Bergsteigererinnerungen: Der Warner

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Unter dieser Überschrift werden wir einige Mitteilungen erfahrener Bergsteiger zum Abdruck bringen, welche uns diese Alpinisten auf eine Umfrage hin in freundschaftlicher Weise zusandten. Vielleicht ermutigen sie den einen oder den andern der verehrten Leser, ebenfalls zur Feder zu greifen, um von Erlebnissen zu berichten, als sässen sie im Kreis der C. Kameraden, irgendwo in traulichem Refuge oder beim offenen Herdfeuer einer Sennhütte, oder dann an stürmischem Winterabend im Klubhock, wo diese Rosinchen beim Qualm der Pfeifen und Stumpen besonders köstlich sind. Rosinchen sollen es sein, damit wir für den Lebenskuchen, der gar so oft in der gruseligen Gegenwart versäuert werden soll, die gute Würze und Süsse gewinnen und erkennen, was K. Guggisberg im Gedenken an Prof. Dr. Zeller so kräftig in das kurze Wort fasste: « Zur Wahrheit und Bescheidenheit erziehen uns die Berge.»M. 0e.

Der Warner.Von Julius Kuay ( Triest ).

Mein Alpinismus ist aus meiner tiefeingewurzelten Liebe zur Bergnatur hervorgegangen. Ich bin nicht von aussen her an ihn herangetreten, er lag tief in meinem Innersten. Zugleich hatte ich von jeher eine sehr hohe Auffassung von den Pflichten des Menschen dem Leben gegenüber. Wir haben diesem zu dienen, nicht — vielleicht von ganz seltenen Fällen abgesehen — den Tod herauszufordern. So habe ich die Gefahren der Berge sofort klar erkannt, mit dem Endresultat: grosse Vorsicht für mich selbst, treue Fürsorge und Mahnung für alle, denen ich auf meinen Wegen begegnet bin. Ich glaube, der Warner ist in mir sogar stärker gewesen als der Stürmer, wobei ich natürlich mehr oder weniger den Stürmer um jeden Preis meine. Immerhin habe ich gestürmt genug.

In meinen Büchern trete ich diesem Endresultat wiederholt näher. Der Tod in den Bergen ist nicht immer ein Heldenende, er bedeutet oft nichts anderes als eine grosse Dummheit. In meinem « Monte Rosa » stelle ich Ferdinand Imseng, den Stürmer von 1872, Gabriel Spechtenhauser gegenüber, dem Warner. Neun Jahre später, 1881, hat Imseng in der Ostwand der Warner gefehlt.

Einmal habe ich zu wenig gewarnt. An den Grandes Jorasses. Wir waren drei Seilschaften: Mackenzie, Gattorno und ich, ein jeder mit seinen Führern, die bis auf meinen, Luigi Bonetti, zweiten und auch dritten Ranges gewesen sind. Meine Freunde wollten durchaus durch das grosse Eiscouloir rechts von den Rochers du Reposoir ansteigen. Die Richardson war mit Emile Rey bei besonderen Verhältnissen dort emporgestiegen. Ich sah klar die Mausefalle und opponierte lange und heftig. Gegen meine richtige Überzeugung gab ich schliesslich nach. Warum? Mackenzie war Schotte, Gattorno Italiener, ich Österreicher. Da hätte es heissen können: « Der Österreicher war der Feigling! » So stieg ich nobel als Erster ein. Es kam die Eislawine, wie ich dies in « Aus dem Leben eines Bergsteigers » schon erzählt habe. Ein Wunder hat uns gerettet. Als der sehr aufregende Vorfall vorüber war, hatte ich Tränen in den Augen. Nicht vor Angst oder vor Schreck. Ich schämte mich so, weil ich gegen mein besseres Sehen und Wissen fast an einer Dummheit zugrunde gegangen war.

Als Normann-Neruda auf dem Plan erschien und mit seiner glänzenden Feder die alpine Literatur beherrschte, pflegte er, an den vorgekommenen Unglücken in den Bergen scharfe, oft rücksichtslose Kritik zu üben. Das waren allerdings eher Warnungen « post festum ». Immerhin sagte einmal ein etwas zu schneidiger Führerloser zu mir: « Seit Normann-Neruda seine Kritiken schreibt, getraut man sich ja gar nicht mehr abzufallen. Man muss immer denken: ,Was wird er einem nachsagen? ' » Ein Glück, dass dieser so ausgezeichnete Normann-Neruda seinen eigenen tötlichen Unglücksfall an der Fünffingerspitze nicht selbst schildern konnte. Er hätte es, so ich richtig unterrichtet bin, an scharfer Kritik sich selbst gegenüber nicht fehlen lassen. Traurig, dieses Ende!

