Bernina-Gipfel mit Hindernissen

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Karl-Wilhelm Specht, SAG Grindelwald D-Mülheim a. d. Ruhr

Eines der schlimmsten Ungeheuer, die ich bisher in den Bergen kennengelernt habe, ist der Malojawurm. Tatsächlich: trotz des sprichwörtlich trockenen Engadiner Wetters kommt er bisweilen über den Malojapass gekrochen, breitet sich wohlig über den Oberengadiner Seen aus und findet auch den Weg in die Seitentäler, wie zum Beispiel in das von Pontresina. Er klettert sogar die Bergflanken hinauf, und des Ungeheuers miserabelste Eigenschaft ist seine besondere Zähigkeit: Es ist nicht kleinzukriegen, und es kann sich sogar vermehren.

Fast zwei Dutzend dieser Spezies brachten uns nasse Ferien im Bündnerland. « Wären wir doch ins Wallis gefahren », war der oft zitierte Stossseufzer in diesem Urlaub. Doch mit der Zeit erwies sich der Kompromiss, « mit dem Wurm zu leben », als tragbar. Wir fanden ausserdem her- aus, wann ungefähr mit dem Eintreffen der regenschwangeren Wolkenschlange über der -Pforte von Maloja zu rechnen war, und stellten unsere Pläne darauf ein. Wenn dann der obligate Guss einsetzte, hatten wir schon einige Wegstunden hinter uns. Trotzdem erlebten wir Segantinis Panoramagemälde von Muottas Muragl aus mit finsteren Gewitterwolken über den Seen, wühlten uns durch den triefenden Bergurwald von Muottas da Puntraschigna, überlegten uns, ob wir nicht besser gleich schwimmend den Silsersee durchmessen sollten, statt pudelnass seinem Ufer entlangzustiefeln. Wir fanden ob der pausenlos geöffneten Schleusen des Himmels heraus, weshalb es im Stazer Wald ein Hochmoor geben kann, und marschierten zum siebenundsechzig-stenmal im Regen die Hauptstrasse von Pontresina entlang. Als wir schliesslich die Blumenpracht am Schafberg unter Neuschnee suchen mussten, stellte sich die Erkenntnis ein, dass wir mit Ski wohl besser bedient wären als mit Pickel und Steigeisen.

Dann aber - wir konnten es kaum glauben -blieb der Wurm aus! Strahlendblauer Himmel über dem Rosegtal, gleissende Firnfelder im Tschiervakessel, eine Aussicht wie im Bilderbuch von der Fuorcla Surlej. Über allem der Piz Bernina! Keine Frage: Jetzt ist er fällig! Etwas hektisch verläuft der Abend: letzte Einkäufe, Rucksackpacken, wiederholtes Studium von Karte und Führer, unruhiger Schlaf. Wird das Wetter halten? Es hält. Die grosse Bergtour beginnt mit der Berninabahn, dann folgt die Luftseilbahn -und das Panorama von der Diavolezza verschlägt uns fast den Atem. Letzte Erkundungen über Weg und Wetter, und der Persgletscher hat uns. Warum muss man nur lästigerweise so weit absteigen, um auf die Fortezza-Felsen zu gelangen? Wir versuchen es weiter oben, scheitern aber, was bekanntlich meistens geschieht, wenn man etwas besser machen will als die vielen, die vorher den geeignetsten Weg herausgefunden haben. Der Grat ist stellenweise so beschaffen, dass er ebensogut auf einen Gipfel führen könnte. Dem Firn lässt sich auch in der Mittagszeit noch am besten mit den Steigeisen beikommen, die sich gleichermassen im Geröll als durchaus nützlich erweisen. Kurz vor der Stelle, wo die Felsen im Firn der Bellavista-Terrasse verschwinden, halten wir Rast - eine selten schöne Rast. Wir sind allein in einer wilden, eisigen Urlandschaft. Um uns herum nur weisse Gipfel, weisse Bergflanken, weisse Gletscher, dazwischen schwarze Felsen, schwarze Spalten und - schwarze Bergdohlen, die ungeduldig auf die Reste unserer Mahlzeit warten. Hier kann man vergessen, dass es so etwas gibt, was man Zivilisation nennt. Man braucht nur in die chaotischen Eisbrüche des oberen Morteratschgletschers, ins « Loch », zu schauen oder auf die gewaltige Eiswand des Piz Bernina. Hier geschieht noch alles so, wie die Natur es will, und das ist immer noch das, was uns am tiefsten beeindruckt.

