Bergsteigen und Öffentlichkeit

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VON KARL GREITBAUER, WIEN

Da Bergsteigen sich doch offenbar als kaum etwas anderes für den aussenstehenden Beobachter als eine aussergewöhnliche, leistungsgespannte, dynamisch-realistische Tätigkeit im alpinen Gebiet darstellt, liegt der Schluss nahe, es als ausschliessliche Betriebsamkeit, versehen mit dem Prädikat des Exzentrischen, nicht leicht Begreiflichen, anzusehen. Ausgehend von dieser augenscheinlichen 1 Martin, Humanität als Problem der Gegenwart.

Projektion des Bergsteigens in eines der Hauptinteressengebiete unserer von Betriebsamkeits-gedanken erfüllten Zeit, muss es uns verwunderlich erscheinen, dass das Bergsteigen in der Öffentlichkeit nicht jene Wertschätzung besitzt, die ihm kraft seiner möglichen Entwicklung eines ausserordentlichen Leistungspotentials von Rechts wegen zukommen müsste. Es ist kein Geheimnis, dass das Bergsteigen sich bisher zu keinem sonderlichen Ansehen in der Öffentlichkeit durchringen konnte - wie es andrerseits für den Bergsteiger selbst längst kein Geheimnis mehr ist, dass das Bergsteigen über allen äusseren Schein hinaus, nichts weniger als geistig unproblematisch, sondern im Gegenteil von einer tiefen, schicksalsschweren Problematik beschattet ist.

Die geistige Situation des Bergsteigertums von heute hat mithin ihren Ursprung aus zwei ganz verschiedenen Wurzeln: aus der Spannung zwischen Bergsteigertum und Öffentlichkeit einerseits und aus der inneren Spannung im Bergsteigen selbst. Man kann demgemäss von einer äusseren und inneren Situation sprechen.

Was die erstere betrifft, scheint die Spannung zwischen Bergsteigertum und Öffentlichkeit seit den weltbewegenden Ereignissen bei den Kämpfen um die Achttausender des Himalayagebietes aufgehoben zu sein. Brachte man bis zur Zeit den Praktiken der Bergsteiger grösstenteils nur Unverständnis und resigniert lächelnde Toleranz entgegen, so hat man in neuester Zeit durch den Rahmen, in dem die oben erwähnten Ereignisse von der Welt gewürdigt wurden, und durch die Art der journalistischen Auswertung sowie durch das Moment der Auszeichnung mancher Expeditionsmitglieder den Eindruck eines Weltinteresses am Bergsteigen. Der überwältigende Erfolg und seine öffentliche Auswirkung musste naturgemäss die Massen mitreissen und brachte zwingend die Wendung der öffentlichen Meinung über das Bergsteigen mit sich. Nach aussenhin scheint damit das Bergsteigen, das man vor den Expeditionserfolgen in den Weltbergen gerne als Tätigkeit weltfremder Idealisten oder irgendwelcher sonstiger Narren, die ihre Haut leichtfertig zu Markte tragen, hingestellt hat, allgemein gerechtfertigt und rehabilitiert zu sein. Damit ist aber wieder einmal etwas geschehen, was für die öffentliche Meinung, die lediglich engstirnig auf äusseren Erfolg abgestimmt ist, typisch ist; es wurde für die alpine Tätigkeit endlich ein ausreichender Grund gefunden: Bergsteiger sind demnach Hochleistungssportler, und die härtesten dieser Männer vollbringen im Ausland Pionierarbeit von Weltinteresse und Weltgeltung.

Wenn man jedoch glaubt, durch diese Umstellung der Öffentlichkeit sei die äussere Situation des Bergsteigertums endgültig bereinigt, dann begibt man sich damit in einen folgenschweren Irrtum. Denn mit dieser heutigen Sicht des Bergsteigers in der Öffentlichkeit ist der alpinen Idee in keiner Weise gedient, da durch sie nicht die Wirklichkeit der alpinen Idee getroffen wird. Diese derzeitige Sicht ist ein bloss zeit- und ereignisbedingtes Kolorit des Alpinismus von heute, das einem als Bergsteiger wenig Freude macht. Denn wir hören nur zu deutlich aus dem Reden über das Bergsteigen in der Öffentlichkeit die Einstellung heraus, dass dort die Finalität des Bergsteigens absolut Himalaya heisst - so beispielsweise, wenn wir in den Zeitungen lesen, dass diese oder jene nächstjährige Expeditionsgruppe ihr Training in den Alpen aufgenommen hat und ähnliches. Aus solchen Bemerkungen müssen wir erkennen, dass hier die Entwicklung einer Anschauung des Bergsteigens in der Öffentlichkeit vorliegt, die uns nur unerwünscht sein kann, da durch diese Akzentuierung unseres Tuns die äussere Spannung nur noch intensiviert werden muss; denn das Bergsteigen in den heimischen Bergen ist keineswegs der Sport, für den man es neuerdings anzusehen beginnt, und schon gar nicht sind etwa die Alpen Trainingsgebiete für Grösseres.

