Bergsteigerbericht über die Pamir-Expedition 1935

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Lorenz Saladin.

Angeregt durch meine beiden Kaukasusexpeditionen und meine Reisen in Südamerika trug ich mich seit langem mit dem Gedanken, eine Expedition nach dem Ostpamir zu unternehmen. Da es aber unmöglich war, die Finanzen für eine vierköpfige Mannschaft aufzubringen, entschloss ich mich, die Expedition allein, nur mit kirgisischen Trägern, auszuführen. Einige Schweizer Firmen stellten mir in grosszügiger Weise Proviant und Ausrüstungsgegenstände freundlichst zur Verfügung, wofür ich ihnen herzlich danke.

Am 25. April reiste ich, meine lieben Kameraden zurücklassend, über München, Prag, Moskau, Taschkent und Islam nach dem Ostpamir. In München beim Umsteigen, wo ich zugleich das Filmmaterial für die Expedition in Empfang nahm, stellte sich kurz vor der Weiterfahrt des Zuges heraus, dass mir ein Koffer fehlte. Ausgerechnet der mit den Messinstrumenten war abhanden gekommen. Das war ein Schlag für mich, doch blieb mir keine Zeit, mich lange darüber aufzuhalten, da sich der Zug schon wieder in Bewegung setzte. Die Fahrt durch die Tschechoslowakei mit ihren malerischen und heimeligen Winkeln, dann weiter durch Polen mit seinen vielen Weihern und dem dazu gehörigen Gänsegeschnatter brachte reichlich Abwechslung und Zerstreuung. Nach einigen umständlichen Zollabfertigungen erreichte ich am 29. April Moskau noch im Winterkleide. Mein letztjähriger Freund und Dolmetscher erwartete mich mit freundlichem Gesicht und vielen Neuigkeiten am Bahnhof.

Angenehm überraschte mich die Nachricht, dass einige russische wissenschaftliche Expeditionen nach dem Osten ausgerüstet würden, und bald hatte ich mit der Leitung persönliche Fühlung. Daselbst machte ich die Bekanntschaft mit russischen Bergsteigern. Einige Tage später waren die Verhandlungen so weit gediehen, dass ich die Bewilligung zur Einreise nach dem Pamir erhielt.

Nach Anschluss zweier Bergsteiger verliessen wir am 15. Mai Moskau und erreichten nach fünftägiger Bahnfahrt am 20. Mai in der Morgenfrühe Taschkent. Die Fahrt ging durch leicht hügeliges Gelände, das mit riesigen Steppen wechselte. Gewaltige, unüberblickbare Kornfelder zogen am Auge vorüber. Wenn der Zug hielt, hatte man reichlich Zeit, von den am Bahnsteig stehenden Bauern zu kaufen: Brot, Sahne, Kuchen, Eier, Milch, Käse, gebratene Hühnchen; auf Stationen, die in der Nähe von Flüssen liegen, wurden grosse Mengen von Fischen und Krebsen feilgeboten.

Die bis jetzt so fruchtbaren Gegenden gehen nach dem Ural allmählich in die Steppen und Sandwüsten Mittelasiens über. Einsam und verlassen stehen die Bahnhöfe in der unendlichen Ebene. Hält ein Zug, entsteht plötzlich lebhaftes Treiben und Jagd auf das warme Wasser, das bei jeder Station unentgeltlich für jeden Reisenden zur Teebereitung abgegeben wird.

Die Alpen — 1936 — Les Alpes.7 BERGSTEIGERBKRICHÏ ÜBER DIE PAMIR-EXPEDITION 1935.

Weiter rollt der Zug nach Südosten durch die Steppe. Bunte Bilder von Kamelkarawanen und Kirgisenjurten wechseln ab. Neugierig die Hälse reckend, schauen längs der Bahn sich lagernde Schildkröten dem Zuge nach.

