Besso und Obergabelhorn

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Xavier Kalt

Mit 2 Bildern ( 42, 43Les plans ( Sektion Pilatus ) Was sind mir heute die Berge? Einst habe ich sie leidenschaftlich geliebt. Jetzt bin ich mit ihnen verheiratet. Sie wurden mir Gefährten, Trost, Notwendigkeit. Und das ist mehr denn Leidenschaft. Das ist Freundschaft und Treue. W. Rickmer Ich sitze da oben in meiner kleinen Hütte in Gryon. Nebel umschleichen die alten Balken, kauern sich droben auf der Heubühne und wallen sogar in die Küche, wenn ich, die obere Türhälfte öffnend, nach einer Aufhellung Ausschau halte.Vor der Hütte triefen die kniehohen Grashalme. Sie sollten eigentlich schon lange gemäht sein, aber — ich hatte keine Zeit, die Berge riefen mich.

In strömendem Regen stieg ich am Morgen des 9. August 1941 hinunter nach Bex, um im Mittagsschnellzug meine Kameraden zu treffen.

In Sierre guckte die Sonne aus schwarzen Wolken und begleitete unsern Postwagen bis Ayer. Hier war sie wieder so gütig, sich hinter die Vorhänge zurückzuziehen, uns vor allzu grossen Schweissausbrüchen bis Zinal bewahrend. Abends hellte es auf und der Besso keilte sich schwarz in den Sternenhimmel hinein.

Sonntag, den 10. August.

Um 10 Uhr wird gemütlich losgetrottet, d.h. die Säcke hinderten uns an einem schnelleren Gehen. Aus den braungebrannten Häuschen pilgert die Bevölkerung an uns vorbei zur heiligen Messe. Wir aber suchen sie weiter oben, die göttliche Ruhe. Langsam öffnet sich der Blick auf das breit und doch elegant in den Äther wuchtende Weisshorn. Heute wirklich sehr weiss, lagert doch noch aller Neuschnee der letzten Woche an seinen Flanken. Ein heftiger Wind saust über die Moräne hinter der kleinen Mountet und bringt Nebel über den Grand Cornier. So richtig das ideale Wetter für einen Hüttenanstieg mit schweren Säcken.

Im letzten Aufstieg zur Hütte ist Maggi wirklich nicht mehr zu bändigen und distanziert uns ohne viel zu fragen. Ich habe sie stark im Verdacht, dass sie allein sein wollte, um Papa Vianin, den alten Hüttenbären der Mountet, zu umarmen. Auf jeden Fall wurde zu unserem speziellen Empfang die Flagge gehisst, und bald nachher polterten die Holzschuhe über die riesigen Granitplatten vor der Hütte.

Es war noch früh am Nachmittag, und einige junge Mädchen und Burschen aus dem Val d' Anniviers hatten sich eingefunden zum Besuche des Hüttenwartes. Eine fröhliche Schar, in deren Dialektliedern aber doch schon schwer der harte Ernst des Lebens mitschwang. Urkinder der Heimat, wir danken euch für diesen Gesang aus reinen Kehlen inmitten dieser Gletscherwelt.

Montag, den 11. August.

Der Ruf « il fait grand beau » des Hüttenwartes lässt uns rascher als gewöhnlich die Decke zurückschlagen. 5 Uhr. Langsam graut der Tag über dem Obergabelhorn, und der Viereselsgrat der Dent Blanche schickt schon einige Geschosse über die Flanken. Sterne flimmern noch am Firmament, und der Mond erblasst über der Pointe de Zinal.

Eine Stunde später turnen wir über die Granitblöcke unter dem Mammouth durch, und auf hartem Firn streben wir zu den Felsen des Besso. In der Nordwand des Grand Cornier wird es lebendig, und dumpf grollen die Seracs. Schon hat der Gipfel des Zinalrothorns Feuer gefangen, und vom höchsten Punkte des Besso zieht sich ein Rosaband hinunter über den Blanc-Mouming.

Noch ein wenig zaghaft greifen wir in die Felsen, packen aber fester zu einmal droben auf dem Südwestgrate. Welch herrliches Vergnügen, über diese Grattürme zu klettern. Auch den kleinsten lassen wir nicht aus. Und, ich will dies gleich bemerken, unsere Seilschaft ist vorzüglich aufeinander eingestimmt. Maggi, deren Können ich schon auf den Ecandilles bewundert habe, steigt sicher und ohne Zaudern, während Georges als alte Felskatze die Klippen gut meistert.

