Bündner Kletterfahrt

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Mit 2 Bildern ( 121, 122).Von Toni E. Müller

( Bern, Sektionen St. Gallen und Bern ).

Torwache 3188 m.

Auch dieser Berg ist ein Unbekannter, steht doch neben ihm einer der rassigsten und bekanntesten Gipfel der ganzen Gruppe: das Verstanklahorn. Seine Form — vom Silvrettagletscher aus gesehen — ist frappierend ähnlich derjenigen des Verstanklahorns, nur ist sein Gipfel gute hundert Meter niedriger, deshalb ist es menschlich begreiflich, dass alle Besucher ihr Augenmerk der Verstankla zuwenden. Und trotzdem will ich von diesem Wächter des Verstanklatores plaudern, diesem selten besuchten Berg.

Gleich der Beginn dieser Fahrt zeigte Aussergewöhnliches. Samstag mittag sieht das Wetter schlecht aus, dazu eine ungünstige Wettervorhersage ( das gab es damals noch !), so dass uns ein Verschieben der Tour nicht schwer fällt. So bummle ich denn zum Tennisplatz hinauf anstatt unter schwerer Rucksacklast irgendwo der Höhe zuzustreben. Ich bin aber noch nicht auf dem Spielplatz, da geschieht das Wunder, das Wunder, das eben nur der Föhn fertig bringen kann. Innert einer halben Stunde fegt er den ganzen Himmel sauber, und strahlend steht die Nachmittagssonne über der in der Tiefe liegenden Gallusstadt. Da regt sich aber sofort der Bergdrang wieder in mir, die Berge, der Fels lockt mit aller Macht. Gleich verschwinde ich in der nächsten Telephonzelle und lasse mich durch den Draht mit meinem Seilgefährten Turi Sturzenegger in Trogen verbinden. Sofort sind wir uns einig: Startenl Wenn der Föhn anhält, kann uns ein Glanztag bevorstehen; doch jetzt heisst es pressieren.

Um 18 Uhr — einer wirklich fast unmöglichen Zeit, um noch in die Silvretta zu gelangen — starten wir mit unserm braven Motorrad. Turi weiss, um was es geht, die Zeit ist kostbar. Der Geschwindigkeitsmesser springt denn auch rasch aufwärts, 80, 90, 100 Kilometer zeigt die zitternde Nadel an. So rasen wir durchs Appenzellerländli, über den Stoss hinunter ins flache Rheintal, wo uns nichts mehr halten kann. Dörfer, Wälder, Leitungsmasten, alles flitzt vorbei, tief gebückt kauern wir — mit den gewichtigen Rucksäcken am Rücken — auf der rasend gewordenen Maschine, keine Zeit findend, die herrliche Abendstimmung zu geniessen, wie wir es uns sonst auf unsern Fahrten gewohnt sind. Schon jagt das heulende Stahlross hinein ins Prättigau, wo die nahen Felswände das Gedröhne des Motors donnernd zurückwerfen. Immer wieder muss ich staunen ob diesem Wunderding « Maschine », die mit einer Selbstverständlichkeit und mit einem Gleichmass die ihr gestellte Aufgabe bemeistert, mit einer Präzision, wie es eben nur einer Maschine möglich sein kann.

Um 20 Uhr können wir unsern braven Helfer im Gasthaus in Mombiel hinter Klosters einstellen zur wohlverdienten Ruhe. Uns aber steht noch ein längerer Nachtmarsch bevor. Das Tempo der hinter uns liegenden Fahrt scheint ansteckend gewirkt zu haben, denn die Beine schlagen gleich eine BÜNDNER KLETTERFAHRT.

