Cotopaxi

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Von Paul Hunger

25. Juni bis 1. Juli 1947 Mit 2 Bildern ( 65, 66 ) ( Quito ) Aus der Glut der pazifischen Küste steigt es auf bis in die höchsten Regionen des ewigen Schnees:

Ecuador, das klassische Land der Vulkane!

Grüne Weiden, Kornfelder, Sanddünen... und immer wieder Vulkane, Schneeberge und Gletscher: so wechselt das Bild der ecuadorianischen Sierra von den gewaltigen Eisgebilden des Cayambe im Norden über die höchsten und aktivsten Vulkane der Anden bis an die peruanische Grenze im Süden.

Angezogen durch das vulkanische Geheimnis dieser einzigartigen Hochgebirgswelt haben schon die Reisenden des 18. Jahrhunderts von alpinistischen Versuchen berichtet. Von Humboldt an bis zu den Erstbesteigungen durch die deutschen Geologen Reiss und Stübel sowie dem englischen Alpinisten Edward Whymper ist es immer wieder das alpinistische Interesse gewesen, das sich neben die wissenschaftliche Tätigkeit stellte: dem Berg näher zu kommen! Diese gemeinsame Entwicklung war es denn auch, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Erschliessung der Hochanden Ecuadors führte.

Trotzdem ist der « Andinismus » fremdes Gut geblieben: Eispickel, Seil, Steigeisen sind nicht durchgedrungen, ebensowenig Klubhütten oder gar Bergbahnen und Sesselibahnen... Auf sich selbst ist man angewiesen, auf seine eigene Kraft, und vor allem: auf seine eigene Ausrüstung! Man wird diese Berge nicht « bezwingen ». Man muss vor jeglichem Unternehmen aus Literatur und durch eigene Rekognoszierungen theoretisch und praktisch das Gebiet erkunden.

Da das Land Privateigentum ist, meist bis an die Schneegrenze hinauf, hängt oft das ganze Unternehmen von der Zu- oder Abneigung des Grund-besitzers ab. Eine Frage ist, mit der man sich immer wieder auseinanderzusetzen hat: Wie komme ich an den Berg heran? Hat man das Glück, das Zutrauen des « Patrons » zu gewinnen, so steht einem meist seine ganze Hacienda mit Trägern und Maultieren zur Verfügung.

So ist es uns heute ergangen: während uns ein Administrator von der Aussichtlosigkeit einer Durchfahrt zu überzeugen versuchte, hat der « Patron » selbst, Don Galo Plaza Lasso ( früherer Gesandter Ecuadors in Washington ), grösstes Interesse an unserm Unternehmen gezeigt und uns sogar seine Gäste geheissen in « St. Agustin ». Damit steht uns das Tor geöffnet zu einer der markantesten und höchsten vulkanischen Erhebungen der Anden: des Cotopaxi!

Wo man in der Sierra unterwegs ist, ist es immer wieder die Schneekuppe des Cotopaxi, die sich aus der östlichen Kordillere über das « kleine Matterhorn » des Quillindana ( 4919 ) im Süden und dem nordwestlich dem Iliniza ( 5305 ) zugeneigten Rumiñiahui ( 4757 ) erhebt. Von der grossen Handelsstrasse aus ( über die Sierra, zwischen Quito und Latacunga ) zeigt er sich aus 20 km Entfernung von seiner schönsten Seite: aus einer Basisfläche von 380 km2 ( nach Reiss ) steigen die Flanken der Süd- und Nordfirne mit 30° bis 35° in einer nahezu vollkommenen Symmetrie bis in die Schneewächten und Zacken des Kraters auf 6000 Meter auf.

