Citlaltepetl (Mexico)

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rvVon J. Stapfer

Mit 2 Bildern ( 63/64Langwiesen ) Man hatte uns vor dieser Tour ernstlich gewarnt und sogar dringend davon abgeraten, denn schon mehr als einmal waren fremde Touristen im Gebiet des Citlaltepetl von Banditen überfallen und im günstigsten Fall bis aufs Hemd ausgeplündert worden. Dass wir selbander und ohne Bedeckung eine solch riskierte Bergfahrt unternehmen wollten, wurde von Freunden und Bekannten als sträflicher Leichtsinn gerügt. Wir seien schliesslich Familienväter und setzten mehr als die eigene Haut aufs Spiel, gab man zu bedenken. Aber da halfen nun weder vernünftige Überlegungen noch wohlgemeinte Zu-sprüche, denn irgendwie hatte die Zeit sich erfüllt, d.h. die Erinnerung an heimatliche Bergtage war übermächtig aufgestiegen und hatte die glühende Sehnsucht geweckt, die uns hinauftrieb in die Eis- und Schneeregionen, hinein in fragwürdige Abenteuer.

Um die Besteigung des höchsten Vulkangipfels in Mexiko nicht ganz unvorbereitet zu unternehmen, waren wir zwei Wochen vorher im Eilmarsch auf den etwa 4000 m hohen San Miguel gestiegen und hatten dabei mit Befriedigung festgestellt, dass Lunge und Herz in bester Verfassung waren.

So fuhren wir an einem Aprilabend zur Zentralstation, um mit dem Nachtzug, der von der Hauptstadt nach der Atlantikküste fährt, San Andres zu erreichen. Schon stand die mächtige Lokomotive, fahrbereit dampfend und pustend, in der dämmerigen Halle. Zwischen Tender und Gepäckwagen war ein Güterwagen gekuppelt. Darin pferchte sich die militärische Bedeckung des Zuges. Etwa vierzig bis an die Zähne bewaffnete indianische Soldaten waren verantwortlich für die Sicherheit des Transportes. Trotzdem kam es immer wieder vor, dass Züge überfallen und geplündert wurden. Doch unsere Zuversicht war gross, darum bestiegen wir vertrauensvoll den Zug.

Bald raste die hellerleuchtete Wagenkette durchs nachtdunkle Land. Wir waren am Ende der Trockenzeit. Staub und Sand deckten noch fusstief die weiten Ebenen; aber in zwei bis drei Wochen wird die tropische Regenzeit einsetzen und die ausgedörrte Hochfläche in wenigen Tagen zu neuem Leben erwecken. Mehr als 2000 m ruht dieses weite Hochland über den beiden Weltmeeren, dem Himmel aufgetan gleich einer riesenhaften, flachen Schale. Die Bahn brachte uns an deren im Osten aufgebuchteten Rand, aus dem die Pyramide des Citlaltepetl wie eine weissglühende Flamme zum metallenen Tropenhimmel aufloht. Von dort stürzen die Urwälder als grüne Brandung über die Osthänge der Sierra Madre Oriental zur Tiefe, wälzen sich in dunklen, riesenhaften Wogen ostwärts, dem Leuchten entgegen, das heraufschimmert aus der unermesslichen Weite des Atlantischen Ozeans.

