Bilder aus dem schweizerischen Nationalpark

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Bernhard Moser.

Gesetzgeber der Natur ist die Notwendigkeit, und obschon sie weder nach Zwecken noch Begriffen schafft, so scheint doch das Leben ihr einziger Zweck zu sein. Das sollte vor allem der Mensch bedenken, der mit Gewalt und Willkür in das Wunderwerk der Natur eingreifen kann, um sie scheinbar nach seinem Willen zu lenken; aber sie gehorcht nur sich selbst. Sich selbst überlassen, überschüttet sie uns mit ihrem unermesslichen Reichtum, beschränkt und vereinseitigt, verarmt sie an ihrem Überschwang und lässt die toten Hüllen in den Händen ihrer Schänder.

Der schweizerische Bund für Naturschutz hat im schweizerischen Nationalpark ein Werk geschaffen, das jeden Schweizer mit Stolz erfüllen muss, ein Werk, dem die moralische und finanzielle Unterstützung aller Volkskreise selbstverständliche Pflicht sein sollte, weil es für alle da ist, die sich nicht einbilden, Eigennutz ziehe allem andern vor, für alle, denen die unberührte Natur, die Natur in ihrer Freiheit, wenigstens in diesem Winkel, heilig ist! Der Weg dorthin ist weit, räumlich und geistig. Räumlich, weil der schweizerische Nationalpark in seinen schönsten Bezirken erwandert sein will, geistig, weil dieses Paradies der Pflanzen und Tiere uns zur Bescheidung zwingt, wenn wir die Verschwiegenheit seiner Täler, die Steilflanken seiner Weiden und die verwitterten Felsen seiner Grate nicht um ihr köstlichstes Gut berauben wollen: um seine in sich ruhende Vollendung.

Die einzig gültige Eintrittskarte in den schweizerischen Nationalpark ermöglichen dir aufgeschlossene Sinne und ein Naturempfinden, das den Mangel an Ortskenntnis durch angestrengteste Beobachtung aufzuwiegen vermag. Der Nationalpark ist kein zoologischer Garten, wo die Tiere auf dich warten oder zu warten scheinen. Mit Erdnüssen und gebratenen Kastanien lockst du in jenen Hochtälern keinen Schwanz vor deinen Feldstecher, noch wird es dir gelingen, in einem Tage alles das zu sehen, was andere aus jahrelanger Beobachtung zu erzählen wissen. Bevor du den Rucksack packst, packe Herz und Hirn. Das grundlegende Werk von S. Brunies « Der schweizerische Nationalpark » wird dir alles Wissenswerte auskramen — und du hast nachträglich nur noch eine Mühe, besser gesagt, das Vergnügen: Wissen in lebendige Anschauung umzuschauen. Die dem verdienstvollen Werke beigegebene Karte zeigt dir jede mögliche Wanderung auf, und mit einmal bist du droben und drin, wo jeder Schritt und jeder Tag dein Herz mit jener Sehnsucht beglücken, die meinen Freund Ernst Schwegler und mich in den letzten drei Jahren hinauflockte nach Alt Fry Rätien.

Dann gehörst du nicht zu jenen, die enttäuscht heimkommen, den Bergstock in die Ecke stellen und klagen: « Ich habe nichts gesehen! » Du gehörst aber auch nicht zu jenen andern, denen die Augenjagd nach Adlern und Steinböcken kaum Zeit lässt, sich auf die erhabene Natur zu besinnen, in der sie heimisch sind; nein, dein Erleben wird von dem Bewusstsein getragen, dass es dem Menschen nicht vergönnt ist, alles zu erleben, dass er aber in einem Erlebnis alles erleben kann! Mitten im Alltag wird es wieder einsam und reich um dich; deine Augen werden sich schliessen vor der Erinnerung an jene Täler und Höhen, wo der Atem Gottes deine Seele aufschloss, wo dein Herz mit der unberührten Natur zusammenklang wie reingestimmte Glocken. Dann weisst du auch, was der schweizerische Nationalpark für unser Volk zu bedeuten berufen ist; wenn du fühlst, was er dir geworden ist: der tägliche Mahnruf der Natur an den Menschen: « Sei mit Bewusstsein, was ich aus Notwendigkeit: frei durch Gesetz. Das ist das Geheimnis der Vollendung! » Zwei Freunde.

