Das erste Fremdenbuch der Fornohütte

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VON H. C. CRAMER, GÜMLIGEN BEI BERN

Mit 2 Bildern ( 20, 21 ) Vor mir liegt ein in leicht fleckiges, kastanienbraunes Leder gebundenes Buch in Oktavformat. Auf der Ober- und Unterseite ragen innerhalb zweier Goldleisten an den vier Ecken beinahe einen Zentimeter hohe, gegen oben zugespitzte, unten quadratische Messingknöpfe hervor. In Goldlettern ist in der Mitte des Einbanddeckels eingestanzt:

FREMDENBUCH

DER FORNOHÜTTE

1890 28 Auf der innern Einbandseite findet sich der Vermerk: « Der Fornohütte gewidmet von Theodor Curtius, SAC ( Sektion Bernina ). » Eine Seite weiter hinten, wo die Blätter cremefarbig sind und zum Beschreiben, ist mit violettem Tintenstift eingetragen: « Fornohütte. Privatbesitz. Dem Schütze des reisenden Publicums empfohlen. 27. August 1890. Heute, am 27sten August haben unterzeichnete Männer von Sils dieses Buch hier deponiert. Jeder, der die Gastfreiheit dieses Hauses geniesst, möge sich hier einzeichnen, vor allem aber auch nicht die Namen der ihn begleitenden Führer und Träger vergessen. Möge jedem, der hier weilt, der Anblick dieses unvergesslich schönen Fleckchens Erde in ungetrübter Schönheit zu Theil werden. Dem aber, der in Nebel und Sturm hier Zuflucht findet, soll dies Haus ein behaglich Obdach bieten. Niemand verlasse unbefriedigt dieses Haus. » Unterzeichnet haben: Th.Curtius; Joh.Caviezel, Sils i.E.; Jos.Pontz, Sils; G.Fümm-Courtin; F. Courtin; Ch.Gigli. Dr.Theodor Curtius 1 kann als der erste Liebhaber und Kenner sowie als einer der Erschliesser der Nordseite des Bergeller Grenzkammes bezeichnet werden. Sein Führer war seit 1883, dem Jahr ihrer ersten Begegnung, Christian Klucker ( 1853-1928 ) aus dem Fextal. Zwischen den beiden entwickelte sich bald « eine der schönsten alpinen Freundschaften zwischen Herr und Führer, eine Freundschaft, die bis zum Tode dauerte 2 ». Es ist anzunehmen, der Einfluss Kluckers habe dazu beigetragen, dass Curtius Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auf eigene Rechnung die erste Hütte in den Bergeller Alpen errichten und diese - die Fornohütte - von Klucker verwalten Hess.

Das vorliegende Hüttenbuch ist von Curtius seinerzeit Klucker überlassen worden und aus dem Nachlass des letzteren an den Verfasser übergegangen. Es umfasst ziemlich genau die Zeitspanne von 20 Jahren und vermittelt dem aufmerksamen Leser einen spannenden Einblick in die Erschliessungsgeschichte der um den Fornogletscher gelagerten Berge und Felszacken zwischen 1890 und 1910. Enthalten sind auch manch ergötzliche Geschichten und ausserdem geben die auf den 301 Seiten des Buches enthaltenen Eintragungen einen trefflichen Überblick auf Alpinisten und Wanderer einer klassischen Periode des Alpinismus in einem verhältnismässig spät erschlossenen, weil damals abgelegenen Gebiet unserer Alpen.

