Cima Marguareis

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EINE BERGFAHRT IN DEN LIGURISCHEN ALPEN VON S. WALCHER, WIEN

Mit 2 Bildern ( 185, 186 ) Unmittelbar über dem Golf von Genua, zwischen dem Colle di Tenda im Westen und dem Colle Altare, nach anderer Meinung dem Colle dei Giovi, im Osten, heben die Ligurischen Alpen ihre Gipfel hinauf zum blauen Himmel des Südens. Sie bilden das erste Glied des mächtigen Alpenbogens, der so viel Grosse und Schönheit enthält, dass kein Menschenleben je ausreichen wird, sie in ihrer Gesamtheit zu schauen und zu erleben.

Als ich im Frühjahr 1918 auf dem Forte Begatto oberhalb Genuas als Kriegsgefangener festgehalten wurde, war der Blick durch die Schießscharten der Festungsmauer auf diese Berge und hinab und hinaus auf das weite Meer mein grösster Trost. Da standen die weissen Gipfel hoch erhoben über dem blauen Meer und dem braungrünen Vorland und winkten, winkten. Wie gerne wäre ich gefolgt. Aber, was ist schon so ein armer junger Bergsteiger, wenn die Grossen dieser Welt Krieg führen, was seine Wünsche und Gedanken; was seine Überzeugung und sein Wille? Ich war gefangen, musste hungern und dürsten, leiblich und seelisch, und war ein Sklave mitten in der Herrlichkeit und dem Reichtum der Landschaft um Genua. Aber, wer nur das Leben behält, dem vergeht mit der Zeit so manches Leid und, bleibt er sich und seinen Idealen nur treu, so kann sich eines Tages noch so mancher alte Wunsch erfüllen. Und so kamen für mich auch die Tage in den Ligurischen Alpen und die Stunde auf dem Gipfel der Marguareis, spät, aber doch!

Anfangs Mai 1953 stieg ich einsam bei dichtem Nebel und viel Neuschnee vom Rifugio Sapienza hinauf zum Gipfel des Ätna; es war eine ganz hochalpine Fahrt, wie ich sie mir nicht vorgestellt hatte, und wie ich auch noch niemanden darüber berichten hörte. Dann traf ich in Nizza Freund Stöcker, und da die französische Schiffahrtslinie hinüber nach Korsika wegen eines Streikes ihren Betrieb eingestellt hatte, fuhren wir nach Genua und von dort mit dem Schiff einer italienischen Linie nach Livorno und Bastia. Dann kam die schöne, etwas abenteuerliche Fahrt auf den Monte Cinto, die mit unserem Abschied am Bahnhof in Livorno endete. Stöcker fuhr in Begleitung seiner Gefährtin nach dem Süden, ich allein hinauf nach dem Norden, den Bergen der Ligurischen Alpen entgegen.

Etwas nach Mitternacht, am Donnerstag, dem 21. Mai, suchte ich im Bahnhof von Genua meinen Zug, der mich über Savona nach Cuneo bringen sollte, fand ihn, legte mich auf eine Bank und schlief. Als ich erwachte, fuhr der Zug eben aus Savona hinaus, in Richtung Altare. Der Schaffner war menschenfreundlich, hatte mich nicht geweckt und liess mich schlafen. Eine sehr schöne Bahnfahrt brachte mich nach Mondovi. Dort musste ich auf den Anschluss nach Cuneo warten, das ich dann nach kurzer Fahrt im Laufe des Vormittags erreichte. Dieses Cuneo ist eine nette, freundliche und liebliche Stadt, die mir sehr gut gefiel und in der ich mich sofort wohlgefühlt hatte. Aber schon kurze Zeit nach meiner Ankunft musste ich sie wieder verlassen. Eine etwas altertümliche Strassen-bahn brachte mich gegen Mittag nach Chiusa di Pesio. Auch dort hat es mir gut gefallen. Es gab gutes und billiges Essen, einen ebensoguten und billigen Tropfen, und in jeder Hinsicht befriedigt bestieg ich dann den Autobus, der mich hinaufbrachte nach S. Bartolommeo, einer kleinen, netten Siedlung im Tal des Pesio. Nun war die lange Anreise zu Ende, und der Weg hinauf zur Marguareis begann. Vorerst besorgte ich mir beim Hüttenaufseher den Schlüssel zum Rifugio Piero Garelli, dann marschierte ich hinauf zur letzten Siedlung des Tales, nach Certosa di Pesio. Im neuerbauten, aber noch nicht fertig ausgestatteten « Gran Albergo » fand ich gute Aufnahme. Im Inneren des Hauses arbeiteten noch die Handwerker, und auch das Zimmer, das mir angewiesen wurde, war noch nicht fertig; das tat aber der Gemütlichkeit keinen Abbruch, Hauptsache: ich hatte eine Unterkunft gefunden. Certosa besteht eigentlich nur aus diesem Gasthaus und dem grossen, alten Kloster von Certosa, in dem derzeit eine Erziehungsanstalt und Schule für Missionare untergebracht ist. Als ich das Kloster im Laufe des Nachmittages besuchte, wurde ich von dem jungen Clerico Francesco Cialini, einem Schüler dieser Anstalt, freundlichst empfangen. Mit un-gekünstelter Begeisterung erzählte er mir die Geschichte dieses Klosters und erklärte mir den Lehrplan, die Aufgabe und das Ziel der Anstalt. Hier lernen die zukünftigen Missionare alles, was sie für ihre Tätigkeit in fernen Landen brauchen, und das ist erstaunlich viel. Sie lernen ihre Häuser bauen, ihre Kleider und Schuhe anfertigen, Kochen, Landwirtschaft und ausserdem alles, was zu ihrem geistigen Rüstzeug gehört.