scharfe Gangart an. Nun haben wir Zeit zum Erzählen, zum Plaudern von vielen Dingen, die Bergsteiger interessieren können, gar oft schon sind wir beim Philosophieren gelandet! Viele Leute — Aussenstehende — glauben gar oft, dass so ein leidenschaftlicher Kletterer für nichts anderes Interesse zeige als für seine Berge. Weit gefehlt! Alle Menschen, die stark naturverbunden sind, werden mit den Jahren ruhiger, in sich gekehrter, verschlossener, dies mag zum oben genannten Trugschluss verleiten. Doch gerade die Hüttenanstiege sind es, die die Zunge lösen, die das Wort geläufiger aus dem Munde fliessen lassen, und gar noch bei Nacht. Da werden Themen behandelt, ob denen mancher Aussenstehende überrascht wäre, könnte er solche Diskurse und Dispute unbemerkt belauschen. Dabei haben diese Diskussionen das Gute: sie bringen die Kameraden auch geistig einander näher; wir sollen nicht nur am Seil eine gut eingespielte Gemeinschaft bilden, sondern auch in geistiger Hinsicht harmonieren. So schreiten wir dem rauschenden Bergbach entlang, durch die feierliche Stille finsterer Walddome, über offene Alpweiden, unbewusst Kilometer um Kilometer zurücklegend. Selten ist mir ein Hüttenaufstieg langweilig geworden, Abstiege dagegen schon oft. Doch dies lässt sich leicht erklären: solange wir im Anstieg sind, liegt die grosse Spannung des Unbekannten über ins ( und jede Bergfahrt ruft in uns eine seelische Spannung hervor ), die aber sofort verschwindet, sobald das Ziel erreicht, die gestellte Aufgabe gelöst ist. Die Spannung aber hält den Geist frisch und unternehmend.

Schon liegt die einsame Alp Sardasca vor uns, deren Hütten eben vom weichen Lichte des aufgehenden Mondes überflutet werden. Hie und da schlägt eine vereinzelte Kuhglocke an, sonst ist in dieser einsamen, zeitlosen Nacht nichts zu hören als das Kratzen der Tricouni auf dem steinübersäten Pfad. Es ist halb 12 Uhr, wie wir in die noch hell erleuchtete Gaststube unseres Silvrettahauses treten, somit brauchten wir für den Aufstieg nicht einmal ganz drei Stunden! Dafür sind wir beide ganz kaputt von dieser Hetzjagd und verschwinden bald in unserm Zimmer.

Mir ist, ich sei erst unter die Bettdecke gekrochen, als wir schon wieder geweckt werden, es ist 2 Uhr! Zum Glück bleibt es ein blinder Alarm, denn vor dem Fenster plätschert eben ein ausgiebiger Regen herab. Ich sage « zum Glück », denn, wenn ich ehrlich sein will, im gegenwärtigen Moment pfeife ich auf alles, was mit Bergsteigen etwas zu tun hat. Mit Wohlbehagen suche ich so rasch als möglich den Anschluss an das verlassene Traumland zu erhaschen.

Um ein Viertel vor Uhr treten wir endlich in die ungemütlich warme und nasse Landschaft hinaus, viel zu spät für die vorgesehene grosse Fahrt. Zwischen Geröllblöcken torkeln unsere Füsse hin und her, schlaftrunken, wie wir noch sind, wird auch schon bald der Pfad, der zum Gletscher hinaufführt, verfehlt. Es braucht allen Willen, um überhaupt vorwärts zu gehen, denn die Müdigkeit liegt uns noch schwer in den Gliedern. Durch den aufgeweichten Firn zieht sich die Aufstiegsspur mühsam zum P. 2812 östlich der Krämerköpfe hinauf. Da dringen vereinzelte Sonnenstrahlen durch das sich lichtende Gewölk, noch einmal scheint der Föhn Meister zu werden. Mächtig recken sich vor uns die dunklen Felswände der Torwache und des Verstanklahorns aus dem weissen Strom des Gletschers gegen den Himmel, beide zeigen von hier aus ihre schönste, aber auch abweisendste Seite. Ohne Aufenthalt steigen wir zum Verstanklagletscher hinab, steigen zum Verstanklator hinauf und weiter in weitem Weg zum Südostgrat unseres Berges. Was war nun eigentlich unser Ziel? Kein Geringeres als die Traversierung der Torwache ( Südostgrat-Westgrat ) und des Verstanklahorns ( Nordostgrat-Südwestgrat ) mit Abstieg ins Vernelatal. So wie die Verhältnisse lagen, wäre es nun taktisch richtiger gewesen, den kürzern und einfachem Aufstieg über die Nordflanke zum Gipfel der Torwache zu wählen, um die verlorene Zeit einzuholen. Doch wir beide sind nicht für Auskneifen, unsere harten Schädel geben uns dies nicht zu. Entweder gelingt uns der vorgesehene Aufstieg, oder es gibt einen Versager.