Taschkent mit seinen 350,000 Einwohnern — die einstige Hauptstadt Turkestans, das heute in fünf Freistaaten aufgelöst ist — gilt jetzt noch als das grösste Handelszentrum Mittelasiens. Die neuen Stadtteile sind in rechteckige Quartiere aufgeteilt, umgeben von breiten, reichlich mit Bäumen geschmückten Alleen. Die alte Stadt birgt echt orientalisches Leben in sich. Kamel- und Eselkarawanen ziehen zum Markt, wo orientalische Typen, in bunte Seidenmäntel gehüllt, ihre Ware anbieten.

iJsfara'sFergana,.- Maßsfab AFGHANI Mein Besuch galt auch der uns aus der Geschichte bekannten Stadt Samarkand, dem einstigen Sitz des grossen Heerführers Timur. Noch stehen die riesigen Wahrzeichen einer mächtigen Kultur, so u.a. die Moschee « Bibi-chanum » und die wunderschöne, mit Mosaik belegte « Gruft », die er vor seinem Tode bauen liess. Sein älterer Sohn war kein Heerführer, dafür aber ein grosser Gelehrter und Baumeister. Der « Sonnenpalast » mit seinen riesigen Kuppeln und Türmen, der zugleich die Lehrstätte der Koranschüler war, zeugt von seinem Können. In der nordwestlichen Vorstadt liegt zwischen zwei riesigen Sandhügeln die Grabstätte der « Heiligen Mulla » ( Priester ) und Timurs Frau. Gewaltig ist der Eindruck, den die schmale Gasse mit den links und rechts stehenden Grabkuppeln, die in wundervollen Mosaik gekleidet sind, erweckt. Riesige, mit arabischen Schriftzeichen behauene Blöcke, die einst schöne Grabstätten zierten, liegen auf den nahen Sandhügeln.

Von Samarkand in halbtägiger Bahnfahrt nach der schönen Stadt Buchara, dem ehemaligen Sitz des Fürsten Emir Abat. Schon von weitem grüssen die BERG STEIGERBERICHT ( JBEK DIE PAMIR-EXPEDITION 1935.8^ ) hohen Stadtmauern. Doch kaum dahinter beginnt das bunte orientalische Leben. Ruhig sitzen Usbeken und alte Hebräer mit verschränkten Beinen auf ihren Teppichen und verbringen, lässig aus niedlichen Schalen Tee trinkend, träumend den Tag. Neben der Moschee ragt wuchtig ein grosses Minaret hoch über die Stadt. Steigt man in ihm zur Höhe, so ist einem ein Weitblick möglich, der die ganze Stadt umfasst. Im Nordwesten erblickt man den Kreml, umgeben von einer 25 Meter hohen Mauer. In den engen Gassen arbeiten in kleinen Werkstätten auf primitive Art alle Berufsarten, Kupferschmiede hämmern Kupferblech zu schönen Kunganen ( Kannen und Krüge ), Schmiede formen Nägel und Hufeisen, und mit grosser Fertigkeit arbeitet auch der Kammacher. Durch das westliche Stadttor gehen wir 6 km auf einer bepflasterten Strasse und kommen zum Schlosse des ehemaligen Emirs. Durch ein riesiges Tor, in buntes Mosaik gekleidet, schreiten wir durch einen prächtigen Park in den Palast. Alles zeugt darin von Prunk. In Getäfer, Spiegel und Mosaik sind die Säle ausgeführt. Bald wird in Buchara die alte Kultur einer neuen weichen müssen, wachsen doch da und dort schon viele moderne Bauten aus dem Boden.

Weiter ging die Fahrt über Melnikowa nach Isfara, dem Ausgangspunkt für die Expedition in der Turkestankette. Ach was für ein glückliches Leben in dem mit Früchten überreich bedachten Städtchen! Diese Strassen-szenen! Hier Arpen mit Riesenrädern, in bunten Seitenmantel gehüllt sitzt der Lenker auf dem Pferde; dort mühen sich die geduldigsten Tiere, die kleinen Esel, schwer beladen einher und tragen nicht selten noch einen langbeinigen Usbeken oder Tatschiken, der seine Füsse fast auf dem Boden nach-schleift, auf dem Rücken.

