Das Göscheneralptal

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von GoHlieb Binder. Landschaft.

Beim westlichen Ende des Dorfes Göschenen öffnet sich an der linken Seite des Reusstals das Göscheneralptal, eines der eigenartigsten, fesselndsten Alpentäler der Schweiz. Es beginnt hoch oben beim Wintergletscher und Kählengletscher, wo die Quellflüsse der Göscheneralpreuss entspringen. In zweieinhalb Stunden gelangt man von Göschenen aus auf gutem Bergpfad hinauf zur lieblich gelegenen Göscheneralp und in weitern ein bis zwei Stunden an den Fuss der obgenannten Gletscher im Hintergrund. Die mittlere und obere Talstufe zeigen bereits die Spuren wildester Hochgebirgsnatur. Das Göscheneralptal verengt sich bald zur romantischen Schlucht, bald weitet es sich zur freundlichen Mulde, auf deren flachem Boden sich grünes Mattengelände ausdehnt.

Am Eingang dieses Tales liegt der stille Friedhof, in welchem ein schlichtes Denkmal an Jules Favre, den genialen Erbauer des Gotthardtunnels, erinnert. Ein sauberes Strässchen führt am ehemaligen Landsitz ( heute Doktorhaus ) des bekannten Schriftstellers Ernst Zahn vorbei, bald zu dem Sagenreichen Weiler Abfrutt, wo, vom rauschenden Bergwasser getrieben, eine Sägerei alte Fichten in Laden zerschneidet. Ein weissgetünchtes, dem heiligen Matthias geweihtes Kapellchen ruft die Bewohner von Abfrutt des Morgens zur Messe zusammen. Auf den Gesimsen der heimeligen Holzhäuser prangen in leuchtendem Rot die Geranien, Nelken, Fuchsien und Petunien. Auf den duftigen Matten blühen in tiefem Blau Tausende von Glockenblumen. Jenseits der Reuss dunkeln ernste Fichten aus dem jäh ansteigenden Göschenerwald ins Tal herab. Am Wegrand erinnert ein Gedenktäfelchen für einen hier verunglückten elfjährigen Knaben daran, dass von den steilen Flanken der Felswände über der Salbitalp gelegentlich verderbenbringende Felsblöcke und Lawinen zu Tale fahren.

In kaum merklicher Steigung geht es talaufwärts, immer der rauschenden, schäumenden Reuss entlang. Am sonnseitigen Hang liegen die Stäfel der Heimkuhalp Abfrutt, von Lawinen gefährdet und stark mit Steinen übersät. Der schönste Teil dieser vor der Bestossung der höheren Alpen und nach der Alpentladung benutzten Alp liegt am Talweg. Auf einer weitgespannten Holzbrücke überschreitet man die Reuss und gelangt am Kapf-stein, einem seltsam, fast komisch geformten Bergsturzblock, vorbei zu dem in grünem Bödeli stehenden Gasthaus zum Grünenwald ( Ortsname ). Drüben über der Reuss schwingt sich der Weg zum Voralptal im Schluchtenfall der Kaltbrunnenkehle in ununterbrochenem Anstieg über einen fast 400 m hohen Hang zum Taleingang hinauf. Über dessen schmale Rampe stürzt die Voralpreuss in tosenden Fällen zum Schluchtenfall hinab, wo sie sich mit der Göscheneralpreuss vereinigt. Den hochgelegenen Eingang zum Voralptal beherrschen die wild zerklüfteten Granitgräte des Salbitschyn. Der etwa zwei Stunden lange Talboden ist eng und steinig, bringt aber im Sommer ein kräftiges Gras und herrliche Alpenblumen hervor. Im Talgrund und an den Hängen liegen die von der Gemeinde Göschenen benutzten Alpstafel Mittwald, Hornfelli, Bödmen, Flachensteinen und Wallenbühl. Da die einzelnen Stafel dem Vieh meist nur für wenige Tage Futter bieten, sind Hirt und Herde zu öfterem Wechsel der Weideplätze und damit zu einer Art Nomadenleben gezwungen. Das Tälchen wird eingerahmt von stolzen Dreitausendern: dem Salbitschyn, Kühplankenstock, Fleckistock und Stücklistock auf der linken und den Sustenhörnern, dem Brunnenstock und dem Kehlenalphorn auf der rechten Seite. Der massig ansteigende Talweg hält sich auf der linken Seite der Voralpreuss. Er führt zu der am Talende herrlich im Angesicht des Brunnenfirns und des Wallenbühlfirns stehenden Hütte Die Alpen — 1936 — Les Alpes.11 des S.A.C., einem massiven Bau, der sich trefflich in die felsige Umgebung einfügt. Sie dient als Ausgangspunkt für die Besteigung der genannten Berge und für die Übergänge übers Sustenjoch nach dem Sustenpass und die Kehlenalplücke nach der Kehlenalphütte.