Durch diese erstaunliche Mächtigkeit, vor allem aber durch seine katastrophalen Ausbrüche der Jahre 1768 und 1877, wobei grosse Gebiete fruchtbaren Kulturlandes verwüstet und überschüttet wurden, hat der Berg die Aufmerksamkeit des ganzen Landes auf sich gelenkt. Seine Aktivität war es auch, die zu den ersten alpinistischen Versuchen führte. Während darüber allerdings sehr wenig Angaben bekannt sind, war es im Jahre 1831 der französische Physiker Boussingault, der mit Coronel Hall erstmals über die Schneegrenze hinausstieg. Ein weiterer Versuch des deutschen Naturalisten Moritz Wagner, im Jahre 1858, scheiterte auf 5377 m infolge ungünstigen Witterungsverhältnissen. So galt der Krater lange Zeit als unerreichbar. Erst Wilhelm Reiss 1, dem mehrere Jahre in den Anden tätigen deutschen Geologen, gelang es, den Plan durchzusetzen. Begleitet von dem Colombianer A. M. Escobar erreichte er am 28. November 1872, aus einem Lager auf 4627 m, meist über Lavamoränen und Felsen... « wie über eine Treppe »... die barometrische Höhe 5992 m des Kraters in Südwest. Dieser Erstbesteigung folgten am 18. März 1873 Alphons Stübel 2 ( barometrische Höhe 5996 m ), sowie im September 1877, also kurze Zeit nach dem grossen Ausbruch, der deutsche Jesuitenpater Theodor Wolf 3 mit dem ersten Ecuadorianer, Alejandro Sandoval, aus Latacunga. Über dieselbe Variante, von Machachi aus, gelang der Aufstieg im folgenden Jahre auch Baron Max von Thielmann 4 sowie im Februar 1880 dem englischen Alpinisten Edward Whymper 5, der mit dem Engländer Perring und den beiden Bergführern Carrel aus Valtournanche erstmals auf dem Krater biwakierte. Dieses ungewöhnliche Biwak auf einem der höchsten aktiven Vulkane, das äusserst interessante Beobachtungen ermöglichte, gelang später auch den beiden Schweizer Geologen Dr. Rod und Dr. Kappeler. Seit Whympers Besteigung war es jedoch fast ein Vierteljahrhundert still um den Berg, so dass der Aufstieg des deutschen Professors Hans Meyer, am 11. Juli 1903, zu neuen Studien Anlass gab, zumal er sich erstmals ausführlich über die Gletscherforschung im Vulkangebiet befasste.

Wer jemals als Bergsteiger das Bild der braunen Sierra mit den weissen Flanken des Cotopaxi bewundert hat, wird gebannt sein von diesem Berg. Er wird aber ebenso erkennen, dass es sich um ein ernstes Unternehmen handelt, dem geheimnisvollen Krater näher zu kommen. Wir selbst wagten uns zu diesem Versuch erst nach soundso vielen andern Bergfahrten, wobei wir unsere Ausrüstung ausreichend erproben konnten. Robinson, mein Seilgefährte, ist Colombianer aus Bogotá und als solcher mit den andinistischen Verhältnissen vertraut. Aus Gründen des Biwaks sowie eventuellen Transportschwierigkeiten entschlossen wir uns zu einer Zweierpartie.

1 und 2 W. Reiss und A. Stübel: Das Hochgebirge der Republik Ecuador, Bd. I, Berlin 1892-1898.