Isfara mit seinen schmalen Gässchen und vielen tausend Bewässerungskanälen gibt dem Fremden einen Begriff von der nunmehr geleisteten Arbeit, denn schon weit in den Bergen zweigen von den Flüssen Kanäle ab, welche die Gegend bewässern. Einige Kilometer von der Stadt ist das Wasser vom Kanalsystem vollständig aufgesogen. Wasser ist Leben! Früher herrschte grosser Bruderstreit um ein bisschen Wasser, mancher musste dabei sein Leben lassen. Die heutige Kollektivwirtschaft hat diesem Treiben ein Ende bereitet, da alle Güter planmässig bewässert werden.

Nach kurzem Aufenthalte wurde ich mit dem Leiter der wissenschaftlichen russischen Expedition bekannt. Ende Mai verliess ich, nachdem das gesamte Gepäck auf Lastwagen verladen war, mit einigen Bergsteigern Isfara. Nach 80 Kilometern wilder Fahrt durch Steppen erreichten wir den südlich liegenden Ort Waruch im Kirgistan. Hier war die Autofahrt zu Ende, und das Gepäck wurde auf Esel und Pferde gepackt. Durch wilde Schluchten, an reissenden Bergflüssen entlang zog unsere Karawane nach dem Tamingen-tal. Am Ende eines Gletschers wurde das Lager aufgeschlagen.

Am 8. Juni morgens 3 Uhr begann unsere erste Forschungsfahrt auf Ski. Über den noch tief verschneiten Tamingengletscher, dessen Zunge bis auf 3200 m hinunter reicht, gelangten wir auf den ersten Pass, 4410 m, gerade als die Sonne die Gipfel mit ihrem Golde übergoss. Gebannt hafteten unsere Blicke an diesen noch namenlosen, jungfräulichen Bergen. Welch ein Berg-steigerdorado! Granitwände und Eisabbrüche wechseln. Ein Matterhorn, ein Weisshorn und ein Schwarzhorn zeigen sich dem staunenden Auge. In flotter Fahrt folgten wir dem nach Südwesten verlaufenden Gletscher. Dann ein flinker Aufstieg, und wir standen auf dem zweiten Pass, 4435 m. Nach kurzem, aber sehr steilem Abstieg zwischen Weiss- und Schwarzhorn betraten wir den Serigogmusgletscher. Die nun folgende wilde Fahrt brachte uns zur Gletschermitte. Hier vereinigen sich drei riesige Gletscherzungen und fliessen als vierter mächtiger Eisstrom nach Westen. Der dritte Pass, den wir um 2 Uhr gewannen, lag unter tiefem Pulverschnee begraben. Es ist dies der Zuckerhutpass, 4580 m. Hier bietet sich ein Anblick von unbeschreiblicher Pracht: die riesigen, bis 5500 m hohen, mit senkrechten Wänden gezierten, gen Himmel dräuenden Gipfel suchen wohl ihresgleichen.

Mittlerweile hatte ein starker Wind eingesetzt, und es begann zu schneien. Die Nordseite des Passes ist sehr steil und war mit einem tückischen Schneebrett bedeckt. Leider hatten wir nur 80 m Seil bei uns. Eine gefährliche Sache! Doch nachdem wir den Hang an der steilsten Stelle losgetreten hatten, begann das Abseilen. Nach schlechter Abfahrt gelangten wir in ein Hochtal und über dessen Südseite abends 8 Uhr auf dem vierten Pass an, 4517 m. Dieser liegt zwischen Breithorn und Gratberg und vermittelt den Übergang zum Tamingengletscher. Mit äusserster Vorsicht unternahmen wir den Abstieg über den lawinenreifen Neuschnee. Kaum im Hang, löste sich eine mächtige Lawine in unmittelbarer Nähe. Sie hatte ihr Gutes, denn sie bahnte uns einen sicheren Weg zum Gletscher, wo wir uns über die ungeheuren Blöcke wunderten, die sie zu Tal geführt hatte. In später Nachtstunde begrüssten wir wieder das Lager und krochen unverzüglich in unsere Schlafsäcke. Die Müdigkeit machte sich nun doch geltend.

