Cadini di Misurina

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Von Robert F. Streift Mit 3 Bildern ( 46—48Schwanden )

Wer immer aus der Gegend der Drei Zinnen von Lavaredo zu diesem Zackenwald im Süden hinüberblickt, kann ihn nicht genug bewundern — aber selten wird aus der Begeisterung ein Besuch.

Die Cadini sind ein verwickeltes Gebirge; selbst wenn man glaubt, vermittels der Karte eine genaue Vorstellung davon zu besitzen ( die mit der Formel eines von Südwest nach Nordost verlaufenden Hauptkammes und beidseitig im rechten Winkel abzweigenden, zueinander parallel verlaufenden Seitenketten nur unvollkommen beschrieben ist ), fällt es in der Wirklichkeit oft schwer, die geographische Identität der wild wechselnden An- und Ausblicke festzustellen.

Man versteht den Aufbau der Gruppe leichter, wenn man sich an die kesselartigen Gerölltäler hält, die noch heute als touristischer Einteilungsgrund für das Gebiet gelten. Was urweltlich kühn gezackt und getürmt daneben, davor und dahinter steht, mutet lange nur als unsinnig hohe Mauer an, welche jene verlorenen Gründe noch verschlossener und auswegloser macht. Cadin ist vorab das Kar, danach im allgemeinen auch die Berge benannt wurden, soweit sie nicht zu einer selbständigeren Bezeichnung kamen wie Diavolo, Gobbo, Bisce — Teufel, Krüppel, Schlangen, gern etwas düster Drohendes!

Es gilt hier keine Ersteigungsgeschichte des Cadingebietes zu schreiben, obschon die Personen dieser Geschichte wirkungsvoll auftreten könnten.

Zum guten Teil sind sie in den Berggipfeln selbst verewigt. Freilich gehört die Ehre der höchsten Erhebung der himmlischen Nachbarschaft zu: der Hauptgipfel ( 2839 m ) ist fromm dem hl. Lucanus geweiht. Aber gleich folgen in einer nur zwei Meter niedrigeren Spitze — Cima Eötvös — die ungarischen Baronessen Ilona und Rolanda, die sich schon vor einem halben Jahrhundert in diesen « abgeschlossenen Welten, unermesslich öde, wild und einsam » zu Hause fühlten. So umschrieb nämlich die Cadini der alte General Theodor Wundt, der auch ( nach schrittweise erfüllten Aspirationen ) einen ordonnanz-mässigen Gipfel errang, wobei der kleine Popena, wie die Torre Wundt im unbestiegenen Zustand hiess, zum Steinmann den neuen Namen kriegte.Viele klingende Namen leben in diesen Bergen weiter; zuletzt haben wir in stolzer Bescheidenheit noch eine « Guglia degli Svizzeri » in die Ehrenreihe gestellt.

Es bleibt eine privilegierte Sympathie, die dieses Gebirge auslöst und unterhält: wie kaum eine Gruppe im Alpengebiet vom Strom der Bergfahrer umspült, aber nicht eigentlich berührt, haben die Cadini gerade die « erste Garnitur » aus der alpinistischen Marschordnung gelockt, im wahren Sinne abseits. Auch keine andere Gruppe weist, im Verhältnis zur flächenmässigen Ausdehnung, so viele Gipfel auf. Und Wege zählt man hier von Casara, Cassin, Comici und weiter im Alphabet; den Rekord mit sechsundvierzig eigenen Routen hält Piero Mazzorana.

I. An seinem Seil tat ich die ersten Griffe am Cadinfels, auf der direkten Westwandroute von Comici der Punta Col di Varda. Es war erst eine flüchtige Berührung. Die Punta ist das südwestlichste Vorwerk der Cadin-Zitadelle, noch völlig im Blickfeld der Strasse und des Hotelorts Misurina. Seit einem Jahr kann man sie auch einen « bequemen » Berg nennen, da ein neuer Sessellift nahe an den Einstieg führt. Aber damit ist die motorische Erschliessung des Gebietes wohl für Zeiten besorgt — bloss einzelne Ausläufer gegen die Zivilisation ( fast hätte ich « Überläufer » geschrieben ) machen es dem Besucher so leicht; weiter innen fehlen Herd und Dach.