Zwar hat uns diese neue Einstellung der Öffentlichkeit im ganzen in ein besseres Licht gesetzt: seit der Run auf die Weltberge eingesetzt hat und dort erstmals mit der Anapurna, dem Mount Everest, dem Nanga Parbat u.a. gleich eine ganze Erfolgsserie gebucht werden konnte, ist der Kurs des Bergsteigers in der Öffentlichkeit gestiegen. Dieser Umstand bringt uns heute als Bergsteiger -wenn auch nur vorübergehend - in eine neue Situation; denn man ist heute aktuelle Persönlichkeit, wenn man angibt, Bergsteiger zu sein, man steht gesellschaftlich damit neuerdings auf dem gewissen Postament des interessanten Mannes, der über die Dinge von öffentlichem Interesse ergiebig zu berichten weiss.

Damit aber wird der Allgemeinbergsteiger zur blossen Figur und als solche eingereiht in die breite Kategorie der Rekordmänner unter den Sportlern. Die Bergsteiger können dieser Neuschöpfung ihrer Gestalt daher keinen rechten Dank entgegenbringen, wenn auch manchem unter uns, wenn nicht vielen, dieser neue Nimbus gefällt. Zwar kann es auch für diese auf die Dauer nichts Erfreuliches sein, wenn sie von den Kreisen der Öffentlichkeit, mit denen sie in Berührung stehen, ständig als der kleine Bruder der grossen Himalayamänner angeschaut werden. Aber dennoch ist diese Sicht des Bergsteigers in der Öffentlichkeit Wasser auf die Mühlen derer, die im Bergsteigen eine reine sportliche Tätigkeit erblicken und für diese Anschauung auch in den von Zeit zu Zeit im Alpinismus aufscheinenden Auseinandersetzungen über das alte Thema « Sport und Bergsteigen » eintreten, während von der Masse der Bergsteiger die Identifizierung des Bergsteigens mit rein sportlichen Bestrebungen bekanntlich abgelehnt wird.

Die neue Situation für die Bergsteigerschaft ist also diese, dass die ausseralpinen Erfolge der Besten aus unseren Reihen die Frage, ob Bergsteigen als Sport anzusehen sei oder nicht, von der Öffentlichkeit in unbewusster Einstellung in Richtung Sport entschieden wurde. Gegen diese Sicht aber wehrte sich gerade ein Block der namhaftesten Bergsteiger und Gleichgesinnter, wie gesagt, auf das entschiedenste seit eh und je. Diese jetzige Einstellung der Öffentlichkeit zum Bergsteigen muss uns daher erneut die Situation als Bergsteiger gegenüber dem pragmatischen Dasein vor Augen führen und auf eine Entscheidung aller offenen Fragen im Bergsteigen drängen. Der alte Fragenkomplex im Bergsteigen über das schon berühmte, aber für die bergsteigerische Geistigkeit keineswegs rühmliche « Warum der Berge » ( ein Schlagwort im deutschsprachigen Alpinismus seit Maduschka ) ist damit wieder einmal akut geworden.

Ob man diese neue Situation, das Weltinteresse auf uns gelenkt zu wissen, im heutigen Bergsteigen begrüssen kann oder soll, ist erst die Frage. Es war auch noch nie ein Zeichen erfreulicher Entwicklung, wenn bei irgendwelchen Körperschaften oder grossen Gemeinschaften Gedanken über ihre jeweilige Situation, sei sie sozialer, geistiger oder sonstiger Natur, aufgetaucht sind. Es sind im Gegenteil meist die negativen Seiten, welche das Denken über eine Situation in Gang bringen, so Zuspitzungen der Lage, zwielichtige Erscheinungen, Rückschläge und depressive Phasen, Fehl-oder Nebenentwicklungen und ähnliches mehr. Alle diese Dinge sind die eigentliche Ursache, dass man den Blick erstmals ( oder wieder einmal ) auf den Boden lenkt, auf dem man bisher fraglos zu stehen glaubte. Das aber drängt uns zu einer neuerlichen Beleuchtung der inneren Situation des Bergsteigertums.