Was habe ich in meinem langen Bergsteigerleben gewarnt! Da war zu allererst eine Idealgestalt unseres Bergsteigertums, einer seiner vornehmsten Pioniere: Emil Zsigmondy. Ich lernte die beiden Brüder 1879 in Millstatt kennen. Es waren die ersten wirklichen Bergsteiger, denen ich persönlich nahe kam. Vorher hatte ich mich allein entwickelt. Ich war entzückt und begeistert. Otto, der Ältere, ruhig, sanft, still, bescheiden seiner Seilschaft sich einfügend, selbstlos und treu besorgt um seinen heiss auflodernden geliebten Bruder, trotz ausserordentlicher Tüchtigkeit das Ideal eines Warners. Emil überaus selbstsicher, etwas überheblich, manchmal sogar hochfahrend, einer der genialsten Stürmer aller Zeiten, hochbegabten Geistes, ein wundervolles Versprechen für die Zukunft. Wir wurden sofort Freunde und sind es bis zum Tode der Zsigmondy — alle vier Brüder Zsigmondy sind leider früh verstorben — geblieben. Erst gingen wir zusammen in die Tauern, dann in die Dolomiten. Doch musste ich bald sehen, dass Emil nicht meiner Art und nach meinen Wünschen und Erwartungen war. Ich warnte und warnte. Schliesslich trennte ich mich von ihnen, ohne dass unsere wirklich tiefe Freundschaft darunter im mindesten gelitten hätte. Emil ist mir dreimal abgefallen. Ich sah den Augenblick kommen, da er mir entweder endgültig abstürze — wir sind sehr viel unangeseilt gegangen — oder dass ich einmal mitgerissen würde. Beides peinliche Aussichten!

Im Februar 1885 waren die Zsigmondy meine Gäste in Triest. Emil erzählte mir, er habe sein Buch « Die Gefahren der Alpen » geschrieben und fügte warm hinzu: « Jetzt wirst Du mit mir zufrieden sein! » Im Sommer des gleichen Jahres starb er an der Meije. Was hätte das Leben aus Emil gemacht! Er war Chirurg und wäre einer der grössten Ärzte geworden!

An Toni Schmid habe ich einige Zeit nach seiner Matterhorn-Nordwand warnende Botschaft geschickt. Ich erfuhr nicht, ob er sie erhalten hat. Er möge seine « Musik » ändern, sonst sei er in zwei Jahren ein toter Mann. Vielleicht hat er gelacht, als er die wohlgemeinte Botschaft las, wie man den pracht- vollen jungen Mann auf seinen Photographien lachend sieht. Ich habe mich geirrt, die Katastrophe am Wiesbachhorn kam innerhalb weniger als Jahresfrist.

Celso Gilberti, der ausgezeichnete, doch überkühne Friauler Kletterer, hat mich, anhänglich und treu, immer wieder aufgesucht. Er war oft und oft von mir gewarnt. Er fühlte sich so sicher. Stets war er da, galt es, einen verstiegenen Kletterer, einen Verletzten oder Toten aus den Wänden zu holen. Ein augenblickliches Übersehen in der Sicherung wurde ihm zum Verhängnis. Er stand, von der schwierigen Seite kommend, schon auf der Spitze der Paganella in den Trentiner Bergen, sein Gefährte stürzte in der Schlusswand, das lose daliegende Seil hat Celso in die leere Luft hinaus-gepeitscht. Die Reihen schliessen sich. Ein junger Mann ist bald vergessen. Er konnte in das Leben noch keine Zeichen schneiden. Heute stünde er in der Vollkraft von Arbeit, Wissen und Können.

Walter Stösser habe ich nicht einmal, sondern zehnmal gewarnt. Es war nicht anzukommen. Alles umsonst! Er hörte, liebenswürdig lächelnd, zu und tat, wie er wollte. Zu sehr war er seinen allerschwierigsten und gefährlichen Plänen verfallen. Was wohl durch seine liebe Seele gefahren sein mag, als jene unselige Nordwand sich unter ihm und seinem armen Gefährten zu spalten begann ?!

