Besteigung des Vulkans Osorno in Südchile

Esther Fuchs, Fresia ( Chile )

Der mächtige vergletscherte Vulkankegel des Osorno Ein verlockendes alpinistisches Ziel Von welcher Seite man ihn auch betrachtet, er hat eine formvollendete Gestalt und ist fast noch ebenmässiger als der Fudschijama in Japan. Gemeint ist der in Südchile auf der Westseite der Südanden gelegene Vulkan Osorno. An seinem Westfuss erstreckt sich der Lago Llanquihue, einer der grössten Seen Südchiles, in dem sich der Vulkan spiegelt. Der Llanquihue-See war ursprünglich durch einen breiten Taltrog mit dem östlich des Berges gelegenen smaragdgrünen Bergsee Todos los Santos verbunden. Gewaltige, vom Osorno herabfliessende Lavamassen haben jedoch die beiden Seen voneinander getrennt.

Schon einige Male bin ich nach Chile gereist, und jedes Mal habe ich diesen Vulkan bewundert, dessen eisgekröntes Haupt zur Besteigung einlädt. Sicher, technisch ist der 2660 m hohe Berg nicht schwierig, doch der Gletscher ist mit riesigen Quer- und Längsspalten durchzogen. So gibt es leider jedes Jahr Todesfälle infolge Spaltensturz oder auch durch Ausrutschen am obersten, ca. 45° steilen Hang. Der Osorno wird ganz offensichtlich unterschätzt. Eine gibt es in einem Entwicklungsland, wo der Andinismus ohnehin wenig bekannt ist, natürlich nicht. Wird jemand am Berg vermisst, sucht vielleicht ein Militärhelikopter die Hänge kurz ab, wobei im Zuge einer solchen Aktion vor einiger Zeit sogar ein Flugzeug wegen Nebel am Berg zerschellte. Im Winter ist der Vulkan bis fast zum See hinunter verschneit und lädt zu Skitouren ein - eine Einladung, der niemand folgt. Es gibt hier einen kleinen Skilift, mit dem sich die reicheren Chilenen gerne hochschleppen lassen.

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Der Osorno von der Strasse von Ensenedo gegen das Refugio Tesky Zum Refugio Tesky Ich habe grosse Lust, den Vulkan zu besteigen. Natürlich würde ich lieber und sicherer mit jemandem zusammen die Tour unternehmen. Doch ich bin allein gekommen, und hier finde ich keine Gleichgesinnten. Direkt am Lago Llanquihue stelle ich mein Zelt auf, erfrische mich im relativ warmen See und betrachte den Osorno und die mögliche Aufstiegsroute. Gegen Mittag gelange ich per Autostop nach Ensenada, einem kleinen Touristenort direkt am Fusse des Vulkans. Ein Wegweiser zeigt in Rich- ,2

tung Refugio Tesky, wohin man auch mit dem Auto fahren kann. Es sind ca. 15 km, und es gilt, 1100 m Höhendifferenz bis zur Hütte zu überwinden. Zuerst führt der Weg durch Wald und üppige Vegetation, die fast tropisch anmutet. Kaum aber habe ich den Wald hinter mir gelassen, öffnet sich eine karge Landschaft, durchzogen von Lavaströmen und verschiedenartigsten Blümchen, die sehr gut auf dem fruchtbaren Boden gedeihen. Es ist heiss, und an manch einem idyllischen Plätzchen setze ich mich nieder, um in Ruhe die Gegend zu betrachten.

Schon befinden sich nun die Seen Llanquihue und Todos los Santos, über dessen Wasser man in einer reizvollen Reise nach Bariloche ( Argentinien ) kommt, recht tief unten. Schweift der Blick dann in höhere Regionen, trifft er am östlichen Ende des Lago Todos los Santos, an der argentinischen Grenze, auf den 2490 m hohen Vulkan Puntiacudo. Er hat eine besonders scharfe, gletscherbedeckte Spitze, und seine Besteigung ist sehr schwierig. Dann sehe ich hinüber zum höchsten Berg dieses Gebietes, dem gewaltigen, 3454 m hohen Vulkan Tronador mit seinen drei wilden Eisgipfeln, der meist von der argentinischen Seite her angegangen wird. Im Norden schliesslich erhebt sich der aktive Vulkan Villarica, der immer eine Rauchfahne über seinem Haupt trägt.