Was dem Denken im Alpinismus wieder einmal einen Stoss gibt, die in ihrer scheinbaren Unbe-antwortbarkeit fast schon sakrosankt dastehenden alten Fragen wieder einmal zu berühren, ist die zwielichtige Entwicklung des Bergsteigers in der Öffentlichkeit durch eben die genannte unbewusste Einmengung des Weltinteresses in unsere - fast könnte man sagen, innerpolitischen - Probleme. Wenn auch im Alpinismus seit Jahrzehnten dieselben Gedanken über die geistige Situation als Bergsteiger in allen Bergsteigergenerationen recht bemerkbar glimmen und dieselben Fragen immer neu entfacht und herausgestellt werden und mit Regelmässigkeit immer wieder in der Aporie untergehen, so zeichnet doch Walter Schmidkunz diese Situation in Maduschkas Buch am besten, wenn er sagt:

« Ein schweres ,Warum'steht über diesem Buch. Was war es, das Dich - wie die Vielen vor Dir und die Vielen, die nach Dir kommen werden, lockte und rief, was war es, das Dich hielt und behielt? Oft ist diese Frage gestellt worden, oft wurde versucht, sie zu beantworten... » Eines kann man aus diesen Worten - auch wenn man den ganzen Fragenkomplex, auf den sie bezogen sind, nicht kennt - deutlich herauslesen: dass das Bergsteigen nicht fraglos ist wie andere Tätigkeiten des betriebsamen Daseins, wie andere Sporte etwa, wie beispielsweise Schwimmen und der Badebetrieb, Leichtathletik, Turnen, oder im ganzen: wie alle anderen Freiluftbetriebe, von denen keiner die Ausübenden in jene innere Problematik versetzt, welche eine Einstellung verlangt und damit eine geistige Situation heraufbeschwört, wie dies beim Bergsteigen unabweisbar der Fall ist. Und wenn ein Bergsteiger heute von seiner Tätigkeit in dem Sinne spricht, dass sie « wohl Sport, aber zugleich auch mehr als Sport » sei ( eine heute sehr verbreitete Aussage über das Bergsteigen von problemhafter Wendung, aber zugleich steriler Unbeweglichkeit ), dann erkennen wir deutlich die Sonderstellung des Bergsteigens in geistiger Hinsicht gegenüber allen anderen Sporten.

Wenn wir aber nur darauf die Antwort haben wollen, warum das Bergsteigen eine Ausnahmestellung gegenüber anderen Tätigkeiten gleicher Kategorie einnimmt, so ist die Antwort relativ einfach: weil das Bergsteigen massiert Grenzsituationen in seinem Betrieb aufzuweisen hat, alle anderen Sporte aber nicht. Sporte ohne wesentliche Grenzsituation bleiben immer fraglos, weil sie keinen Kontrast in sich tragen und sich daher nie ein Anlass ergibt, über das Warum und Wieso dieser Tätigkeit nachzudenken. Bei ihrer Ausübung bleibt das erlebende Individuum im Erlebnis selbst stecken; ein herrlicher Sonnentag, mit Schwimmen und Freiluftbewegung verbracht, ist und bleibt ein erlebter Tag, in den nur Gedanken der hohen Stimmung hineinschwingen. Der Kontrast liegt bei diesem Erlebnis ausserhalb: im übrigen grauen Alltag. Aus diesem Kontrast kommt man höchstens zum Denken über die alltäglichen Widerwärtigkeiten, über den Grund, warum sich der Mensch damit belasten muss, aber das ist auch alles. Es liegt nicht in der Struktur des Erlebten, auf dieses selbst die Gedanken zu richten, da dieses Erlebte eine Erlebnisganzheit ohne kontrastierende Momente ist.

