Dämon Berg

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Wolfgang Schwab

( Zürich ) Schon manche schwierige Bergfahrt war den beiden Freunden gelungen. An einem Hochsommertag waren die zwei früh aufgebrochen, um einen götter-gleichen Berg zu überschreiten.

An der grossen Wand des Berges klommen sie empor. Die Hand griff glatte, abdrängende Platten. Stark musste die Seele sein, den Ansturm der Eindrücke aufzunehmen und zu ertragen.

Der Gipfelturm, von den flimmernden Sonnenstrahlen umspielt, stand vor den beiden wie eine märchenhafte Erscheinung. Über steil aufstrebende Schneide kletterten sie an der rötlichen Wand des Gipfelturms empor. Am späten Mittag erreichten sie die Spitze. Allmählich nur verebbte die Spannung des Aufstiegs. Wunschloses Glück umfing sie in zeitloser Rast.

Die Notwendigkeit des Abstiegs liess die Kameraden die Fortsetzung ihres Weges betrachten. Durch eine tiefe Scharte vom Gipfelturm getrennt, erhob sich ein wilder Grat aus riesigen Zacken. Am doppelten Seil glitten die Freunde die Wand hinab, auf schmalen Absätzen das Seil aufs neue einziehend und sichernd. Die Abseilarbeit hatte viel Zeit gekostet. Als die beiden in der Scharte standen, war die Sonne hinter dem Horizont verschwunden. Die trüben Schatten der Tiefe schwebten hoch herauf und warfen dunkle Schleier um den Grat. Fischförmige, missfarbene Wolken waren aufgetaucht, die Vorboten eines Gewitters.

Als die beiden den ersten Zacken erklommen hatten, verfinsterte es sich zusehends, und dumpfes Donnergrollen zeigte den baldigen Ausbruch eines Gewitters an. Just als die Freunde den zweiten Zacken erklommen hatten, brach das Unwetter mit elementarer Wucht los. Sich in der nächtlichen Kälte an die Gratkante klammernd, erkannten sie ihre äusserst ernste Lage. Das Gewitter tobte und toste.

Tiefernst suchte der Blick des einen den Gefährten. Der aber zeigte fast lächelnde Gelassenheit. Immer mehr hatte er sich im Banne jener dämonischen, wilden Macht gefühlt, die ihn mit neuer Kraft zum Lebenskampf erfüllte. Wenn er auch das Gefährliche ihrer Lage nicht verkannte, so war doch seine Seele ganz erfüllt vom urgewaltigen Schauspiel der Gewitternacht. Doch hoffte er, mitsamt dem Freund während des ganzen Unwetters aushalten zu können.

Mit einem Schlage hörte das Gewitter auf. Der Mond war aufgetaucht, und sein silbernes Licht leuchtete zauberhaft über den Grat. Entschlossen setzten die Freunde die Überschreitung fort. Neue und starke Spannung schuf der Abstieg. Doch wachte der Berg über ihnen. Von der Spitze des letzten Gratturms begannen sie aufatmend den Abstieg zu einem Gletscher, der sie endlich zu freien Alpwiesen führte.

Hoch über dem Gletscher ragte der Berg, der sie im Banne seiner schreckhaften Wildheit gehalten hatte. Keiner hätte den andern bei der Hochfahrt missen wollen, die ihnen nun als köstlichste Tat erschien.

Die Freunde wanderten durch nächtlichen Bergwald und Nacht talauswärts. Weit ragte des Berges Antlitz in stilles Land. Vom Berge gelöst, blieben sie mit ihm verbunden.

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