Unsere Tour war auch zeitlich nur ein Versuchsstück: wir mussten zum Mittagessen in Misurina zurück sein und allzu rasch in Cortina, am Falzàrego, auf Pordoi, dem Karerpass und ( immer noch am selben Tag ) an der Kölnerhütte hinterm Rosengarten. Eine aktivistische Art der Bergbegeisterung! Aber wird Bergsteigen je anderes sein als eine Kurve zwischen den Koordinaten « Tat und Traum » ( O. E. Meyer )? So ungestüm man oft die eine anstrebt, so unversehens hat uns schon die andere abgelenkt. Gerade die Dolomiten sind — bei aller sachlichen Genauigkeit gegenüber dem einzelnen Problem, einem bisweilen fast wissenschaftlich errechneten Einsatz von Kraft und Mittel — als Ganzes ein Gebirge des Traums und Gefühls geblieben. Wieviel unmittelbares Erlebnis durchbrach im besonderen schon ein starres Programm! Dass man plötzlich eine Schattenwiese zuträglicher fand als den Hüttensteig in der Sonne, ein Gespräch mit jenem scheuen Mädchen wichtiger als den ganzen bergsteigerischen Ehrgeiz, war keineswegs Untreue gegen den Grundsatz, sondern dessen Vollendung in lebendiger Vielfalt. Das bezieht sich weder auf ein Gebirge im engern oder weitern, sondern auf den Menschen selbst, den man in sich sucht und findet...

II. Für den Sommer 1948 war ( nach ziemlich verregneten Ferien ) wenig mehr von dieser Gegend zu erwarten. Aber Mitte August liess sich unverhofft eine Rückreise aus Italien über die Dolomitenpässe umleiten; noch unerwarteter wurde auch im Misurina-Hotel ein Zimmer frei, Samstag abend vor Ferragosto, wo ganz Italien unterwegs ist!

Am Sonntag war der Himmel wie mit königsblauer Seide bespannt — etwas überprall, so dass tausend feinweisse Risse zu entstehen schienen. Ich habe nie solche als Wolken kaum wahrnehmbare, wie gesponnenes Glas durch den Luftraum gezogene Zirren gesehen. Wir waren in die Via Mazzorana der Torre Wundt eingestiegen. Im verlassenen Kar, senkrecht unter uns, blökte eine zusammengedrängte Schafherde; durch eigenartige Schallüberschnei-dungen im Zirkus der Steilwände wuchs der Lärm der Tiere zu etwas unheimlich Fremdem, fast Grauenvollem an. Die Route ist vorzüglich; vertikaler, gut zu bewältigender vierter Grad. Unsere Kameradin fühlte sich nach der zweiten Seillänge plötzlich übel und beschloss, gut gesichert auf dem Sitzplatz der Wand zurückzubleiben. Piero und ich waren bereits die Seillänge vorausgeklettert, über die Schlüsselstelle hinauf, und mussten weiter bis zur Spitze. Hier zurück abzuseilen erlaubte der Seilvorrat nicht ohne weiteres, aber beim Abstieg auf der Normalroute war es leicht möglich, nochmals den untern Wandviertel hochzukommen und gemeinsam abzuseilen.

