Bergsteigen in der Sicht des Priesters

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VON P. PLAZIDUS HARTMANN, ENGELBERG

Ein gütiges Schreiben unseres verehrten Schriftleiters, der mir über die Eggen am Surenen seine gewohnt kameradschaftlichen Grüsse sandte, enthielt als Nachschrift, ob ich wohl geneigt wäre, ein Wort über das Bergsteigen vom Standpunkte des Priesters aus zu veröffentlichen. Diese Frage musste ich mir reiflich überlegen. Sinn und Zweck des Bergsteigens sind in jüngerer Zeit nachgerade zum Problem geworden, und alt und jung, ergraute Alpinisten und moderne Sportler, melden sich in Wort und Schrift zu diesem Thema, nachdem das Zeitalter der Technik immer neuere Mittel und Wege erschliesst.

Unser Schriftleiter mochte gedacht haben, als 57 jähriges Mitglied des SAC hätte ich wohl einen Rucksack voll interessanter Erinnerungen, die eine Wiedergabe rechtfertigen könnten. Ich kramte und kramte in ihnen herum, fand sie aber so bescheiden, dass ich sie nur in Verbindung mit Erleb- nissen geistlicher Alpinisten von Format wiederzugeben wage. Eine grosse Zahl von Priestern hat gewiss weder Lust noch Musse, dem Ruf unserer Berge zu folgen. Auch kirchliche Oberhirten waren in früheren Zeiten nicht sonderlich erbaut von ihren bergsteigenden Untergebenen. Als ich mit einem gleichgesinnten Freund einmal bei einem längst verewigten Basler Oberhirten zu Gast weilte, versuchten wir die reichen Schätze einer Höhenfahrt für Körper und Geist ins schönste Licht zu rücken, doch der Hochwürdigste Herr unterbrach uns bald mit dem Spruch: « Was bruuchid di Geistliche bärgzstyge. » Ganz anders der jetzige Bischof Dr. Franz von Streng, der es zum guten Teil gewiss auch seinen gesunden Bergfahrten verdankt, wenn er in beneidenswerter körperlicher und geistiger Frische sein silbernes Bischofsjubiläum feiern durfte.

Als Stadtluzerner war mir die Liebe zu Berg und See schon in die Wiege gelegt worden. Als kleiner Bub schaute ich immer und immer wieder vom Verwalterhäuschen des eidgenössischen Zeughauses, wo jetzt auf der Autobahn die lärmenden Autos vorüberflitzen, über die unberührt stillen Matten und Obsthaine hinüber zum prachtvollen Kranz der Berge, deren Formen und Namen ich mir eingeprägt hatte, längst bevor ich zur Schule ging. Und je nach Aussehen und Beleuchtung stieg oder fiel meine Bewunderung. Der Rigi war mir zu zahm und zimperlich, der trutzige Pilatus dagegen mein Schwärm. Und erst als ich mit älteren Freunden in seinen Flühen herumklettern lernte!

Du bleibst mir stets wie in der Jugend Tagen das Bild der Wahrheit, die beglückt und zwingt, dem meines Herzens Pulse mächtig schlagen, dem meine Seele froh die Weise singt: Gruss Gott Pilatus, alter Junggeselle, du Runzelkopf im struppig grauen Bart, getreuer Wächter an der Alpen Schwelle, von starker Wehr und echter Schweizerart.

Als ich von der Kanti Luzern in die Stiftsschule Engelberg übersiedelte, war ich den Felsen und Firnen ganz nahe, umfriedet von einem Rund unaussprechlicher Vielfalt der Formen, Farben und Lichter, einer vollendeten Harmonie der Willkür. Sie schlug mich so in ihren Bann, dass ich dem Rufe Gottes und der Berge folgte:

So hab ich meine stille Zelle ins hohe Bergland hingebaut, wo über Fels und Firnenwälle der Himmel in mein Fenster blaut.

Da ich in Rücksicht auf die Bedürfnisse unserer Schule mich später dem Studium der Naturwissenschaften widmen konnte, rückte mich die Geologie den Bergen auch wissenschaftlich näher. Aber mein gesunder Sinn für Schönheit und Poesie bewahrte mich glücklich davor, ein einseitiger Fachsimpel zu werden.

