder Linie bedeuten die Monatstage, die roten Zahlen entsprechen der Lufttemperatur, die zur Zeit der Schneeschmelze oder des Einschneiens geherrscht hat. Die grüne « Aperzeit » kann freilich von vorübergehenden Frühlings- und Herbstschneefällen unterbrochen werden. Ein völlig schneefreier Sommer existiert ( nach den Beobachtungen Kerners im Inntal ) nur bis 1500 m ü.M.; höher oben kann jeden Monat Schnee fallen; es Berühren sich Frühlings- und Herbstschnee-fälle. Wir können das graphisch folgendermassen darstellen: Schneezeit FrühlingsSchneefreierHerbst- Schneezeit SchneefälleSommerSchneefälle ( nur bis 1500 m ) AusapernEinschneien Aperzeit Auf unserem Schema auf der Tafel nach Seite 164 sieht man den Frühling langsam hinaufklettern, das Einschneien viel rascher herabsteigen. Die Schneeschmelze braucht 7,8 Tage, um 100 m höher zu steigen; das Einschneien dagegen nur 3,8 Tage, um 100 m herabzukommen. Die grüne Pyramide, welche der Aperzeit entspricht, verschiebt also ihre Spitze gegen den Herbst. Der « Alpensommer » nimmt nach unserer Darstellung mit je 100 m Steigung um 11 1/2 Bemerkung: Auf den beiden farbigen Tafeln zu diesem Beitrage ist in der Legende links unten der Hinweis « Aus der ersten alpinen Ausstellung des S.A.C. 1933 » zu streichen.

Tage ab. Der berühmte, vor einigen Jahren in Berlin verstorbene Schweizer Botaniker Simon Schwendener hat in seiner unter Oswald Heer bearbeiteten Doktordissertation vom Jahr 1856 nach den Beobachtungen Denzlers am Säntis eine Abnahme von 11,7 Tagen pro 100 m berechnet; Thurmann hat für den Jura 10 Tage, Birkner für das sächsische Erzgebirge 13 Tage gefunden.

Dort, wo der lebenspendende Frühling mit dem aus seiner ewigen Schneeburg herabsteigenden, schlafbringenden Winter zusammentrifft, liegt die Grenze des ewigen Schnees, eben dort, wo die Wärme des Sommers den im Winter gefallenen Schnee nicht mehr zu schmelzen vermag, wo überhaupt kein « Ausapern » mehr eintritt. Im Inntal tritt dieses Ereignis auf der Nordhalde am 26. August ein bei der Quote von 3000 m, auf der Südhalde sogar erst am 12. September bei 3400 m.

Die Jahrgänge können sehr verschieden sein: die höchste Lage der Schneegrenze wurde in Mittelbünden im Jahr 1910 erst am 13. Oktober erreicht, im Sommer 1912 jedoch schon Anfang August ( Braun-Blanquet ).

In Wirklichkeit freilich ist der Verlauf des Ausaperns kein solches stetes Zurückweichen des Winterschnees nach oben, sondern vielfach finden sich weit oberhalb der untersten Schneehänge schon begünstigte Stellen mit wärmerem « Lokalklima » und weit entwickelter Vegetation. Darauf hat besonders Braun-Blanquet in seinem klassischen Werk über die Nivalflora 1 ) hingewiesen. « Gegen das Frühjahr gleicht die alpine Schneedecke vielfach einem alten, vielfach durchlöcherten Linnen... Von Tag zu Tag vergrössern sich die Löcher des Schneelinnens: die Windecken, Felsen- und Lawinen-abrutschhänge wirken als örtliche Schmelzungszentren, ehe noch unten im Hochtal der Frühling sich ankündet. » Der verstorbene Davoser Botaniker und Arzt Schibier fand am Schiahorn bei 2713 m, wo nach unserem Schema die Schneeschmelze erst Anfang August eintreten sollte, schon im April die schönsten, blühenden Polster von Steinbrechen, Enzianen, Hungerblümchen, Veilchen etc., während zur selben Zeit der Talboden von Davos noch im Winterschnee begraben lag. Diese abnorm frühen lokalklimatisch bedingten Frühlingsstimmungen, die auch hoch über der Schneegrenze auftreten können, sind in unserem Schema mit grünen Punkten bezeichnet.