3 Th. Wolf: Carta a S. E. el Jefe Supremo de la Republica sobre su viaje al Cotopaxi, Guayaquil 1870.

4 Max v. Thielmann: Vier Wege durch Amerika, Leipzig 1879.

5 Edward Whymper: Travels amongst the great Andes of the Equator, London 1892.

25. Juni 1947. Die grauen Nebel, die schon seit Wochen die Höhen belagern, sind zwar nicht sehr verlockend, doch auch nicht dicht genug, um uns vom Plane abhalten zu können. Wir verlassen an diesem Morgen im englischen Armee-Car, den uns freundlicherweise die Shell Company of Ecuador Ltd. zur Verfügung stellte, Quito, die Hauptstadt Ecuadors. Über die grosse Nord-Süd-Strasse der Sierra gelangen wir in drei Stunden nach Lasso, einer kleinen Eisenbahnstation auf 3000 m Höhe, wo unser Weg über weite, grüne Weiden, an Eukalyptusgruppen, Agaven ( cabullas ), Opuntias ( tunas ) und stachligen Kakteen ( espinas ) vorbei in die Hacienda St. Agustin führt. Der Capitan ( Verwalter ) schaut uns etwas verwundert an, muss aber aus unserm Empfehlungsschreiben bald erkennen, dass es ernst gemeint ist. Er mahnt uns zu Vorsicht und erinnert uns an den letzten missglückten Versuch vor vier Jahren, wobei ein junger Norweger im Schneesturm umgekommen war. Doch unser Wunsch ist ihm Befehl: sofort lässt er Rengifo, einen Indio, rufen, der vor 9 Jahren mit dem englischen Minister Bullock bis an die Schneegrenze hinaufgestiegen war. So ist unsere Karawane bald mit Führer, Trägern und Mulas bereit. Erst über weite Felder von Mais, Kartoffeln, Roggen ( habas, frejoles, arvejas, lentejas ) und dann durch tiefe, schluchtartige Tobel traversierend, erreichen wir gegen Abend in leichtem Anstieg die Hütte Rengifos. Wie armselig diese Menschen hier ihr Leben fristen, lässt sich kaum beschreiben, und doch haben wir als « Weisse » mit ihnen das Bohnengericht einzunehmen, wobei uns Rengifo als Vater, Führer und Dolmetscher den Kontakt vermittelt vom spanischen zum inkaischen « quinchua », der heute noch gebräuchlichsten Umgangssprache der Indios. Wie wir uns im engen, niedern Raum der « Chosa » 1 zurechtfinden werden mit der l0köpfigen Familie, ist kaum vorstellbar. Doch auch da ist die eine der Bettstellen, dem einzigen Mobiliar der Hütte, mit einem weissen Leinentuch bereitgemacht.

26. Juni. Grau und neblig steigt der Morgen auf. Trotzdem steht unsere Kolonne um 6 Uhr zum Abmarsch bereit. Erst geht es wieder ein paar hundert Meter talwärts tiefer, um dann durch das schluchtartige Tobel des Saquimalag auf das Hochplateau der Hacienda Ilitios ( 3275 m ) zu gelangen. Dann führt der Weg bald in den wilden Paramo hinauf, dem sogenannten « Pajenal » 2, der Heimat grosser Vieh-, Schaf- und Pferdeherden sowie vereinzelter Lamas. Von hier aus gilt es nun, durch dichtes Buschwerk hindurch, der « Mortiños » ( Vaccinum floribundum ), den Aufstieg zu finden in die SW-Zungen des Südfirns, was infolge der übereinander folgenden Steilhänge ohne ortskundige Leute fast unmöglich wäre. Während auch hier noch die Erde farbig belebt ist von rosaroten und violetten Gentianen ( Gentiana cerastioides und Gentiana rupicola ) sowie tiefer, auf ca. 4000-4200 m, vor allem der prachtvollen dunkelroten Blüte der Gentiana cernua, führt uns Rengifo kurz nach Mittag in die zerklüfteten Regionen der Lavamoränen. Damit, d.h. auf 4250-4300 m, tritt man in die sterile Zone der Vulkanasche, dem « Arenal » 3, die sich, einer hoch- 1 Chosa = Hütte aus « Paja », typische Siedelung der andinen Indios.

2 Páramo = Grassteppe der Anden auf 3500-4000 m ( Paja = Dürrgras ).

3 Arenal = Sandwüste im Vulkangebirge ( Arena = Sand, Vulkanasche ).

alpinen Wüste gleich, mit reduzierter Steigung gleichmässig bis zur Schneegrenze hinaufzieht.