Als gelegentlich einer geologischen Exkursion des Berner Prof. Arbenz einige kletterfreudige Mitglieder des akademischen Alpenklubs den stolzen Gratturm des Graustocks angehen wollten, meinte ein Professor aus dem Welschland: « Nous sommes des géologues, pas des alpinistes. » Ich bin aber jetzt noch der Ansicht, jeder Geologe sollte auch Alpinist sein. Wie erbaute ich mich an Altmeister Albert Heim, als ich einmal mit ihm durch die heimische Bergwelt wandern durfte und er sich nicht nur um Formationen, Falten, Fossilien und Gesteine interessierte, sondern auch jede Alpenblume mit ihrem schönen Namen grüsste.

Der Aufenthalt im Wallis, wo ich mir die Materialien zum Aufbau meiner Doktorarbeit sammeln musste, fand mich Tage und Tage lang mutterseelenallein mit meinen lieben Bergen, und ich erfasste mehr und mehr den Sinn der bernhardinischen Weisheit: « O selige Einsamkeit, o einsame Seligkeit. » Selig flimmert der Firn in die morgenduftige Weite.

Gipfel mit leuchtender Stirn sind ihm schützend Geleite.

Darüberhin, so weit ich schaue, das Himmelsgewirk, das seidene, blaue.

Unendlichen Glückes Hauch umschauert mich:

O selig allein, mein Gott und ich.

Doch nicht, dass ich mich auch meiner vielen Wanderfreunde und Seilgefährten nicht in Dankbarkeit erinnern dürfte. Mit Freuden suchte ich meine Schüler auf den häufigen geologischen und geographischen Exkursionen nicht nur auf die wissenschaftliche Deutung der Formen und Schichten, sondern auch auf die stets wechselnde Schönheit der Gottesnatur aufmerksam zu machen. In meinen langen Sommeraufenthalten auf der gastlichen Melchsee-Frutt war es mir immer eine besondere Genugtuung, ganze Gesellschaften froher Menschen, jung und alt, durch die Geheimnisse der Karrenfelder, in blumige Hochalpen und zu den schönsten Gräten und Zinnen zu führen, weswegen ich von meinen lieben Bergfreunden nur zu oft als « Bärenführer » gefoppt und in köstlichen Zeichnungen verulkt wurde.

Gesegnet die köstlichen Gipfelstunden, sei es in stiller Einsamkeit, sei es nach stummem Händedruck mit den Seilgefährten. Hunderte und Tausende wahrer Bergfreunde haben sie gleich mir erlebt, und sie erleben immer und immer wieder, was es heisst:

Tief unten die brennenden Sorgen, des Alltags geschäftige Hast; hier oben ein leuchtender Morgen, der lädt zu besinnlicher Rast.

Von meinen Walliser Bergfahrten ist mir eine in unauslöschlicher Erinnerung geblieben. Wir näherten uns vom Zinalgletscher her der Mountethütte, als wir über den Eisstürzen des Glacier Durand an schwerzugänglicher Stelle Leute entdeckten, die Verunglückte zu bergen schienen. In der Tat war am obersten Firnhang des Obergabelhorns eine Dreierseilschaft abgestürzt. Die rasende Fahrt ging 600 m in die Tiefe, war aber in einer grossen Schneeverwehung abgestoppt worden, so dass wie durch ein Wunder niemand ernstlich verletzt wurde. Warum erwähne ich das? Weil fast an der gleichen Stelle am 15. Juni 1943 ein lieber Freund vom Bergtod ereilt wurde:

Romain Daguet.