Anders ist es beim Bergsteigen; hier wuchern Grenzsituationen und damit scharfe Erlebnis-kontraste in einer unerreichbaren Einmaligkeit. Wenn nun aber als Grenzsituationen des menschlichen Lebens von Karl Jaspers das In-Situation-Sein, Kampf, Leiden, Tod angeführt werden, und wenn weiters die Grenzsituation bekanntlich jenes Moment darstellt, bei dem der Mensch zu fragen beginnt, dann wissen wir, warum das Bergsteigen nicht fraglos sein kann und sich von allen anderen Sporten ohne wesentliche Grenzsituationen entscheidend abheben muss. Denn als Bergsteiger in der Wand bin ich jeden Augenblick fühlbar « in Situation », in erregender Situation sogar, die sich bis zum Denken der Tiefe und des Nichts des möglichen Todes zuspitzen kann. Im Bergsteigen artet das leichte unbeschwerte Steigen in Ausgesetztheit nicht zu selten in ein ernstes Ringen mit den widerstrebenden Felsstrukturen, also in eine Form des Kampfes, ja manchmal sogar in Kampf selbst aus. Diese beiden ersten Grenzsituationen sind im Alpinismus obligat: denn Bergsteigen ist erstens durch die Verkehrung der Fortbewegungsart von der Horizontalen in die Vertikale, durch die Wendung des « unter und über mir » um neunzig Grad, unabweisbar stetiges « In-Situation-Sein », und Bergsteigen ist weiters unabweisbar auch Auseinandersetzung. Auch die letzte, extrem verinnerlichende Grenzsituation, der Tod, hat eine Stellung im Denken der Bergsteigerschaft, die bei manchen fast an das Mythische grenzt. Und so verstehen wir auch, dass gerade in der Situation des Bergtodes eines Gefährten auf unserem Lebensweg unsere Fragen am dringlichsten werden und in Fassungslosigkeit jenen Ausdruck und jene Form gewinnen, wie dies in den oben zitierten Worten von W. Schmidkunz beim Tode Maduschkas offenbar wird.

Durch die Grenzsituationen bedingt, trägt das Bergsteigen einen Kontrast in sich, der neben anderem seine besondere Schärfe durch das Phänomen des Bergtodes erhält. Dieser Kontrast ist letztlich überhaupt und an sich Grund, dass Bergsteiger so vermeintlich verschiedene und - wie sollte es auch anders sein - anscheinend unverkennbar kontrastierende Ansichten über das Wesen ihrer alpinen Tätigkeit haben. In Wirklichkeit sind aber die verschiedenen Ansichten über das Wesen der alpinen Tätigkeit gar nicht unvereinbar. Denn je nachdem, aufweichen Pol des Kontrastes die Bergsteiger mehr ausgerichtet sind, nennen sie das Bergsteigen einmal Gefahrensport, Kampf, das andere Mal eine Erlebnissymphonie; O. E. Meyer kennt diesen Kontrast als Polarität und fasst demgemäss sein Bergsteigen in die Begriffe von Tat und Traum. Maduschka spricht im Meinen dieses Kontrastes im Bergsteigen von Antinomien und kennt als den einen Pol den romantischen Dreiklang: Ferne-Wandern-Abenteuer, als den andern Pol die Tat. Auf diesem romantischen Dreiklang baut er sein « Bergsteigen als romantische Lebensform » auf und zieht, weil er ja sein Bergsteigen auch als Einheit kennt, die nirgendwo auseinanderfällt oder klafft, die Tat als vierte Station in die Reihe: Ferne-Wandern-Abenteuer, hinein. Er hat zwar damit nichts anderes im Bergsteigen beschrieben als das Immanente darin, wie vor ihm schon O. E. Meyer, nur hebt er im Blick auf das Ganze eher die Einheit des Kontrastes, mithin die Ganzheit des Bergsteigens hervor - im Gegensatz zur deutlichen Polarität Meyers.

E. G. Lammer ist der vornehmste Vertreter der verabsolutierten unipolaren Sicht. Ihm gegenüber steht in gleicher, nur diametraler Einseitigkeit in verklärter Innerlichkeit Henry Hoek. Die Verzerrung in Einseitigkeit in Lammers Richtung finden wir bei Heinrich Steinitzer; die Verzerrung der Erlebnisrichtung müssen wir manchmal in schlecht geschriebenen Ergüssen verschiedener über ihr überwältigendes Erleben in den Bergen über uns ergehen lassen.

Diese kurzen Hinweise auf die Art der Verarbeitung der zum sportlichen Moment im Bergsteigen kontrastierenden Grenzsituationen durch verschiedene geistige Grossen der alpinen Literatur, beleuchten zugleich auch die geistige Situation des gesamten Bergsteigertums von heute: ohne Antwort zu sein auf Fragen, die aus der Polarität im Bergsteigen entspringen, die irgendwann einen jeden einmal bedrängen, die sich aufdrängen durch die Situation, in der sich der einzelne als Mensch im Bergsteigen an eine Grenze geführt sieht, die für ihn unüberschreitbar und unüberwindbar ist.

