Chamissos Schweizerreise im Jahre 1812

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Albert Bruckner.

Durch den « Zufall des Schicksals des Waltenden » war Adalbert von Chamisso auf einer Reise nach Frankreich in den Bann der Madame de Staël gekommen, « dieser grossartig wunderbaren Frau », deren Charme ihn lange genug an Coppet fesselte, das idyllisch gelegene Örtchen am Genfersee, wo die vergötterte Literatin einen intimen Kreis geistig hochstehender Persönlichkeiten um sich zu versammeln gewohnt war. Der Genfersee mag es dem Dichter angetan haben; denn es ist gewiss nicht nur romantischer Gefühlsausbruch, wenn er von « unserm blauen, tiefen See » spricht. Die reiche Flora dieses Landes, das er « gleichsam den botanischen Garten Europas » nannte, bildete für den werdenden Naturforscher eine unerschöpfliche Quelle an schönen Entdeckerfreuden. Sein grosses Interesse an der Botanik bewog ihn dann auch schliesslich, gedrängt vom Heimweh, vor dem Verlassen der gastlichen Stätte eine grössere Alpenreise zu unternehmen. Unterm 24. Mai 1812 erfahren wir von dem Entwurf seiner Schweizerreise. « Ich fahre », so schreibt er, « hier im Thale und in der Gegend fort, bis der Schnee, der noch den Jura und die Alpen bedeckt, schmilzt, und gegen Ende Juni oder den Anfang Juli unternehm'ich eine ordentliche Schweiz- und Alpenreise zu Fuss, zu der wohl einen Gefährten finden werde, und richte die so ein, dass sie mich an die deutsche Grenze führt, und etwa von Schaffhausen oder Basel aus setz'ich meinen Stab vorwärts fort am rechten Ufer des Rheins herunter über Aschaffenburg nach Berlin... » Die nähere Reiseroute skizzierte er in einem Augustbrief an seine Schwester Rosa Maria. Am gleichen Tage, dem 10. August des Jahres 1812, fand in Coppet der Aufbruch der Reisenden statt, « beim erbärmlichsten Wetter ». « Wir fuhren nach Genf, am 11. mit Sonnenschein nach Saint-Gervais, den 12. brachten mich August ( der älteste Sohn der Madame de Staël ) und ein anderer Freund bis auf die halbe Höhe des Col de Bonhomme, wo wir zum ewigen Andenken eine Steinpyramide errichteten, und so setzte ich meinen Stab weiter — le Col de la Seigne, l' allée blanche, Cormayeur, le val et le col de Ferrex, l' hospice du grand Saint-Bernard, Martigny, Sion, les bains de Leuk, Gemmi, Thunersee, Unterseen und Interlaken, Lauterbrunn, am Fuss der Blümlialp, der Jungfrau und der ganzen Gletscherkette nach Grindelwald und über die Scheideck nach Meiringen im Hasli, wo ich eben bin und schreibe. Ich will weiter über die Grimsel, die Furka, den St. Gotthard, hinunter nach dem Vierwaldstättersee, und von da nach dem Zürcher See, und endlich Schaffhausen, wo ich zwischen dem 1. und 5. September eintreffen werde... » « ...Es ist unglaublich, was meine Beine gut sind; Führer halten es bei mir nicht aus... », fährt er fort, und man denkt an die entzückende Schilderung, die sein Freund Schlechtendal von ihm und seinen Berliner Exkursionen entworfen hat: « überall war Chamisso voran, der erste, der eifrigste, von kräftigem Körper und fester Ausdauer... » Über seine Eindrücke während dieser durch die schönsten Alpen- regionen führenden Reise erfahren wir leider nichts, der Freund solle keine « poetische Beschreibungen » erwarten, « im trauten Geschwätz will ich Dir vieles von meiner Reise erzählen ». Mit einem « Nun regnet 's, nun bin ich müde, nun hab'ich noch viele Pflanzen in Ordnung zu bringen, und will morgen um 4 Uhr aufbrechen » schliesst der denkwürdige Brief an seinen Freund Hitzig. Ein grosses Erlebnis liegt hinter ihm: Coppet — « Te deum laudamusDie Grenze liegt hinter mir. » — Die Frucht der Reise bedeutet für ihn eine glänzende botanische Sammlung, der Grundstock seines späteren berühmten Herbariums, Nur mit Mühe können wir feststellen, welche Eindrücke Chamisso von seiner Alpenreise mit nach Hause genommen hat. Der Niederschlag dieser Wanderung in seinen poetischen und wissenschaftlichen Schriften ist gering. Vielfach sind wir auf Konjekturen angewiesen. Einiges sei hier ergänzend hinzugefügt.