Gleich die erste touristische Notiz hat u.a. eine Erstbesteigung zum Gegenstand. Sie lautet: « 25. 26. 27. 28. 29. und den 30. Juni 1891... mit den beiden Führern Chr. Klucker und Mansueto Barabaria ( von Cortina, Tirol ) folgende Besteigungen ausgeführt: 1. Pizzo Bacone über den Ostgrat. 2. Cima di Largo mittlere Spitze 2te Besteigung und 3. Cima di Largo südliche Spitze erste Besteigung, v. Rydzewski, SAC Sektion Davos. » Anton v. Rydzewski, russischer, in Dresden wohnender Baron, war einer der Herren, mit denen Klucker hauptsächlich im Bergell eine ganze Reihe von Erstbegehungen gelang; wie in Kluckers Erinnerungen nachgelesen werden kann, war jedoch das Verhältnis zwischen den beiden von Anfang an ein gespanntes. Wenn der Fexer Bergführer trotzdem auf diesen als Alpinisten ungeeigneten Herrn nicht verzichten wollte, war es, wie er selbst gestanden hat, um sich « das Neue in jener Gegend nicht wegschnappen zu lassen ». Rydzewskis erster Eintrag im neuen Hüttenbuch führte übrigens zu einer Kontroverse. Prof. Curtius fügte nämlich der Notiz über die Erstbesteigung der höchsten Spitze des Cima di Largo nachträglich das Wort « touristische » ( Erstbesteigung ) bei, was Rydzewski im Juni 1892 zur als Nachtrag angeführten Bemerkung veranlasste: « verbitte mir jegliche Correcturen meiner Einzeichnungen ». Ludwig Norman-Neruda, ein englischer Bergsteiger und Freund Kluckers, hielt es seinerseits für angebracht, hineinzuflicken « unrichtige Correcturen », 1 Professor der Chemie an der Universität München und später Heidelberg.

2 Nachwort von Ernst Jenny zu den « Erinnerungen eines Bergführers », von Christian Klucker, Zürich, 1930.

und Prof. Curtius, wohl um weiteren Streit zu vermeiden, fügte 1895 der Bemerkung Nerudas bei: « sehr wahr ». Den Tatsachen entsprach es jedoch, dass Rydzewski den Gipfel am 30. Juni mit seinen beiden Führern bestiegen, nachdem dieselben den ersten Aufstieg bereits am vorhergehenden Tag ausgeführt hatten.

Eine Viertelseite weiter hinten findet sich erneut eine Eintragung des Deutschrussen: « Heute Mittwoch, den B. Juli Erstbesteigung des Torrone Centrale mit Herrn ( sie ) Christian Klucker und Mansueto Barbaria ausgeführt. Höchst gelungene Tour und mit dem Auf... ( unleserlich ) in der Hütte sehr zufrieden geblieben. » Ein Jahr, nachdem die Hütte eröffnet worden war, muss Klucker - anlässlich einer Inspektion von Ende Juli - konstatieren, dass « zwischen dem 9ten und 21. Juli ins verschlossene Zimmer eingebrochen wurde! Folgende Effekten sind gestohlen worden: 24 Löffel; 4 Decken; 1 Gletscherseil; 8 Messer; 11 Gabeln; 1 kg Stearinkerzen und das Schloss an der Doppeltüre sowie ein Deckel vom KochherdPfui! » Wahrscheinlich ging der Einbruch auf Konto der damals und übrigens auch später sehr zahlreichen Schmuggler, die hauptsächlich über den 3331 Meter hohen Monte Sissone allerlei Waren nach Italien zu bringen pflegten.

Unter dem 29./30. August 1891 findet sich der Eintrag der Erstbesteigung des Torrone Occidentale über den NW-Grat durch E. Kingscote und E. Garwood mit den Führern Martin Schocher und Anton da Andreas Rauch mit folgendem Inhalt ( aus dem Englischen übersetzt ): « Bestiegen den in der Siegfriedkarte mit 3300 m kotierten Gipfel ( der dritte W vom Pizzo Torrone ). Der Aufstieg wurde über den Grat W des Gipfels ausgeführt, ausgehend von einem Schneepass und erwies sich als sehr schwierig; eine Scharte im Grat, die von der Hütte aus sichtbar, bereitete besondere Anstrengungen. Der Aufstieg erforderte bei weichem Schnee 6 ½ Std. Auf dem Gipfel wurde eine Flasche gefunden, die Visitenkarten einiger italienischer Herren ( es handelte sich um Graf F. Lurani aus Mailand, E. Albertario mit E. Baroni ) enthielt. » Offenbar hatten dieselben den Gipfel 1882 von Süden her erreicht. ( Diese Erstbesteigung hatte am 12. August 1882 stattgefunden. ) 1892 wird die Hütte wiederum von A.v. Rydzewski als erstem Touristen besucht. Er führt von dort zwischen dem 21. und 30. Juni eine ganze Reihe von neuen Besteigungen durch. Seine Begleiter waren wie bis anhin Klucker und Barbaria.