Aber nicht nur sich selbst gegenüber steht der Bergsteiger in gewisser Ratlosigkeit in Hinsicht auf den Fragenkomplex, der sich durch den scharfen Kontrast infolge der Grenzsituationen im Bergsteigen auftut, da, sondern auch der Öffentlichkeit gegenüber, welche nur diese eine Grenzsituation des Bergtodes und der Gefährdung kennt und nur von diesem Gesichtspunkt aus ihre Fragen stellt, weiss der Bergsteiger keine Antwort auf die Frage nach Sinn und Zweck und Verantwortung. Er kann es daher auch in keiner Weise verhindern und er hat keinen Einfluss darauf, dass die Meinung der Öffentlichkeit über das Bergsteigen sich an äusseren Ereignissen im Bergsteigen irgendwie selbständig herausbildet und fixiert: mit ein Grund, dass sie in der heutigen Version ebenso falsch ist wie in der früheren- nur dass die heutige Version uns wesentlich angenehmer sein kann als die frühere.

Was die frühere, für uns nicht gerade erhebende Sicht betrifft, durfte es uns nicht wundern, dass wir, die wir keine stichhaltige Begründung für unser Tun in den Bergen in der Hand hatten, sondern nur immer und immer wieder zu wiederholen vermochten, dass es uns mit elementarer Kraft hinauszieht in die Welt der Berge - trotz aller offensichtlichen Gefährdungsmomente, die uns dort erwarteten, von der Öffentlichkeit über diese nicht stichhaltige Antwort als Fexen und Fanatiker, weltfremde Idealisten und insgesamt als Narren bezeichnet wurden, die mutwillig mit dem Leben spielen. Um dieses Gefährdungsmoment, das die Öffentlichkeit zur Basis ihres Urteils machte, abzuschwächen, distanzierten wir uns wohl auch, wenn es nur irgendwie möglich war, von allen jenen, die diesem Gefährdungsmoment zum Opfer gefallen waren, und gingen vielleicht in unserem Dissimulationsbestreben so weit, dass wir mitunter direkt einen Verrat an den Toten unserer Bewegung um der guten Sache willen begingen: wer ist nicht, der nicht Aussenstehenden schon erklärt hätte, dass diese, die ihres Unterfangens wegen auch zu uns als Gleichgesinnte gerechnet werden mussten, nur ein Opfer ihres sträflichen Leichtsinnes geworden seien, dass sie ungenügend ausgerüstet gewesen wären, dass sie eine für ihre Kräfte viel zu schwierige Bergfahrt unternommen hätten und ähnliches mehr. Wir vergessen dann gerne, dass ja auch wir einmal mangelhaft ausgerüstet, aber mit einer drangvollen Begeisterung hinausgezogen sind, dass auch wir nicht immer systematisch aufbauend und steigernd von Fahrt zu Fahrt in der Auswahl unserer Touren vorgegangen sind, sondern dass auch bei uns gefährliche Sprünge zeitweilig zu verzeichnen waren. Es ist daher ziemlich sinnlos, sich hinter Redensarten zu verstecken und dem eigentlichen Problem nur ausweichend zu begegnen. Denn der Zusammenprall mit dem Problem der inneren Situation des Bergsteigertums ist unabwendbar Schicksal jedes einzelnen Bergsteigers zu irgendeinem Zeitpunkt.

Wenn also dieses innere Problem unser geistiges Fatum im Bergsteigen ist, weil dieser elementare Appell der Grenzsituationen an das Denken des Bergsteigers und das erwähnte Ansehen des Bergsteigers in der Öffentlichkeit - die innere und äussere Situation also - eine in allen Punkten bisher offene und daher seltsam verwirrende Situation für den Bergsteiger geschaffen haben, so würde er durch diese Momente, hätte er nicht seinerseits in aller Ratlosigkeit auch etwas elementar Positives in der Hand, in eine rein defensive, haltlose Stellung mit der Finalität der Aufgabe des Bergsteigens aus Gründen der Vernunft gedrängt werden. Man müsste sich in dieser Lage auch als Bergsteiger schliesslich einmal den intellektuellen Bedenken gegen das Bergsteigen öffnen, zumindest in reiferem Alter, und sich der Meinung der nüchternen Beurteiler anschliessen, dass Bergsteigen auf die Dauer eine Verabsolutierung einer sinnlosen Exponierung des Lebens mit mehr als fraglichem Ausklang bedeute.

