Das Dominiloch am Pilatus und seine Sagen

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Mit 3 Bildern ( 67-69Von p_ p|azidus Hartmann

( Engelberg ) In den Jahren, da ich noch blutjunger Gymnasiast war, übten die Geheimnisse des Pilatus auf mich einen besonderen Zauber aus. In Begleitung gleichgesinnter Kameraden versuchte ich mich am Band, am Heitertannli, am alten Tomliweg, und einmal lockte das schmale Bandweglein vom Klimsenhorn unter dem Kastelendossen und Gemsmättli hinüber zur Bründlenalp. Darüber, in der Stotzigen Wand des Widderfeld, sollte das sagenumsponnene Dominiloch sichtbar sein. In der Hütte hofften wir, bei einem währschaften Sennenkaffee, allerlei über die Höhle zu erfahren. Dass kaum 20 Minuten westlich der berüchtigte Pilatussee gelegen hatte, konnten wir damals weder ahnen noch wissen, denn nach unserer Meinung war der feige Richter Pontius Pilatus in den kleinen Wassertümpel oben in der Tomlialp verbannt worden.

Aber was war das? Kein Herdengeläute und kein froher Jauchzer wollte die Wanderer begrüssen. Die Alp war wie ausgestorben. Die ausserordentliche Trockenheit hatte den Pflanzenwuchs versengt, die Quellen versiegen lassen, im trockenen Boden gähnten Risse und Spalten, und so waren die Sennen lange vor der Zeit mit ihren Herden wieder ins Tal gezogen. Wohl erkannten wir hoch oben in der Fluh am Widderfeld eine höhlenartige Spalte, aber unsere Frage nach ihrer Geschichte und ihren Sagen blieb ohne Antwort.

So blätterte ich denn kürzlich im Buche des verewigten Luzerner Staatsarchivars P. X. Weber, « Der Pilatus und seine Geschichte », 1913, und fand eine ausführliche Beschreibung der Erforschung des Dominikloches. Dagegen trat der Verfasser nicht näher auf die Sagen ein, da sie sich merkwürdigerweise erst im 18. Jahrhundert nachweisen lassen. Der Luzerner Arzt Dr. Mauriz Anton Kappeier, der den Berg 1717, 1725 und 1727 besuchte und ihm ein Buch, « Pilati montis historia », widmete, das bereits 1728 in der Handschrift vorlag, aber erst 1767 im Druck erschien, wusste nichts von solchen zu berichten. Damit ist aber nicht gesagt, dass die mündliche Überlieferung der Sennen nicht weiter zurückreicht. Jedenfalls bleibt es bemerkenswert, wenn die Sage auch noch in jüngerer Zeit ihre geheimnisvollen Fäden um eigenartige Naturerscheinungen webt. So mag es berechtigt erscheinen, im folgenden auf eine weniger beachtete ältere Quelle hinzuweisen.

Im Jahre 1859 schrieb Heinrich Runge unter Benützung einer Handschrift Martin Usteris eine Abhandlung: « Pilatus und St. Dominik », als 4. Heft des 12. Bandes der Mitteilungen der antiquarischen Gesellschaft in Zürich, mit zwei Tafeln. Nachdem er eingehend die Pilatussage abgewandelt hat, wendet er sich der Dominikhöhle zu. Nach seinen Angaben liegt sie ungefähr 1200 Fuss hoch in der senkrechten Wand über der Bründlenalp. Man nahm an, sie ziehe sich durch das Widderfeld hindurch in natürlicher Verbindung mit dem Mondmilchloch in der Tomlialp. General Franz Ludwig Pfyffer von Wyher versichert in seiner « Promenade sur le mont Pilate » in der letz- teren 1752 das Herdengeläute des weidenden Viehs in der Bründlenalp gehört zu haben. 6 Luzerner aber, darunter auch Oberst Karl Pfyffer von Altishofen, welche 1802 die Höhle genau untersuchten, fanden keine Verbindung mit dem Dominikloch.