Der Zug dampft durch die nächtliche Welt. Schauerlich, wie ein wundes Tier, heult die Lokomotive von Zeit zu Zeit auf. Es ist ein Signal, wenn wir einsame Stationen passieren. Um 1 Uhr nachts verlassen wir in San Andres den bequemen Pullmanwagen. Nach wenigen Augenblicken ist der Zug in der dunklen Nacht verschwunden. Vergeblich suchen die noch geblendeten Augen die Finsternis zu durchdringen, um eine Fahrgelegenheit nach Chalchicomula, dem Ausgangspunkt unserer Route, zu erspähen. Unsicher tasten die Füsse den sandigen Boden ab. Auf lautlosen, nackten Sohlen schleicht es umher —, irgendwo ein Flüstern und Munkeln. Dann springt ein Motor an. Sehen können wir nichts, aber wir ahnen den Lastwagen, der die leeren Pulque-fässer allnächtlich von der Station nach dem Indianerdorf bringt, um sie am andern Tag, gefüllt mit dem mexikanischen Nationalgetränk, dem vergorenen Agavensaft, wieder zur Bahn zu befördern. Der säuerliche Geruch, widerwärtig wie von Erbrochenem stammend, weist der Nase die Richtung zum Wagen. « Können wir mitfahren? » — « Si senor. » — Aber es bleibt vorerst rätselhaft, wo wir auf diesem Gefährt Platz finden sollen. Vorn auf den Führersitz haben sich bereits vier Indianer gequetscht. Den Umriss ihrer dunklen Gesichter können wir sehen, wenn die schwache Glut der Zigaretten für Sekunden aufleuchtet. Es bleibt keine andere Wahl, als zu den Fässern hinaufzuklettern. Kaum sind wir mit Säcken und Pickeln oben, ruckt der Wagen mit einem Aufheulen des Motors an, die ganze Ladung wackelt und poltert durcheinander. Mit affenartiger Behendigkeit klammern wir uns instinktiv mit der einen Hand an die sitzhohe Wagenwand, die andere erwischt im Dunkel zufällig das Tau, das die Fässer zusammenhalten soll, und die verrückte Fahrt in den bodenlosen Schlund der schwarzen Nacht beginnt. Der Wagen holpert und rattert, schaukelt und klappert in wildem Galopp ins grausige Nichts. Alles scheint ein banger Schrecktraum zu sein. Über uns kreist ein Sprühregen von flimmernden Sternen; oder sind es Funken, die vor den Augen tanzendenn die Kante der Wagenwand, auf der wir notgedrungen Sitz zu fassen suchen, klopft unser Sitzfleisch zu Beefsteak! Dem Gefährt folgt eine fahle Wolkensäule aus Staub und Flugsand, die uns einholt, umhüllt und mit Schwaden von feinstem Sand überschüttet, wenn der Wagen in verwegener Fahrt eine der viel Kurven reisst. Ein lehmiger Geschmack klebt auf der Zunge, und mit Spucken und Niesen wehren wir uns gegen das Ersticken.

Nach der Ewigkeit von einer Stunde kommt das wildgewordene Vehikel mit einem gewaltigen Ruck zum Stehen. Wir sind von der endlos erscheinenden Quälerei erlöst. Gerädert und geschunden, beinahe betäubt vom Schütteln und Rütteln, von Sand und Staub halb erstickt, kriechen wir wund und lahm vom Wagen und denken mit Schaudern an den kommenden Tag, der im Sattel zugebracht werden muss. Wir tasten uns nach vorn in das spärliche Licht der müden Scheinwerfer. « Que le parace, jefewas sagen Sie dazu, Chef? » grinst stolz der Fahrer. Offenbar erwartet er Lob und Anerkennung für die tolle Fahrt auf seiner Folterpolterkiste. Unser Seufzen und leises Stöhnen missversteht er völlig, gerät in entrüsteten Eifer und will an seinen Fingern vorrechnen, was ihn solch ein Transport kostet. Wir winken resigniert ab, bezahlen und humpeln dann auf die Suche nach einer Unterkunft für den Rest der Nacht.