Und nun wieder zurück zum Grünenwald im Göscheneralptal. Gegenüber Grünenwald liegt Wicki mit einigen blumengeschmückten Holzhäusern. In der mit Fichten bewachsenen Wickischlucht wurde die unterste Talstufe von der mittleren abgeriegelt durch einen Bergsturz. Auf der Wanderung gegen Brindlistafel und Riedmatt ( Gwüstboden ) hinauf drohen Riesenblöcke aus Urgestein dem Wanderer, dem Säumer und seinem Maultier oft den Durchgang zu versperren. Eine harsche Luft weht in dieser von der furchtbar tosenden Reuss durchströmten Enge selbst an heissen Sommertagen. Aus dem Talhintergrunde grüsst und lockt den Wanderer immer wieder der weisse Firn des majestätischen, talbeherrschenden Dammastockes und lässt ihn die Schönheit ahnen, die er auf der Göscheneralp in vollen Zügen geniessen darf.

Wo sich auf den mächtigen Blöcken im gelichteten Fichtenwald im Laufe der Zeit etwas Humus zu bilden vermochte, hat die Heidelbeere sich angesiedelt. Im September belebt sie die öden Steinwüsten mit ihren prächtigen, gelbroten Farbentönen. Jenseits der Schlucht geht an einsamer Stelle das St. Niklauskapellchen dem Zerfall entgegen. Ob dem Fichtenwald und der Steinwildnis befindet sich auf der rechten Talseite die stellenweise mit Legföhren, Erlen, vereinzelten Arven und Lärchen bestandene Bördlialp, eine der besten Alpen des Göscheneralptals. Über ihr zieht sich an den öden Trümmerhalden ein breiter Streifen kargen, für Schaf- und Ziegenweide bestimmten Grüns hin bis hinauf zum Wintergletschertal und zur Dammahütte. Grobschutt- und Blockhänge reichen bis in die tiefsten Lagen herab. Über den abschüssigen Hängen dehnt sich in weiter Flucht der wilde Zackenkranz der Spitzberge mit Mittagstock und Feldschyn. Wohin man sich nur wendet, überall fällt der Blick auf vergandete Alpweiden und von Sturm, Steinschlag und Lawinen gepeitschte Bergflanken. Am Lochwald vorbei, wo jedes Frühjahr die Lawine niedergeht, erreichen wir auf holperigem Wege Brindlistafel und Riedmatt — von den Talbewohnern « Gwüstboden » genannt, eine topfebene Talstufe, wo die Reuss in mehrfach geteiltem Lauf durch Geschiebeschutt einherrauscht und nur wenig Platz freilässt für Alpweide. Trostlos, als läge ein Fluch auf dieser mittleren Talstufe, starrt einem besonders im oberen Teil gegen die Tobelbrücke das ungeheure Steinblockgewirr als Bild erschütterndsten Ernstes entgegen. Es ist, als ob Titanenhände diese Riesenblöcke von den Bergen herabgeschleudert hätten, um das Dasein der Älpler zu vernichten.

« Im Gwüest », erzählen die Talbewohner, « syg vor altä Zyttä-n-ä grossa scheenä Bodä gsy mit prächtigä Giätärä und drobt ( darüber ) syget nu scheen Bärgä ( Berggüter ) gsy. Durnä Bärgsturz syg alles z'grund g'gangä. » Und die Sage berichtet* ) über den Untergang des Jäntel- oder Gwüstbodens:

JoseJ Müller, Sagen aus Uri I, 45.

Der Gwüstboden im Tale der Göscheneralp, heute ein ödes Trümmerfeld, hiess vor Zeiten Jäntelboden und war eine blühende Au. Man hätte da keinen Stein gefunden, wenn man einen solchen einem Pferde hätte nachwerfen wollen, die man damals noch in die Alp trieb. Da kamen eines Sonntags zwei fremde, unbekannte Weibspersonen daher, bis zum Jäntelbrunnen vorn im Boden, standen in den Brunnen hinein und wühlten darin herum ( „ nennt dri g'niält")-Der Himmel war glanzheiter. Aber alsbald fing er an, sich schwarz zu überziehen. In kurzer Zeit brach ein schreckliches Unwetter los, die Rübenen und Bäche fuhren tosend und brüllend von den Bergen und begruben den schönen Jäntelboden mit ihrem Schutt.