Nach gut vierstündigem Aufstieg erreiche ich das Refugio Tesky auf 1200 m; ein wirklich komfortabler Bau. Daneben steht das Haus der chilenischen Parkverwaltung CONAF, die auch diesen Nationalpark beaufsichtigt. Ich melde mich beim Parkwächter, um die geplante Besteigung anzukünden. Er zeigt sich sehr erstaunt über meine Absicht, als Frau allein den Berg zu versuchen, und bietet mir an, mich wenigstens bis zum Beginn des Gletschers auf ca. 1500 m zu begleiten. , sage ich,

Der Gipfel lässt grüssen Es ist noch stockdunkel, als mein Wecker um 4.30 Uhr schellt, und ich bin froh über meine Stirnlampe. Kaum habe ich das Haus verlassen, ruft auch schon mein Begleiter, wo ich denn bliebe. Nur kein Gehetze, sonst gehe ich allein! Es ist ein mühsamer Anstieg über steile Hänge mit oft zwei Schritten vorwärts und einem zurück. Nach ca. VA Stunden erreichen wir bei Tagesanbruch eine tief herunterreichende Gletscherzunge. Mein Begleiter wird ganz wehmütig, denn er würde mich nur zu gerne bis zum Gipfel begleiten, muss jedoch einsehen, dass dies ohne Ausrüstung nicht möglich ist. Schliesslich murmelt er noch vor sich hin, er wolle morgen versuchen mit meinen Schuhen und meinen Steigeisen zum Gipfel zu gelangen. Was der sich nur denkt! Ich schicke ihn wieder zurück und sage ihm, er könne mich ja von unten mit dem Fernrohr verfolgen.

Der Schnee ist gefroren, und die Schneebrücken über die Spalten tragen gut. Eine Spur gibt es natürlich nicht, und ich habe echt Mühe, eine einigermassen gerade Führe zu finden, denn immer und immer wieder versperren mir riesige Spalten den direkten Aufstieg. So komme ich nur langsam vorwärts. Ein Risiko darf und will ich nicht eingehen. Wie schön wäre es jetzt, einen Freund dabei zu haben, mit dem man am Seil verbunden viel unbeschwerter aufwärts streben könnte. So aber muss ich immer wieder ein paar Meter tiefer halten, um Spalten auszuweichen. Die Sonne brennt schon unbarmherzig hernieder, als ich ca. 50 Meter unterhalb des Gipfels auf eine riesige Spalte stosse. Ich suche einen möglichen Durchgang, wobei ich fast den ganzen Gipfel umrunde, doch nirgends erscheint mir eine der spärlichen Brücken vertrauenswürdig genug, um ihr mein Gewicht anzuvertrauen. Muss ich nun tatsächlich so knapp unterhalb des Gipfels aufgeben, oder soll ich das Risiko auf mich nehmen und über eine dieser unsicheren Brücken queren? Fast 5 Stunden Aufstieg und so wenig fehlt! Nach reiflicher Überlegung entscheide ich mich für den Rückzug. Natürlich hätte es gelingen, ebensogut aber auch schiefgehen können. Mir ist fast zum Heulen. Mein lieber Berg, ich werde wiederkommen, irgendwann, und dann werde ich auf deinem eisgekrönten Haupt die Gegend bewundern. Vielleicht werde ich dann ohne grosse Schwierigkeiten deinen Gipfel erreichen, doch sicher werde ich früher im Jahr aufbrechen, dann nämlich, wenn deine riesigen Briefkästen noch grösstenteils mit Schnee gefüllt sind.

Heikler Abstieg und später Erfolg Beim Abstieg ist es mir gar nicht mehr wohl, denn der Schnee ist mittlerweile aufgeweicht und die Brücken wirken zweifelhaft. Nur gut, dass meine engsten Bergkameraden nicht ahnen, wo ich im Moment bin, denn sie würden meinen Alleingang über den Gletscher bestimmt nicht gutheissen; wirklich, ich hätte nicht alleine kommen sollen! Ich versuche, mich bei der Überquerung der Spalten leicht zu machen, wobei ich die Muskeln anspanne und den Bauch einziehe. Wie schon oft in solchen Momenten wünsche ich mich irgendwohin, wo ich weitab von jeder Gefahr bin. Doch auch dieser Abstieg hat ein Ende, und bei der Hütte unten läuft mir der Parkwächter entgegen und erzählt, dass er meinen Gang zum Gipfel genau beobachtet und alles ganz einfach ausgesehen habe. Er wolle morgen auch aufsteigen, mit meinen Schuhen, Steigeisen und Pickel, alles meiner Spur entlang. Erfahrung habe er zwar nicht, doch er würde schon raufkommen. sage ich,

Zwei Jahre später bin ich nochmals am Vulkan Osorno, und dieses Mal erreiche ich Eine Weite, die man in der Schweiz vergebens sucht: einsame Gebirgslandschaft in der weiteren Umgebung des Osorno seinen Gipfel auch ohne grosse Schwierigkeiten. Der Gletscher liegt noch unter einer guten, tragfähigen Decke, und am Gipfelrand finde ich eine vertrauenswürdige Schneebrücke über den Riesenspalt. Ich habe grosse Freude, dass ich es doch noch geschafft habe. Der Vulkan hat einen flachen, völlig eisgefüllten Krater mit riesigen Eishöhlen. Noch nie habe ich etwas Derartiges gesehen.

Mein neues Zuhause Inzwischen habe ich hier Land gekauft und mich niedergelassen. Wenn ich heute meine Kühe zum Fluss treibe, stehen sie immer vor mir, die Vulkane Osorno, Tronador und Puntiacudo. Und besuche ich das nächste Mal die Schweiz, so werde ich mir meine Skitourenausrüstung mitbringen.

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