Jedermann kennt das berühmte, in viele Sprachen übersetzte Hauptwerk des Dichters, den « Peter Schlemihl ». Chamisso veröffentlichte ihn 1813 und scheint an einer Stelle eine alpine Gegend vor Augen gehabt zu haben. Ich denke an das 9. Kapitel, wo er erzählt, wie Schlemihl, ohne es zu wissen, sich Siebenmeilenstiefel gekauft hat und nun, in Gedanken versunken, sich mit einemmale « in einem wüsten, uralten Tannenwald, woran die Axt nie gelegt worden zu sein schien », befand. « Ich drang », so berichtet der Schattenlose, « noch einige Schritte vor, ich sah mich mitten unter öden Felsen, die nur mit Moos und Steinbrucharten bewachsen waren, und zwischen welchen Schnee- und Eisfelder lagen. » Einen andern Eindruck, wie es sicher scheint aus den Schweizerbergen, vermittelt das Bild in seinem 1836 geschaffenen Gedicht1 ):

Heimweh.

Und meine Berge erheben Die schneeigen Häupter zumal Und tauchen in dunkele Bläue Und glühen im Morgenstrahl, Und lauschen über den Hochwald, Der schimmernd die Gletscher umspannt, In unser Thal herüber, Und schauen mich an so bekannt. Der Giessbach schäumet und brauset, Und stürzt in die Schlucht hinab; Von drüben erschallt das Alphorn, Das ist der Hirtenknab! Aus unserm Hause tret'ich, Dem zierlich gefügten, herfür: Die Eltern haben 's gebauet, Die Namen stehn über der Thür...

Ob das Gedicht « Der Gemsenjäger und die Sennerin » von 1828 ebenfalls auf wirkliche Eindrücke zurückgeht oder irgendein beliebtes Motiv in anderer Gestalt zum Vorwurf hat, vermag ich nicht zu sagen.

Zahlreiche Vergleiche mit den Alpen finden sich dann in der wissenschaftlich bedeutenden « Reise um die Welt»1 ). Als Naturforscher hatte Chamisso 1815-1818 auf der Rurik unter Kapitän Otto von Kotzebue mit der Romanzoff sehen Expedition die Welt umfahren. Über die Ergebnisse dieser Reise und vor allem die Bedeutung Chamissos für die Erforschung der Fauna und Flora der berührten Gegenden hat der berühmte Naturforscher Du Bois-Reymond in einer Rede zur Leibnizfeier 1888 eingehend referiert 2 ). Alle einzelnen Zitate hier vorzuführen, ginge zu weit. Ich will nur einiges hervorheben. Die Meerreise vorbei an den verschiedenen Regionen der europäischen Küste und der Gegensatz des tropischen Pflanzenlebens auf Teneriffa zum nordischen lässt ihn einen Vergleich mit den Alpen ziehen. Ganz richtig stellt er fest, dass, « wenn wir in unsern Alpen von der Region der Saaten durch die der Laub- und Nadelwälder und die der Triften zu den Schneegipfeln hinan, und von diesen wiederum in die fruchtbaren Thäler herabsteigen, die Verwandlungen, die wir schauen, für uns einen Reiz haben, dessen der Gegensatz der verschiedenen Naturen entbehrt, welchen uns das Schiff entgegen führt ». Den Grund dafür sieht er im Fehlen der Zwischenglieder, was bei einer solchen langsamen Meerreise der Fall ist. Dann spricht er von der « Anhänglichkeit, die der Alpenbewohner zu den Schneegipfeln hegt, die seinen Gesichtskreis beschränken ». Die Beringsinsel « erschien uns im schönen Grün der Alpentriften; nur stellenweise lag Schnee ». Von der St. Lau-renzeninsel entwirft er folgendes anschauliche Bild: « Selten hat mich eine Herborisation freudiger und wunderlicher angeregt. Es war die heimische Flora, die Flora der Hochalpen unserer Schweiz zunächst der Schneegrenze, mit dem ganzen Reichthum, mit der ganzen Fülle und Pracht ihrer dem Boden angedrückten Zwergpflanzen, denen sich nur wenige eigenthümliche harmonisch und verwandt zugesellten. » Noch eingehender wird er in der wissenschaftlichen Abhandlung über « Kamtschatka, die aleutischen Inseln und die Berings-Strasse»3 ). Vergleiche mit alpiner Flora sind gerade hier häufig. Ein Beispiel: Unalaschkas « alpinische Flora » erinnert ihn an « das frische Grün der Matten » im Urserental. Leider müssen wir feststellen, dass bei aller trefflichen Charakterisierung unserer Alpenflora der Dichter doch nie dazugekommen ist, ein Gesamtbild seiner Schweizerfahrt, vor allem der Alpenwelt selbst, zu entwerfen.

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