Ein Hochgebirgsbalkon, der seinesgleichen sucht, ist die Bellavista-Terrasse. Man könnte sie einen hochalpinen Höhenweg nennen,3700 Meter hoch, wenig nur unter den drei Gipfeln des schönen Berges. Wir queren sie zunächst genussvoll, dann voller Erwartung, die Marco-e-Rosa-Hütte zu sehen, schliesslich mit besorgten Blicken, hoffen wir doch, dieses Ziel vor Einbruch des Unwetters zu erreichen, das sich über die Fuorcla Crast'Aguzza zu wälzen beginnt. Die Crast'Agüzza selbst, das Bündner Matterhorn, hätte ich so gern vor blauem Himmel photographiert; doch daraus wird nichts. Der Malojawurm schickt seine Ableger offenbar auch hierher. Die letzten Spalten überspringen wir im Eiltempo, denn die ersten Windstösse packen bereits eisig an. Schliesslich entweichen wir ihnen, indem wir die Hüttentür hinter uns ins Schloss werfen.

Mit dreizehn Personen ist das winzige, mit Drahtseilen verankerte Holzrefugium fast voll besetzt. International ist die Belegschaft: Schweizer, Österreicher und Deutsche geniessen die freundliche Gastlichkeit beim italienischen Hüttenwart in 3597 Metern Höhe. Und bald schon fällt das treffende Wort « Bergsteigerfamilie ».

P. Bernina, 404g Meter, vom Fortezza-Grat aus; davor das « Labyrinth » des Morteratschgletschers 2Auf dem Palü-Ostgipfel. Im Hintergrund: Palü- Westgipfel, Palä-Mittelspitze, P. Bernina 3Piz Palü, von der Diavolezza aus Ein « Familienmitglied » hält um 5 Uhr Ausschau. Sie reicht allerdings nicht weit: « Alles zu! » Doch eine Stunde später heisst es: « Die Sonne scheint! » Die Wolken haben sich in die Tallagen zurückgezogen, und erst ab 3500 Meter sind die Gipfel frei. Piz Bernina! Nun geht 's los. Wenige Schritte nur sind es bis zum Südgrat. Jetzt heisst es klettern. An den Fels sind wir gar nicht gut gewöhnt nach den vielen Gletschertouren. Doch auch das macht Spass - bis es etwas kompliziert wird. Aber da kommen die fixen Seile. Nein, wir schämen uns nicht, sie zu benützen! Die Leute in der Eigernordwand verachten auch nicht die Haken ihrer Vorgänger! Als wir den verfirnten Teil des Spallagrates erreichen, wird uns wohler. Himmel, ist das luftig! So ähnlich muss es drüben an der Himmelsleiter sein, am Biancograt. Wir sind aber auch zufrieden mit dem, was wir haben. Der Spallagipfel wird überschritten - hinab in die Scharte - und nun nur noch ein Aufschwung. Piz Bernina, 4049 Meter! Wir haben 's geschafft! Und mit uns gibt sich die ganze « Familie » ein Stelldichein auf dem höchsten Punkt. Wir sind der Welt entrückt. Eine dicke Wolkenschicht trennt Gipfelstürmer und Erdbewohner. Bedauernswerte Menschlein da unten! Wahrscheinlich sind sie zur Zeit schirm-bewehrt. Bei uns weht kein Lüftchen, herrscht nur Sonne und natürlich gute Laune. Solch eine Gipfelrast ist rar auf einem Viertausender. Meistens flüchteten wir bislang vor dem eisigen Höhensturm in den Biwaksack und bald darauf wieder talwärts. Heute möchte man am liebsten den ganzen Tag hier oben bleiben und sich am Anblick des Ortlermassivs und der Disgrazia freuen. Doch ein Führer ist unter uns, und er kennt das Wetter: « Die Wolken steigen. » Das bedeutet für uns Abstieg. Noch einmal geniessen wir den Balanceakt auf der Gratschneide, bevor uns die Hütte für eine kurze Pause aufnimmt. Als wir wieder nach draussen treten, finden sich gerade die Wolken aus dem Tal ein. Jetzt aber los, bevor das Spaltenlabyrinth im « Buuch » zu-schneit!

