Brockengespenst

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I

Es war ein Frühherbstmorgen von herrlicher Klarheit. Kalt und scharf stach die packende Silhouette des Finsteraarhorns in einen meergrünen Morgenhimmel. In jauchzender Freude stiegen wir drei Bergfreunde wie auf einer Himmelsleiter dem Rottalsattel entgegen, in übermütigem Wettstreit mit der im Osten allmählich sich ankündigenden Sonne. Wir waren weit und breit allein.

Sieghaft sprühend durchstiess das Tagesgestirn den gezackten Horizont, eine Minute bevor ich als erster keuchend über die Satteigwächte turnte. Freudig gespannt erwartete ich die Fernsicht nach Westen. Da! Was sah ichIm freien Raum, übermächtig gross vor mir schwebend, dunkel und gespenstisch«Schnell, schnell! » schrie ich hinab und zerrte die verwunderten Freunde am Seil empor. « Das Brockengespenst! » Jetzt waren beide auch oben, sahen es, standen gebannt und fanden keine Worte. Ein eisiger Wind blies aus dem Rottal feine Nebelfetzen herauf, welche sich auf der Höhe unseres Joches zu dünnen, rosafarbenen Schleiern zusammenschlössen und, von der Sonne fortwährend aufgelöst, aus der düsteren Tiefe aufsteigend, ebenso stetig neu gebildet wurden. Und auf diesen Nebelschleier projiziert schwebte weit draussen über der gähnenden Leere mein eigener Schatten, von einem strahlend hellen, irisierenden Lichthof umkränzt, ins Ungeheure vergrössert, ins Gespenstische verzerrt, mit endlos verlängerten Gliedern, jede meiner Bewegungen starr nachahmend und ins Abenteuerliche steigernd. Jeder von uns dreien war mit seinem eigenen geisterhaften Schattenbild beschäftigt; das Seltsamste geschah aber erst, als wir nahe zusammenrückten: denn plötzlich umfasste ein einziger, grosser, hell flimmernder Regenbogen unsere drei, nun zu Zwergen zusammengeschrumpften Abbilder. Als kritische junge Leute wussten wir das grossartige Phänomen zu deuten und nahmen das seltene, eindrucksvolle Erlebnis mit Stolz und Freude in uns auf.

Die Nebelschleier vor uns wogten auf und nieder, wallten bald näher zu uns, bald von uns weg — und entsprechend schwankte auch das bizarre Gespenst unbeholfen hin und her, bald klein und fern, bald erdrückend gross und nahe. Wir neckten es, unser schattenhaftes Zerrbild da draussen über dem Abgrund, durch vielerlei Gebärden und komische Gesten, aber getreulich ahmte es alles nach, geisterhaft und lautlos, mechanisch und grotesk. Schon fast vertraut waren uns unsere koboldhaften Schatten-geister mit ihren Heiligenscheinen um die verschwommenen Köpfe geworden. Doch immer matter leuchtete der glitzernde « Halo », und mit leisem Bedauern sah ich meinen Schattenriesen, zum letztenmal mit seinen langen Armen wie mit Windmühleflügeln wild ringend und hilflos gestikulierend, rettungslos im Nichts zerfliessen... Denn die wärmende Sonne hatte allmählich auch die letzten schüchternen Nebelflocken aufzulösen vermocht.

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