Die Wirklichkeit zeigt uns aber ein anderes Verhalten der Bergsteiger: sie sehen jene, die sie kritisieren, ebenso nicht für voll an, wie diese die Bergsteiger. Und das mit gutem Grund.

Man könnte nun meinen, dass diese Haltung der Bergsteiger der Masse der anderen gegenüber ein Akt der Trotzmacht des Geistes wäre. Es ist aber in Wirklichkeit etwas anderes, was die Bergsteiger bestimmt, ihr Tun als positiv in der Welt stehend zu erklären: es ist die ureigenste Erfahrung, die ihnen die wirkliche Stellung des Bergsteigens in der Welt der Betriebsamkeit zeigt, und diese Erfahrung ist ein Faktor, der nicht mit Worten ins Wanken gebracht werden kann.

Es gibt zwar viele Erfahrungen, die man mit dem Bergsteigen machen kann, aber diese eine, die wir hier meinen, ist die Erfahrung, dass Bergsteigen durch das Erlebnis der Grenzsituationen den Bergsteiger von der Masse der übrigen Menschen distanziert. Es bedarf wohl über die Erfahrung mit sich selbst in dieser Beziehung keines besonderen Beweises, dass das so ist, und lange Erläuterungen können wir uns ersparen, wenn wir den Satz des psychologischen Bekenners der alpinen Literatur, O. E. Meyer, in diesem Sinne überdenken, der da lautet:

«... Es sind die Ewig-Fremden in den grossen Städten, die Stümper vor der Forderung des Tages. Ihr Leben, das im Hochgebirge Männlichkeit und Tat gewesen, weht in Traum und Sehnsucht durch die grauen Strassen. Ihre Augen, die im Eise leuchtend blühten, wenden sich nach innen, wo die bunten Bilder stehen... » Diese Worte O. E. Meyers zeichnen das Distanzierungserlebnis im Bergsteigen, wie wir es als Bergsteiger wirklich empfinden.

Dieses Distanzierungserlebnis gibt uns aber jenes Rückgrat, das wir brauchen, um die Fragen und Bedenken, die sich im Bergsteigen mitunter ergeben, überwinden zu können. Dieses Distan- zierungserlebnis gibt uns die Kraft, uns in Unbedingtheit zum Bergsteigen bekennen zu können. Denn wir fühlen uns durch dieses Erlebnis mehr als die Masse, fühlen uns kraftvoller und wesentlicher im Leben stehend als diese, die uns als weltfremde Idealisten oder Desperados betrachten. Denn wir erblicken unsererseits in unseren Kritikern Menschen, die ein naturhaftes Leben und die Weisheit der Einfachheit und Problemlosigkeit des pragmatischen Daseins nicht kennen. Sie wissen nichts von der ewigen Wahrheit des Bibelspruches von den Vögeln des Himmels und den Lilien auf dem Felde und betrachten unser Tun von ihren Alltagsmühen der Selbsterhaltung her und der Ängstlichkeit dem harten Leben gegenüber.

Diese Spannung des Bergsteigers in seinem Verhältnis zur Masse der Menschen ist unüberbrückbar und unaufhebbar. Sie hält die geistige Situation des Bergsteigers zur Masse in Schwebe, von uns aus in Schwebe, und deshalb ist trotz neuer Einstellung der Öffentlichkeit auf uns auf Basis des Hochleistungssportes diese neue Situation keine andere als früher; sie kleidete sich nur in ein uns gefälligeres Gewand. Denn als Rekordmann angesehen zu werden ist ungleich angenehmer, als beim Bekenntnis, dass man Bergsteiger sei, aus den Augenwinkeln betrachtet zu werden.

Das ist, mit einigen Strichen skizziert, die Situation des heutigen Bergsteigertums. Wir können eine Klärung nicht von Kompromisslösungen erwarten, sondern nur von einer endgültigen Bereinigung der diesbezüglichen Fragen. Wenn wir in dieser Hinsicht eine Prognose stellen sollen, so sind wir der Überzeugung, dass W. Schmidkunz mit der abschliessenden hintersinnig-skeptischen Sentenz der von uns eingangs zitierten Worte, die Frage nach dem « Warum der Berge » betreffend, nicht recht behalten kann, wenn er sagt:

« Oft ist die Frage gestellt worden, oft wurde versucht, sie zu beantworten; nie wird sie mit Men-schenworten beantwortet werden. » - Denn es liegt nicht im Vermögen des menschlichen Geistes, auf Dauer an offenen Fragen vorbei-zusehen.

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