Selbst im vollen Winter können an schneefrei geblasenen Stellen die frostharten Pflanzen ( z.B. die Alpenazalee ) die ernährende Arbeit ihrer grünen Zellen fortsetzen. Hat doch Fräulein Henrici bei Alpenpflanzen noch zwischen —8 und —10° assimilatorische Tätigkeit beobachtet. Für solche « Schnee-blössenbewohner » dehnt sich also die Vegetationszeit über das ganze Jahr aus.

Die Lufttemperatur an der zeitlichen aufsteigenden Schneegrenze wird nach oben zu immer höher ( siehe die roten Zahlen !). Bei 1000 m schmilzt der Schnee durchschnittlich am 30. März, dann ist die Lufttemperatur schon 5,1°, bei 1500 m 6,2°, bei 2000 m sogar 7°, dann sinkt sie wieder etwas ( bei 2400 m 6,6° ).

Wenn also in alpiner Höhe die weisse Decke von der ruhenden Pflanzenwelt weicht, dann finden die frühlingsdurstigen Triebe gleich eine warme Luft, die ihnen rasches Wachsen und Blühen ermöglicht. Drunten im Tal ver- gehen nach der Schneeschmelze noch Wochen, bis die Wiesen ergrünen und erblühen: auf den Höhen folgt dem starren Winter unmittelbar der jauchzende Alpenfrühling. Das ist die ergreifende Rolle der « Flora des schmelzenden Schnees », die den weichenden Schneefeldern mit blühendem Leben auf den Fersen folgt. Aus dem braunen, von Schmelzwasser durchtränkten Boden entspringt ein herrlicher Blütensaum, dessen Hauptvertreter auf der Tafel nach Seite 168 dargestellt sind.

« Ehe die vom Schnee platt gepresste Oberfläche sich rührt, ehe das Gras zu spriessen beginnt, ehe seine gelben Spitzen sich färben, blüht, den Schnee selbst noch fast berührend, eine ganze Anzahl der zartesten Formen und beansprucht, gleich den Geröllpflanzen, unsere Sympathie in höchstem Mass. » So beschreibt der Nestor der schweizerischen Botaniker, Hermann Christ, der am 24. November 1933, 20 Tage vor seinem 100. Geburtstage, von uns schied, in seinem klassischen Werk über das Pflanzenleben der Schweiz das Erwachen der alpinen Frühlingsflora.

Von den Blütenpflanzen unter dem Schnee sind eigentlich alle « startbereit »: haben doch die Untersuchungen Rübeis 1 ) das überraschende Resultat gefördert, dass fast alle untersuchten Arten des Krummseggenrasens, der Schneetälchen und der Alpenmatten ( die unter bis 2 m tiefem Schnee mühsam ausgegraben wurden ) mit grünen vegetativen Teilen unter dem Schnee überwintern und dass alle bereit sind, im Treibhaus bei höherer Temperatur weiter zu wachsen. Einen festen Schlaf, eine « autonome », angeborene Ruheperiode besitzen sie also nicht. Jede Art hat ihre « Wecktemperatur », die als Reiz wirkt und sie zum Treiben anregt. Das « Frühtreiben unter dem Schnee », das in manchen Fällen sogar zum Blühen unter dem Schnee führt, ist eine verbreitete Erscheinung. Der schneebedeckte Boden ist ein Wärmereservoir, das durch die schützende Schneedecke warm gehalten wird. Stebler und Volkart fanden z.B. bei der Fürstenalp bei Chur in 1780 m ü. M. den Boden unter einer meterdicken Schneedecke nicht gefroren; er zeigte eine Temperatur von + 1/4°C. Auf Veranlassung von Mörikofer wurden in Davos von Levi und Chorus sorgfältige Messungen der Temperatur in und unter dem Schnee angestellt 2 ). Die Bodenoberfläche zeigte während des ganzen Winters eine Temperatur von +1/2° C. Eine deutliche Illustration des weitgehenden Wärmeschutzes des Schnees. Dieser warme Boden leitet im Frühling die Schneeschmelze von unten her ein, die « Unterschmelzung ». Es wirken da zum Frühtreiben und Frühblühen zusammen: die weitgehende Vorbereitung der Knospen, die in Blättern und Stengeln bereitliegenden Reservestoffe, die durch die Unterschmelzung gelieferte Feuchtigkeit, die relative Wärme des Bodens und die geringen Wärmeansprüche der « Schneeschützlinge ». Wir verdanken Braun-Blanquel eingehende Beobachtungen namentlich auch über das Blühen unter Schnee 3 ). Er fand blühend unter altem Winterschnee:

Soldanellen, Crocus, Saxifraga oppositifolia ( bei 2890 m ), Scilla bifolia sogar mit stäubenden Antheren, bei 1650 m am Colombier de Gex im Jura und Sesleria coerulea bei 1870 m; mit frischen grünen Blättern fand er unter dem Schnee ca. 60 Arten von 1600 bis 2600 m.

Ein ergreifendes Bild aus dem Leben der Alpenpflanzen, eine packende Versinnbildlichung des Sieges des grünenden, blühenden Lebens über den kalten Tod bieten die frühlingsdurstigsten unter den Frühblühern, die « Alpenglöckchen », die Soldanellen. Denn sie wagen es, die Schneedecke zu durchbohren und über der weissen Decke ihre zierlichen Blüten zu entfalten.

Wie sie es zustande bringen, den Schnee zu durchdringen, darüber waren die Meinungen geteilt. Zweifellos unrichtig ist die Behauptung, es sei stets Neuschnee, der die vorher schon aufrechten Blütenstengel einhüllte: es ist vielfach unzweideutig beobachtet worden, dass sogar ein verfirnter Schnee durchbohrt werden kann. So bildet Rübel ( Pflanzengesellschaften der Erde, Bern 1930, Fig. 152 ) Soldanella alpina auf Pastura di Lagalb beim Berninahospiz bei 2500 m ab, welche mit ihren Blütenstengeln eine 4 cm dicke « alte verhärtete Eisschneekruste » besiegt hat. Wie sie das zustande bringt, hat Braun endgültig aufgeklärt. Kerner machte für das Durchschmelzen « das bisschen Eigenwärme » verantwortlich, das durch die Atmung der Pflanze entsteht, und lässt sie in aufrechter Stellung eine Höhlung ausschmelzen. Braun aber beobachtete stets beim Abheben einer 20—60 cm mächtigen Schneedecke, dass darunter die Soldanellenstengel ( bis 8 cm lang !) niedergestreckt, der Erde angedrückt lagen, mit völlig ausgebildeten Blüten, die wie die Stengel dunkelviolett gefärbt waren. Beim Wegheben der Firndecke schnellen sie dann empor, sind also gespannt. Wie wenig Wärme sie zu dieser Entwicklung bedürfen, zeigt eine Beobachtung von Grisch, der bei 2000 m oberhalb Tusagn ( Bergünerstöcke ) beim Wegschaffen einer 25—30 cm dicken Schneedecke ein blühendes Exemplar von Soldanella alpina fand, dessen Wurzeln in dem 4—5 cm tief noch gefrorenen Boden steckten, der aber reichlich von Schmelzwasser überflossen wurde. In dieses hatte der Soldanellen-stock dünne, fadenförmige Würzelchen getrieben; diese Versorgung mit Schmelzwasser spielt auch nach den Beobachtungen von Braun eine Hauptrolle.

Das Durchschmelzen der Soldanellenstengel wird also nicht durch ihre Eigenwärme veranlasst, sondern durch die von den dunkeln Stengeln absorbierte Strahlungswärme, die den Schnee durchdringt.