Der begabte junge Freiburger, der in seiner Geburtsstadt Bern die Primär- und Mittelschule besucht hatte, studierte 1925/27 am Engelberger Lyzeum, das er mit einer glänzenden Matura abschloss. Sein Frohmut, seine Dienstwilligkeit, sein stets sonniges Wesen machten ihn zum Liebling seiner Lehrer und Mitschüler. Für die Wunder der Gebirgswelt zeigte er ein selten tiefes Verständnis und ehrliche Begeisterung. Er war auch bei weitem der beste Skifahrer. So schien es gegeben, dass er sich den Naturwissenschaften zuwandte, um in der Geologie den Geheimnissen seiner lieben Berge noch näher zu kommen Sein kernhaft religiöser Sinn aber zog ihn noch höher und so wechselte er 14 Die Alpen - 1962 - Les Alpes209 zum Studium der Gottesgelehrtheit. 1934 trat er an den Altar Gottes und wirkte vorerst als Vikar in Basel. Doch bald siedelte er an die Freiburger Hochschule, um sich das Doktorat in der Philosophie zu erwerben. Seine Berge aber hatte er darob nie vergessen. Als Feldprediger einer welschen Division stellte er seine hochalpine Erfahrung mit Freuden in den Dienst des Vaterlandes. Während des Weltkrieges führte er im Wallis die Hochgebirgspatrouillen, und sein stets sonniges, kameradschaftliches Wesen half über alle Schwierigkeiten hinweg. Gross war der Schmerz seiner Waffenkameraden und Bergfreunde, als er eines Tagex vom Berg nicht mehr zurückkehrte. Die Zinne des Obergabelhorns hat er nicht erreicht, der Schöpfer aber rief ihn dafür zur Cima aeterna, zum Berg der Ewigkeit. Die ihn kannten, werden ihm heute noch ein ehrendes Andenken bewahren.

Wohl der glänzendste Vertreter des Alpinismus im geistlichen Gewände war um die Wende des Jahrhunderts der berühmte Bibliothekar der Mailänder Ambrosiana Dr. Achille Ratti, der seine Ferien immer und immer wieder dazu benützte, um in den Bergen neue Kraft und neuen Mut für seine Arbeit zu gewinnen. Mit seinem treuen Seilgefährten Professor Grasselli hatte er viele Hochgipfel der Alpen erklommen, zum Teil in bewunderten Erstlingsfahrten. Seine Erfahrungen und Erlebnisse wusste er seinen Freunden vom italienischen Alpenklub in begeisternden Worten zu schildern. Als die Sektion Mailand 1923 ihr fünfzigjähriges Jubiläum feiern konnte, beschloss sie, die alpinen Schriften Achille Rattis, der inzwischen als Papst Pius XI. die höchste Zinne der kirchlichen Hierachie erreicht hatte, gesammelt herauszugeben. Giovanni Bobba und Francesco Mauro gaben das Werk heraus, das 1924 zu Mailand erschien. Leopold von Schlözer besorgte eine vorzügliche, bebilderte deutsche Übersetzung, welche der Berliner Buchverlag Rudolf Mosse 1925 erscheinen liess. Da sie nur in 2700 und 300 ( numerierten bibliophilen ) Exemplaren erhältlich war, dürfte sie den wenigsten unserer Klubkameraden zur Hand oder leicht zugänglich sein, so dass ich hier mit Freuden darin blättere, um einige Kernworte des grossen Bergfreundes hier wiederzugeben. 1 Francesco Mauro bemerkt in der Einleitung: « Das Bergsteigen ist eine Frage von ein wenig Mut. Jenseits des Passes winkt das Ziel, um so lockender, je schwerer der Sieg errungen. Der Sieg über sich selbst ist mehr als der über Gletscher und Felsen. Die Selbstsucht des Einzelnen geben wir dahin gegen heilige Kameradschaft, die, ein Bund auf Leben und Tod, mit einem einzigen Seil uns verknüpft. Ernst und gut und eisern ist des Bergsteigers Angesicht, ein Spiegel des Geistes, der, dem Berge nahend, Unreines hinter sich lässt: je höher man steigt, um so klarer wird das Wasser, um so reiner der Schnee, um so leuchtender das Himmelszelt. » Dem Werk ist als Anhang ein Verzeichnis der Bergfahrten Achille Rattis von 1885 bis 1913 beigegeben, unter denen wir ganz hervorragenden Leistungen begegnen. Am berühmtesten aber wurde sein Aufstieg zum Monte Rosa ( Dufourspitze ) von Macugnaga aus und die erste Überschreitung des Zumsteinsattels ( Grenzsattel ) mit dem gelehrten Priester Luigi Grasselli und den Führern Joseph Gadin und Alexis Proment aus Courmayeur.