Sehr eilig und schweigsam stiegen wir von Stand zu Stand, im paradoxen Bemühen, möglichst rasch wieder unten zu sein. Das Blöken der Schafe verstärkte und verzerrte sich noch, je höher wir kamen. Ein zerborstenes Känt-chen nach der harten Wand kündet endlich den Gipfel an, nach Norden wird mit einemmal ein Ausblick frei, den die Drei Zinnen sofort verstellen. In östlicher Tiefe schweigt eine geheimnisvolle Welt, wie im Moment wildesten Zerfalls stillgestanden. Auch kein Ton mehr von Schafgeblöke. Nur aus der andern Welt, wo die Zinnenburgen stehen, hört man ein Auto zum Rifugio keuchen. Die feinen Wolkenfasern müssen zu grauen Tauen gewachsen sein, als ein grobes Netz über den immer noch königsblauen Himmel geknüpft. Einer von uns gräbt in den Taschen nach einem Bleistift und trägt ein... zehnte Begehung immerhin... der andere legt einen Abseilring zurecht. Auf dem Weg des Herrn von Wundt machen wir das Seil zusammen und fahren im Schutt zur Tiefe. Holen dann unsere Kameradin, die nichts dagegen hat, als sie am Doppelseil von ihrem Balkon herunter darf, nach einem gründlichen Einsamkeitserlebnis.

Das Wetter hielt nochmals einen Vormittag, den man zugeben musste. Keine zwei Stunden hatten wir für die Kleinste Zinne gebraucht, nun schauten wir von diesem exklusivsten Zinnengipfel zu den Cadini hinüber. Ein unruhiger Nebelsee brandete in die Täler hinein, an den Zackenhäuptern ankerte eine Wolkenflotte. Dazwischen schimmerte ein Stück von dieser oben und unten abgeschnittenen Rätselwelt. In der vordersten Reihe steht die Wundt, wie ein wachthabender Offizier mit hochvertraulichem und ernstem Auftrag. Piero hatte sein Seilbündel niedergelegt und wandte keinen Blick von diesem Bild. Nun konnte ich doch jemand erzählen, wie die Cadini meine erste Jugendliebe gewesen sind; eine etwas ausgefallene Wahl, zugegeben. Aber bestimmen wir unsere Sehnsüchte? Seitdem ich in der ersten Schulzeit durch Zufall bei Theodor Wundt von diesen entrückten Bergen gelesen hatte, glomm ein schüchternes Flämmchen weiter. Es war eine Liebe, die ich mit niemand zu teilen brauchte und die mir keiner bestritt... Piero drückte meine Hand. Er nannte jenes Wunderbare, das sich gerade im weissen Nebel vor unserm Auge verschliessen wollte, ein Königreich. Mit seinen sechsundvierzig neuen Wegen und der beherrschten Begeisterung kam er mir tatsächlich als der Fürst dieses Reiches vor.

III. Noch bessern Zugang verschaffte uns das Jahr 1949. Diesmal war ich sozusagen beruflich in die Dolomiten gefahren. Mit dem Bergführer Jak Hefti zusammen hatte ich als Träger zwei befreundete Bergsteigerinnen zu begleiten. An Ruhetagen dürfen wir auf eigene Faust losziehen — durch Zufall schon am fünften Tag.

Heute zeigt uns Mazzorana einen der glänzendsten Dolomitenwege: seine direkte Südwandroute auf den Cadin delle Bisce. Wir fahren im Auto los, etwas im Widerspruch zur gepriesenen Unberührtheit des Gebietes. Aber der Bisce ist wiederum ein Ausläufer: er stellt seine schönste lotrechte Wand fast an die Strasse, die zum Rifugio Lungères führt. Durch diese Mauerfläche zog Piero die genaue Mittellinie mit einer Fahrt, die man als vollkommen bezeichnen darf: kurzer Anmarsch durch lichten Lärchenbestand, im Fels eine stilreine Wegführung ( « sempre dritto » ), ein brillantes Crescendo der Schwierigkeiten, dritter, vierter, fünfter, oberer fünfter, sechster Grad.