Die Nebel haben sich unterdessen etwas gelichtet, so dass uns Rengifo von hier aus die mutmassliche Anstiegroute über die riesigen Firnhänge beschreiben kann. Von der Mulde, nördlich von uns, stiegen Reiss und Stübel über die noch warme Lava des Ausbruchs von 1853 dem okzidentalen Kraterrand entgegen. Wir steigen in weiten Zickzacks südöstlich dem vorgesehenen Lagerplatz zu. Erst unter guten Bedingungen beginnend, dann aber bis an die Knie in Sand und Asche watend, erreichen wir nach langen mühevollen Stunden die ersten Felsrippen, wo eine alte Lagerstelle 1 all die Pein zu beschliessen verspricht. Um aber an die Schneegrenze zu gelangen, sehen wir uns heute genötigt, mindestens hundert Meter höher zu steigen, was vor allem für die Tiere eine ausserordentliche Zumutung bedeutet.

Um 4 Uhr ist « die Tat vollbracht » und damit der Schnee erreicht. Man stärkt sich und nach dem versöhnenden « Trago » ( Zuckerrohrschnaps ) verabschiedet sich Rengifo mit seinen Leuten, um heute noch mit den Mulas wenigstens bis in den Páramo zurückzukehren. An irgendwelche optische oder akustische Signale ist, infolge des nebligen Wetters und der weiten Entfernung, nicht zu denken, so dass wir die Mannschaft auf ein bestimmtes Datum zur Rückkehr bestellen — ein für den Notfall allerdings nicht empfehlenswertes Risiko. Zwischen zwei Felsgraten stellen wir das Zelt auf, so klein als möglich, um es absolut abschliessen zu können, mit 8 soliden Verankerungen und einer halbmeterhohen Schutzmauer ringsum. In einer Felsrinne finden wir noch eine Weinflasche mit der Visitenkarte eines englischen Touristen, der hier vor zwei Jahren infolge Schneestürmen zur Rückkehr gezwungen war. Dann kriechen wir « unter Dach », um hier mit neuer Hoffnung auf den heissen Tee zu warten.

27. Juni. Unser Lager, das bereits die erste Probe einer stürmischen Nacht ausgehalten hat, befindet sich auf rund 4800 m ü. M., der mittleren Schneegrenze der Süd- und SW-Firne des Cotopaxi. Über einen langen Felsgrat, 50 m östlich unseres Camps, gelangt man unter ziemlich guten Verhältnissen in den grossen Südfirn hinauf, wo denn auch unser erster Versuch in einem argen Schneesturm abgeblasen wurde.

Gegen 10 Uhr starten wir zu einem neuen Angriff. In dreiviertel Stunden stehen wir wieder oben im Übergang vom letzten Felsband in den Firn. Die Schneeverhältnisse sind sehr gut, so dass wir mit unsern Tricouni-Beschlägen auf die Steigeisen verzichten können. Auf 5300 m gelangen wir vor eine wahre Märchenwelt von Eishöhlen und Spalten. Obschon eine Abweichung nach links günstiger scheint, halten wir uns an die Angaben Rengifos: also Kurs Ost über den Picacho. Angeseilt und vorsichtig sondierend gelangen wir zwischen riesigen, offenen Spalten hindurch und hinauf in den endlosen gleichmässig mit 35° bis 40° ansteigenden Südfirn, wo wir bald über uns die kollosalen Schneewächten des Südgipfels erkennen. Stundenlang steigen wir im Zickzack aufwärts, neben Schründen und durch ein wahres Eislabyrinth.

1 Diese Lagerstelle entspricht ungefähr der Höhe 4700 m, eventuelle Schneegrenze 1942.

Dass der scheinbar harmlose, glatte Firn Vorsicht erfordert, erkennen wir, als vor unsern Füssen eine Schneedecke einbricht und sich eine zwar schmale, aber sehr tiefe Eisspalte öffnet, die diagonal über den ganzen Firn verläuft.