In den folgenden Tagen vertrieben wir uns die Zeit mit Skifahren und Kletterübungen.

Kalt und sternenklar war die Nacht des 13. Juni, als Vitale, Wallia, Viktor, Schenia, Vogelchen — es ist nötig, dass ich meine Begleiter endlich vorstelle — und ich die Rucksäcke schulterten. Um 330 Uhr stolperten wir über die Moräne an die Nordwand des Pik Zinn l ). Zu zweien angeseilt, mit den Steigeisen an den Schuhen, erklommen wir rasch die anfänglich 45° steile Wand, deren Steilheit sich später bis zu 60° steigert. Gerade als wir in einem Abbruch die ersten Haken schlugen, vergoldeten sich die Gipfel in der Morgensonne. Die ganze Gegend glich einem Märchenlande. Um 6 Uhr erreichten wir den Gipfelgrat und über denselben den mit riesigen Wächten geschmückten Gipfelkopf 4700 m, auf dem wir um 8 Uhr einen Steinmann erstellten. Bald trieben Nebelschwaden heran, und Frau Holle schüttete ihre Decken aus. Dies veranlasste uns, am Gipfelgrat eine Eishöhle zu graben, in der wir den Rest des Tages und die folgende Nacht verbrachten. Der Abstieg BERGSTEIGERBERICHT ÜBER DIE PAMIR-EXPEDITION 1935.

io Km über die mit Neuschnee bedeckte Wand erheischte grosse Vorsicht. Beim Abbruch entzückten mich Vitales grosse bergsteigerische Qualitäten. Sein Seilpartner zögerte am Abbruch und ging sehr zaghaft; 20 Minuten stand Vitale beim Sicherungshaken, aber keine Silbe kam über seine Lippen, trotz des schlimmen Schneegestöbers liess er seinem Zöglinge Zeit. Beschämt unterdrückte ich die Philippika, die mir zuerst entfahren wollte. Mir wurde bewusst, welch grosser Bergsteiger und guter Kamerad Vitale war. Völlig durchnässt langten wir um 16 Uhr bei unseren Zelten an. Ein kräftigender Schmaus belohnte uns für die Mühe, und in den warmen Schlafsäcken fanden unsere Glieder die nötige Ruhe.

Jetzt wurde das Wetter ausserordentlich schön. Am 25. Juni um 3 Uhr morgens schlenderten Freund Gok und ich über den Gletscher, um auf neue Erkundungen auszugehen. Durch ein Spalten- und Serakgewirr gelangten wir auf den Westgrat des Hockhorns, der sich bis zum Tamingengletscher hinunterzieht. Über Schnee, Eis und Fels erreichten wir leicht — da keine technischen Schwierigkeiten vorhanden sind — den Gipfel, 5060 m, wo wir freudig einen kräftigen Händedruck austauschten. Während Gok den Steinmann errichtete, konnte ich meinen Blick nicht wegwenden von der herrlichen Aussicht. Wie nichtig sind Worte angesichts dieser wundervollen Morgenstimmung, dieser erhabenen, schwarzblauen Wände, dieser fantastischen, alten Ritterburgen ähnlich sehenden GipfelNun schlugen wir den Weg über den Südwestgrat ein, verliessen ihn aber des starken Windes wegen bald, um uns in den Hängen weiterzukämpfen. Wir trachteten danach, bei dieser Gelegenheit eine Route auf den Pik Granit ausfindig machen zu können. Und das Glück war uns hold! Nach mühevoller Schneestampferei erreichten wir einen Gratkopf, von wo wir den genannten Gipfel betrachteten, und bald hatten wir eine Aufstiegsroute ausgemacht. Der starke, Eisnadeln herumwirbelnde Wind belästigte uns sehr und mahnte zu raschem Abstieg. Dieser ging schnell vonstatten, und schon nach 5 Uhr abends steckten wir wieder in unseren Schlafsäcken.