Die erste Seillänge geht es entschieden zu glatt für eine aussergewöhnliche Kletterei, aber die Wand weiss, was man von ihr erwartet, und bleibt nichts schuldig. Da ist eine Verschneidung, die sich stumpfwinklig auftut und erbarmungslos flach überhängt. Man geht in die breiteste Grätsche, mit auswärtsgedrehten Fußspitzen, und drückt die weggelegten Hände tief seitwärts. Diese Stellung hält gerade das Gewicht, zweifellos; mir ist auch klar ( und Piero ruft es zum Überfluss noch von irgendwo oben her ), dass man jetzt Füsse und Hände noch weiter schieben und noch flacher setzen, sein Gewicht noch kräftiger an die undolomitisch plattigen Felsen drücken muss, bis es auch weiter oben « einfach hält ». Natürlich weiss ich es, aber eine sinnlose Widerspruchslust fasst mich, zwei, drei, vier, zehn, fünfzehn Sekunden lang; die spitalgeschwächten Hüftgelenke wollen sich um den Schmerz dieses Gewaltspreizens drücken, mein Eigensinn wehrt sich gegen die abgenötigte Bewegung, schon beginnen die Muskeln zu zittern — warum soll es nicht anders gehen, warum... « Warum », ruft es zweideutig-sanft, zudem verdeutscht, von oben, « warum du kommst nicht? » Da werde ich schliesslich gescheit, nach einer halben Minute, und benehme mich, wie man am überaus schweren Fels einmal nicht darum herumkommt. Piero hockt in einem Loch, strahlende Freundlichkeit auf dem Gesicht. ( Fabelhaft die Sicherungsplätze in dieser Wand, kein einziger zuviel, ein grossartiges Minimum. ) « E'un bello quinto », muss ich zum Ärger über mich selbst noch hinausquetschen, ehe die Worte in der Atemluft ertrinken. « Superiore » nickt Piero milde und drückt mir sein Seil in die Hand. Bald dünkt mich wieder mühsamer, irgendwo verklemmt und eingezwängt die Sicherung zu besorgen, als selber zu klettern, und das ist keine Illusion mehr. Denn erstens ist die Verantwortung des Sichernden eine absolute, höchstens mit einem Haken rückversichert, und dann, dann fehlt oft die mindeste Möglichkeit, eine schmerzende Körperstelle zu entlasten, einen erstarrenden Muskel zu lockern. Auch Jak muss nachkommen, ehe ich mich rühren darf, und ich labe mich auf Vorschuss an der erleichterten Geste, womit ich nachher mein Seil abgeben darf. Jedenfalls scheint oben die Fortsetzung nicht schwerer; der folgende sechste Grad, ein für Haken, Karabiner und Seilzug prädestinierter überhängender Ausgang aus einer tiefen Grotte, regt mich geradezu an.

Wir verzeichneten eine vorzügliche Zeit, gaben eine halbe Gipfelstunde drein und waren schon vor 12 Uhr wieder im Hotel zurück. Wo das Doppelleben, das wir führten, noch einen Kampf mit Rasiermesser und Kragen bereithielt!