« Das Durchschmelzen einer dünnen Firnkruste ist nun nicht etwa eine besondere Eigentümlichkeit der Soldanellen. Bei violett blühendem Crocus, Blättchen von Polygonum viviparum, Scilla bifolia, verschiedenen Alchi-milla- und Plantago-Arten lässt es sich ebenfalls konstatieren. Aber auch tote Pflanzen, letztjährige Primel-, Gentianen- und Leontodon-Fruchtstände haben, bevor sie über der Schneedecke erscheinen, oft kleine Hohlräume um sich herum ausgeschmolzen. Die Einwirkung der Eigenwärme fällt hier selbstverständlich ebensowenig in Betracht, als davon gesprochen werden kann, wenn ein Stein sich ein „ Loch durch den Schnee schmilzt ", wie der Dialektausdruck lautet. » ( Braun, 1. c. ) ( Siehe die Tafel am Schluss des Artikels. ) Die rundlichen, lederartigen Blätter der Soldanellen ( deren Ähnlichkeit mit einem « solidus », einem « soldo » wohl dem Namen zugrunde liegt ) enthalten die Reservenahrung für die Stengel- und Blütenbildung nicht in Form von Stärke, sondern von « Hemizellulose », einer leicht löslichen Form des Zell-wandstoffs ( nach Schellenberg ).

Die Blüten werden vorzugsweise von Bienen und Hummeln bestäubt, aber auch Selbstbestäubung ist möglich. Der Fruchtstiel streckt sich steif empor und bringt so die zierliche Frucht an den Wind; sie öffnet sich mit feinen Zähnchen.

Im ganzen Alpengebiet finden sich 4 Arten der Soldanella, die in Fig. 1 dargestellt sind. Für die Schweiz kommen nur die auf allen Böden, kalkreichen und kalkarmen ( immerhin mit Vorliebe zu ersterem ), auftretende Alpensoldanelle ( S. alpina ) und die kalkmeidende, nur auf kalkarmer Unterlage sich findende zierliche Soldanelle ( S. pusilla ) in Betracht. Ihre Blütenunterschiede sind aus Fig. 2 zu ersehen. Wo beide nebeneinander vorkommen, bilden sich leicht Bastarde, die durch den Gehalt an verkümmerten Pollenkörnern ( 25—30 % nach Vierhapper ) mikroskopisch zu erkennen sind. Knoll fand solche besonders häufig bei Arosa ( Tschuggen-Nordhang, 1950 m, Brüggerhorn, 2100 und 2200 m, am Prätschsee auf 1900 m ). Rein weisse « Albinos » fand Knoll in Menge auf dem Grat des Brüggerhorns. Hin und wieder nimmt der Kelch kronblattartige Ausbildung an; R. v. Wett-siein fand eine solche Missbildung sogar erblich.

Nach den Soldanellen rücken die Krokusheere an. Zu Tausenden und aber Tausenden spriessen in dichtgedrängten Scharen die zarten weissen Blüten aus dem Boden, einen triumphierenden Frühlingsschnee am Rande des weichenden Winterschnees breitend 1 ). Aus den Knollen, die in 5—10 cm Tiefe im Schoss der Erde ruhen, bricht beim ersten wärmenden Hauch des Frühlings ein zarter Trieb hervor, sorgsam in weisse Scheidenblätter eingehüllt ( Fig. 3 ). Das oberste ist mit einer fest gebauten Bohrspitze ausgerüstet, mit der es die Erde durchdringt. Die Nahrung bezieht der wachsende Trieb aus den in der Knolle angehäuften Vorräten, welche im vergangenen Frühjahr durch die Arbeit der Blätter und Wurzeln geliefert wurden. Sie enthalten viel Nährstoffe: nach Maw 3,19 % Eiweisstoffe, 48,44 % Stärke und 5,79 % Zucker. Ist der Trieb an Luft und Licht gelangt, so drängen sich aus den gesprengten weissen Scheidenblättern die grünen, grasähn-lichen Laubblätter heraus, und zwischen ihnen erscheint, das Ende des Triebes bildend, die junge Blüte. Auch sie ist zunächst in Scheiden eingewickelt. « Sie erblüht öfter schon unter der Schneedecke, wobei aber Staubblätter und Griffel durch die übereinandergefalteten Perigonblätter geschützt sind 2 ). » Gehoben wird sie durch die Streckung des kurzen Blütenstiels und durch das Wachstum der Blumenkrone selbst, die unten in eine Röhre verwachsen ist. Der Stiel ist meist 1,5—2 cm lang, kann aber auch 5 cm Länge erreichen; die Länge der Kronröhre ist ebenfalls wechselnd und richtet sich nach der Tiefenlage der Knolle. Bei Versuchen im Garten fand Kerner, dass infolge Erdbedeckung die Röhre sich bis 14 cm über das gewöhnliche Mass hinaus verlängern kann!