Ratti leitet seine Beschreibung mit einer umfangreichen Übersicht über die Versuche und Erfolge des Aufstieges durch die Ostwand ein und fügt bei: « Mir scheint wirklich: auch vom Glück begünstigt waren wir doch keineswegs zu kühn oder zu verwegen. Und das sage ich nicht für Bergsteiger, sondern - man verzeihe mir den Ausdruck - für Laien. Möchten sie sich doch überzeugen lassen, dass der echte Alpinismus keine halsbrecherische Sache ist, sondern im Gegenteil ausschliesslich 1 Eine weitere Ausgabe erschien im Verlag von Josef Habbel in Regensburg, mit andern Bildbeilagen als die Rudolf Mosse-Ausgabe, die von V. Sella, Gebr. Gugliermina, G. Bobba, E. Ganzi, Brogi, Schiavio stammen. ( Oe ).

eine Frage von Klugheit und ein wenig Mut, von Kraft und Ausdauer und von Gefühl für die verborgenen Schönheiten der Natur, einer Natur, manchmal gewaltig, aber dann um so erhabener und eindrucksvoller für den Beschauer., Was soll der Mensch dort obenfragt einer der besten Schriftsteller, den die Alpen begeistert haben; und was er auf diese Frage erwidert, offenbart den echten, ja leidenschaftlichen Bergsteiger. »:

Ich möchte sein Zitat aus dem « Tierleben der Alpen weit » unseres grossen Schweizer Naturforschers Friedrich von Tschudi hier nicht vorenthalten:

« Ist es nicht ein geheimnisvoller, unerklärlicher Reiz, der ihn anlockt, den überall lauernden Todesgefahren zu trotzen, sein warmes, zerbrechliches Leben über viele meilenlange Gletscherwüsten zu tragen, oft in der selbsterbauten elenden Hütte es mühselig gegen tobende Stürme und tödlichen Frost zu bergen, um dann, zwischen Tod und Leben hängend, mit kurzem Odem und zitternden Gliedern die schmale Sohle eines majestätisch thronenden Schneegipfels zu gewinnen? Ist es bloss der Ruhm, dort oben gewesen zu sein, dieser karge Lohn fast übermenschlicher Anstrengungen, der ihn auf diese Wolkenstühle ladet? Wir glauben es kaum. Es ist eher der Drang, sein teures Vaterland bis in die letzten Winkel, bis zu den höchsten Höhen in seiner unbeschreiblichen Naturschönheit kennen zu lernen. Es ist das Gefühl geistiger Kraft, das ihn durchglüht und die toten Schrecken der Materie zu überwinden treibt; es ist der Reiz, das eigene Menschen vermögen, das unendliche Vermögen des intelligenten Willens an dem rohen Widerstände des Staubes zu messen; es ist der heilige Trieb, im Dienste der Wissenschaft dem Bau und Leben der Erde, dem geheimnisvollen Zusammenhange alles Geschaffenen nachzuspüren; es ist vielleicht die Sehnsucht des Herrn der Erde, auf der letzten überwundenen Höhe, im Überblick der ihm zu Fussen liegenden Welt das Bewusstsein seiner Verwandtschaft mit dem Unendlichen durch eine einzige freie Tat zu besiegeln. » Der Leser findet nun den ganzen Aufstieg der Viererseilschaft mit allen interessanten Einzelheiten in lebendiger Sprache geschildert. Trotz des herrlichen Wetters begegneten sie ungeahnten Schwierigkeiten, so hatte Prof. Grasselli im stürmischen Bergwind Eispickel und Hut verloren. Gegen ein Uhr ( 30. Juli 1889 ) hatten die Vier die Marinellihütte verlassen und erreichten nach einem unverdrossenen Kampf abends lx/i Uhr den Ostgipfel des höchsten Grates. « Mit keinem Wort vermag ich zu schildern, was wir in diesem unvergesslichen Augenblick empfanden und sahen! Dem Kundigen erzählt es mit unvergleichlicher Beredsamkeit die Erinnerung an ähnliche Augenblicke, für andere klingt kein Wort glaubhaft. Wir standen also auf der Ostspitze, aber nur kurze Zeit. Der unerträgliche Wind und die einbrechende Nacht trieben uns fort; wir stiegen ab, bis wir etwa dreissig Meter tiefer eine fast schneefreie Felsplatte fanden. Hier richteten wir uns so gut wie möglich ein. Es war 8}4 Uhr; das Aneroid zeigte 4600 m über dem Meeresspiegel. » Von einem Biwak im heutigen Sinn, mit Schlafsäcken, mit ausgeklügelt warmer Kleidung und modernem Schuhwerk und den Sicherungsmöglichkeiten der neuzeitlichen Technik wussten die Pioniere des klassischen Alpinismus noch nichts, zum Glück aber auch nichts von den sensationslüsternen Presse-, Film- und Radioreportern.