In einiger Entfernung schimmert ein einsames Licht. Dort ist das einzige « Hotel » des Dorfes. Durch den zu ebener Erde weit offenen Eingang erblicken wir einen kahlen Raum. Darin stehen ein paar Tische und Stühle. Hinter einem Schanktisch schläft ein Indio. Beim Getrampel der schweren Bergschuhe auf dem Steinboden schrickt er auf und mustert mit unergründlichen Augen die beiden fremden Gestalten. Wir fragen nach dem « jefe ». « Estoy a sus ordenes —, ich stehe zu Ihren Diensten », stellt er sich als Besitzer vor. Wir erkundigen uns nach Essen und Trinken und einem Nachtlager. Zu solch später Stunde kann er nur mit Bier und Limonade aufwarten. Im obern Stockwerk können wir ruhen. Mit stolzer Höflichkeit bringt der Dunkelhäutige den bestellten Schlaftrunk und zieht sich wieder stumm zurück. Nachdem wir die staubigen Kehlen ausgeschwemmt haben, leuchtet der Indio mit einer Kerze voran, führt uns zwei Treppen hoch in eine Kammer, heftet das Wachslicht mit einigen Tropfen auf ein Gesimse, grüsst wortlos und lässt uns allein. Wir prüfen mit einem Blick das kahle Gemach, riegeln ab — wer weissund bereiten das Lager. Die beiden Pritschen werden ausgiebig mit Insektenpulver bestreut, dann ziehen wir die eigenen Wolldecken darüber und schlafen, trotz der schmerzenden Knochen, bald ein.

Beim Erwachen überfällt uns hellichter Tag. Eilig machen wir uns bereit. Es gilt so rasch wie möglich einen Begleiter mit drei Maultieren aufzutreiben. Wir treten aus dem Schlaf raum und stehen auf dem obern der beiden Arkaden-gänge, die den inneren Hof des « Hotels » umschliessen. Der erste Blick umfasst das saphirblaue Geviert des Hochlandhimmels, wie es vom Dachgesimse in einen leuchtendweissen Rahmen gespannt wird. Unwillkürlich löst sich ein Ruf des Entzückens von den Lippen, denn über den Dachrand ragt, auf tiefblauem Hintergrund, das blendende Firndreieck der höchsten Spitze unseres Berges. Bei diesem Anblick entflammt die Sehnsucht nach den Bergen der Heimat, und alle Gedanken eilen ungeduldig höhenwärts.

Unten im Essraum trägt der Besitzer mit echt indianischer Grazie und Sorgfalt das Morgenessen auf: geröstete Maisfladen, Eier, Truthahn und dickflüssige Kaffeebrühe, die wir mit viel Rohzucker süssen. Beim Aufbruch weist uns der Mann zu einer Hütte eines Maultiertreibers. Wir suchen diesen auf. Als er hört, wohin die Reise gehen soll, weigert er sich, unter allerlei unbestimm- iS ten Ausflüchten, mitzukommen, und schickt uns zu seinem Neffen, der in der Nähe wohnt. Dieser jammert erst über den mühselig langen Weg, der bevorstehe, redet darauf offen von der Unsicherheit und Gefahr der Route und überfordert uns zum Schluss schändlich. Nach weiteren erfolglosen Verhandlungen dorfauf und dorfab können wir aber einen Begleiter verpflichten. Der will in einer halben Stunde mit drei Mulas zur Verfügung stehen. Vor Jahren sei er mit einer Gesellschaft von Amerikanern bis zum Biwakplatz am Fusse des Citlaltepetl aufgestiegen, weiss er zu berichten. Das ist ein wesentlicher Vorteil. So werden wir keine Zeit verlieren mit der Erkundung der Anmarsch-und Aufstiegroute zum Biwakplatz. Natürlich vergehen gute anderthalb Stunden, bis der Indio, schneeweiss gekleidet, mit den drei Maultieren vor dem « Hotel » erscheint. Eines der Tiere verschwindet beinahe unter einer Futter-und Brennholzlast. Wir türmen unsere Ausrüstung noch auf seinen geduldigen Rücken, denn die beiden andern Mulas sollen die Reittiere sein. So wird es 9 Uhr, bis wir endlich aufbrechen.