Der Fruchtknoten sitzt am Ende des Blütenstiels tief in der Erde; er ist « unterständig », d.h. nicht innerhalb, sondern unterhalb der Blumenblätter angeordnet. Der Griffel muss natürlich die zu bestäubende Narbe ganz hinaufschaffen, seine Länge ist also ebenfalls von der Erdbedeckung bedingt.

Die Farbe der Blüte des in unsern Alpen von 420 m ü. M. im Tessin bis 2710 m im Heutal ( Berninagebiet ) steigenden Crocus albiflorus Kiteibel ( früher als C. vernus Wulfen bezeichnet ) ist entweder rein weiss oder weiss mit violetten Streifen oder rein violett. Das Mengenverhältnis ist sehr wechselnd, bald nur ganz vereinzelte violette, bald bis 50 % solcher oder sogar ganze Herden violetter Blüten; Loew z.B. fand bei Oberdorf im Allgäu auf einer 10 x 14 Schritt messenden Wiesenfläche ca. 3500 violette Blüten! Das kommt wohl durch reichliche vegetative Vermehrung durch Seitentriebe aus der Knolle zustande.

Die Blüte bestäubt sich entweder selbst, oder sie wird durch Bienen, Hummeln und seltener durch Schmetterlinge bestäubt; der Honig, vom Fruchtknoten abgesondert, steigt in der engen Kronröhre weit empor. Die Narbe ist in mehrere ausgebreitete Lappen geteilt; sie sind es, die beim Safrankrokus, dem im Herbst blühenden Crocus sativus, das bekannte Gewürz liefern, wobei 35,000—40,000 Blüten etwa 500 Gramm Safran ergeben.

Die reifende Frucht wird von dem sich streckenden farblosen Stiel allmählich weit über die Erde emporgehoben, bis 10 cm. Die Blätter sind zur Zeit der Fruchtreife längst vergilbt; die braunen Kapseln auf dem schlaffen weissen Fruchtstiel sind dann noch das einzige Zeichen, dass hier einmal der Krokus blühte. Bei den Älplern gilt das Erscheinen der Krokusfrüchte als Zeichen, dass es Zeit ist zur Heuernte.

Nun sorgt die Pflanze für das nächste Jahr: es bildet sich im Schutz eines Schuppenblattes eine neue Knolle, die auf der alten sitzt; die neue Pflanze würde also ca. 8 mm über der alten sitzen, und wenn sich das jedes Jahr wiederholt, so müsste die Pflanze schliesslich aus der Erde herauswachsen. Aber es ist dafür gesorgt, dass sie ihre « Normal-tiefe » beibehält: an der Tochterknolle bildet sich eine kräftige « Zugwurzel » oder « Kontraktionswurzel » aus, die durch einen besonders dafür eingerichteten anatomischen Bau befähigt ist, sich zu verkürzen und so die junge Knolle an die Stelle der auf die Seite gedrückten Mutterknolle zu setzen ( Fig. 4 ). Das merkwürdige « loi du niveau » ( Royer ), das Gesetz der stets innegehaltenen Tiefenlage unterirdischer Pflanzenteile ( Zwiebeln, Knollen, Wurzelstöcke ), besagt, dass bei falscher Erdbedeckung die Pflanze befähigt ist, nach unten oder oben zu Fig. 3.

Austreiben der Krokusknolle.

wachsen. Setzt man eine Tulpenzwiebel zu hoch, so sucht sie durch abwärtssteigende Ausläufer neue Zwiebeln in grössere Tiefe zu bringen. Die Krokussamen keimen natürlich an der Oberfläche: Maw beobachtete bei einer Aussaat im Blumentopf, dass nach 5 Jahren die Knollen bis auf den Boden des Topfes gelangt waren.