Am 26. Juni ging ich nach dem Standlager am Ende des Tamingengletschers und verliess dasselbe mit einem kirgisischen Träger. Mit ihm zusammen führte ich eine sehr schöne Bergfahrt in den Tamingenstöcken aus. Zuerst zogen wir über mit prächtigen Blumen geschmückte Hänge auf den Tamingengrat und von hier auf das Schneehorn, 4123 m. Auch den zweiten Gipfel erreichten wir mühelos. Der zum dritten führende Grat dagegen bot einige Schwierigkeiten: wir mussten an einem überhängenden Kopf 35 m abseilen. Aber um 5 Uhr abends war auch dieser Gipfel, 4304 m, bezwungen. Auch hier war die Aussicht grossartig, und ich benutzte die Gelegenheit, mich über die Gegend der Zuckerhutberge zu orientieren. Auf dem Rückwege zum Lager scheuchten wir vier Schneehühner auf, und ich bemerkte, dass sie intensiver gefärbt und grösser sind als ihre Artgenossen in den Alpen. Um IO30 Uhr waren wir wieder « zu Hause ». Reichlicher Tee löschte den Durst, und in einer kirgisischen Jurte sanken wir Morpheus in die Arme.

Am 4. Juli, um 520 Uhr, strebten Viktor, Vogelchen, Mischa, Wallia, Gok und ich über die nördliche Moräne und weite Geröllhalden dem Osthange des Gratberges zu. Steil und — für unsere Steigeisen äusserst günstig — hartgefroren war der Hang. Schon um 9 Uhr standen wir auf dem Südgrate. In anregender, schöner Kletterei kamen wir auf einen Vorgipfel und nach 25 m Abseilung in eine Scharte, umgingen einige Türme und gelangten um 13 Uhr auf den 4976 m hohen Gipfel. Leider zwangen uns Schneetreiben und dichter Nebel zu unverzüglicher Umkehr. Über eine Rippe in der Ostwand erreichten wir wohlbehalten unser Lager.

Der folgende Tag galt dem Sattelhorn. Um 530 Uhr verliessi ch mit Viktor, Schenia und Gok unser kleines Zeltdorf. Schon nach drei Stunden betraten wir — nach Überschreitung des Tamingengletschers — den gleichnamigen Pass und über seine noch tiefverschneite Südseite den Nordgrat des Sattelhorns. Dieser Grat kostete uns infolge enormer Schneemassen manchen Schweisstropfen, aber auf dem Gipfel, 4610 m, entschädigte uns die Aussicht für die gehabte Mühe in vollem Masse. Der Blick auf die Serawschan-gipfel und die mit Alpweiden gezierten Turkestanberge war überwältigend. Der Abstieg erfolgte auf der gleichen Route.

Der 6. Juli war ein Ruhetag, und wir gaben uns dem Dolcefarniente hin, d.h. so faul waren wir nicht: unsere Kleider bedurften der Ausbesserung und Reinigung.

Am 7. Juli, morgens 330 Uhr, zog ich bei schönstem Sternenschein mit Mischa via Tamingenpass über den Ostgrat auf das Schwarzhorn. Über leichten Fels, mit Schnee durchsetzt, kamen wir zum Gipfelaufbau. Hier ist der Fels schwieriger aber gut, und in schöner Kletterei gewannen wir bald den Vorgipfel. Noch ein Abseilstück von 12 m und nach kurzer Zeit standen wir auf dem Hauptgipfel, 4798 m. Hier war die Aussicht noch grandioser als auf dem Sattelhorn: bis tief in die Gisarkette schweiften unsere Blicke. Nach der üblichen Gipfelrast kletterten wir mit Genuss über die Südwand zu Tal und waren um 16 Uhr « daheim ».

Am 10. Juli durchstreiften wir das Gebirge im Verein mit den nach Metall forschenden Geologen.

