Bergkamerad

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Max Oechslin

( Altdorf, Uri ).

Wir standen vor dem Berg, der aus der Erde herausgreift und zum Himmel steigt wie ein unbezwingbarer Koloss. Auf seinen Schultern dehnten sich die Gletscher, und der Firn schimmerte im Licht der Sonne, die an diesem Tage den Kranz der Viertausender beschien, als gelte es besondere Feier zu halten. Wir stiegen bis zur einsamen Hütte und hielten dort die Rast, als die dunkle Nacht mit den flimmernden Sternen über dem einsamen Tale stand. Und als das erste Morgengrauen im Osten behutsam sich kündete, traten wir hinaus in diese Hochwelt des Gebirges. Ich verspürte, wie Dein Schweigen gleich einem verschwiegenen Gefühl der Angst war, da Du noch nie diese Höhe betreten hattest. Aber Du folgtest meinem Schritt, und als wir auf dem vom Neuschnee überdeckten Gletscher die Spur traten, da wurde ab und zu das Seil von Dir straff gezogen, als wolltest Du fragend sagen: können wir durch diese Einsamkeit zur Höhe? Und schon wieder pendelte das Seil zwischen uns hin und her, als wüsste es, dass es in der Bergkameradschaft diese eine und einzige Zweisamkeit bindet, die jedes für den andern leben lässt. Der Tag ging dem Mittag entgegen, als wir über den Firn hinausgestiegen waren und im Gipfelfelsen behutsam den Weg suchten und dieses Klettern hielten, das den Menschen dem Gestein des Berges so nahe sein lässt, dass er dessen Duft atmet und den Geruch der starren Erde wie einen Honig riecht. Du vertrautest auf mein Gehen, und ich wusste, dass, wo immer es auch war, Du die Sicherung besorgt vornahmest. So stiegen wir bis zur Gipfelhöhe. Und sahen den Kranz der Berge um uns, diese Weite, wo Himmel und Erde ineinander übergehen und kein Ende ist. Da sassest Du auf dieser einen freien Warte des Berges und hattest jede Angst vergessen. Und in Deinen Augen leuchtete es auf, als wollten sie vom glücklich errungenen Siege plaudern, vom Besiegen des Berges, vom Sieg über sich selbst. Du wusstest nun, dass jeder Aufstieg errungen sein will. So muss jeder Berg zuerst unbezwingbar erscheinen, damit wir kräftig, aber ehrfürchtig ihn angehen und bescheiden bleiben im Bergsteigersein.

Bergsteiger.

Bergsteiger — Kraftprotzen? NeinDie Besten unter ihnen sind stillglückliche Menschen.

Hans Morgenihaler.

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