Der weiteste Weg zum Nationalpark war uns gerade recht; es ist jener von Klosters über den Jöriflesspass nach 7ernez. Man kennt ihn erst, wenn man die letzte Biegung der schönen Flüelastrasse in den Knochen hat — dann aber ganz!

Um 4 Uhr Tagwache. Es regnet. Blitze zucken und spalten den Nebel in Fetzen; der Donner grollt fast schläfrig. Es ist also nicht so schlimm. Wir gehen wieder in die Klappe. Um 5 Uhr bin ich wieder am Fenster. Es regnet! Dass doch gleich...! Was machen? Dableiben? Heimfahren? ( Das fehlte noch !) Los! Jawohl: für zwei Kerle wie wir war das noch immer das Allheilmittel gegen alle Verstimmungen. Das Wetter konnte doch nicht recht behalten.

Schwer bepackt nehmen wir den Weg unter die Füsse, der rauschenden Landquart entlang. Bald regnet 's, bald schont 's; was tut 's nun schon; wir marschieren dem Nationalpark zu, der irgendwo hinter diesen Bergen liegen soll, irgendwo. Ein regelrechter Wolkenbruch zwingt uns in einen Kuhstall, dort wo der Weg ins Tal der Vereina einbiegt. Weiter! Höher! Der Sonne entgegen. Um das Vereinaberghaus strahlt sie, trocknet uns, begeistert uns. Zwei Gläser Milch tun ein übriges. Weiter, der Sonne entgegen! Über sumpfige Alpweiden geht der Weg, dann über Stein, Geröll, Fels... endlos. Das Flüelaweisshorn firnt herunter; seine Flanke ist grau, der Gipfel raucht im Nebel. Ernst ist heute ein Schwarzseher; seine Vorhersagen zaubern Schlechtwetter an den Himmel. Sei's! Wir marschieren dem Nationalpark entgegen, der irgendwo hinter diesen Bergen liegen soll, irgendwo...

Die Rucksäcke wuchten, die Füsse werden eckig; keiner sagt ein Wort. Dafür umlärmen uns die Alpendohlen. Irgendwo donnert 's. Steinschlag? Lawinen? Nein, nein, es donnert! Passhöhe. Dreizehn Bergseelein entlang; sie haben eine gute Mutter: das Flüelaweisshorn. Das Mittagessen wird verschoben. Ernst ist unerbittlich. Und mir ist mit geschwefelten Aprikosen-schnitzen nicht mehr zu helfen! Der Nebel kriecht hinter uns her, langsam, langsamer noch als wir gehen. Ein Schlossensturm peitscht uns ins Gesicht, von der Silvretta her. Jetzt geht 's bergunter. Aus dem Gebrodel taucht eine Hütte, Weidglocken läuten; wir sind durch!

Nach dem Mittagessen geht 's besser, trotzdem die Füsse nicht mehr wollen. Sie müssen! Von den Bergen schiessen die Wildwasser; sie haben 's eilig wie wir. Alpenrosen tauchen aus dem Neuschnee, mit rotangelaufenen Gesichtern. Der Sternenenzian schliesst sich frierend zu Gruppen zusammen. Der Weg schämt sich seiner Holprigkeit — und führt durch einen Wildbach; auf uns nimmt er keine Rücksicht; wir halten Gegenrecht. Wer's länger aushält, der gewinnt... Und wir gewinnen. Der Regen zwingt uns unter die Felsen. Der Veltliner schmeckt trotzdem — und vor uns windet sich die breite Flüelastrasse hinunter, hinunter ins gelobte Land... ins Engadin! Landstrassen als Abschluss einer Wanderung sind für den Bergsteiger ungefähr was eine steile Einfahrt für die Tiere vor einem Erntewagen: wer 's hinter sich bringt, steht an der Krippe!