Der 11. Juli war wieder ein Haupttag. Morgens um 430 Uhr brach ich mit Schenia, Wallia und Mischa auf, um dem uns schon lange faszinierenden Pik Granit zuzustreben. Wieder folgten wir dem Laufe des uns allmählich vertraut werdenden Tamingengletschers, später dem westlich abfallenden Hockhorngletscher, um über die Südwestwand auf einen Begrenzungsgrat zu gelangen. Nun in westlicher Richtung bis zu Punkt 5100 und von da 150 m Abstieg zur Gipfelwand. Eine rassige Risskletterei brachte uns anfänglich rasch in die Höhe. Aber nach 45 m verläuft der Riss in grifflose Platten, und wir hatten umzukehren. Etwas weiter nördlich fanden wir einen besseren Aufstieg: über vereiste Felsen kamen wir zu einer Eisrinne, durch die wir in mehrstündiger harter Kletterei den Gipfel, 5308 m, eroberten. Die Uhr zeigte auf 1610. Wie wuchtig wirkte von unserer Warte aus die fast senkrecht abfallende Ostwand! Unser Blick schweifte bis weit ins Ver-ganatal, während von Osten die Pamirbergriesen herübergrüssten. Die Zeit drängte. Rasch wurde über die Westwand abgeseilt, und schon bei Sonnenuntergang standen wir auf dem Westgrat. Nun folgte der Marsch über den Hockhorngletscher, und wir betraten um 22 Uhr das in hellem Mondschein ruhende Lager. 17% Stunden hatte die Fahrt gedauert und hinterliess bei allen Teilnehmern unvergessliche Eindrücke.

Am 20. Juli verliessen Mischa und ich Tamingen, um den westlichen Teil der Turkestankette zu besuchen. In zwei Tagesmärschen durch wilde Schluchten mit prächtigen Wasserkaskaden zogen wir nach Tugenegg, wo wir von einer Gruppe Geologen freudig empfangen wurden. Sie bestürmten uns mit der Bitte, ihnen einen Pass von 4700 m Höhe gangbar zu machen.

Und « wir gewährten die Bitte ». Auf, nach dem Tatschikenpassl war nunmehr unsere Losung.

Mit drei Trägern, neunhundert Meter Seil und einer Unmenge von Haken verliessen wir das Lager der Geologen. Nach Überquerung eines blau schimmernden Gletschers stiegen wir über Geröllhalden zur Ostwand des genannten Passes. Diese Wand galt es für die Geologen ersteigbar zu machen. Vorsichtig, jeden Vorteil ausnutzend, arbeiteten wir uns daran empor, von Zeit zu Zeit einen Haken in das Gestein treibend und ein Seilbündel auf diese Weise befestigend. Endlich versperrte uns eine Reihe riesiger Wächten den Weg. Nach harter, gefährlicher Arbeit gelang uns die Durch-stechung einer derselben, und nach kurzer Zeit standen wir auf dem Pass, 4700 m. Diese Gegend ist Neuland für den Europäer, nie zuvor hat ein Fremder diesen Boden betreten.

Hier blühte uns eine Überraschung: unserem Standort gegenüber starren schwarze Wände zum Himmel — die Serawschankette! Wir vollendeten unsere Arbeit, hackten die Wächten los, bis sie weithin donnernd in die Tiefe stürzten. In schräg abwärts führender Richtung wurden nun 700 m Seil gespannt. Und schon am folgenden Morgen « wechselten » die Geologen mit 20 kirgisischen Trägern hinüber in ein Hochtal im Serawschangebiet. Dort sind sie von den einheimischen Tatschiken als Wundertiere gebührend bestaunt worden. Mischa und ich verlebten unterdessen einige vergnügte Klettertage. Zu bemerken ist noch, dass Botaniker hier voll und ganz auf ihre Rechnung kämen. Schönere Blumen als am Fusse dieser fürchterlichen Granitwände habe ich noch selten gesehen.

Die zurückgebliebenen Viktor und Schenia Abolokof waren in der Zeit auch nicht müssig gewesen. Sie hatten das Breithorn, 5249 m, über den Südgrat, sowie den Mintage, 5500 m, ebenfalls über den Südgrat erstiegen.