Trotz stundenlangem Steigen ist unser vermeintlicher Krater nicht näher gerückt. Nach links über einen riesigen Eisbruch abschwenkend, gelangen wir auf eine Terrasse ( auf 5750 m ), wo wir uns zu einer Rast und Stärkung niedersetzen. Robinson hat es mit einem kurzen Brechreiz zu tun, während ich mit einem eigentümlichen Druck auf den Schläfen « belastet » bin. Um weitern Beschwerden vorzubeugen, schlucken wir eine Aspirin. In der weiten Ferne erhebt sich prächtig die glänzende Schneekuppe des Chimborazo über das Wolkenmeer hinaus.

Aber es ist schon spät. Wir müssen uns beeilen. So stampfen wir den letzten Anstieg hinan. Wie eine gigantische Pyramide erhebt sich unmittelbar vor uns die eisige Fassade des Südgipfels. Die Steilheit nimmt zu, und der Schnee wird weich! Hüftentief waten wir weiter, schon den ersten Lavablöcken zusteuernd. Und schon glaube ich die Hände nach dem Krater ausstrecken zu können — aber... der Schnee gibt nach! Ich blicke zurück und... sehe wie die Nacht schon aus dem Tale heraufsteigt. Da gilt nur noch ein Gedanke, eine Tat: Rückzug! Wir haben nichts mehr zu verlieren, nur hinab und über die Spalten: das Leben ist so teuer...

Glücklicherweise zündet uns der Halbmond den Weg über den Firn, der aber auch bald wie wir selbst von finsterm Nebel eingehüllt wird. Plötzlich ein Ruck! Ich blicke um und sehe, wie mein Gefährte mit einer grossen Schneebrücke in eine Spalte einbricht. Am gesicherten Seil stemmt er sich jedoch wieder « über Bord », und mit einem « kleinen Schreck » geht es weiter, wenn auch nicht mehr so schnell. Bei den Felsen steht uns wieder der Mond bei, so dass wir schliesslich heil unser Camp erreichen.

28. Juni. Es mag 9 oder 10 Uhr sein: unsere Uhren stehen still! Der Sturm hat sich gelegt. Der Himmel über dem Berg ist nur leicht bewölkt. Robinson blickt aufwärts: « Wir wollen auch heute wieder daran gehen! » Mir selbst wird es nach den gestrigen Anstrengungen und der zweiten schlaflosen Nacht nicht leicht bekommen. Wir wiegen ab und reduzieren unser Equipement. An Stelle der Steigeisen kommt diesmal die schwere Filmkamera mit. Die ersten hundert Meter legt man noch gut mit 50 Schritten pro Minute zurück. Was jedoch weiter folgt, reicht an keinen Maßstab mehr heran, denn so erbarmungslos brennt die Sonne durch den Nebel hindurch, dass man sich wie gelähmt fühlt. Aber die Initiative liegt heute bei Robinson, der mir zuflüstert, dass wir mit dem « zweiten Willen » unsere Situation noch retten können. Kurz vor den Eisbrüchen hüllt uns aber eine Nebelschwade so vollständig ein, dass wir zu einer kurzen Pause gezwungen sind. Hier sind diesmal ziemlich starke Schwefeldämpfe spürbar, die der Wind vom Krater herab-bläst. Und weiter schleppt man sich den Berg hinan, am Labyrinth vorbei, und in ewigem Zickzack wieder über den Südfirn, um nach vielen Stunden auf die Terrasse zu gelangen. Waren es bis daher kulinarische Mittel gewesen, die zu diesem körperlichen und geistigen Maximum angeregt hatten, so glaube ich nun selbst daran, mit allen guten Geistern diesen « toten Punkt » noch ganz überwinden zu müssen. Die Nebel verziehen sich etwas, so dass wir von hoher Warte aus in ein Eislabyrinth hinabblicken, wie ich 's phantastischer und mächtiger bisher nirgends bewundert hatte. Ja — und so nahe stehen wir hier schon vor dem apern Krater, so unmittelbar am Ziele, dass es nur noch einen Gedanken gibt: ich will!