IV. Einmal gehörte uns sogar ein ganzer Tag allein. Unsere Kameraden hatten sich aus lauterm Grossmut selbständig gemacht und auf leichtere Wege ins Zinnengebiet begeben. Wir legten westalpin frühzeitig los, unbetretenem und nieberührtem Felsland entgegen. Der See von Misurina dampfte in der halbnächtlichen Kühle. Die letzte Wegspur verliert sich bald im hohen Gras und Krautwerk. Der Wald zeigt Nationalparkcharakter — nur dass alles noch verwachsener und viel saftiger ist als etwa in unserm Ofenpassgebiet. Es sind auch nicht die üblichen « Blumenwiesen des Dolomitengebirges, aus denen unvermittelt die Felsgemäuer ragen », überhaupt beginnt östlich vom Passo Tre Croci ein ganz fremdartiges Bergland: bei allem Farbenreichtum ernsthafter und schwermütiger, voll Unübersehbarem und Verhaltenem. Die Bäume mit ihren tausend Stimmen kommen nicht über den ersten Steilrücken hinweg. Wir schlagen uns um einen Geländevorsprung herum seitlich und treten in eine Mondlandschaft: riesiger Talkessel, ganz mit Trümmern angefüllt, Blöcken jeden Grössenmasses und von der gleichen Beschaffenheit wie die Berggestalten, die plötzlich irgendwo aufschiessen, eine Weile unheimlich und erst später kühn und prächtig wirken. Es scheint, dass diese Berge zu wenig Platz fanden und deshalb untereinander in Bewegung standen, einer plötzlichen, abgerissenen, indem sie nach kurzer Zeit die Reihenfolge verändert haben und die Stellung völlig wechselten. Sinnfällig geben solche Formen und Masse dem Expressionismus früher Kupferstecher recht.

Unser Gerölltal — Cadin della Neve, wenngleich der Schnee zusammengeschrumpft ist — führt geradewegs an den Längs- und Hauptkamm der Gruppe. Es soll ein Gemsenparadies sein, aber diesmal will sich überhaupt nichts Lebendes zeigen. Wir drücken auf das Tempo und drängen durch das Geröll aufwärts. Enger schliessen sich die Zackenreihen zu beiden Seiten, links vom Talabschluss richtet sich der Campanile Verzi in seiner ganzen Grösse auf. Seiner undurchstiegenen Südwestwand wegen sind wir hergekommen. Vorläufig schinden wir uns über hartbackenen Schutt auf die Forcella della Neve, als deren Torburg der Campanile aufragt, und fahren in der südseitigen Geröllrinne ordentlich ab. Ein ebener Plattenboden im obersten Cadin di Maraia drängt sich als Schuh- und Rucksackdepot geradezu auf. Grossartig stehen im südlichen Talausschnitt Marmarole und Antelao gegenüber, beim Blick nach rechts entzündet sich die Begierde gleich an einer Flucht neuer, von zweihundert Meter hohen Rissen durchzogener Türme. Aber der Verzi hält uns fest. Obschon von unserm Lagerplatz aus perspektivisch verbreitert und verkürzt, sieht diese Vierhundertmetermauer immer noch gewaltig aus. Und bis zum Einstieg ist es keinen Steinwurf weit. Es wird wenig gesprochen; was sollten auch Worte helfen, wo der Weg als Aufgabe klar gestellt ist, so dass es nur eine Auseinandersetzung der Tat gibt: mit einem riesigen Kamin, der die Wand von Grund auf durchreisst und auf der hochgezogenen Schulter am obersten Gipfelaufbau endet. Piero ist bereits am nächsten Pfeiler emporgestiegen und quert um die Kante herum in die Kaminschlucht hinein. Das Seil ist eine wunderbare Leitung; auch wenn man den Kameraden nicht sieht, spürt man den Ablauf der Bewegungen in jeder Einzelheit.

Der Kamin gibt seine Geheimnisse bereitwillig preis. Es warten keine aussergewöhnlichen Schwierigkeiten, aber unsere Nerven bleiben wegen der lauernden Gefahr gespannt. Auf den Gesimsen der Kaminabsätze liegt noch der Schutt der Zeiten; wenn dort das Seil aufliegt, hagelt es harte Brocken zwischen unsern weitgespreizten Beinen durch. Aber für die Erinnerung zählen nur die hübschen Stellen, zum Beispiel das Kuppelgewölbe über dem Kamin, das man durch eine Lücke am äussern Rand verlässt. Das oberste Gipfelstück ist von unheimlicher Brüchigkeit, der ganze Berg könnte einem unter den Füssen weggehen. Vielleicht habe ich nie einen raumärmern Gipfel gesehen: ein kühnes Schlußstück, allerdings nicht aus einzigem, solidem Guss, sondern spielerisch zusammengefügt aus Bestandteilen, die eigentlich auseinander wollten — und das in gotischer Schlankheit über alle Schwere-gesetze hinaus überhöht. Wir bildeten uns ein, eher den Gipfel festhalten zu müssen als uns selbst, während wir die Notiz über Casaras Südaufstieg vom Jahr 1942 aus den Steinen zogen.