Selbst die Sonne hat ein Einsehen. Jeder Tanne steckt sie kristallne Lichter auf; die letzten Erdbeeren glühen aus dem regenfeuchten Grase, und drüben, weit im Süden, blauen die Berge auf, die ewigen Wächter des schweizerischen Nationalparks. Wer dem Dörfchen Süs seinen Namen gab, der kam wahrscheinlich von Klosters her über den Jöriflesspass!

Und dann trägt uns die Eisenbahn dem grünweiss schäumenden Inn entlang nach Zernez. Wir stehen an einem der Hauptportale zum Nationalpark... und morgen schon wird es aufgehen für uns zwei Freunde, die sich auf der schmalen Strasse zur Höhe erst ganz gefunden hatten und die sich halten werden für alle Zeit. Wo ist nun alle Müdigkeit, die schmerzenden Füsse, die Nässe, alles Unangenehme, wo? Verschwunden am Ziel! Durchs Fenster hören wir den Inn rauschen. Über den Bergen strahlen die Sterne. Dann ist Ruhe in der Welt, weil wir sie selbst gefunden haben.

Val Cluoza.

Über schimmernde Dächer Schwebt ein Schmetterling, Der im rauschenden Fächer Einer Lärche hing.

Aus den grauen Kaminen Pendelt Silberrauch; Hinter weissen Gardinen Schläft ein alter Brauch.

Märcheneinsam, verlassen Irrt ein Menschenkind Durch die friedlichen Gassen, Die voll Sonne sind.

So lebt Zernez das Leben eines Engadinerdorfes, still, zufrieden mit seiner Anspruchslosigkeit, inmitten seiner saftigen Matten, und diese umsäumt von Tannen- und Lärchenwäldern, die hoch an den Bergflanken hinaufklettern. Auf einer schmalen Holzbrücke überqueren wir den wilden Spöl — und sind endlich im schweizerischen Nationalpark, dem Wunschziel vieler Jahre. Die Sonne brennt unbarmherzig; aber bald überschatten uns die Riesenlärchen, denen die graugrünen Flechtenbärte das wunderliche Gepräge vorweltlicher Greise geben. In den sonnigen Wipfeln jubeln die Meisen. Ein Nusshäher krächzt im Hochwald. Sonst ist Ruhe hier, Einsamkeit. Der Weg windet sich steil bergan. Aus dem fernen Hintergrunde grüsst die Schneepyramide des Piz Linard. Der Wald wird locker, knorriger, lebenshungriger. Und plötzlich klafft die abgründige Spalte des Val Cluoza vor uns auf — das geschlossene Tal, dessen Schlüssel der Schöpfer verloren hat. Es ist ein tief-eingefressenes Hochtal, dessen schauerliche Wildheit gemildert wird durch das Graugrün des Bergwaldes. In seinem Dickicht wüten die Lawinen; der Wind nagt an seinen Stämmen oder dröhnt mit dem Steinschlag durchs Unterholz; aber der Wald hält, kämpft, siegt... und mit ihm das Leben. Unsern Weg umstehen Glockenblumen, Türkenbundlilien, der gelbe Enzian, Alpenrosen, Alpenakelei und der Waldstorchschnabel. Sie blühen und blühen in den Tag hinein und fürchten sich nicht... der Wald hält, kämpft, siegt. Die Legföhre windet sich um jeden Felsen, durch Runsen, Schluchten und Steilhänge; ihre Schlangenarme halten den Blütenteppich wie mit Zangen zur Freude Gottes und der Menschen. Nur die Zyklopen lassen sich das nicht gefallen: der Piz Diavel, Monte Serra und der schnee- und eisgepanzerte Piz Quatervals. Zu ihren Füssen ruhen ihre verderbendrohenden Waffen, Steine, Steine, graue Steine. Das unbewehrte Auge sucht vergebens Halt an ihren Wänden; sie übertrotzen die Einsamkeit des Tales durch ihre grau-tote Verlassenheit. Val Cluoza!

