Bergsteigen in den bolivianischen Anden

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Marcel Knörr, Zürich

Bilder 21 bis 23 Ein gutes halbes Jahr lang wollte ich Südamerika erleben und dabei — als Alpinist gehört sich das fast - auch einige Andengipfel besteigen. Ich tat gut daran, die eigene Bergausrüstung mitzunehmen, denn eine solche in Südamerika zu organisieren ist äusserst schwierig. Dass nicht alles wie geplant verlief, versteht sich. Zweimal war die Natur stärker als Wille und Kraft: Am Aconcagua ( 6960 m, Argentinien ) zwang ein fiebriger Durchfall zur Umkehr und am Cotopaxi ( 5890 m, Ecuador ) ein fürchterlicher Schneesturm - kurz unter dem Gipfel.

Mehr Glück war mir dann in Bolivien beschieden:

NEVADA SAJAMA, 654O METER In der frühen Dämmerung verlassen wir per Bus den Kessel von La Paz. Eine mühsame I4tägige Reise nahe an die chilenische Grenze erwartet uns. Die letzten drei Tage verbringen wir drei « Gringos » zusammen mit 20 Indios, viel Gepäck und zwei Schweinen auf einem offenen Lastwagen, bis wir in Tomarapi ( 4200 m ), am Fusse « unseres » Berges, ankommen. Aus der weiten Hochebene, dem Altipiano, die halb Bolivien bedeckt, ragt der erloschene Vulkan Sajama wie eine gewaltige Pyramide zum Himmel empor. Für den Aufstieg wählen wir die Nordwand- oder Franzosenroute. Noch am selben Abend steige ich den Berg hinan. Ein unbändiger Drang hinauf, dem leuchtenden Eisriesen entgegen, beseelt mich. Auf 4700 Meter entdecke ich hinter einem grossen Felsblock einen windgeschützten Schlafplatz. In der angenehmen Wärme des Biwak-sacks, mit der untergehenden Sonne im Gesicht, in der Stille, der Einsamkeit und im Gedanken an den bevorstehenden Aufstieg, durchkribbelt mich ein wohliges Glücksgefühl.

Am andern Tag führt der Aufstieg durch karge Geröllhalden und trockene Felswüsten. Weder Halm noch Tier bewegen sich in dieser Urlandschaft. Gegen Abend treffe ich Franz und Ferdl, zwei Münchner Alpinisten, mit denen ich am Aconcagua war. Zusammen finden wir unter einer steilen Felswand einen sicheren Biwakplatz ( 5200 m ). Die Höhe sowie Erbrechen und wirre Gedanken rauben uns aber den Schlaf. Morgens, nach 12° Nachtkälte, bewegen wir uns gerne wieder. Ferdl hat starke Magenschmerzen und kehrt um. Für uns folgt eine lange schneeige Eisflanke. Erst flach, aber immer steiler werdend, führt uns diese zu einem nächsten Biwakplatz unter einer Felsnase. Mit viel Schnauf Pickeln wir einen ebenen Zeltplatz. Die dünne Luft auf 6000 Meter, weiteres Erbrechen und die Kälte ( -150 ) bringen uns auch diese Nacht um den Schlaf, so dass wir froh sind, am andern Morgen ( 10.Juni ) endlich die Sonne zu spüren. Bedächtig packen wir die Säcke: alle Bewegungen sind langsam, und immer wieder müssen Erholungspausen eingeschaltet werden. Gleich nach der Felsnase wird es steil. Vier Seillängen sind ungefähr 55-6o°, und es ist gut, dass sich Tritte schlagen lassen. Jetzt kommt auch noch Nebel und wildes Schneetreiben auf. Nach vier Stunden stehen wir unter dem Gipfel. Eine gewaltige überhängende Eiswächte — bei diesen Verhältnissen unüberwindbar - vergällt uns noch die letzten zwanzig Meter. Händeschütteln, Nebelphotos und der letzte Schluck aus der Flasche - und schon machen wir uns auf den Abstieg. Müde und durstig erreichen wir beim Einnachten Tomarapi. Hier warten wir drei lange Tage, bis ein Fahrzeug vorbeikommt und uns auch mitnimmt. Die Gastfreundschaft der einfachen Indios in diesem abgelegenen Dorf aus Lehmhütten, ohne Strom und Telefon und das unerwartete « Viel-Zeit-Haben », bleiben uns aber für immer in Erinnerung.

HUAYANA POTOSI, 6088 METER Die schöne Pyramide im Norden von La Paz blinkt verführerisch in der Sonne. Die Besteigung lockt. Aber einen Seilgefährten müsste ich haben! Nach vier Tage langem Suchen finde ich ihn: Pancho, 22jährig und Bolivianer. Nur eine Schwierigkeit besteht noch: bis jetzt wurde der Berg immer mit mindestens einem Biwak bestiegen, und Pancho hat nur einen Tag Zeit. Das Erstmalige reizt. Dazu ist noch Vollmond. Ein ge-chartertes Taxi bringt uns an den Zongoni-Stau-see ( 4550 m ). Um 18.15 Uhr, beim Einnachten, marschieren wir los. Ein Weglein führt eine Moräne hinauf. Durch verschneite Felsen steigen wir weiter, und schon sind wir in fahles Mondlicht eingetaucht. Wir kommen gut vorwärts und machen auch nur kurze Pausen. Längere würde die eisige Kälte ( bis — 250 ) auch nicht zulassen. Im Altipiano leuchten Dutzende von Feuern, denn heute ist « San Juan », die längste Nacht des Jahres, und im ganzen Land wird gefeiert. Im letzten Drittel kommt eine 55°-Flanke von vier Seillängen. Schön, wie die Schneehaken greifen! Um 5 Uhr früh, nach elf Stunden Aufstieg, stehen wir auf dem Gipfel, ausgepumpt, aber glücklich. Weit unten funkelt das riesige Lichtermeer von La Paz. Ein kalter Wind bläst. Keine Zeit zum Verweilen — zurück! Um 6 Uhr dämmert es, und nach weiteren vier Stunden erreichen wir wieder unseren Ausgangspunkt, den Stausee.

Zum Schluss noch einige Tips für die nächsten « Andinisten ». Viele Sechstausender sind auf der Normalroute technisch wenig anspruchsvoll, oft reine Schnee-Eis-Routen. Man möge aber die weiten Anmarschwege und das Fehlen von Schutzhütten und Bergrettung beachten. Die Indios in den abgelegenen Hochtälern sind ehrlich und zeigen Respekt, ja Unterwürfigkeit gegenüber dem Fremden; eine Nachwirkung ihrer Un-terdrücktheit während der Inka- und späteren Kolonialzeit. Ausser in den peruanischen Touristenzentren wurde uns nie etwas gestohlen.

Soll man eine grosse Expedition mit Trägern und Maultieren organisieren? Nein, es empfiehlt sich, wie in den Alpen mit einem ( grossen ) Rucksack zu gehen - ein gutes Zelt wiegt kaum mehr als ein Kilogramm — und sich dazu viel Zeit zu lassen. Zeit - nicht nur um sich langsam an die Höhe zu gewöhnen, sondern auch um Verspätungen und Pannen gelassen hinnehmen zu können.

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