Mein Kamerad und ich steigen behutsam auf und rutschen sehr vorsichtig in die für unsern Zustand bedenklich harten Holzsättel. Dann geht 's im Schritt die holprige und wie ein Bachbett ausgeschwemmte Dorfstrasse aufwärts. Nach wenigen Schritten wird mir eindeutig klar, dass ich diesen Ritt nur in den Bügeln stehend absolvieren kann. So halte ich an und verkürze die Riemen auf das entsprechende Mass. Dann versuche ich den Gefährten einzuholen, der schon weit voraus, in eine dichte Staubwolke gehüllt, davon-reitet. Die Mula scheint sich besondere Gedanken zu machen über den Reiter auf ihrem Rücken. Die ungewohnte Manier will ihr nicht behagen. Darum fällt sie in einen harten Trab und ich, mit einem Aufstöhnen, zurück auf mein schonungsbedürftiges Sitzfleisch. In mein Schicksal ergeben lasse ich dem Tier freien Lauf. Der Schmerz treibt mir den Schweiss aus allen Poren, und als wir aufgeschlossen haben, rutsche ich entschlossen aus dem Sattel, um der Qual ein Ende zu machen und gleich unserem indianischen Begleiter zu Fuss die Höhe zu gewinnen. Mein Kamerad scheint ein solideres Fell zu haben. Stolz wie ein Spanier sitzt er im Sattel. Sein munteres Zureden bringt mich aber nicht wieder auf den Rücken des Tieres. Ich fühle mich zu Fuss bedeutend leistungsfähiger, obschon es mir schwer fallen wird, mit dem leichtfüssigen Treiber und den flinken Tieren Schritt zu halten.

Der Weg führt zwischen den letzten zerstreuten Hütten des Dorfes bergan, einem mächtig gewölbten Torbogen entgegen, den ein Aquädukt über den schluchtartig eingeschnittenen Weg spannt. Bevor wir unter dem Bogen durchziehen, halten wir in seinem Schatten an, um der ledigen Mula wenigstens die beiden Rucksäcke aufzupacken und einen Blick zurückzuwerfen auf das in der Ebene liegende Chalchicomula. Die Sonnenglut des späten Vormittags lastet auf den ärmlichen Lehmhütten, die in aufgelockerten Reihen an den wenigen verwahrlosten Strassenzügen liegen. Eukalyptusbäume heben auf turmhohen Stämmen ihr staubiges Kronengefieder über die Innenhöfe der bescheidenen Besitzungen, die von eng geschlossenen Orgelkaktusreihen umzäunt sind. Auch in dieser entlegenen Indianersiedlung haben die eifrigen Streiter « de Nuestra Sefiora — unserer Lieben Frau », zum Zeichen ihres un- i bedingten Herrschaftsanspruches ein grandioses Steinmal aufgerichtet: eine wuchtige Kirche, die einen ausgedehnten Klosterbau überragt, beherrscht das armselige Indianerdorf. Dahinter ziehen in endlosen Zeilen Agaven-pflanzungen den fernen, leichtgewellten Höhenzügen entgegen, auf deren violettem Saum die azurne Kuppel des Hochlandhimmels ruht.

Der Indianer hat die Lasten verteilt und festgeschnallt. Nun heisst es: vorwärts! wenn wir noch vor Nacht den fernen Biwakplatz erreichen wollen. Kaum haben wir das Riesentor des Aquäduktes durchschritten, wendet sich die Wegschlucht in scharfem Bogen nach links, führt steil bergan, wird breiter und mündet nach ein paar tausend Schritten auf einer weiten Bergterrasse. Mit einem Schlag hat sich das Landschaftsbild verwandelt. Vor den Blicken steigt die in ihren Ausmassen gewaltige Bergwelt des Citlaltepetl auf. Mächtige Waldkuppen türmen sich in allen Schattierungen der einen Höhe entgegen. Die erst lockeren Eukalyptusbestände gehen in geschlossenen Laubwald über, dahinter dehnen sich Föhrenzonen, darüber wogen Tannen- und Lärchenhänge auf, und in der Höhe ahnt das Auge die Region der alpinen Zwerg-gestrüppe. Darüber lugen Felsrücken und Grate hervor, die aus solcher Entfernung winzig erscheinen. Aber die Sinne fassen Einzelheiten nur mit halbem Bewusstsein, denn über all diesen unwesentlichen Gebilden thront die Grosse der herrlichsten Bergpyramide, mit Eis umpanzert, das in der glühenden Sonne gleisst und spiegelt, von Schnee umsäumt, der in den Schattenhängen blaut, und oben — siehdort braust der Höhensturm vom Ozean her und reisst von den blendenden Graten Schneefahnen in den blau-blauen Himmel. Erstaunt beobachtet der Indianer die laute Freude der beiden Weissen. Sein Auge folgt unseren trunkenen Blicken und kehrt dann verständnislos zu dem seltsamen Gebaren und unbegreiflichen Wesen der Fremden zurück. Diese hat das Bergweh gepackt und treibt sie in beschleunigtem Marsch den Höhen zu.