Fragen wir nach der Heimat der bisher behandelten Frühlingspflanzen, so lautet die Antwort: die Soldanellen, rein europäische Gebirgspflanzen, ohne Verwandte in der europäischen Tieflandflora, besitzen in einigen Primulaceen-gattungen Zentralasiens nähere Verwandte, stammen also wohl aus jenem gewaltigen Florenreservoir, dem gegenüber unsere europäische Flora verarmte Vorposten darstellt. Und das Geschlecht der Krokusarten ist nach Buxbaum ein vorwiegend ostmediterranes, dessen Hauptverbreitung in den Ländern im Osten und Nordosten des Mittelmeerbeckens zu suchen ist, 60—80 Arten kommen da vor. Beide Geschlechter gehören zum tertiären Grundstock der Alpenflora, zu deren uralten Bestandteilen.

Nun rückt die Pelzanemone in die Reihe ( Anemone vernalis L. = Pulsatilla vernalis Miller ), die eigenartigste, vornehmste unserer alpinen Anemonen. ( Siehe die Tafel nach Seite 172. ) Die Blütenkelche, die sich nur an der vollen Sonne ganz öffnen, sind in einen schimmernden Pelz von langen, goldglänzenden Seidenhaaren eingehüllt. Sie sind aussen rötlich überhaucht, selten türkisblau oder violett oder Fig. 4.

Junger Krokus mit der Kontraktionswurzel ( rechts ).

hellgelb; hin und wieder ist auch die innere, sonst rein weisse Seite der Blumenblätter purpurn gefärbt ( var. purpurascens v. Tavel ): solche Pflanzen entdeckte F. von Tavel zuerst auf der Strelaalp bei Davos; seither ist diese Abart an manchen Standorten von Graubünden gefunden worden. Eine nur einmal gefundene Missbildung fand Photograph Heller senior ( t ) beim Murgsee, eine vollständig vergrünte Blüte, bei der sämtliche Blütenblätter durch schmale, stark behaarte Hochblättchen ersetzt sind, die zu Hunderten ein dichtes Bündel bilden und nach innen allmählich in verkümmerte Staubblätter und Fruchtblätter übergehen. Als Gegenstück dazu erhielt Verfasser letzten Sommer aus Davos und aus Arosa vollständig gefüllte Blüten, wie sie bisher noch nie beobachtet worden waren. Halb-gefüllte, bei denen nur die Staubblätter in Blütenblätter umgewandelt waren, kommen hin und wieder vor. Eine ganz sonderbare « Verlust-Spielart », eine völlig haarlose, ganz gelbe Pflanze wurde in je einem Exemplar auf der Bella Tola und auf Riffelalp gefunden.

Die überwinternden, trübgrünen, letztjährigen Blätter sind dem Boden fest angepresst; ihre verbreiterten Scheiden dienen dem jungen Trieb als Winterschutz; die neuen Blätter kommen erst nach den Blüten zum Vorschein. Diese sind schon im Herbst weit vorgebildet und entwickeln sich manchmal verfrüht im Herbst und Winter an schneefreien Stellen.

Die Blüte erzeugt mit kleinen, aus verkümmerten Staubblättern hervorgegangenen Nektarien Honig, der von 23 Insektenarten ausgebeutet wird; Fremdbestäubung wird in vielen Fällen dadurch begünstigt, dass die Narben früher reif sind als die Staubgefässe. Selbstbestäubung kann aber immer am Ende der Blütezeit durch die hängende Lage der Blüte eintreten. Die Frucht ist wie bei den Alpenblumen ein « wilder Mann », eine Perücke aus zahlreichen Früchtchen, deren behaarter, bleibender Griffel als Verbreitungsmittel durch den Wind wirkt.

Die eigenartige Verbreitung der Pelzanemone ist aus der Karte Fig. 5 zu ersehen. Da sie im osteuropäischen und vorderasiatischen Steppengebiet mancherlei Verwandte hat, ist sie wohl als « pontisch-alpin-arktisches Element » zu bezeichnen ( unter « pontisch » oder « sarmatisch » versteht der Pflanzengeograph eben jene Steppengebiete ). Die weitgehende Anspruchslosigkeit der Pflanze lässt sie im Hochgebirge bis 3040 m steigen, in der Arktis den 70. Grad Nordbreite erreichen, im Sande der Kiefernwälder Norddeutschlands und auf den Kirgisensteppen ihre Blütenglocken entfalten.