Walter Mittelholzer! Mein Gott, wie tut es mir weh, dass ich diesen Herrlichen nicht habe warnen dürfen. Alle Warner der Welt hätten damals vor der Stangenwand im Hochschwab aufstehen müssen! Ich bin sicher: ein vernünftiges Wort aus richtigem Munde hätte ihn gerettet. Das ist ein Unglücksfall, ebenso furchtbar schwer wie vollkommen überflüssig!

Und der feine, blonde, schöne Kärntnerjunge Siegfried Rohrer. Schon als Knabe schilderte er mir seine ersten Bergtouren und seine Absichten für die Zukunft in einer Weise, dass ich zu befürchten begann, er werde dem Kreise der Todgeweihten verfallen. Alle Warnungen — und ich kargte nicht damit — schlug er in den Wind. Er wollte ein Forscher und Entdecker werden, ein Grosser, ein Berühmter. Seine Begeisterung für die Berge und sein Ehrgeiz gingen in das Ungehemmte, in das Masslose. In den Anden hat ihn eine Lawine mitgenommen, lange ehe ihm die Stunde der Berühmtheit geschlagen hatte. Lieber, armer Siegfried!

Noch schmerzt mein Herz um Emilio Comici. Wer hat nicht von ihm gehört. Er war ein ganz Moderner, der berühmte König der « Rocciatori », der neuen Abart des Bergsteigers. Entzückend, hinreissend, fabelhaft in seiner wundervollen Klettergewandtheit. Aber die Grundverschiedenheit unserer Ansichten und Einstellungen war wohl zu tiefgreifend, als dass er auf meine Worte hätte hören wollen, dürfen und auch können. Beim modernen Klettern kommt eine neue Gefahr hinzu: « die Tücke des Objektes! » Ein ausgeliehenes morsches Seil! An einer verhältnismässig leichten Stelle ist es gerissen. Das ist schon so, wo übertrieben wird: wie leicht schlüpft da durch irgendeine versehentlich offen gelassene Lücke heimtückisch der Tod hereinEr war ein grundgütiger Mensch, ein lauterster Charakter, ein wahrhafter GentlemanMan weiss, er hat als Erster die Nordwand der Grossen Zinne « besiegt ». Ich habe damals gesagt: « Comici hat den Beweis erbracht, dass die Grosse Zinne von Norden wirklich unersteiglich ist. Aber dieser Beweis ist für uns Bergsteiger nicht nötig gewesen, wir haben es gewusst! » Er hat aufrichtig und herzlich dazu gelacht. Doch schwor er auf den aus Haken, Karabinern und mehrfachen Seilen zusammengestellten Turn-apparat, womit man heutzutage der unersteiglichen Wand zu Leibe rückt. Er schwor, meiner Ansicht nach, in vollkommener Ehrlichkeit und Gläubigkeit auf einen Selbstbetrug.

So habe ich zu meinem Schmerz mit dem Warnen nicht viel Glück gehabt. Man hüte sich, im Warner den Furchtsamen zu erblicken, gar den Auskneifer und Feigling. Er ist die Kontrolle, der Korrektor. Zum Warnen gehört oft mehr Mut als zum Stürmen. Der Stürmer symbolisiert den Ehrgeiz, oft die Ruhmsucht, manchmal die Eitelkeit, der Warner die kühle Vernunft. Er hat den verantwortungsvolleren Posten. Wo Stürmer und Warner sich in einer Person vereinigen, da haben wir den erstklassigen Führer. Da gibt es einen guten Klang. Das erstrebe man!

Eine neue « Gefahr der Berge » scheint mir seit dem Weltkriege erstanden zusein. Wir Alten kannten sie nicht. Die « Bergkameradin ». Wie oft kommen in den Bergtälern junge « unternehmende » Bergsteiger auf mich zu, stellen erst sich selbst vor, dann eine reizende junge Dame, die neben ihnen steht: « Meine Bergkameradin! » Hell brennt das Feuer der Bergbegeisterung! Und in ein oder in zwei Jahren: « Meine Bergkameradin und jetzige liebe Frau. » Dann verschwinden wohl so oft Kamerad, Kameradin und « jetzige liebe Frau » auf Nimmerwiedersehen, soweit das Auge auch schaue, als hätte die Erde sie verschluckt. Als sei dieser im Glanz der Berge so überaus glücklich begonnene Lebensbund zum tristen Grabe eines vielversprechenden Bergsteigerlebens geworden. Und die Berge leuchtenUnd die Berge rufenUnd die Berge sind so schön

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