Die Dominikhöhle verdankt ihren Namen einem eigenartigen weisslichen Gesteinsblock in der Öffnung der Felsspalte, welcher einer menschlichen Gestalt mit überschlagenen Beinen, die sich mit den Armen auf einen Tisch stützt, ähnlich sieht. Im 18. Jahrhundert wurde das Interesse an dieser geheimnisvollen Naturerscheinung immer reger. Schon im Jahre 1740 soll ein gewisser Huber, aus Luzern oder Kriens, versucht haben, durch Abseilen vom Grat her den Spalt zu erreichen. Am kantigen Gefels aber sei das Seil zerrissen und der Waghalsige abgestürzt, nach Weber tödlich, was wahrscheinlicher ist; nach Runge sei er wieder genesen und hätte sich später geäussert, die Figur sehe zu künstlich aus, sie müsse von Menschenhand geformt worden sein. Oberst Karl Pfyffer wollte des Rätsels Lösung finden. Die Gelegenheit bot sich im Jahre 1814, als Ignaz Matt, ein kühner Gemsjäger aus Tirol, der unter Pfyffer in sardinischen Diensten stand und seinem Vorgesetzten in den Savoyer Bergen einst das Leben gerettet hatte, bei Vater und Bruder in Luzern auf Besuch weilte. Er erklärte sich bereit, das Wagnis eines erneuten Abseilens in die Höhle zu versuchen.

Der 12. Juni wurde zu einem einzigartigen Erlebnis für die rund 400 Zuschauer, die sich auf der sonst einsamen Bründlenalp eingefunden hatten, um ihren Gwunder zu stillen. Runge und noch viel eingehender Weber schildern die Festversammlung nach Pfyffers Bericht, der uns in einzelnen Teilen aber sehr romantisch anmutet. So wenn er schreibt, dass Frauenzimmer auf dem gefährlichen Weg kletterten, « wo man an einigen Orten nur über Balken, welche an den schroffen Felsen mit eisernen Klammern angeheftet sind, gehen kann, von wo aus man in schreckliche Abgründe hinunter sieht », dass einige sogar « in Musselin gekleidet und mit Tanzschuhen » auf das Widderfeld gestiegen seien.

Um Mittag begann Matt den Abstieg und erreichte um halb 1 Uhr die Höhle.Von der Alp herauf grüsste Freudengeschrei und schmetterten die Weisen einer Blasmusik. Der Ebikoner Maler Kaspar Belliger hatte die Zuschauerschaft in einem Gemälde verewigt, das Weber in einem Klischeedruck wiedergibt. Matt steckte ein Fähnlein auf, stieg dem « Domini » auf die Schulter und begann dann die Vermessung. Die Figur ist ein mit hellem Kalksinter überzogener, isolierter Felsklotz, bis an die Schultern von 8 Fuss Höhe. Den Kopf bilden drei aufeinander liegende lose Steine von 2 Fuss Höhe. Ein zweiter Steinblock von 10 Fuss Höhe, unten 2 und oben 3*4 Fuss breit, etwa ein Klafter rückwärts gelegen, bildet den « Tisch ». Die Höhle ist 120 französische Fuss tief, 90 hoch und 28 breit. Der Boden ist schuhtief von einer sandigen Verwitterungsschicht überzogen, in dem lose Kristalle von Kalkspat liegen sowie vereinzelte Kirschensteine, die wohl von Bergdohlen hineingetragen wurden. An den Wänden hingen unzählige Wassertropfen, die Figur aber war ganz trocken. Eine Verbindung mit dem Mondmilchloch ist ausgeschlossen. Um 1% Uhr kletterte Matt am Seil wieder aufwärts und erreichte nach 25 Minuten glücklich den Grat des Widderfeldes.