Die Sonne brennt erbarmungslos herab. Zu beiden Seiten der Wegspur werden die lockeren Eukalyptusbestände von kahlen Sandnarben unterbrochen, über denen die Hitze flimmert. Stellenweise wandern wir durch mannhohes, ausgedörrtes Steppengras, dessen Rispen in der Sonnenglut leise wispern. Sehnsüchtig flüchtet das Auge immer wieder zu der dunklen Wand des geschlossenen Laubwaldes, die fast unmerklich näherrückt. Endlich tauchen wir in sein Dämmerlicht. Aber kein kühler Waldesatem ist da. Der heisse Brodem unbewegter Glut schlägt über uns zusammen. Die Enttäuschung zwingt zu einer kurzen Rast. Von Tier und Mensch rinnt der Schweiss. Im dichten Laubgewölbe regt sich kein Blatt. Die Welt ist stumm. Nur vor dem Waldtor schwebt, fast greifbar, wie ein aus Stahlfäden gewirktes Gespinst, das sirrende Tönen der Zikaden aus der lichten Ferne, die wir zurückliessen.

Weiter geht es zwischen efeuüberwucherten Eichen- und Buchenstämmen steil bergauf, dann durch eine weitgebuchtete Senkung und wieder die nächste Kuppe empor, immer im gleichen, düstern Dämmerlicht des Kronengewölbes. Nur hie und da durchsticht ein Sonnenstrahl gleich einer glühenden Lanze das dichte Blattgewirr und blendet fast schmerzhaft die brennenden Augen. Seltsame Fliegen und Mücken zucken auf und ab, hin und her. Metallblau, goldgrün und perlmuttern schillern ihre Flügel, leuchten auf und erlöschen wie die Funken eines Feuerwerkes, wenn sie in lautlosem Tanze die Lichtbahnen der Sonne kreuzen.

Wieder rasten wir, um ein paar Bissen durch die ausgedörrte Kehle zu würgen und endlich wenige sparsame Schlücklein aus der Feldflasche zu geniessen. Mit dem kostbaren Nass müssen wir haushälterisch umgehen, denn bis zum Biwakplatz werden wir — es herrscht Trockenzeit — auch nicht dem spärlichsten Rinnsal begegnen. Umsonst lauschen wir nach jener vertrauten heimatlichen Melodie, dem muntern Plätschern und Gurgeln, dem geheimnisvollen Strudeln und Rauschen verborgener Wasser. Und doch ist diese Welt nicht mehr so gänzlich stumm. Aus der Höhe scheint ein leises Raunen ans Ohr zu dringen; ein feiner Harzgeruch, mehr geahnt als klar empfunden, weckt die müden Sinne. Und wirklichnoch eine halbe Stunde steil bergan, dann schiebt sich das Blätterdach zurück; Licht flutet uns entgegen, rotglühende Föhrenstämme leuchten über niedrigem Buschwerk auf, und tausend und abertausend Nadelkronen flimmern im Sonnenglanz, leis bewegt vom schwachen Hauch, der darüber streicht. Wie ein lichter Festsaal beglückt der Föhrenwald die matten Lebensgeister, schenkt frische Kraft und scheucht den lähmenden Überdruss.