In scharfem Gegensatz zur trostlosen Wüstenei des Gwüstbodens liegt jenseits, links des Flusses, an sonnigem Hang inmitten herrlich grüner Matten das von 20—30 Personen bewohnte Dörfchen Gwüst, das wegen seines ganzen Drum und Dran eher einen an Sonne und Heimeligkeit erinnernden Namen verdienen würde. Goldbraune Holzhäuser mit hellen Fensterchen stehen zerstreut an der sonnigen Lehne, und ein mit Fichten und Arven bestandener Bergwald strebt der Höhe zu. Die Matten dienen im Frühsommer, bevor die Herde zur Alp zieht, und im Herbst, wenn sie von der Alp zurückgekehrt ist, als Viehweide; in der Zwischenzeit dagegen werden sie geheuet und geemdet. Die Siedelung weist neben Häusern aus Holz auch ein in Stein gebautes Haus auf, das sich nicht recht einfügen will in den Rahmen des Bildes. Es habe sich auch nicht bewährt, sagen die Ortsbewohner, weil seine Innenräume im Winter zu kalt seien.

Vom Gwüst an bleibt der Wald zurück. Am sonnseitigen, zur Lochschlucht und zur Göscheneralp abfallenden Felshang stehen lediglich noch eine Lärche und vereinzelte Arven. Die Erlen dagegen bilden üppige Bestände bis zum Kehlengletscher hinauf. Am oberen Ende des Gwüst treten die Berge auf beiden Seiten bis hart an den Fluss heran, so dass eine enge Schlucht entsteht. Am Eingang bildet die Göscheneralpreuss einen Fall, der an den Reussfall bei der Teufelsbrücke erinnert. Hoch « ob der Stäube » verbindet ein Holzbrücklein die beiden Ufer. Als im September 1923 eine Sanitäts-kolonne durchs Göscheneralptal hinaufzog, scheute mitten auf dem Steg das Saumross des aus Brugg gebürtigen Korporals Max Wespi und riss seinen Führer, der es nicht preisgeben wollte, mit sich in den furchtbaren Schlund. Die Mannschaft setzte dem tapferen Kameraden ein Denkmal, indem sie an einem Granitblock eine Bronzetafel mit Inschrift anbringen liess.

Der Weg durch die Lochschlucht führt über Felsrundbuckel, die der Gletscher einst geschliffen und geritzt hat, hart an der Reuss entlang. Aber dann tut sich mit einemmal ein « lachend Gelände » auf, das ganz in den hellen Schein der weissen Firne gestellt ist: ein lieblich grüner, ebener Talboden mit einem Kirchlein, einem weiss getünchten Kapellchen und einer Anzahl brauner Wohngebäude. Das der Mutter Gottes geweihte Kirchlein ist aus rohem Urgestein erbaut, mit Schindeln gedeckt und am Eingang mit einem gemauerten Windfang versehen. Im Innern besitzt das Gotteshaus eine gewölbte, sehr hübsch und anheimelnd bemalte Holzdecke, eine Orgelempore und beim Pfarrstuhl eine rührend schlichte Darstellung der Weihnachtsgeschichte: Krippe, Hirten und Kühe. Eine stille Feierlichkeit und Heiméligkeit waltet in dieser Bergkapelle, besonders wenn um die Mittagszeit das Sonnenlicht durch die Fenster hereinflutet und auf den blanken Bänken, den goldenen Zieraten des Altars und der schönen Kanzel flimmert. Neben dem Kirchlein steht das Wohnhaus für den Herrn Kaplan, das zugleich als Schulhaus dient. Es wurde während des Krieges gebaut. Dabei legten unsere Soldaten tüchtig Hand an, indem sie Bretter und Balken durchs Tal herauf zur Baustelle schafften. Eine Inschrift an der östlichen Giebelseite erinnert an diese freundeidgenössische Mithilfe:

Bürger- und Soldatenhände Schufen Giebel mir und Wände; Erbaut im grimmen Völkerkrieg Verkünde ich der Eintracht Sieg. Anno 1915.