Und mit der brennenden Frage nach jener andern, unbekannten Welt, die uns dieser Gipfel erschliessen wird — mit diesem glühenden Interesse, das den Bergsteiger immer wieder in der letzten Etappe zu den kühnsten Taten anregt, stapfen wir jetzt dem letzten Steilhang entgegen. Den gestrigen Lavablöcken ausweichend halten wir uns in einer Mulde wieder an ein letztes Zickzack. Der Nebel hat uns indessen buchstäblich eingemauert. Das lenkt die Aufmerksamkeit ganz an den Rhythmus des Steigens, der so schwerfällig ist wie der Pendel einer Schwarzwälderuhr. Drei Sekunden für einen Schritt: das ist das Mass unserer menschlichen Kraft, denn die Luft ist dünn und das Herz klopft, die Lungen pumpen und die Muskeln spannen... Um mit Whymper zu sprechen: jeder Schritt ist eine Tragödie! Und doch geht es vorwärts. Der Grund wird fester, der Schnee hört auf, noch 10 Meter, und um 5 Uhr stehen wir auf dem Krater des Cotopaxi, auf 6000 m über dem Meer! Ein eisiger Wind streicht aus dem Norden herüber, erst mit den Nebeln kämpfend, um dann plötzlich die ganze Wolkenmauer mit sich zu reissen. Damit erfüllen sich unsere kühnsten Hoffnungen: aus einem unendlichen Nebelmeer erheben sich in blendendem Glanze die Schneegipfel des Iliniza, Chimborazo, Tungurahua, Altar und in südlicher Ferne der rauchende Sangay. Ich reiche meinem treuen Gefährten die Hand zu diesem denkwürdigen Gruss, denn vor uns erschliesst sich, gleichsam wie aus einer andern Welt, der fantastische Krater in seiner ganzen Grösse und Erhabenheit. Von hohen Schneewächten, Eisscharten und Felsgraten, teils auch von schneefreien Borden fällt es steil über Felsbänder und Schutthalden hinab zum rauchenden Innenkrater 1 der wieder von einer riesigen Schneemauer umsäumt ist. Den Durchmesser desselben schätze ich auf drei Fünftel des Hauptkraters, der nach Meyer 500-550 m in OW und 750-800 m in N-S misst und eine ellyptische Form besitzt. Von unserm Standort aus steigt es schwach an, vermutlich zu Punkt 5996 SO ( Stübel ), um von dort in die tiefste Lücke abzufallen, dem Tor des gewaltigen Lavastromes vom Jahre 1877. Über die effektiven Meereshöhen des Kraters lassen sich genaue Zahlen kaum festhalten, da der seinerzeit ( vor dem Jahre 1877 ) von W. Reiss 2 trigonometrisch gemessene Punkt 5954 NO heute von grossen Eismassen überdeckt ist. Nach H. Meyer beträgt diese Eishöhe 60 m ( heute 70-80 m ). Auf Grund der daraus resultierenden absoluten Meereshöhe von 6003 m des NO-Gipfels und der barometrischen Punkte Reiss 5992 m und Stübel 5996 m in SO sowie nach eigenen Messungen kommt H. Meyer in ausführlichen Vergleichungen zur Bezeichnung des Cotopaxi als des höchsten, aktiven Vulkans der Welt 3. ( Vergleiche auch The National 1 Diesen Innenkrater schätze ich auf 250-300 m Durchmesser.

2 W. Reiss und A. Stübel: Das Hochgebirge der Republik Ecuador.

3 H. Meyer: In den Hochanden Ecuadors. Reisen und Studien, S. 238, Leipzig 1906.

Geographic Magazine vom März 1930 — « Cotopaxi, the highest active volcano in the world » l. ) Jeder hat indessen die kostbaren Augenblicke der Auf hellung auf seine Weise genützt: Robinson mit einem Photopanorama, ich mit einem Farbenfilm.