Im Hauptlager, in das wir zurückgekehrt waren, litt es mich nicht lange. Der Pik Trapez lockte zu sehr. Mit Vitale, dem Meisterturisten, reiste ich auf der Karawanenstrasse nach dem Ostpamir. In vielen Kurven windet sich die Strasse auf den Taldikpass, 3625 m, wo sich das Blickfeld über den ganzen Transalai öffnet. Bald nach der Passhöhe waren die Hänge dicht mit Edelweiss geschmückt, dazwischen tummelten sich viele braune Murmeltiere. Am 9. August abends durchquerten wir das 20 km breite Alaital, riesige rote Staubwolken hinter uns zurücklassend. Am Fusse des Transalai errichteten wir das zweite Lager und erreichten am nächsten Morgen gegen Mittag über den 4200 m hohen Kisilartpass die Hochfläche Karakul.

Freundlich wurden wir hier von einem Kirgisen zum Kumyss ( saure Pferdemilch ) eingeladen. Beim Abschiede kauften wir ihm Milch- und Fleischkonserven ab. Mit schwerbepackten Rucksäcken schritten wir einem riesigen Bachbett entlang in nördlicher Richtung weiter. Abends 8 Uhr errichteten wir uns einen geeigneten Lagerplatz, Vitale begab sich auf die Suche nach Teresken, einer kleinen Pflanze, die im Hochpamir als Holzersatz dient, und ich stellte unterdessen die Zelte auf. Wir hatten eine geruhsame Nacht. Frühstücklos setzten wir im jungen Morgen den Bachbettippel fort. Oftmals fanden wir riesige Archarhörner ( von Wildbergschafen ), die eine Länge bis zu einem Meter haben.

Nach 10 km anstrengenden Marsches legten wir unsere Säcke ab, erstiegen einen Vorgipfel, von dem wir auf 4800 m einen ausgezeichneten Überblick nach dem Pik Trapez hatten. Nach genauer Orientierung der einzuschlagenden Route kehrten wir wieder zu den Säcken zurück, wanderten bis zum Fusse des Trapezgletschers und schlugen unser Standlager auf. Wir wollten am 14. August in aller Frühe aufbrechen, doch hatte es uns der warme, mollige Daunenschlafsack angetan, und erst um 7 Uhr blinzelten wir mit verschlafenen Augen in die Sonne.

Am 15. August 1935, morgens 330 Uhr, unternehmen wir mit frischen Kräften den Aufstieg. Wortkarg und ohne sich einmal umzudrehen schreitet Vitale, der für grosse Höhen sehr gut trainierte Bergsteiger, zur Nordflanke empor. Die Hänge werden steiler, der Pulverschnee tiefer und das Tempo langsamer. Über einen Vorgipfel kommen wir in die Ostwand. Auf 5900 m wird sie sehr steil. Doch ohne technische Schwierigkeiten arbeiten wir uns wie Maulwürfe hoch. Noch eine kleine Wächte, und wir stehen als Zweite auf dem Pik Trapez, ca. 6100 m 1 ). Wieder haben wir einen Giganten betreten. Ein Blick, ein stummer Händedruck. Wir verstehen uns.

Bei Windstille und Sonnenschein verbrachten wir anderthalb Stunden auf dem herrlichen Gipfel. Im Norden stehen Pik Lenin, 7127 m, Terginskogo, 6730 m; im Westen Pik Stalin, 7495 m ( die höchste Erhebung im Pamir ) und Pik Garmo, 6615 m; im Südwesten dehnt sich die Riesenschlange des Fedtschenkogletschers, zweitlängster Gletscher der Welt; im Süden reihen sich die afghanischen Gebirgszüge; aus dem Südosten winkt der herrlich grünschimmernde Karakulsee herauf, und im Hintergrunde Kaschgariens ragt der hohe Musta-Gata, 7860 m. Das letzte Säcklein Haferflocken und gedörrte Früchte wurden mit wahrem Heisshunger verzehrt und der Durst mit Gletscherwasser gestillt.

Dann traten wir zufrieden, nachdem wir tüchtig gefilmt hatten, den Rückweg an. An der Karawanenstrasse angelangt, hatten wir das Vergnügen, auf einem Lastwagen weiter zu kommen, und gut durchschüttelt erreichten wir am 26. August Osch. Unser ganzes Verlangen waren Früchte: 6 kg Trauben und 2 Melonen.