Am nächsten Tag aber, am Freitag, dem 22. Mai, begann die Marguareisfahrt. Der Wirt hatte mir den Weg zum Rifugio Garelli so gut beschrieben, dass ich ihn, ohne viel zu suchen, jederzeit fand. Bald hinter Certosa verlässt der Hüttenweg das enge Pesiotal und führt in vielen Windungen steil hinauf zur Alpe Gias Sestrera. Hier war die Schneeschmelze im vollen Gang und der Alpboden quietschnass. Wenig später erreichte ich die obere Alpe, und dann stand ich bald vor dem halbtonnen-förmigen Rifugio Garelli und blickte hinauf zu den mächtigen Wänden und Türmen der Marguareis. So gewaltig und vielgestaltig hatte ich mir diesen Berg nun freilich nicht vorgestellt. Da gab es Schluchten, Rinnen, Bänder, Kanten, alles, was sich ein Bergsteiger nur wünschen kann. Als ich die Hütte geöffnet hatte, war ich überrascht. Peinlich sauber war ihr Inneres, einfach, aber nett eingerichtet. Matratzen gab es und Decken, einen Ofen und rotkarierte Vorhänge vor dem Fenster. An der einen Wand aber befand sich eine grosse und gute Zeichnung des ganzen Marguareismassives, in die alle Anstiegsmöglichkeiten eingezeichnet waren.

Ich hatte Certosa um 4 Uhr morgens verlassen und die Hütte um 7 Uhr erreicht. Für eine Ersteigung des Berges stand mir also noch genügend Zeit zur Verfügung, leider aber nicht das geeignete Wetter. Ich hatte mich entschlossen, zum Aufstieg auf den Berg das Canalone Torinese zu benützen, eine breite, nicht allzusteile Schneerinne, die vom oberen Kar durch die Ostflanke hinaufzieht zum gratartigen Rücken, über dem dann der Gipfel erreicht wird.

Nach kurzer Rast verschloss ich die Hütte, überschritt die Mulde hinter ihr, stieg auf einen begrünten Rücken hinauf, folgte ihm abwärts, bis ich eine schwach ausgeprägte Steigspur fand, die mich in das obere Kar am Fusse der Turiner Rinne bringen sollte. Das Steiglein quert sehr schön die Hänge oberhalb des tiefen Wild Wasserbettes, endet aber dann bei einem kleinen See, zumindest verschwand es hier unter dem Schnee. Ich stieg nun, mich ziemlich rechts haltend, auf Schnee, grasigen Schroffen und zwischen Krummholz hinauf zum Beginn der Rinne, merkte mir aber, dass von einem hausgrossen Block an ihrem Beginn ein mit Zerben teilweise bewachsener, felsiger Rücken hinabzieht zum kleinen See, bei dem die Spur des Steiges unter dem Schnee verschwand.

Inzwischen war das Wetter rasch schlechter geworden. Ich mochte ungefähr ein Drittel der Rinne hinter mir haben, als dichter Nebel einfiel. Ich blieb stehen und wartete; leider erwartete ich keine Besserung, sondern nur eine Verschlechterung des Wetters; es begann zu regnen und dann zu schneien. Etwas verdrossen zog ich mich bis zu dem erwähnten, hausgrossen Block zurück, in dessem Schütze ich mich nun für eine Belagerung einrichtete. Sie dauerte aber nicht lang. Plötzlich erhob sich ein eisigkalter Wind, der aus allen Richtungen blies und mich überall erreichte, wohin ich mich auch verkroch. Da es ausserdem immer stärker schneite und der Nebel immer dichter wurde, entschloss ich mich zum Rückzug. Diesmal war der Entschluss weit einfacher als seine Ausführung. Ich fand zwar den Rücken hinunter zum See, auch die Wegspur auf dem Hang, dann aber war es mit der Orientierung so ziemlich vorbei. Das Steiglein verschwand mitten in einem Krummholzfeld unter dem Schnee und liess sich nimmer finden. Was ich noch sah, war nicht viel; es waren der weisse Schnee, die dunklen Latschen und der dichte Nebel, der mir jeden Ausblick verwehrte. Was tun? Es war bereits spät geworden, ich selbst war schon tüchtig nass, und ein Freilager wäre bestimmt nichts Angenehmes geworden. Also gehen, weitergehen, irgendwo wird sich schon eine Lösung finden. Ich erinnerte mich, dass ich jenseits der Mulde hinter der Hütte einem schwach ausgeprägten mit Latschen bestandenen Rücken abwärts folgte, bis ich die Steigspur fand. Ich stieg also einmal aufwärts, kroch zwischen dichtstehenden und nassen Latschen durch und mühte mich, irgendeine bekannte Stelle zu finden. Der Nebel aber war so dicht, dass ich keine zehn Meter weit sah. Das war nun eine unangenehme Situation. Ich blieb wieder stehen und überlegte noch einmal, welche Richtung ich von der Hütte aus eingeschlagen hatte, und suchte dann weiter. Schon wurde es dunkel; da, als ich wieder aus einem Latschenfeld herauskroch, lag vor mir ein Schneefleck mit zwei Fußspuren; das waren meine. Nun wurde das Suchen einfacher, und bald hatte ich den Schneehang erreicht, auf dem meine Spur aufwärts und dann hinüber zur Hütte führte. Das war jetzt ein frohes Wiedersehen. Bald knisterte das Feuer im Ofen, summte das Teewasser im Topf, während ich der nassen Kleider ledig, eingehüllt in zahlreiche Decken, auf der Matratze lag. Meine einzige Sorge war nun das Wetter des kommenden Tages. Wird es weiter schlecht bleiben? Die Nacht war unruhig. Draussen wehte der Wind, der Regen trommelte auf das Wellblechdach der Hütte, und Mäuse raschelten im Abfallkorb. Erst nach Mitternacht wurde es ruhig, und ich schlief ein.