Abwärts ging 's auf begangener Route, bis wir genug vom Zickzack hatten und uns fürs Direkte entschieden. Es wurde ein artistisches Erlebnis: Die letzte Abseilstelle erwies sich als 35 m hoch, leitete in eine Gewölbeschlucht zwischen immer weiter zurücktretenden Wänden hinunter. Man spiralte nach wenigen Metern völlig im Leeren wie in einen umgekehrten Trichter hinein, in schneller werdenden Drehungen. Am Seilende angelangt, hatte man an einen steilen Schuttkegel zu pendeln, der in nördliche Tiefe rieselte, und konnte mit raschen Sätzen daran empor die Forcella Verzi gewinnen. Nun fegten wir jenseits die Rinne südöstlich unseres Berges hinunter, die losgetretenen Steinschläge überholend. Auf vorspringender Felsinsel liessen wir den entfesselten Schuttstrom vorbeirauschen, gerade als sich der Blick in einer neuen Begegnung verfing. Vom Verzi wie mit einer Götteraxt abgespalten steht da ein ungeheures Felsstück mit schmalen überhängenden Seiten, sicher 80 m hoch. Noch denkt keiner von uns, dass über kurzem die schon zusammen-geschlungenen Seile wieder auseinandergelegt sein werden, weil ein solcher Fels einfach zum Erklettern da ist! Oder wenigstens zum Versuch. Noch sind wir uns der selbstverständlichen Wirkung dieser Faszination gar nicht bewusst, sondern schauen stumm zu, bis die gelbrote Flamme, die um den düstern Stein züngelt, auch unsern Entschluss entzünden muss. Man kennt den Ablauf: einer stellt die gleichgültige Frage ( « wenn ihr etwa wollt, ich tue mit » ), der andere fordert schon zur Tat und überstimmt damit den dritten. Oder es versucht vielleicht der zweite zu bedenken, dann wird schleunigst der letzte die ( natürlich positive ) Mehrheit sichern. Rousseau hat das für die grosse Gesellschaft « volonté générale » genannt, und diese bejaht man auch in der Dreiergruppe, selbst wenn man nein sagt. So geht unsere ganze Überlegung nur noch, wie man der Felsnadel beikommt. « Klar, durch einen Riss » auf der südlichen, tiefer fussenden Seite. Einen Riss, der nämlich alles ist: zuerst mehr Verschneidung, die links an kleinen Griffen höher bringt — dann Klemmspalte, welche schliesslich durch den Berg durchgeht und die Guglia vom Campanile trennt, wo man abwechselnd einwärts und auswärts spreizt, dreht und schiebt. Man kann jetzt in die feuchte Gurgel der Nordseite sehen und schätzt etwas verfrüht den Abstieg ein. Der Weg wird herrlich ausgesetzt, wo der Abstand vom andern Berg wächst. Bis wir allein mit dem Gipfel sind. Da konnten sich die Epigonen plötzlich wie Pioniere fühlen: erst staunt man ein wenig über sich und den entzauberten Berg, um bald in wilde Geschäftigkeit auszubrechen. Piero befiehlt mir zu schreiben: « Guglia degli Svizzeri. Nome dato dai primi salitori. 6-8-49. Salita per la fissura S, discesa per il camino N », und bietet uns den Berg als sein Gastgeschenk an. Grazie, caro amico. Dann bauen wir den Steinmann, welche Beschäftigung Wundt am eigenen Beispiel ( ebenfalls auf einem Cadingipfel ) dahin kommentiert, dass man eben da oben ein Kindskopf bleibe. Auch als Mittel primitivster Höhenmessung mussten Steine herhalten, sie schlugen erst nach über acht Sekunden im Geröll auf. Die Abseilvorrichtung stimmte weniger mit der Erwartung überein. Natürlich kam nach der Abfahrt das Seil nicht ein, und alle Wurf-manöver verankerten es nur noch gründlicher. Da hilft nichts, als nochmals hinaufzuklettern; am Verzi hätte das seine Tücken gehabt. Eine Zeitlang konnte man schön durch den Nordkamin hinunterstemmen. In der untersten Nische über den letzten Überhängen würde sich schon ein Haken schlagen lassen und nach aussen abseilen. Aber der Fels brüskierte uns mit absoluter Glashärte, er hatte nicht die geringste Ritze für einen Eisenstift übrig. Diese fand sich zuletzt in einer höhergelegenen Nische, wo Jak wohlweislich zurückgeblieben war.