Damit gingen unsere Bergfahrten zu Ende.

Am 27. August fuhren wir über Andischan durch eine 210 km lange, schöne Landschaft nach Isfara. In 6 Tagen trug uns die Bahn über Taschkent, Orenburg nach Moskau. Hier nahm ich von meinen mir so lieb gewordenen Kameraden Abschied; sie hatten mich für ein paar Tage reichlich mit Früchten versehen.

l ) Die Deutschen Borchers, Schneider und Wien bestiegen am 18. Juli 1928 erstmals den Pik Trapez vom Trapezsüdgletscher über den Südgrat, der Abstieg erfolgte über West-grat-Südflanke.

Die Alpen — 1936 — Les Alpes.8 Zum Schluss noch etwas über Tiere, Pflanzen und Gestein.

Das Alaital und die vom Alai und Transalai herabziehenden Hänge sind im Sommer dicht berast, mit sehr vielen Edelweiss geziert. Zahllose braune Murmeltiere tummeln sich daselbst. Anders ist die Vegetation im eigentlichen Hochpamir ( Karakulplateau ), wo an den südlichen Hängen nur noch spärlich Gras wächst; und in den sandigen Steppen gedeihen Teresken, eine Pflanze, die noch grün als Brennstoff dient. Die Steine zeigen schönen Windschliff und Wüstenlack. In riesiger Zahl sind Steinböcke und Archare ( Pamirwildschaf, dessen Hörner bis 20 kg wiegen ) vorhanden. In den unteren Tälern gibt es auch Bären, Wölfe, Füchse, Hasen und viele kleine Nager. Auch die Vogelwelt ist stark vertreten: Lämmergeier, Rabe, Taube, Wiedehopf, Gans, Möwe und viele kleine Vögel. Bunte Schmetterlinge taumeln von Blume zu Blume.

In der Turkestan- und Serawschankette sah ich Wildrosen, Wollblumen, Edelweiss, dunkelrote Kaktusblumen und Vergissmeinnicht. In der Gegend von Tugenegg gedeihen zwischen den Fünftausendern Arvenwäldchen, vielerlei Orchideen, Glocken- und Schnabelblumen in bunten Farben und viel zahlreicher, grösser und schöner als in unseren Alpen.

An Gestein enthalten die Tamingenstöcke: Quarz, Phyllit; der Pik Zinn: Gneise, Zinnerz, Muskowit; der Gratberg: Piatitschiefer und viel Andalusit; der Archar: Granit, Pegmatit, Quarz.

Die trockene Luft lässt sich leicht ertragen. Ihre sommerliche Wärme steigt in den Steppen bis auf 45° Celsius, in Kanibatam sogar wesentlich höher. Durch künstliche Bewässerung ertragfähigen Bodens ist die Landwirtschaft sehr gefördert worden. Baumwolle, Trauben, Obst, Melonen, Gemüse gedeihen vorzüglich. Ich hatte mir Pamir als ein einsames, armes Hochland vorgestellt, nun aber weiss ich, dass man dort ohne europäische Ansprüche ganz ordentlich leben kann. Russisch Pamir hat etwa die Grosse der Schweiz.

Bemerkung. Die von mir erwähnten Bergnamen Hockhorn, Schneehorn, Gratberg, Sattelhorn, Breithorn und Schwarzhorn beziehen sich auf ihre Gestalt und Farbe, können aber in der kommenden russischen Karte wohl anders lauten.

An Literatur sei hier erwähnt:

1. Die Alai-Pamir-Expedition 1928. In der « Zeitschrift des Deutschen und österreichischen Alpenvereins », Jahrgang 1929. Dem Bande ist eine Übersichtskarte ( Nordwest-Pamir ) der Expeditionsgebiete 1913 und 1928, gezeichnet von R. Finsterwalder, beigegeben, Masstab 1: 500,000.

2. Rickmer Rickmers, Willi. Alai! Alai! Arbeiten und Erlebnisse der Deutsch-Russischen Alai-Pamir-Expedition. Mit 90 Abbildungen, 25 Diagrammen und 1 Karte. Leipzig 1930.

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