Auf ungefährer Höhe der Baumgrenze biegt der gut unterhaltene Weg fast eben in die linke Steilflanke des Tales ein und schlängelt sich gemütlich durch Runsen und Legföhren, bis er mit einem Kopfsprunge zeigt, was er kann, wenn die Not ihn zwingt. Auf der Alp Grass da Cluoza weidet eine Kuh; aus den Legföhren schaut ein Pferdekopf. Wem mögen diese Tiere gehören? Sollten in dieser Einöde Menschen hausen? Der Bach übertönt die Frage. Der Weg gewinnt über eine Brücke die rechte Talseite und windet sich durch Lärchen, Legföhren, Alpenwurz und Flechtenrosetten hinauf zur Cluozahütte. Eine Schweizerfahne flattert im Sommerwinde, ein Schäferhund bellt, ein Brunnen rauscht, und vor dem Blockhaus sitzt eine eisgraue Frau, eine Mutter... ein Mensch: Frau Langen, die Frau des Parkwächters. Gruss und Gegengruss; wir sind zu Hause!

Wenn's Abend wird...

Gemütlich schlendern wir ins Val Sassa. Die Flutwellen des Lichtes branden an den Wänden. Wolkenschatten blauen über die Grasbänder. Und immer rauscht der Bach. Ergriffen durchschreiten wir einen Urwald aus Arven, Birken, Legföhren, Lärchen und Unterholz. Hier soll der Hirsch hausen, das Reh, die Waldgemse... vielleicht der Bär. Stundenlang suchen wir mit dem Glase die Hänge ab; jeder will dem Freunde ein Wunder künden... das Wunder! Umsonst! Pan schläft immer noch... Und doch ist mir, als höre ich Tritte, brechende Zweige; mir ist, ich schaue in grosse, niegesehene, urwald-tiefe Augen; mich schaudert. Was mag das sein? Und immer rauscht der Bach. Wir kehren um, enttäuscht über unsern Instinkt, der uns gerade dorthin äugen liess, wo nichts zu sehen war. Ja — war denn das nichts: diese Natur in ihrer schauerlichen Ruhe? Warum fröstelt mich denn? Warum wagen wir denn kaum aufzutreten? Warum wissen wir nichts zu tun, als zu schauen und wieder zu schauen und noch einmal... stundenlang? Wir sind Natur geworden! Unsere Seele spricht. Verstand und Vernunft schweigen; hier sind sie betrogene Betrüger; aber die Seele jauchzt, sie ist zu Hause. Der Wind ist ihr Vertrauter und der Bach, die Wolken und das Flüstern des Grases... das Grauen der unendlichen Ruhe.

Aus der Lichtung schreitet ein Hirsch. Wo? Dort bei der Birke unterhalb der Grashalde. Noch einer! Und unten am Bache äst ein Reh! Und dort oben, was ist denn das? Die erste Gemse! Ein Einsiedlerbock. Siehst du? Ja! Der Wald wird lebendig... und wir schweigen... wenn 's Abend wird.

Vor der Hütte stehen Menschen, braune Gesellen, denen du bald vertraut wirst. Sie alle kommen von grosser Fahrt. Mitten unter ihnen ein knorriger Hüne: Langen, der Parkwächter. Ja, er ist 's! Den Jäger kündet der Blick, den Bergführer der Schritt. Seine Stimme klingt befehlend, sein Herz kennen wir nicht... noch nicht. Aus der Küche dampft der Appetit. Frau Langen kocht. Das Blockhaus wird gastlich und heimelig wie die vertraute Stube eines Bergfreundes... wenn 's Abend wird.