Um einen langweiligen Ausklang sollten wir ja nicht herumkommen. Diese irrsinnige Geröllschlucht südlich der Forcella Verzi, traurige Agonie eines stolzen Felsdaseins, setzt den Kletterschuhen arg zu. Auch die Beine erhalten Schürfungen, ohne dass man begreift wie. Es möchte ein wenig ein-nebeln, aber die italienische Nachmittagssonne brennt immer wieder ein unbarmherziges Loch in den weissen Vorhang. Die Zunge klebt am Gaumen, seit der Frühe haben wir nichts mehr zu uns genommen. Auch bei den Schuhen und Säcken im Cadin di Maraia bleibt es beim bisschen Obst, das wenigstens für den Wiederanstieg zur Forcella della Neve erfrischt. Auf dem Sattel oben sieht man von neuem in das Gedränge der Bergungeheuer um den Cadin della Neve... etwas stumpf zur nahen Rechten die Torre Leo, wie eine Stichflamme die Torre del Diavolo, heimtückisch geduckt der Gobbo. Wir eilen plötzlich, um aus dieser Gesellschaft wegzukommen, nach endlosem Geröllschinder wieder einmal die Schritte im vermoosten Unterholz federn zu spüren.

In einem Windbruch voller Erdbeeren labt uns eine Handvoll der etwas faden Früchte und das erste Nass. Es kommt — unvermittelt wie alles in dieser Region — vom Himmel, der ein Spätgewitter bereitzumachen scheint. Ich kann heute nicht mehr sagen, ob es wirklich einsetzte, jedenfalls waren wir vorher in Misurina. Geduldig unterzogen wir uns dem Anspruch der Zivilisation, suchten unsern Durst zu ertränken, schrubbten uns, wechselten die Kleider, assen endlich und tranken wieder. Mit dem Attribut verhältnis-mässiger Sauberkeit geschmückt sassen wir auf dem Geländer der Hotelterrasse, pendelten mit gespielter Gleichgültigkeit die Beine. Als die Kameradinnen in staubigen Bergschuhen die Treppe heraufstolperten, mussten sie sich uns gegenüber ungeheuer sportlich vorkommen. Das Hotelpersonal besorgte selbsttätig die gloria mundi. Beim Dinner steuert der Ober blitzschnell durch den Speisesaal, strahlt die Damen sich entschuldigend an und — rückt uns zuerst die Stühle zurecht. Während wir das Glas erheben, denke ich an das Schweigen der Cadini. Für nächstes Jahr wartet schon der Zeltplatz oben in der Einsamkeit. Dann werde ich ( statt mit Reciotto amabile anzustossen ) den Zuckersatz im Gamellenkaffee aufrühren, bäuchlings unter dem Zelteingang auf die Ellbogen aufgestützt, und noch im Schleier der Dämmerung die Felsenhäupter lächeln sehen...

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