Als ich am nächsten Morgen, es war der Pfingstsamstag, der 23. Mai, um,4 Uhr nach dem Wetter sah, war der Himmel wolkenlos, aber bis weithinab zur oberen Alm lag Neuschnee. Um 4.45 verliess ich wieder die Hütte. Als ich meine Spur von gestern beobachtete, stellte ich fest, dass ich heute bei sichtigem Wetter nicht besser gehen konnte, als ich gestern scheinbar umherirrte. Bald hatte ich wieder die Steigspur gefunden, stieg hinauf zum Beginn der Rinne und weiter. Inzwischen war es Tag geworden, und was für ein Tag! Wolkenlos hing der Himmel über dem weissglitzernden Bergland, strahlend stieg die Sonne höher und machte das Stückchen Bergland, in dem ich langsam zur Höhe schritt, zum Paradies. Steiler und enger wurde das Canalone; bald stieg ich in ihm selbst empor, bald benützte ich zum Höherkommen die Felsen seiner Begrenzung. Den Abschluss bildete ein Kamin aus Fels, Eis und Schnee; dann aber lag die Rinne hinter mir und vor mir der Hang hinauf zum Gipfel. Langsam, immer wieder schauend, schritt ich jetzt auf dem harten, mit funkelndem Pulverschnee bedeckten Firn und auf grauen Kalkplatten höhenwärts. Zwei Stunden nach dem Verlassen der Hütte betrat ich den Gipfel der Marguareis. Nun war wieder ein Ziel erwandert; geheimnisvoll hob sich aus der Tiefe meines Ichs jener Augenblick, da ich von der alten Festung Begatto herüberblickte auf jenes silberweisse Gebirge, auf dessen höchstem Gipfel ich nun stand. Es ist wohl eines der köstlichsten Gefühle, die uns Bergsteiger unser Tun schenkt; in früher Morgenstunde unter einem wolkenlosen, blauen Südlandhimmel einsam und allein auf dem Gipfel eines hohen Berges zu stehen. « Weit, hoch, herrlich der Blick rings ins Leben hinein! Vom Gebirg zum Gebirg schwebet der ewige Geist, ewigen Lebens ahnde voll 1. » Schweren Herzens nahm ich von meinem königlichen Sitz Abschied. Noch einmal grüsste ich all die Herrlichkeit ringsum bis weit hinaus zum Meer, dann folgte ich meinen Spuren abwärts und stieg langsam durch die Rinne hinunter, hinunter zum See und zur Hütte. Lange hielt ich da noch sonnige Rast. In der Wärme der Sonne dampften meine nassen Kleider von gestern, während ich selbst, auf weichen Decken liegend, hinaufträumte zum sonnigen Himmel.

Bergfrühling! Stille war es ringsum, nur die Schmelzwasser rauschten in der Tiefe und quietschten, als ich auf dem weichen Almboden hinabschritt zur unteren Alm. Da war über Nacht ein Wunder erblüht. Dicht gedrängt, Blüte an Blüte, stand der Krokus, und dazwischen, soweit noch Platz war, leuchteten wunderbar blau die zartesten Blütensterne, die ich je sah. Das war ein schöner, sehr schöner, aber gleichzeitig auch wehmutsvoller Abschied vom Reiche der Marguareis. Als ich abends den jungen Clerico Cialini im Kloster besuchte und ihm von meiner Fahrt erzählte, da hörte er mir andächtig zu. Als ich aber meine Erzählung beendet hatte, sagte er nach einer kurzen Pause des Schweigens « Ja », und seine Augen leuchteten. « Ja, unsere Marguareis ist schön. Wenn ich von hier einmal fort muss, werde ich noch einmal zu ihr hinaufsteigen. »

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