Als wir bei Regen in der Bovalhütte eintreffen und zurückschauen, ist das Berninamassiv in milchiger Nebelbrühe verschwunden, und die unheimliche Stimmung über dem Morteratschgletscher lässt es kaum glaubhaft klingen, wenn wir von der morgendlichen Gipfelpracht schwärmen. Der Malojawurm ist eben wieder da...

Es gibt nur wenige Plätze in den Alpen, die einem Vergleich mit der Diavolezza standhalten. Jungfraujoch und Faulhorn? Schilthorn und Eggishorn? Sicherlich der Gornergrat. Und nicht zu vergessen: Tracuit im Val d' Anniviers! Auch die greifbar nahe Konkurrenz muss Erwähnung finden: Fuorcla Surlej. Was ist wem vorzuziehen? Ach, lassen wir die Frage! Es gibt ja auch noch die Aiguilles du Midi, den Brévent, Seiser Alm, Grossglockner, Zugspitze und Königssee... Doch beim ersten Anblick unter tiefblauem Himmel möchte man die Diavolezza ganz vorn einstufen. Bei uns zeitigte dies noch andere Wirkung: Piz Palü sehen und - hinaufwollen! Also kamen wir wieder hierher, als der Malojawurm zum zweitenmal ausblieb. Und heute haben wir Zeit, den Ausblick zu geniessen bis zum letzten Sonnenstrahl. Wir schlafen ja hier.

Es ist verteufelt warm in der Frühe des nächsten Morgens. Das lässt uns unruhig werden. Zwar ist noch kein Wölklein zu sehen, aber vor lauter Aufregung und Bangen verpassen wir den Weg zum Ostsattel des Palü und müssen eine ganze Menge Höhenverlust auf dem Persgletscher wieder aufholen. Aber die Kondition ist zufriedenstellend, und trotz zahlreicher Photogra-phierhalte in den Eisbrüchen überholen wir eine Seilschaft nach der anderen. Der Ostgrat ist weich, nachgiebig, nass. Wir stapfen mühsam hinauf. Kein Aufenthalt auf dem Ostgipfel! Hinab in die Scharte! Eine Zweierpartie kommt uns entgegen, quält sich vorsichtig durch die immer wieder ausbrechenden Tritte an der Gratschneide zum Hauptgipfel. Sie raten uns ab vom Weiterweg. Ich versuche ein paar Schritte; aber Klumpen unter den Steigeisen sind schlimmer als 1 4Der Gipfelgrat des Piz Palü 5Auf dem Palü-Ostgrat: Wolkengebrodel Photos Karl-Wilhelm Specht, Mülheim a. d. Ruhr gar keine Eisen. Also verzichten wir, kehren reumütig auf die verschmähte Ostspitze zurück und begnügen uns mit dem 23 Meter niedrigeren Punkt - immerhin doch auch 3882 Meter hoch! Schliesslich haben wir ja einen Gipfel erreicht, und das wird wie üblich mit einem Schluck « Gip-felwasser » von der scharfen Sorte gefeiert. Zufrieden, dass wir auch noch rechtzeitig vor den ersten Schauern in Hüttennähe sind, beenden wir die Tour. Doch nein! Der Wurm schlägt noch einmal kurz vorher zu! Auf den Platten - keine 50 Meter vor der Hütte - liegen die matschigen Reste des Schnees, den er erst vorgestern hierhergebracht hat. Und auf eben denselben rutsche ich aus, stürze, schlage mit dem Knie auf eine spitze Steinkante - und bin für den Rest des Urlaubs aktionsunfähig. Gut, dass er nur noch einen Tag dauert.

Diesen bisher einzigen Unfall in meiner Bergsteigerlaufbahn verdanke ich also jenem bereits eingangs vorgestellten Untier, mit dessen Ausrottung sich die eidgenössischen Wetterfrösche ernsthaft beschäftigen sollten!

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