« Trink, o Auge, was die Wimper hält... » Mit Gottfried Keller möchte ich es ausrufen, da droben auf diesem herrlichen Aussichtsgipfel. Wohl ist der Besso um verschiedene hundert Meter niedriger als seine umliegenden Kameraden, um so besser aber lässt sich von seinem Haupte in die Schründe und Wände dieses grandiosen Zirkus blicken. Kaum werde ich diesen letzten Klimmzug von der Westseite her auf den Gipfel vergessen, wo sich auf einmal mit überwältigender Schönheit das Weisshorn präsentiert. Zwischen dem Obergabelhorn und der Pointe de Zinal blicken zwei respektable Vertreter der Walliser Viertausender hervor: Matterhorn und Dent d' Hérens. Aber viel Neuschnee liegt in den Wänden, und wir schauen ein wenig bedenklich auf das Zinalrothorn, dessen Traversierung für morgen auf dem Programme steht.

Schon im Abstieg vom Besso macht uns diese weisse Masse reichlich zu schaffen, und die Vibram suchen unter allen möglichen Varianten die trockenen Felsen. War die Südwestseite des Berges gesäubert, so treffen wir vom Gipfel bis zur Scharte in der Ostseite allerhand Schnee und sind froh, wieder in « wärmere » Zonen zu gelangen. Auf der gewöhnlichen Route erreichen wir das Schneecouloir und stapfen durch die liederlich weich gewordenen Schneefelder der Hütte zu. Diese wird um 2 Uhr nachmittags erreicht.

Dienstag, den 12. August.

Soldaten und Zivilisten liegen noch in den Armen von Morpheus, wie wir um halb 4 Uhr die Hütte verlassen. Petrus hat allerdings einige Fahnen ausgehängt, in deren Gewebe der Westwind bläst. Doch hoffen wir, dass er mit den Alpinisten ein Einsehen hat und die « Zeus-Parade » nicht über uns losbrechen lässt. Leider sank das Thermometer in dieser Nacht nicht auf den Gefrierpunkt, und der Aufstieg zum Bergschrund unter dem Col Durand liess in uns ein Zweifeln am Gelingen unserer heutigen Tour aufkommen. Solange eine gefrorene Neuschneeschicht gewillt ist, dein Körpergewicht zu tragen, sind Gletschertraversierungen nicht unangenehm. Wenn es aber dieser Neuschneeschicht gerade dann einfällt, einzubrechen, wenn du mit seiltänzerischer Geschicklichkeit das Gewicht vom einen auf den andern Fuss verlegst, dann kann dieser Aufstieg durch den Glacier Durand leicht zu einem mühseligen Krampf werden. In nachtwandlerischer Gleichgültigkeit schleichst du diese ewigen Schneefelder hinauf, und von der Begeisterung für die Berge bleibt herzlich wenig übrig. Aus Träumen wirst du allerdings zeitweilen geweckt durch das ein- oder sogar zweibeinige Einbrechen in einen Briefkasten, um jedoch bald nachher wieder in die Antipathie zurück-zuversinken.

Diese unfreundlichen Verhältnisse haben uns denn auch reichlich viel Zeit gekostet. Statt der vorgesehenen anderthalb Stunden sind es deren dreieinhalb geworden, bis wir endlich dem Mont Durand direkt vom Bergschrund weg die Schuhe in den Leib rammen können. Dies tun wir mit um so grösserer Freude, je härter der Firn wird. Und zu gleicher Zeit mit der Sonne steigt auch wieder unsere Begeisterung. Immer noch weht die Fahne um die Dent Blanche, und auch um den Gipfel des Matterhorns wogt ein Schleier. Vor uns aber türmt sich das Obergabelhorn frei in den Äther.

Wir überschreiten den Mont Durand, üben Gewichtsverlegung auf einem scharfen Schneegrat und stossen dann im Abstieg zum Arbenjoch auf klares Wassereis. Unter der Haue des Pickels flimmern die Splitter in der Sonne, und das Zurückschauen auf unsere Leiter lässt uns zufrieden sein mit unserer Arbeit.