Das Fernrohr ist auf den Murtèrgrat gerichtet. Dort oben weiden die Grattiere; ihre Jungen führen sich auf, als wollten sie den Alten vormachen, wie man lustig ist... gemsenlustig. Doch die Alten weiden, schauen, weiden. Nur eine frisst nicht. Sie schaut hinunter ins Tal oder über die Gräte hinweg... alles ist Heimat! Sie hat Wache und behält sie, bis ihre Gefährten über den Grat hinüberwechseln und verschwinden. Dann steht sie auf; langsam, überlegen schreitet sie den Grat ab, und weg ist auch sie. Noch stehe ich am Fernrohr. Vielleicht sehe ich noch etwas... ja, zwei Sterne ziehen herauf... und dann die Nacht. In den Lärchen flüstert der Wind... und immer rauscht der Bach, der Brunnen, die Einsamkeit... Val Cluoza!

Die Tafelrunde.

Zwei Petrollampen erhellen den Raum. Um zwei Tische sitzen die Gäste. An den Wänden hangen Gletscherseile. In den Ecken stehen die Eispickel und die unförmigen, gewaltigen Rucksäcke. Wie mancher wäre nicht grösser als ein Ziegeneuter, wenn sein Träger vorher gewusst hätte, wie herrlich die Leckerbissen munden, die Frau Langen aufzutischen weiss. Wo sie das Zeug hernimmt, weiss nur sie; sie weiss, dass sie für die Gäste da ist. Auch ihr Mann weiss, was er sich und den braunen Gesellen seiner Besucher schuldig ist; deshalb macht er den Mundschenk. Der Veltliner ist hier Alleinherrscher! Dazu eine gemütliche Pfeife, eine schmackhafte Zigarette... und die Erzählungen von seltenen Fahrten, gewagten Pirschgängen: die Resultate einer vierundzwanzigjährigen Pflichterfüllung als Parkwächter und Bergführer. Ein Jass schlägt die Zeit tot, die sonst nur noch dem Veltliner gehörte; sie gehört ihm dennoch! Langsam leert sich die Stube. Die Müdigkeit umnebelt die Augen... Bald sind nur noch drei oder vier Unentwegte beisammen, und zu ihnen kommt der gute Geist der Cluozahütte: Frau Langen. Wer singen kann, ist ihr Freund. Langsam, feierlich erzählt sie aus ihrem Leben in dieser Einöde. Keine grossen Fahrten schmücken ihre Erinnerungen. Sie war da, sie musste da sein, sie wird da sein; solang der Brunnen vor der Hütte plätschert, erzählt er von einer Frau, die in seltener Pflichterfüllung ausharrte... Mehr weiss auch der Brunnen nicht, und nur die Silberkrone ihrer Haare wüsste vielleicht zu sagen, was ein junges Herz einmal träumte, was ein Mutterherz jetzt weiss und was es weiterträumt... nach Feierabend. Zwei Menschen lernen wir kennen, wenn wir ins Val Cluoza pilgern, sie allein wären es wert, dass wir mit Ehrfurcht und menschlichem Verstehen in dieses verwunschene Zauberreich der Natur eintretenzwei Menschen halber!

Weisst du noch, mein Freund, wie hell die Sterne funkelten, als wir vor die Hütte traten; weisst du noch, was der Wind durch die Lärchen sang, was der Brunnen rauschte und der Bach? Wer ausharrt bis ans Ende, dem wird die Krone des Lebens!

Alp Murtèr.

Vergissmeinnicht der Alp Murtèr, Ich kann euch nie vergessen! Wie lang, wie lange ist es her, Seit ich bei euch gesessen!

Ich warf mich an die Erde hin, Euch alle zu umfassen, Und mit der Liebe reinstem Sinn Hab'ich euch blühen lassen.

Was mir die Zeit noch geben mag: Mir muss doch alles frommen; Sie wiederholt nur jenen Tag, Im Gehen wie im Kommen.

Und wenn mein Herz in fremder Stadt Sein letztes Lied gesungen, Weil es halt keine Heimat hat, Bis es sich selbst bezwungen:

Dann will ich in die Berge gehn, Von einer Alp zur andern, Und meine Blumen wiedersehn... Und heimwärts, bergwärts wandern.