Interessant ist insbesondere der Eintrag vom 27. Juni: « Erstbesteigung der Punta Rasica ( 3307 m gemäss Lurani ). Die Erkletterung des Gipfels unendlich schwierig. » Die Beurteilung des Schwierigkeitsgrades lässt einen unwillkürlich an die Beschreibung der Tour durch Klucker l denken: « Von meinem Prinzipal wurde unten ( am Fusse des Gipfelblockes ) der böse Gang angetreten und der Zug nach oben setzte energisch und erbarmungslos ein. Immer höher ging es und das Pusten und Keuchen kam immer näher. Ganz erschöpft und nach Atem ringend stand er endlich bei mir. » Es sei dabei allerdings nicht vergessen, dass Kluckers Herr erst im Alter von 49 Jahren mit dem Bergsteigen begonnen hatte und anlässlich der Tour auf die Punta Rasica etwa 55jährig war. Zudem dürfte sein Körper eher von schwächlichem Bau und insbesondere seine Arme und Hände kraftlos gewesen sein. Optimale Voraussetzungen für die Erkletterung des Rasicamonolithen waren bei ihm also sicher nicht vorhanden.

Einen Tag später ( 28. Juni ): « Cima di Cantone ( 3334 m Siegf.Atlas ) auf neuem Wege vom Cantonegrat und über den NO-Grat. Zurück gleichfalls auf neuem Wege direkt nach Ost hinunter auf den Fornogletscher. » Am 29. Juni: « Tour allerersten Ranges. Über Passo „ Vazeda ", erste Ersteigung der „ Cima Vazeda ". Punkt 3308 des Siegfr.Atlas oder Karte. Dann über den westlichen 1 A.a.O. S. 169. 30 Grat auf neuem Wege die prächtige C. di Rosso ( 3367 m ). Die Gratwanderung mit Übersteigung der Felsköpfe, besonders des ersteren ( östlichen ) unendlich schwierig und erheischte viel GeduldDank, vielen Dank den braven, prächtigen Führern: Chr.Klucker u. Barbaria! Klucker ist ein richtiger König der Berge. Ein „ Einziger » Auch das nächste Jahr ( 1893 ) ist Rydzewski als einer der ersten in der Fornohütte. Es erfolgen in der ersten Hälfte Juni die Erstbesteigungen der nördlichen Firnwand und des Ostgrates der Torrone Occidentale - als « sehr schwierig » bezeichnet - sowie der Ostwand der Cima di Castello. Diesmal begleitet ihn neben dem altbewährten Klucker der Courmayeursche Führer Emile Rey. Abgesehen von der 1895 vorgenommenen Erstbegehung der Nordostwand und der Ostwand der Cima di Vazzeda werden damit die bergsteigerischen Taten Rydzewskis von der Fornohütte aus spärlicher. Aber am 9. Juli 1899 kehrt er 62jährig nochmals zurück und greift mit Klucker die Felszacke im Grat zwischen der Torrone Centrale und Occidentale erfolgreich an ( heute Torrone Centrale ovest benannt ). Dazu schreibt er ins Hüttenbuch: « habe sie ( die Spitze ) nach meiner Gattin „ Punta Alessandra " benannt Klucker meinen wärmsten Dank für seinen chevaleresken Vorschlag! » Es ist im übrigen nicht anzunehmen, dass diese Anregung von Klucker ausging, auf jeden Fall hat sich der Name nie eingebürgert.

Zwischenhinein sei wiederholt, dass sich in unserem Hüttenbuch selbstverständlich eine Unzahl bekannter und unbekannter Namen von Touristen aus der Schweiz, England, Frankreich, Italien, Deutschland sowie andern Staaten verewigt hat. Teils schlugen dieselben den Weg durch das Tal der Maira nur zu einem Hüttenbesuch ein, teils aber doch zu bergsteigerischen Taten. Auch mein Grossvater, Dr. C. v. Muralt, hat sich ( 1902 ) zusammen mit zwei seiner Töchter und mit Dr.Theodor Reinhart und dessen Familie aus Winterthur sowie der Familie Vogel-Fierz aus Zürich eingetragen. Dies weckt in mir die Erinnerung, dass, wie meine Mutter mir später erzählte, die aus elf Personen und einem Hund zusammengesetzte Reisegesellschaft im Abstieg auf dem mittleren Teil des Fornogletschers ganz aus der Nähe die seltene Erscheinung einer sog. Gletscherfontaine beobachten konnte!