Ohne viel Zeit zu verlieren, vertauschen wir die Schuhe mit den Kletterfinken, belasten mit den ersteren unsere sonst schon viel zu schweren Rucksäcke. Nun gilt es, die Gratschneide zu erreichen. Turi geht los, doch er ist noch nicht die ganze Seillänge ausgeklettert, hat er sich schon verhauen. Das geht gut an! Er probiert an einer andern Stelle, aber auch hier müssen wir wieder zurück und ausweichen, bis endlich über die grifflosen Platten die Gratschneide unser ist. Die folgende Kletterei über die prächtigen Gneisblöcke und Platten, immer der Gratkante nach, ist spannend und abwechslungsreich, doch behindern uns die schweren Säcke. Seillänge um Seillänge geht 's hinauf zum östlichen Vorgipfel. Hier muss in die stark abschüssige Südflanke traversiert werden. Die zuerst noch gut gestuften Felsen gehen in Platten über, nirgends scheint uns der im Führer beschriebene Aufstieg zum Grat möglich. Immer weiter geraten wir in die exponierte Flanke hinaus, nur ein schmaler Riss bietet den Kletterfinken kleinen Halt. Alle Seilsicherung ist längstens illusorisch geworden. Wie von allen guten Geistern verlassen stehen wir zwei in dem schmalen Felsenriss; unter uns die überhängende Wand zum Vadret da las Maisas hinab, ob uns nichts als glatte Plattenschüsse. Wir sehen ein, dass wir viel zu weit hinaus traversiert hatten. Bergsteigen ist ja nicht nur körperliche Betätigung, Überwindung der Masse « Fels », sondern unser Geist soll mitspielen, soll den Anforderungen gewachsen sein, den günstigsten Weg zu finden. Bei uns fehlt dieser Spürsinn heute gänzlich. Entweder hat uns der gestrige Schlauch so zugesetzt, oder wir sind einfach nicht im Schuss, auf jeden Fall ist unsere Laune gar nicht mehr rosig. Allmählich wird es uns klar, dass uns der heutige Tag eine Niederlage bringt. Sind wir dem Berg vielleicht mit zu wenig Ehrfurcht entgegengetreten? Das Hauptziel war ja die Verstankla; um diese Aufgabe aber zu erschweren, wollten wir ja noch die Torwache « mitnehmen ». Und nun? Nun heisst es froh sein, wenn überhaupt der Gipfel der Torwache erreicht wird. Vorsichtig schleichen wir zurück, und dann heisst die Losung: Hinauf! Ein vertikaler Spaltenriss muss uns hinaufhelfen. Den rechten Arm und das rechte Bein in diesen Riss verkeilt schafft sich Turi Meter um Meter höher hinauf, bis ein Block sich ihm in den Weg stellt. Doch mit aller Wut geht er dahinter und überwältigt ihn auch im ersten Ansturm. Bald stehen wir wieder beisammen, keuchend und schnaufend ob dieser Schinderei, doch vor uns liegt nun wieder gestufter Fels, und gleich ist die Gratkante wieder erklettert.

Der nun folgende Teil ist weniger schön. Einigen Türmen muss in die Nordflanke ausgewichen werden, die im Gegensatz zur südlichen nur aus losen Blöcken zu bestehen scheint. Um 11.10 Uhr ist die Spitze erreicht. Keine Freude überkommt uns diesmal, gar hochmütig schaut der Gipfel der Verstankla auf uns zwei kleine Menschlein herab und lässt uns unsere Niederlage erst recht bewusst werden. Doch die Zeit ist zu weit vorgeschritten, schweren Herzens müssen wir den Plan aufgeben. Immer wieder schweifen unsere Blicke zum rassigen Nordostgrat hinüber, der uns keine Ruhe lässt. Langt die Zeit nicht mehr zur Ersteigung, wollen wir ihn wenigstens aus der Nähe anschauen. Nach längerer Rast klettern wir fast bis zum Verstanklasattel hinunter. Gewaltig ist der Eindruck des Grates aus der Nähe, er scheint kaum erkletterbar zu sein. Gigantisch türmen sich die glatten Platten aus Granitgneis über uns in die Höhe, doch lassen wir uns durch die perspektivische Verkürzung nicht täuschen, im Gegenteil; der Wunsch, hier hinaufzuklettern, wird nur noch kräftiger in unserm Innersten verankert.