Zwischen dem Val Cluoza und dem Spöl steht der Piz Murtèr; irgendwo auf dieser Hochalp schlägt das Herz des schweizerischen Nationalparks, und wer es nicht schlagen hörte, der kennt eine der schönsten Variationen in der gewaltigen Orgelfuge der Natur nicht. Zwischen dem Piz Diavel und dem Piz Terza ruht dieser Alpengarten wie ein Paradies. Das Auge schweift mit dem Adler über Gipfel und Gräte, durch graue Täler, abgründige Schluchten...

und bleibt zuletzt vielleicht an einem Steinbrechpolster, an einer Trollblume oder an der reinen Glocke des rätischen Mohns bewundernd haften. Denn hier oben blüht es! Was der kurze Sommer zu schaffen vermag, das schafft er hier.

Den Aufstieg umblüht die Primula minor, die Alpenrose, die Türkenbundlilie, die Zwergheide... aber was sagen Namen, wo ein einziges Polster der Renntierflechte, wo ein einziges Feld von Eisenhut, Enzian oder Vergissmeinnicht zum Schweigen verurteilen. Wo das Edelweiss von allen Bändern sternt, wo die Hornveilchen aus der schwarzen Erde und der Steinbrech aus allen Ritzen schauen, da stehst du verträumt am Bergstock und kannst dich doch nicht sattsehen an all der Pracht... die den Gemsen, Adlern, Steinböcken, Murmeltieren, Schneefinken, Flühlerchen, Ringamseln gehört — es ist jetzt ihre ewige Heimat; du bist hier zu Gaste, vergiss das nie!

Nimm dir Zeit und setze dich in den Windschatten; aber nicht an einem heissen Nachmittag, sondern früh am Morgen oder beim Zunachten. Rufe dir in Erinnerung, dass dich hier oben niemand erwartet. Dann wirst du auf zehn Schritte die Murmeltiere und ihr possierliches Treiben sehen; du wirst auf zweihundert Gänge die Gemsrudel bewundern können; vielleicht erhebt sich in deiner Nähe ein Schneefinkenschwarm; vielleicht foselt ein Schneehuhn hinter einem Block hervor; aber wie gesagt: an einem Tage wird es auch dir nicht gelingen, alles zu sehen. Besonders dann nicht, wenn deine Augen schon an den Steilwänden des Piz Diavel nach Steinböcken suchen, bevor du den Einsiedlerbock gesehen hast, der zehn Meter vor dir äst! Oder wenn dein Herz schon weit, weit weg ist, wenn um dich die hundert Blumenwunder blühen, die auch bei regnerischem Wetter deine Pilgerfahrt in den Nationalpark belohnen möchten! Versenke dich in diese Landschaft wie in den Anblick eines schönen Gemäldes, und du musst staunen, was für eine himmlische Ruhe über dich kommt und was für eine Sehnsucht du mit nach Hause trägst, ohne dass dein Hut ein einziges Edelweiss schmückt. Was dich beglückt, ist das Wissen um die Schönheit dieser unberührten Natur in deinem lieben Vaterlande; was dich erhebt, ist die Tat deines Volkes, das hier sich in einem Werk zusammenfand, das den spätesten Geschlechtern erzählen wird, wie reingestimmt die Seelen ihrer Vorväter der Natur noch verbunden waren. Dann wirst du hinüberstaunen zur Fuorcla Val Sassa und ostwärts zu den Gipfeln der Ofenbergkette, und alles wird auch dir gehören, dem freien Schweizer im freien Land, dem naturbeglückten Verehrer und gläubigen Mitverantworter um diesen Fleck heiliger Erde. Darum will ich dich nicht belehren, lieber Bergkamerad, sondern begeistern! Darum rede ich nicht von waghalsigen Klettereien, sondern von Wanderungen, die du mit deiner Familie ohne Gefahr durchstehen kannst. Begeistert sollst du hier heraufkommen und beglückt wie wir in den grauen Alltag zurückkehren.