Einige Schritte von der Kaplanei entfernt befindet sich das Gasthaus zur Göscheneralp, das sich lediglich durch das Wirtshausschild von den übrigen Wohnhäusern unterscheidet. Es ist im Besitze von Bergführer Mattli und wird in altherkömmlich schlichter und gediegener Art geführt. Da fühlt sich der Turist von der ersten Stunde an heimisch und aufgehoben; da gibt es keine scheelen Blicke, wenn man sich ungeschniegelt und ungebügelt, gerade so, wie man von den Bergen herabkommt, zu Tische setzt. Es herrscht zur Sommerszeit, besonders an Samstagen und Sonntagen, in diesem Gasthaus ein lebhafter Turistenverkehr, bildet doch die Göscheneralp den Ausgangspunkt für die mannigfaltigsten Hoch- und Passturen. Da trifft man wagemutige Hochturisten, die auf den windumbrausten Gipfeln in Sonnenschein, Firneglanz und Weltferne Befreiung suchten von ihrer inneren Zerrissenheit, von der Hast und dem Markte unserer Zeit, von allem, was uns im täglichen Leben hemmt, beengt und bedrückt. Mit sonngebräunten Gesichtern und einem Nachglanz in den Augen von Weihestunden nach vollbrachter Tur, welche die Anspannung aller Kräfte erforderte, tritt mancher den Heimweg an.

Südlich vom Dörfchen ( 1715 m ) führt, die ganz geruhsam durchs flache Mattengelände einherfliessende Reuss ( Wyschenwasser ) auf einem Holzstege überschreitend, ein viel begangener Passweg zur Alpligenlücke zwischen Lochberg und Blauberg ins Urserental hinüber. Auf der Nordseite schützt eine mächtige Granitwand den Talgrund und seine Bewohner vor dem kalten Winde. Wer zum Bergstafel ( Alp Bratschi ) hinaufsteigt, geniesst von der Höhe der genannten Felswand aus einen herrlichen Blick auf den mächtigen Zug der Firnen und Felsen vom Eggstock über Schneestock, Dammastock, Rhonestock, Gletschhorn, Winterstock, Lochberg zu den Spitzbergen. Man schaut ergriffen all die kühn gestalteten, auf allen Seiten sich emportürmenden, zerklüfteten, wildzackigen Granitwände — Werke aus den Händen des ewigen Vaters. Zu diesen gewaltigen, in Eis und ewigen Schnee gehüllten Berggestalten steht das grüne, von Menschen bewohnte Talgelände der Göscheneralp in seltsamem Gegensatz. Es atmet volle Daseinsfreude, wenn es vom goldenen Sonnenlicht und vom hellen Schein des Dammafirns beglänzt wird. Und welche Feierlichkeit des Nachts, wenn der Mond ob den weissen Bergen seine silberne Bahn geht, die Sterne golden herniederfunkeln und der Alpbach lauter wird als am Tage!

Man wandert talaufwärts über duftige Matten, auf denen die schlichten Gräser zurücktreten vor den unzähligen, in bezaubernder Leuchtkraft und Farbenpracht stehenden Wiesenblumen. Auf schönem Alpwege wandert es sich frei und leicht zum Hotel Dammagletscher ( rund 1750 m ) und durchs firnbeglänzte Kehlenalptal hinauf. Da lässt man Missklang und Alltagssorgen hinter sich und schreitet angesichts von so viel Bergschönheit in dem Gefühl völliger Freiheit den herrlichen Höhen zu. Die reine Gebirgsluft füllt einem die Brust mit echtem Behagen, und die lärmende, hastende Welt ist so fern, dass man ihr Vorhandensein ganz vergisst.

Beim Hotel Dammagletscher oder beim « Egg » am Moosstock gabelt sich das Tal: nach Süden geht 's ins Wintergletschertal hinein zur Dammahütte, über die Winterlücke ( zwischen Lochberg und Winterstock ) zur Albert Heim-Hütte am Tiefengletscher und nach Tiefenbach an der Furkastrasse. Wir setzen unseren Weg in nordwestlicher Richtung durchs Kehlenalptal fort und kommen über die Alpen Vorder- und Hinterröti. Die Bäume und die menschlichen Siedelungen bleiben zurück, der Graswuchs hört auf und damit der Erwerb der Älpler — wir sind in die Region des Kampfes eingetreten, den die Natur auf diesen Höhen führt. Im Grunde wälzt der Kehlenbach rostrotes, vom Gwächtenhorn und vom Kehlenalpgebiet stammendes Geröll zutal, das sich beim « Egg » vermengt mit dem weissgescheuerten Granitgeschiebe des Wintergletscherbachs. An den Ufern des Kehlenalpbaches wuchert in Moränen-, Lawinen- und Runsenschutt die Alpenerle ( im Volksmund der Göscheneralp « Drösle » genannt ) in üppigster Fülle, und am sonnseitigen Hang und auf der ausserordentlich steinigen Alp Hinterröti blühen die Alpenrose und das Heidekraut.