Da wir ohne Steigeisen sind, kommt der Abstieg vom Sattel über den vereisten Hang für uns nicht in Frage. Wir klettern den Westgrat wieder hinauf, bis ein uns günstig scheinender Einstieg in die Nordwand entdeckt wird. Die nun folgende Kletterei durch diese Bergflanke war eine ungeheure Nervenprobe. Mit unendlicher Vorsicht müssen wir uns über die losen Blöcke hinablassen, uns zwischen ihnen durchwinden, immer darnach trachtend, ja keinen in Bewegung zu bringen. Alles, was man anpackt, ist lose. So ein grosser Block reisst trotz aller Vorsicht Turi gleich den ganzen Daumennagel weg, so dass wir in der steilen Wand mit der Apotheke hantieren müssen. Die durch den grossen Schmerz aufgetretene Schwäche verliert sich zum Glück bald, so dass der Abstieg fortgesetzt werden kann. Wenigstens einmal haben wir heute Glück; der Ausstieg aus der Felsflanke auf den sehr steilen Firneis-hang gelingt uns ohne grosse Manöver. Vorsichtig — Gesicht gegen den Hang — schlage ich mit den Fußspitzen kleine Kerben in die dünne eisige Firnauflage. Unter gegenseitiger Sicherung kommen wir so Seillänge um Seillänge hinab. Sobald die Steilheit abnimmt, fahren wir ab, und im Schwung setzen wir über den hier nicht breiten Bergschrund.

Da stehen wir nun unten auf dem Gletscher, schauen hinauf in diese eklige Bergflanke, die uns so in Atem gehalten. Nun aber rasch zum Silvrettagletscher hinauf, das Wetter verschlechtert sich mit Geschwindigkeit, unheimlich schwarze Wolkenschiffe segeln aus dem Westen daher. Bei den Krämerköpfen zum letztenmal einen Blick auf unsere beiden Berg«;, in dieser dräuenden Gewitterstimmung wirken sie noch abweisender, und doch, wir kommen wieder!

Nur ein Laufschritt kann uns vor dem Regen retten. Mit den ersten fallenden Tropfen erreichen wir keuchend das Silvrettahaus, und schon geht der Tanz los. Ein wuchtiges Hoctigefoirgsgewitter fegt über die Gegend, es dröhnt und kracht in den nahen Felswänden ohne Unterbruch, die tiefe Schwärze wird ununterbrochen erhellt durch die aufzuckenden Blitze.

Zum Glück zieht das Unwetter so rasch vorüber, wie es gekommen. Die Zeit drängt, denn noch weit ist der Weg nach St. Gallen. Kaum sind die letzten Tropfen gefallen, stürmen wir hinaus in die triefende Landschaft und hinab Klosters zu. Meistens traben wir stillschweigend nebeneinander im scharfen Tempo talaus, öfters aber lässt der eine oder der andere seiner Unzufriedenheit freien Lauf, schimpft in allen Tönen über die Sommerberg-steigerei und hält ein Kurzreferat über den Wert solcher Strassen- und Gletschersteisse. Aber wir Jungen sind halt verwöhnt durch die Ski; mühelos und freudetrunken sausen wir mit unsern Brettli im Frühling von den höchsten Viertausendern hinab, Abfahrt bedeutet uns Erholung und Freude und verleiht der Bergfahrt oft erst den würdigen Abschluss.

In zwei Stunden ist Mombiel erreicht. Nach kurzer Rast klettern wir auf das Motorrad, und weiter geht die Fahrt. Kaum ist Klosters hinter uns, geht schon wieder ein Gewitter nieder. Mit Klatschen und Spritzen, mit Heulen und Dröhnen rasen wir die einsame Strasse durch das neblige Prättigau hinab. Im Rheintal erwischt uns das dritte Gewitter. Die Zeltsäcke werden übergestülpt, und wie ein Gespenst jagen wir durch die schon im tiefen Schlaf liegenden Ortschaften. Immer wieder nicke ich ein, bis mein Kopf hart auf Turis Rucksack aufschlägt, mit aller Macht und allen Mitteln muss ich mich wach halten, um nicht plötzlich herunterzufliegen. Diese Nachtfahrt vergisst keiner von uns!

Um Mitternacht ist die Gallusstadt erreicht, kurz drücken wir uns die Hände, und schon heult der Motor wieder auf, um meinen Gefährten nach Trogen zu bringen, während ich schlaftrunken und total kaputt mit stolpernden Schritten durch die dunklen Gassen heimzu wandle.

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