« Die Kälte war schneidend, ohne den Grund genau angeben zu können, erinnere ich mich, dass unser Kaffee festgefroren war. Wein und Eier glichen sich bereits darin, dass man sie weder trinken noch essen konnte. Abermals nahmen wir unsere Zuflucht zur Schokolade und einem Rest unseres vorzüglichen Kirsch. Unter solchen Bedingungen des Ortes und der Temperatur wäre es die grösste Unvorsichtigkeit gewesen, sich vom Schlaf übermannen zu lassen. Wer hätte auch schlafen können in der Reinheit dieser Luft, die unsere Lungen durchflutete, angesichts des Schauspiels vor uns: in dieser Höhe... inmitten dieser gewaltigsten aller grossen Rundbilder der Alpen... in dieser ganz reinen durchsichtigen Atmosphäre, unter einem Himmel von tiefdunklem Saphir, erhellt durch eine schmale Mondsichel, und, so weit das Auge reichte, ringsum funkelnde Sterne... in diesem Schweigen... genug! Ich will nicht versuchen, das Unbeschreibliche zu beschreiben, obwohl ich wie Professor Grasselli im Innersten überzeugt bin, dass es schwerlich jemandem beschieden sein könne, ein Naturbild von grossartigerer Schönheit zu sehen. Wir fühlten uns gegenüber einer uns neuen, Ehrfurcht gebietenden Offenbarung der Allmacht und Majestät Gottes... Wie hätten wir an überstandene Mühen nur denken können, geschweige denn darüber klagen! Und viele Bergsteiger - ich weiss es, da ich es von ihnen selbst gehört und gelesen - haben gleich uns die tiefe Wahrheit des Wortes erfahren:

Jehova segnet die Gipfel der Welt.

Ganz hingenommen standen wir da, als plötzlich ein Donner die tiefe Stille unterbrach. Eine Lawine, zu weit um uns zu beunruhigen, hatte sich unter uns gelöst und war in die Tiefe gestürzt. Erschüttert und entsetzt folgten wir mit dem Ohr - mit dem Auge war es nicht möglich - dem Furchtbaren, das an Umfang stetig wachsend, niederraste, wie Dante sagt:

Das Krachen eines schreckensvollen Tones, bis es auf dem unteren Gletscher zur Ruhe kam. Noch tiefer, noch feierlicher erschien uns jetzt das Schweigen. In Anschauung versunken, ab und zu mit einem kurzen Wort der Bewunderung, so verbrachten wir diese wundersame Nacht, die wir nie vergessen werden. Und nun sollten wir aus dieser Höhe noch den ewig schönen Anblick des Morgenrots eines herrlichen Tages geniessen: Das erste Sichergiessen des Lichts, der Osten im Schmuck der lieblichsten Farben, das Hervorbrechen der Morgensonne, von Gipfel zu Gipfel funkelnd, ihre Strahlen gleich einem Feuermantel über tausend Spitzen breitend, und niedergleitend an tausend Eis- und Schneewänden, ein Wunder von Licht und Farbe. Einen Maler hätte es um die Sinne gebracht: für uns war es Zeit, uns in Bewegung zu setzen und zum Gipfel wieder aufzusteigen. » Über die Ostspitze erreichten sie nach 8 Uhr die Dufourspitze.Von dort kehrten sie wieder zum Nachtquartier zurück und versuchten beim weiteren Abstieg vergeblich den verlorenen Pickel wieder zu erlangen. Gegen ein Uhr betraten sie den Grenzsattel ungefähr in der Mitte zwischen Dufour-und Zumsteinspitze. Diese erste Überschreitung brachte im Abstieg nach Zermatt noch einige Tücken, so dass sie auf dem Gornergletscher wegen der einbrechenden Dunkelheit nochmals nächtigen mussten, wie sich am Morgen herausstellte, ganz in der Nähe des Riffelhauses. Am 1. August langten sie in Zermatt an. Am 2. war Ruhetag, am 3. stieg Ratti zum Hörnli hinauf, um den Matterhornauf-stieg zu erkunden, blieb im Hotel Schwarzsee und erlebte am 5. August das eindrucksvolle Kapellenfest Mariae zum Schnee. Am Morgen des 6. August wütete ein Sturm, der ihn bewog, wieder abzusteigen. Aber kaum hatte er sich Zermatt genähert, besserte das Wetter sich derart, dass er mit seinen Führern beschloss, um Mitternacht wieder aufzubrechen. Um 2 Uhr waren sie am Schwarzsee und um 4Y2 Uhr bei der neuen Hütte. Erst gegen 4l/2 Uhr nachmittags erreichten sie nach der Whymperschen Maxime: « Vorsicht und Langsamkeit werden hier zur Notwendigkeit » den Gipfel. « Die scheidende Sonne goss ihre letzten Strahlen auf das weite, unbeschreibliche Rundgemälde: nie werde ich die furchtbare Schönheit der Abgründe vergessen, die unter dem Gipfel nach dem Valtournanche senkrecht in die Tiefe gähnen. » Die hereinbrechende Nacht zwang die Kletterer dicht unter der Schulter zu einem Biwak. « Die eigenartige Gestalt des Matterhorns, die vollkommene Einsamkeit, in der es seine gigantische Spitze zum Himmel hebt, die Mannigfaltigkeit der Landschaft unter uns, liessen mir diese Nacht in man- cher Hinsicht noch schöner erscheinen als jene, die ich eine Woche zuvor auf der Spitze des Monte Rosa zugebracht. » In Zermatt erwartete die glücklichen Matterhornbesteiger zum Nachtessen der Pfarrer, « ein gebildeter und eifriger Priester, verehrt von seiner Gemeinde, geachtet von den Fremden, die ihn seiner Sprachkenntnisse und seiner angenehmen Umgangsformen wegen schätzen - körperlich wie seelisch das Muster eines Bergsteigers ». Ich wählte dieses Zitat, um auch auf den Pfarrherrn Imseng im Nachbartale hinweisen zu können, den vielumstrittenen Pionier des Fremdenverkehrs, den begeisterten Bergfreund, dessen Lebensbild uns Adolf Fux in seinem Roman « Der Kilchherr von Saas » in ergreifender Lebendigkeit geschildert hat.

Mit der Erkletterung des Nordgipfels des Monte Grigna von der Capanna Releccio über die Eisrinne im Oktober 1913 finden Achille Rattis Bergbesteigungen ihren Abschluss. Aber auch auf seiner hohen Warte im Vatikan hat er seine lieben Berge nie vergessen. Als das Bistum Annecy in Erinnerung an den heiligen Bernhard von Menton das 9. Zentenarium festlich beging, richtete er am 20. August 1923 an Bischof Florentius einen Brief, worin er die unvergänglichen Verdienste des grossen Gefeierten, der in rastlosem Eifer den Alpenbewohnern die Segnungen der christlichen Wahrheit und opferwilliger Nächstenliebe brachte, ins helle Licht rückte und ihn zum himmlischen Schutzherrn aller Alpenbewohner und Passwanderer erklärte, aber « auch für alle jene, die dem Bergsport huldigen. Wahrlich, von allen Betätigungen, in denen eine ehrbare Erholung gesucht wird, ist für geistige und körperliche Frische keine wohltuender als diese, nur muss Waghalsigkeit vermieden werden. Steigt man nämlich nach harter Arbeit und Mühe hinauf, wo die Luft dünner und reiner ist, so erneuern sich und erstarken einerseits die Kräfte, während andererseits der Mensch ausdauernder wird auch für die schwersten Pflichten des Lebens, denn er lernt mutig allen Gefahren ins Auge schauen. Beim Betrachten der Unendlichkeit und Schönheit der Zauberbilder, die sich von hohen Gipfeln der Alpen unseren Blicken auftun, erhebt sich unsere Seele leicht beflügelt zu Gott, dem Urheber und Herrn der Natur. » Diese Worte des grossen Alpinisten auf Petri Stuhl sind das schönste Vermächtnis an alle Freunde der Berge und mögen es bleiben!

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