Während einige Stücke Ovo-Sport auf unserer Zunge zergehen, weilen unsere Blicke auf dem Arbengrat, und die ewig grosse Ungeduld schleicht sich in die Freude dieses Aufstieges. Die Eisen beissen sich in den harten Steilhang, den wir in direktem Aufstieg bis nahe unter die erste Gratstufe ( Ausstieg aus der Südwand ) verfolgen. Hier allerdings wollen unsere Fussgelenke den Neigungsgrad nicht mehr akzeptieren, und wir schlagen uns nach links in die Gratfelsen. Die Eisen zurücklassend, beginnt die Turnerei über die Platten und Gendarme — der Sonne entgegen. Der Grat ist ziemlich schneefrei, doch treffen wir einige vereiste Stellen, die zur Vorsicht mahnen. Besonders der grosse Gendarm stellt uns ernste Schwierigkeiten in den Weg, und meine handschuhbewehrten Finger tasten sich in vereisten Rissen empor, nicht immer den gewünschten Halt findend. Endlich liegt auch dieses Bollwerk hinter uns, den Weg zum Gipfel freigebend.

Diesen selbst ( 4073 m ) betreten wir um 12.30 Uhr, nach einem Aufstieg von achtdreiviertel Stunden.

Wir geniessen auf dieser luftigen Warte all die dargebotenen Freuden. Wie manches Mal ruhten unsere Blicke schon auf diesem messerscharfen Gipfel! Nun stehen wir selbst auf ihm, schauen hinaus über Gletscher und Felsen, schauen hinein in unsere Berge! Und eine heisse Dankbarkeit quillt in uns empor, macht uns das Sprechen zur Mühe und bringt uns beinahe die Tränen in die Augen. Dankbarkeit gegenüber dem Berg! Hast du es schon einmal empfunden, dieses Glücksgefühl auf hohen Zinnen? Du fühlst dich beinahe losgelöst von dieser Erde und im gleichen Moment doch wieder eng verbunden mit ihr. Vielleicht schwebt die Seele höher, während dein Körper auf dem windumtosten Gipfel steht. Es ist das Allmächtige, Unnennbare, das dich in seinen Bann zwingt und für das du keine Worte finden kannst.

« Die Schönheit der Berge »... Kennst du die Berge, so denkst du an die köstlichsten Stunden, die dir das Leben gab.

« Die Schönheit der Berge »... Ein für allemal bleibt sie unerklärlich dem, der sie nicht selbst erlebt hat.

Du kennst sie? So bist du begnadet. Und spotten kannst du des Mannes, der darüber redet oder schreibt.Henry Hoek Donnergrollen schreckt uns aus Gedanken. Vom Süden her stösst eine Wolkenwand von der Dent d' Hérens bis zum Monte Rosa, und der Wagen des Zeus fährt polternd über das Matterhorn. Wehe dir, Gipfelträumer, wenn du dem Mahnen keine Achtung schenkst.

Nebel schleichen schon über den Triftgletscher, wie wir das Abseilmanöver vornehmen am grossen Gendarm, und beim nächsten Gratturm hüllt uns schon eine Fahne in ihr kaltes Tuch. Noch vermag die Bise sie zu zerfetzen, so dass wir, von einigen Schneeschauern abgesehen, wohlbehalten zum Arbenjoch gelangen. In forciertem Tempo erklimmen wir die Felsen und vermögen noch die Schneekuppe vom Mont Durand zu ersteigen, bevor die Bise den Kampf aufgibt. Der Schleier schliesst sich enger um uns. Schneewogen peitschen uns das Gesicht, während der Donner immer näher rollt.

Im Abstieg vom Mont Durand zum Col beginnt der Gesang der Pickel, und wir sind froh, diesen unterbrechen zu können durch Abschwenken vom Grat in den Nordhang des Col. Dieser selbst hinterlässt uns keine freudige Erinnerung. Das immer heftigere Schneetreiben hat schon einige Zentimeter Neuschnee auf diesen vereisten Hang geworfen, und wir sind wohl kaum unzufrieden gewesen, den Bergschrund hinter uns zu wissen.

Wie die Enten watscheln wir hinunter durch den weissen Brei, und die Eintönigkeit dieser Nebelwanderung prägt uns den Stempel der Müdigkeit in die Knochen. Und wohltuend empfinden wir das Entspannen der Nerven nach des Tages harten Mühen.

Glücklich, mit leuchtenden Augen, überschreiten wir die Schwelle der Cabane Mountet um 20.30 Uhr.

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