Furcletta della Val del Botsch.

Auf der Ofenbergstrasse steht das Hotel Il Fuorn; wer die alltägliche Bequemlichkeit selbst im Nationalpark nicht missen möchte, der wähle dieses gutgeführte Haus zu seinem Standquartier und mache von hier aus seine Wanderungen. Mein Freund und ich verbrachten hier nur eine Nacht...

eine wunderschöne Nacht! Fast leichtsinnig feierten wir Ankunft und Abschied, wie wir 's in den Bergen lieben. Der andere Morgen sah uns früh von der Ofenbergstrasse links ins Val del Botsch einbiegen. Die Wanderung durch den taufrischen Bergföhrenwald gehört zum Köstlichsten, was ein sang- und bergfrohes Gemüt erleben kann. Ja, hier wandert man mit Gemüt! Der Frühaufsteher geniesst auch hier den Vorteil, das Wild ungestört belauschen zu können. Aus dem Talhintergrund gewinnt der Pfad rasch an Höhe und leitet dann unter den Abstürzen wind- und wetterzerfressener Grate zur Passhöhe hinauf. Der Wind weht scharf. Trotzdem: ich liebe diese Passhöhen... es sind versteinerte Entschlüsse der Natur. Hier sehen wir in die Werkstatt der Meisterin; hier oben überblicken wir ihr Werk. Und was für ein Werk! Gigantisch türmte sie Gipfel über Gipfel, ein grosses Amphitheater für Riesen. Wir Menschen sind nur zum Sehen geboren... die Natur schaut Werke!

Wer den ganzen Nationalpark von Scanfs bis hieher durchwandert hat, den überfällt das Heimweh; es ist doch ein Abschiednehmen, vielleicht für immer. Hinauf, hinab... und zuletzt doch hinunter... unser aller Schicksal: das wühlt in dir. Und doch quält es dich nicht! Du bist wieder mit der Natur eins geworden im ewigen Wechsel des Lebens... und zwischen Geburt und Tod erklimmst du immer wieder die Passhöhe der Vollendung...

Wir schauten noch einmal hinüber, weit hinüber zu den Eisriesen des Oberengadins... Piz Bernina! Mehr weiss ich nicht mehr. Durchs liebliche Val Mingèr erreichten wir am Abend todmüde den heimeligen Flecken Schuls.

Helden.

Im Nationalpark, wo auch der schönste Arvenstamm erst fällt, wenn 's Gott gefällt, hier lerne sie bewundern, die Vorposten des Waldes in der Kampfzone, die Pioniere des Lebens, die kämpfenden, siegenden und sterbenden Helden der Höhe. Sie möchten stehen, wo sie wollten: der Tod findet sie überall. Von den Flühen reisst sie der Sturm; unter den Wänden zerschlägt sie die Lawine; in den Runsen knickt sie der Wildbach; am Grate vernichtet sie der Blitz — und überall schält sie der Frost bis aufs Mark.

Aber sie stehen! Mit zerschlagenen Wipfeln, aufgerissenen Stämmen, flechtenumstrickten Ästen ragen sie bergwärts, himmelwärts. Sie fragen nach keinem Warum, und kein Zweckbegriff vermag sie zu verzwergen. Vielleicht wird der Blitz sie wie eine Fackel in den Abgrund werfen, mag er: heute stehen sie noch! Vielleicht wird ein Adler den letzten Ast in seinen Horst tragen, mag er: es muss wieder Frühling werden! Vielleicht, vielleicht... das gibt 's nicht für sie; sie kennen nur die Pflicht, für ihre Brüder zu stehen und zu sterben. Gespensterhaft ragen sie aus dem Nebel. Sie stehen schon über dem Leben, in der Höhensonne selbstvergessner Versunkenheit; nur ihre Wurzeln klammern sich noch an ihre Heimat, an diesen traurigen Flecken Erde, auf dem sie geboren wurden, um einsam zu leben, zu leiden, zu sterben.

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