Damit aber fällt der Vorhang! Und da stehen wir — vom Schauspiel noch ergriffen — wieder im Nebel wie zuvor!

Mit fast abgefrorenen Fingern starte ich zu einem Laufschritt über den leicht ansteigenden Kraterbord nach Nordwest, um dort im zerfallenen Steinmannli von Punkt 5996 unsere Daten einzulagern. Doch — nicht allzuweit dauert dieser Laufschritt: atemringend, wie ein steinalter Mann, muss ich daran denken, dass wir uns immer noch auf sechstausend Metern befinden! Jetzt erst kommen wir zu einer kurzen Rast und mit etwas Traubenzucker und Ovomaltine zu einer kleinen Stärkung. Es lockt uns allzusehr zu einer Gratwanderung rund um den ganzen Krater herum, aber der Nebel hüllt uns schon fast in Dunkelheit ein. Wir müssen aufbrechen! Und so seilt man sich wieder an für die Rückkehr « zur Erde » hinab... Erst in weiten Sprüngen das Kraterbord abwärts stapfend, um dann den Firn meist in der Fallirne auf den Hosen zu bewältigen, steuern wir dem Picacho entgegen. Märchenhafte Farben der einbrechenden Nacht wechseln am Horizont des Oriente, dem Urwald des Amazonas. Der Mond steigt auf und wieder funkeln die Sterne, so dass wir ohne Schwierigkeiten die Eisbrüche passieren können. Glücklich und frohen Mutes erreichen wir in dunkler Nacht unser Camp, das von einem kalten, nassen Nebel belagert ist. Recht, dass man ein gutes Dach bei sich hat! Mit schneegefüllten Pfannen kriechen wir in das Zelt, und während es draussen zu schneien anfängt, lassen wir hier im flackernden Licht einer Kerze noch einmal das ganze Erlebnis des heutigen Tages vorüberziehen.

30. Juni. Das Wetter hat sich nicht gebessert, und der gestrige Tag ist zu einem regelrechten Ruhetag geworden. Der Organismus hat sich an Höhe und Klima angepasst, mit dem Resultat, dass man einschlummert, sooft man sich niederlegt. Erst gegen Mittag lässt das Schneetreiben etwas nach. Wir kriechen aus unserm Zelt hinaus, das sich inzwischen in eine wahre Schneehöhle verwandelt hat, zu einer Exkursion in die Eisbrüche hinauf über dem Picacho.

1. Juli. Wir sind sehr froh, dass es unser letzter Tag ist. Die Entbehrungen, vor allen Dingen aber das kalte, trübe Wetter, erschweren das Dasein in diesen abgeschiedenen Regionen.

Gegen Mittag ertönen Stimmen aus dem dicken Nebel herauf: Rengifo! Welch tröstlicher Gedanke: Wärme — Komfort, Tisch, Stühle, Löffel und Teller... Wie verabredet, ist es unser guter Rengifo, der eben mit seiner Karawane die mühsamen Hänge der Vulkanasche heraufstapft.

Rasch ist unser Equipement wieder auf den Maultierrücken verladen und die Kolonne zum grossen Marsche nach Lasso bereitgestellt. Die Leute sind natürlich nicht wenig über unsern Erfolg erstaunt, und auch Senor Mentor Nunez, der Patron von Ilitios, wartet gespannt auf unsere Rückkehr, National Geographic Magazine, Vol. LVII, Nr. 3, pag. 301, Washington, march 1930.

da ja der Berg trotz zahlreichen Versuchen seit fünf Jahren nicht mehr bestiegen wurde.

In Lasso verabschieden wir uns von den Leuten, und durch eine mondhelle Nach geht es auf einem Camion mehr oder weniger bequem wieder Quito entgegen. Es ist vielleicht meine letzte Fahrt durch Ecuador, aber vergessen werde ich es nie in meinem Leben: « das klassische Land der Vulkane! »

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