Auch eine Primel gehört zu den Frühlingskindern der Alpen: die ganzblättrige ( Primula integrifolia L. ). Scharenweise besiedelt diese Rasenpflanze besonders moorig-humosige, kalkarme Böden, aus niedrigen Rosetten ihre kurzen Blütenstengel treibend, die meist zwei rot-violette ( ganz selten weisse !) Blüten mit dem charakteristisch langen Kelch entfalten. Sehr gut hat Brockmann 1 ) ihr Vorkommen geschildert: « Sie begleitet in erster Linie die „ Schneetälchen " zu beiden Seiten, meist in solcher Menge, dass zur Zeit der Schneeschmelze im Juni die jetzt von Schneewasser durchflossenen Schneetälchen durch die vielen Blüten wie von zwei violetten Bändern begleitet erscheinen. Ebenso kommt diese Primel am Rande der alpinen Sümpfe oft in Menge vor als äusserster Ring der Region, welche durch das Wasser beeinflusst ist. » Auch den Rasen der Krummsegge ( Carex curvula Allioni ) begleitet sie meist und fehlt auch an « Windecken » nicht. Sie ist, wie fast alle Primeln, durch Verschiedengriffligkeit ( « Heterostylie » ) an Fremdbestäubung angepasst ( siehe Fig. 6 ) und eine ausgesprochene honigreiche « Falterblume »; Müller-Lippstadt beobachtete u.a. den Taubenschwanz, wie er in wenigen Minuten einige 100 Blüten freischwebend be-suchte.Von Vorarlberg bis zu Pilatus-Rigi besiedelt sie die östlichen und mittleren Schweizeralpen, in Graubünden 1650—3040 m steigend; nach weitem, leerem Zwischenraum kommt sie auch in den Pyrenäen vor.

Der Alpenhahnenfuss ( Ranunculus alpestris L. ) folgt in etwas grösserem Abstand den andern Frühblühern, weissschimmernde Herden bildend. Seine fettigglänzenden, mit tiefen Nervenfurchen versehenen Blättchen sind zierlich handförmig eingeschnitten. Die schneeweissen, nicht selten gefüllten Blüten sondern am Grunde der Blumenblätter reichlich Honig ab. Die zahlreichen Fliegen, die ihn holen, behaften sich am Rüssel, den Rüsselklappen, den Beinen und der ganzen Unterseite mit Pollen und setzen ihn, wenn sie in der nächsten Blüte auf der Mitte auffliegen oder an den Narbenpapillen lecken, an diese ab. Bei ausbleibendem Insektenbesuch kann von den innern Staubblättern leicht eigener Pollen auf die Narbe gelangen.

Die Pflanze ist eine kalkliebende Bewohnerin feuchten Feinschutts « an langen schneebedeckten oder von Schmelzwasser berieselten Stellen, oft mit den Spaliersträuchern der Gletscherweiden vergesellschaftet » ( Braun ). Sie steigt bis 2940 m, kommt aber herabgeschwemmt auch in den Voralpen vor. Der « Nachfrühling », weiter vom Rande der weichenden Schneedecke, folgt nun mit einem lockenden Reichtum von Frühblühern. Da ist der Pyrenäenhahnenfuss ( Ranunculus pyrenaeus L. ), der Anfang Juni ganze Wiesen mit seinen weissen Blütensternen erfüllt, begleitet von den Glocken stengelloser Enziane. So z.B. unterhalb Riffelalp ob Zermatt. Und steigen wir auf die blumenreiche Weide oberhalb des Hotels, so überrascht uns da die bunte D. langgriffelige Blüte im Aufriss, nat. Grösse ( Weissenstein 11.12/6 79 ).

E. Narbenpapillen der kurzgriffeligen, F., G. desgl. der langgriffeligen Blüte. H. Narbe der kurzgriffeligen, J. desgl. der langgriffeligen Blüte ( 7:1 ). K. Angefeuchtete Pollenkörner der kurzgriffeligen, L. der langgriffeligen Blüte ( E.L. Albula 22/8 78 ) ( nach Müller-Lippstadt ).