Die Sagenwelt Die weisse Färbung des Blockes macht es erklärlich, dass die Sage ihn in Verbindung mit St. Dominikus brachte, zeigt der Heilige doch in der Kunst und tragen die Dominikaner ein weisses Ordenskleid. So weiss denn eine Legende zu erzählen, auf der Bründlenalp hätte ehedem eine kleine Kapelle zu Ehren des hl. Dominikus gestanden. Durch einen Felssturz sei sie verschüttet, die Statue ihres Schutzheiligen aber durch ein Wunder gerettet und in den Eingang der Höhle versetzt worden.

Höchst unglaublich klingt die Mär, das Dominiloch sei vor vielen hundert Jahren auch von der Bründlenalp erreichbar gewesen, bevor die Verwitterung die unnahbaren senkrechten Felsabstürze geschaffen hätte. Desertierte römische Soldaten seien emporgeklettert und hätten den Block in den Domini umgemeisselt.

Weitere Sagen haben mit St. Dominikus nichts zu tun. So wurde behauptet, in der Höhle seien unermessliche Schätze an Gold, Silber und edlem Gestein gehortet. Dominik sei ein verwunschener Mensch, der wegen seiner Untaten in Stein verwandelt wurde und die Höhle bewache, bis eine kräftige Beschwörung ihn wieder lebendig mache und zwinge, den köstlichen Hort herauszugeben. Matt soll tatsächlich, aber erfolglos, einen Exorzismus versucht haben.

Die Unterwaldner, die am Pilatus alpen, verpflanzten die Rütlisage von den drei Teilen ins Dominiloch: In seinem Innern schlafen die drei wehrhaften Eidgenossen ihren Zauberschlaf. Wenn aber die Not der Heimat zu ihnen emporruft, werden sie erwachen und das Land wie ehedem von Knechtschaft und Feind befreien.

Die beiden letzten Sagen vereinigt der Einsiedler Zeichner Pater Rudolf Blättler aus Buochs in einer Federzeichnung seines köstlichen, humorvollen Bildberichtes zur Erinnerung an eine Pilatusfahrt im Jahre 1868, wohl in Begleitung des Hergiswiler Pfarrherrn Franz Blättler. Die Tuschzeichnung trägt die Überschrift: « Das Dominiloch, wo Domini Wache steht, und die drei Teilen im Zauberschlaf liegen, und reiche Schätze verborgen sind. » Die drei Eidgenossen schlummern gerüstet und bewaffnet neben gemünztem Gold und Truhen mit Schätzen. Vor dem Eingang, dem Beschauer den Rücken kehrend, hält der gepanzerte und behelmte Recke Wache und stützt die Linke auf einen Tisch.

Eine weitere interessante Sage ist im B. Jahrgang des « Wanderer in der Schweiz » von 1841 zu lesen. Zu einer Zeit, als das Schweizervolk bei jeder Gefahr einträchtig zusammenstand und kein Zwiespalt unter den Eidgenossen herrschte, wachte in der Höhle ein Riese über die Sicherheit des Landes und rief es zum Kampf auf, sobald ein Feind sich den Grenzen nahte. Eines Tages aber schlief der Riese ein. Wie er wieder erwachte, bot sich seinen Augen ein entsetzliches Schauspiel. Im Land zu seinen Füssen wütete ein blutiger Bruderkrieg, kämpften Schweizer gegen Schweizer. Da erstarrte vor Schreck der Riese des Berges, sein Leib ward zu Stein und blieb es bis auf den heutigen Tag. Aber er ist nicht tot. Wenn die Eidgenossen sich in Eintracht finden, wenn jeder im andern wieder den Bruder sieht und ihn liebt, wird er erwachen und dem Vaterlande weiterhin Schutz und Wehr sein.

Die Felsfigur im Dominiloch wird nie zum Leben erstehen. Die wehrhafte Eintracht der Bürger aber kann und wird unserem Schweizer Lande auch in den Gefahren der Gegenwart sein köstlichstes Gut erhalten: Freiheit und Frieden.

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