Der letzte Besucher im Spätherbst und der erste im Frühling ist regelmässig Klucker, der treue und zuverlässige Hüttenwart und Vertraute von Prof. Curtius.

Obwohl Klucker die wichtigsten Erstbegehungen und Erstbesteigungen im Fornogebiet ausführte, haben um die Jahrhundertwende dort auch andere, meist führerlose Alpinisten, Pionierarbeit geleistet. In Erinnerung gerufen - sie finden sich im Hüttenbuch aufgezeichnet - seien die folgenden Erstbegehungen: Traversierung der drei Cime del Large von Ost nach West durch Rudolf Biehler und H. Hoessli ( 18. August 1906 ). « Der Abstieg wurde bis zum grossen Gendarm im Westgrat direkt über den Grat genommen, dann auf der Südseite durch einen kaminartigen Riss bis auf ein Felsband ( ca. 15-20 m tief ), von da auf den Grat hinübertraversiert und direkt in die Scharte. N. B. Trotz der Bemerkung v. Rydzewskis ( siehe Steinmann der kleinen Cima del Largo ) kann der ganze Westgrat auch ohne „ künstliche Hilfsmittel " überklettert werden. » Monte Sissone über den Westgrat ( 1. August 1909 ) durch Julius Heller, Guido Miescher, P. Schucan, alle vom AACZ, und André Michel.

Ans Komische grenzt der Eintrag eines gewissen Philipp Scheiner, Würzburg, DÖAV und SAC Basel, vom 6.August 1906: « Vom Cima di Rosso zurückkommend, entdeckte ich, dass obige Partie » - gemeint sind der Graf della Somaglia aus Mailand und Rechtsanwalt Antonio Baslini -«in meiner Abwesenheit meinen ziemlich eingeteilten und für zwei Tage bestimmten für mich unersetzlichen Proviant aufgezehrt und Thee und Wein ausgetrunken hat, trotzdem der Herr Führer und Träger von Maloja mitgebracht hat. Leider bin ich deshalb gezwungen, meine Touren bei herrlichstem Wetter abzubrechen. Über obige Gemeinheit ein Wort zu verlieren, hat keinen Zweck, die:

berüchtigte Nationalität sagt alles. » Die Angelegenheit hatte ein Nachspiel. Die Italiener verklagten Scheiner wegen Verleumdung. Das Bezirksgericht Maloja verurteilte den unauffindbaren Deutschen in contumaciam zu einer Busse von Fr. 100, zur Bezahlung einer Genugtuungssumme von sage und schreibe Fr. 1000 sowie den Gerichtsspesen. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob dieses Urteil, das im Hüttenbuch in extenso wiedergegeben ist, je vollstreckt werden konnte.

Auf Seite 301 endet das Fremdenbuch. Zufälligerweise besuchte Prof. Curtius gerade an jenem Tag seine Hütte, als eine knappe halbe Seite des Buches noch unbeschrieben war. Er benützt die Gelegenheit, um folgendes einzutragen: « 18.September 1910. Herrlichster Herbsttag. Der Zufall fügt es, dass derjenige, welcher vor 20 Jahren dies Buch in die Hütte hinaufgebracht hat und die Einführungsworte schrieb, auch heute die letzten Zeilen in dasselbe schreiben darf. Viel treue Augen, die von hier in die unvergleichliche Landschaft geblickt, haben sich inzwischen geschlossen. Die mannigfachen f im Buche, die ich im Laufe der Jahre gemacht, zeigen das. Zum Frühjahr 1911 kommt ein neues Buch zur Hütte hinauf. Ich werde es nicht mehr abholen dürfen, wenn es gefüllt ist mit Namen fröhlicher Wanderer. Lampadem tradoTheodor Curtius, Christian Klucker, Karl Zimmermann. »

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