Mit jedem Schritt bergan verstärkt sich das Raunen in den Wipfeln zu einem munteren Sausen, und im Anstieg zum nächsten Waldkamm, von dessen Höhe schon ernste Tannenspitzen grüssen, schwillt es an zu einem volltönigen Brausen. Dort streicht der Höhenwind über die BergwälderJeder ein Maultier an der Halfter nachziehend, hasten wir den letzten steilen Hang empor und stehen dann, übermütig jauchzend und ausgelassen wie Kinder, im Windeswehen, das alle Müdigkeit und alle Last der dumpfen Niederung von Leib und Seele bläst. Gleich einer erfrischenden Flut umspült der kräftige Luftstrom die hochatmende Brust und trocknet wie mit kühler Leinwand die schweissfeuchten Glieder.

Wir mögen ungefähr 3800 m Meereshöhe erreicht haben und stehen auf einem Ausläufer der riesigen Lavaströme der Sierra Negra, deren kahle, tief durchfurchte Schattenhänge sich gegen Mittag steil und dunkel erheben. Die vom Sonnenlicht bestrahlten Kraterfelsen leuchten in rötlichen Farben, als hätte das starre Gestein seine ursprüngliche Glut bis zum heutigen Tage bewahrt. Vor uns senkt sich der Hang zu einer weiträumigen Mulde und bäumt sich jenseits als letzte, mächtige Waldkulisse bis zur Baumgrenze auf. Dahinter fletschen schartige Gebirgsstöcke ihr drohendes Gebiss, gleich Ungeheuern, die den Zugang zum Hochaltar der Götterburg wehren. Kaum vermag der gebannte Blick sich zu lösen von der unerhörten Pracht der stolzen Pyramide, die mit ihrem blendendreinen Firnmantel machtvoll in den Himmel ragt. Gegen Osten steigen graue Lavaströme zu einem weitgeschweiften Schneesattel an, der rechts bis zu einem Vorgebirge, den Felsbastionen der«Crestones », reicht und nach links in die zahmen Firnhänge der Ostflanke des Citlaltepetl übergeht. Dort muss die beste Aufstiegsroute liegen. Die Südhänge sind durchbrochen von drei ausgeprägten Felsrippen, die aus einem Hauptlava-strom aufstreben und sich im obersten Drittel des Berges im Firn verlieren. v Die Westseite der Pyramide zeigt bis weit hinauf steile Lavapartien, die abweisend aussehen.

Die Sonne steht schon weit im Nachmittag und drängt zum Aufbruch. In weitem Bogen holen wir nach Süden aus, um so wenig wie möglich an Höhe zu verlieren und einem grossen Windbruch auszuweichen, der als undurchdringliches Hindernis die gerade Route sperrt. Auf mühsamen Umwegen winden wir uns durch den dichten Urwald. Jeden Augenblick warnt der hohl-klingende Huftritt der Mulas vor verborgenen Löchern, die unter einer trügerischen Humusschicht liegen, denn nun sind wir auf den Lavahängen der Sierra Negra und nähern uns der Waldgrenze.Von Zeit zu Zeit bricht das eine und andere der Tiere dennoch ein. Nur ihrer erstaunlichen Behendigkeit und Trittsicherheit ist es zu verdanken, wenn keines ernsthaft zu Schaden kommt. Nach einer beschwerlichen Marschstunde zwingt ein steiler Wall von Lavatrümmern doch noch zu einem kurzen Abstieg. Wir sind scheinbar zu hoch hinauf geraten und gelangen nun bald auf einen flachen Rücken, der hinüberleitet in eine mit Legföhren bedeckte Senke. Ausgesprochene Täler und Schluchten gibt es in diesem Gebiet keine. Die Gebirgsbildung ist verhältnismässig jung, da vermochten auch die Sturzfluten der Regenzeiten in dem ausserordentlich harten Lavagestein noch keine Täler und Schluchten aufzureissen.