Gesellschaft, die auf der Tafel nach Seite 164 figuriert. Man kommt gewöhnlich zu spät nach Zermatt, um diese Pracht zu gemessen. Hallers Anemone, in der Schweiz nur im Wallis vom Nicolaital bis zum Simplon, sonst von den Westalpen bis zu den Ostalpen zerstreut auftretend, wird wohl nicht mit Unrecht als ein zur Art gewordener Bastard der Heide- und der gewöhnlichen Küchenschelle ( Anemone patens und Pulsatilla ) gedeutet ( von Beauverd und Guyot ). Die vermutlichen Eltern fehlen freilich überall an den jetzigen Standorten dieser « Ganzwaise »; es sind Ebenenpflanzen. Der Bastard, wie viele Bastarde kräftiger als die Eltern, hat die Alpen erobert, während die Eltern in der Ebene blieben. Eine seltene Primulacee ist Vitals Goldprimel ( Douglasia vUaliana ( L. ) Pax = Gregoria vitaliana Duby ), in der Schweiz nur in den penninischen Alpen des Wallis, vom Matterhorn bis zum Ritterpass ( von 1700 bis 3100 m ), dann am Torrenthorn, im Tessin auf Alp Pianascio bei Fusio und am Campolungopass, im allgemeinen in stark zerstückelter Verbreitung in den südwesteuropäischen Hochgebirgen vorkommend, nach ihrer Verwandtschaft auf einen asiatischen Ursprung weisend, ohne Verwandte in Europa, also ein eurasiatischer Bestandteil der alten tertiären Urflora unserer Alpen.

Das stengellose Leimkraut ist arktisch-alpin, die Bergnelkenwurz mittel-europäisch-alpin, der Frühlingsenzian eine weitverbreitete Ubiquist.

Endlich mischt auch die Alpenazalee das zarte Rot ihrer Blüten in die Farbensymphonie des Alpenfrühlings. « Viele Tausende der Blüten drängen sich auf dem kahlen Boden so dicht aneinander, dass sie einen ununterbrochenen, oft viele Fuss grossen Teppich von rosa- bis karminroter Farbe bilden. Wenn trotz brennender Junisonne die Hochpässe noch weithin von Schnee überdeckt liegen und erst einzelne flache Hügelrücken und Felshänge als sonnige Inseln inmitten der ausgedehnten Schneefelder hervorragen, dann prangen die ersteren im Rosateppich der Azaleenblüten »; so schildert der verdiente Blütenbiologe Müller-Lippstadt die Rolle dieses Spalierstrauches. Der Strauchteppich der Azalea legt sich fest an den wannen Fels; Senn hat beobachtet, dass ein künstlich aufgebogenes Zweigende sich wieder dem wannen Felsen zuneigt. Die Stämmchen zeigen einen minimalen Dickenzuwachs: ein solches von Bleistiftdicke, von einem bei 2400 m beim Albulahospiz gewachsenen Sträuchlein stammend, erwies sich als 55jährig, die mittlere Jahrringbreite betrug also nur 0,0172 mm!

Die Azalea gehört zu den wind- und frosthärtesten Blütenpflanzen der Alpen. Im Oberengadin haben H. Pallman und H. Haffter 1 ) eingehende Studien über die « Alpenazaleengesellschaft » gemacht, die dort von 2120 bis 2400 m ansteigt. « Die strenge Lokalisierung dieser Gesellschaft an windgefegten, frostexponierten Kuppen ist charakteristisch », und nach Braun-Blanquet ist die trockenharte, flechtenreiche Alpenazaleengesellschaft eine Pionierassoziation windoffener, flachgründiger Fels-, Moränen- und Schuttrücken. Unter dem dichten Schutz der derben lederigen Blätter baut sich eine aus Blatt- und Zweigresten bestehende Humusschicht auf, die unter Umständen bis 1 m Mächtigkeit erreichen kann. An Schneeblössen kann dieses arktische Gewächs Temperaturen von — 30° und Windstärken von 40 m pro Sekunde ohne Schaden aushalten. Die Blüten überdauern nach Rübel als Knospen ganz ungeschützt den Winter.

Die Alpenazalee ist ein uralter, versteinerter Typus ohne Abänderung, aber von weitester Verbreitung. Sie bildet im zirkumpolaren Areal der ganzen Arktis einen wichtigen Bestandteil der Zwergstrauchtundra, geht bis 74° 18'und ist auf den meisten Gebirgen Mitteleuropas Nordamerikas zu Hause.

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