Das Legföhrendickicht macht uns viel zu schaffen. Nachher freuen wir uns um so mehr am unbehinderten Aufstieg über sonnenversengte, fahlgelbe Grashänge, die mit dürren Rhododendrenbüschen durchsetzt sind. In steilem Zickzack gewinnen wir beträchtlich an Höhe. Schon neigt sich der goldene Sonnenball gegen den fernen, tiefliegenden Horizont und überflutet mit zauberhaftem Glänze die Wüstenei, durch die wir aufsteigen. Glut dringt aus dem Stein und Grus und Sand, der unter den Tritten knirscht, Glut strömt über die letzten Hänge, die zur Höhe der Lavaströme des Citlaltepetl ansteigen, goldene Flut verklärt die hier und dort einsam kämpfenden Arvenstummel, Feuerpracht lodert aus den Basaltleibern der Felsstöcke, und Silberglanz funkelt in der Höhe, wo aus Firn und Eis Lichtgarben in den schwarzblauen Himmelsraum aufsprühen. Im letzten Sonnenschein erreichen wir eine schmale Furkel und stehen nun auf der Höhe der drei mächtigen Lavaströme, die der Berg nach Süden sendet. Zwischen dem mittleren und dem südwestlichen Strom liegt ein trogförmiges Tal. Es führt von der Furkel aus in bequemem Anstieg zum Biwakplatz.

Nach kurzer Dämmerung ist die Dunkelheit eingebrochen. Schon liegt die Welt um uns im Schatten der Nacht. Das letzte Tageslicht bleicht am Gipfel des Citlaltepetl, dann schwebt sein Firndach als silberne Ampel im nachtblauen Äther. Plötzlich lodert vor uns ein Lagerfeuer auf. Rechts oben, auf dem Kamm eines Lavawalls, steht als schwarze Silhouette eine vermummte Gestalt — ein Wächter. Man scheint uns zu erwarten! Werden die besorgten Freunde mit ihren Warnungen doch noch recht behalten? Haben jene Maultiertreiber im Dorf mehr gewusst und verschwiegen, als sie mit ihrem ängstlichen Gemunkel preisgeben wollten? Soll der herrliche Wandertag doch noch ein Ungewisses, düsteres Ende nehmenBehutsam und zögernd steigen wir gegen das Feuer an und spähen misstrauisch nach den kunklen Schatten, die sich um die Glut gruppieren. Der Hufschlag der Maultiere reisst den Wächter aus seiner starren Ruhe. Nun bewegt er sich —, ist plötzlich von der Finsternis verschluckt. Dann vernehmen wir einen warnenden Ruf. Ums Feuer wird es lebendig —, etwas scheint nicht geheuer! Wir fassen unwillkürlich nach unsern Pickeln. Eine dürftige Waffe gegen Banditen, die einen Überfall geplant haben! Und doch strömt aus der Berührung mit dem zähen Eschenschaft, dem kühl-blanken Eisen etwas wie Trotz — Mut darf man es wohl schwerlich nennen — in uns über. Die Bergfahrt wollen wir nicht leichten Kaufes aufgeben. So nähern wir uns, scheinbar unbekümmert, dem Feuer, auf alles gefasst, nur nicht auf den halblauten Ruf, der plötzlich an unser Ohr dringt: « Good evening sir! » Die Stimme verrät eine leichte Beklemmung, aber auch unser Gegengruss: « How d'you do? » mag kaum besondere Zuversicht verraten haben. Dann klingt ein befreiendes Lachen durch die Nacht. Eine kleine Schar Touristen, Amerikaner und Deutsche mit ihren indianischen Begleitern, treten nach und nach aus der Dunkelheit in den Lichtkreis des Lagerfeuers. Gegenseitig haben wir uns als Banditen beargwöhnt und lachen nun fröhlich über die schmeichelhafte Verkennung und ebenso über den verlorenen Aufwand an Heldenmut und Todesverachtung. Die Leute sind heute auf der Ostseite von Orizaba heraufgestiegen, um am kommenden Tag den Citlaltepetl zu besteigen.Fortsetzung folgt )

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