Unzählige weissschäumende Bäche stürzen mit jauchzendem Jubelruf von den steilen Hängen herab und ergiessen sich über den Alpweg oder benutzen diesen eine Strecke weit als Bachbett. Der Bündner Pater Placidus a Spescha berichtet 1811 T ), dass auf der Kehlenalp nicht nur « Drosseln » ( « Drösle » ), Alpenrosen, « Breusch » ( Calluna vulgaris ) und Wacholder gedeihen, sondern auch Lärchen und Arven. « Sie grünen da nächst dem Kehle- oder Thalglätscher und pflanzen sich noch höher fort, als derselbe liegt. » Heute steht kein Baum mehr im Kehlenalptal.

Nachdem man die Alp Hinterröti im Rücken hat, zieht sich der Weg auf der linken Seite des Kehlengletschers durch rostroten Moränenschutt, im Zickzack um rötliche Felsköpfe herum über eine abschüssige Grashalde zur Kehlenalphütte hinauf. Die Sektion Aarau des S.A.C. hätte für diese Hütte keinen schöneren Platz auswählen können. Der ummauerte, sehr geräumige Vorplatz, das massive Mauerwerk, die schwarz- und weissgeflamm-ten Fensterladen, die hübsche Türe und die Inneneinrichtung verleihen diesem Berghause den Stempel der Gediegenheit und Behäbigkeit. Da bietet sich dem Auge ein überwältigend schöner Blick auf zerschrundete Eismassen und zerrissene, jäh abstürzende Felswände: auf den bis zur Tierberglimmi sich hinaufziehenden Kehlengletscher, auf den Maasplankstock- und Dammafirn, den hinteren Tierberg, den Maasplankstock und andere Berghäupter. Von der Kehlenalphütte aus werden das Sustenhorn, das Gwächtenhorn und die Tierberge bestiegen und Übergänge zur Trifthütte am Triftfirn, zum Sustenpass über die Sustenlimmi und zur Voralphütte ausgeführt.

Als ich beim Einnachten von der Kehlenalp zu Tale stieg, fühlte ich mich gehoben in dem Gedanken: Diese grosse Feierlichkeit, Schönheit und Erhabenheit werden sie auch in den nächsten hundert Jahren nicht antasten, die Händler und Geldwechsler, die unser Leben so laut, so gewinnsüchtig und nervös und bei allem äusseren Prunk so arm an innerem Reichtum gemacht haben!

Der Weg zur Dammahütte, die in den Schein des Dammafirns und des Wintergletschers gestellt ist, führt durchs Wintergletschertälchen. An dessen Eingang befindet sich rechter Hand eine Granitbank, der sogenannte « Zeichenstein », in welchen Initialen, Zahlen und Zeichen eingegraben sind, die schon manchem Besteiger des Dammastocks oder der Winterlücke rätselhaft vorgekommen sein dürften. Der um die urnerische Wald-, Wirtschafts- und Siedelungsforschung sehr verdiente Kantonsförster von Uri, Max öchslin in Altdorf, gibt dafür zwei Deutungen1 ). Er schliesst aus den in nächster Nähe vorkommenden Moränenüberresten, dass der Wintergletscher noch vor wenigen Jahrhunderten bis zur Göscheneralp, also bis zum Ausgang des Wintergletschertälchens gereicht habe. Damals hätten die Göschenerälpler Prozessionen hieher ausgeführt und Gott um Schutz und Hilfe an-gefleht, damit der Gletscher nicht weiter gegen das Dörfchen und seine Matten vorrücke. Oder es könnten sich, meint öchslin, hier Wallfahrer verewigt haben, die von Urseren über die Alpligen- und Winterlücke ins Göscheneralptal, durchs Voralptal übers Joch ins Meiental und über den Stössifirn nach Engelberg pilgerten.

Weil sich auf dem genannten Pilgerwege nach Engelberg keine weiteren « Zeichensteine » finden, halten wir die erste Vermutung für die richtige. Sie wird übrigens bekräftigt und beglaubigt durch folgende Sage 2 ):

Der hübsche Stein in der Göscheneralp, Ein seltsamer Stein in der Göscheneralp heisst der « hübsche Stein » und zeigt die ausgehauenen Familien- oder Hauszeichen der Göscheneralp, einige Namensinitialen und Jahrzahlen. Man erzählt, einmal sei der Kehlengletscher immer mehr und mehr vorgerückt, so dass die Leute Furcht bekamen und glaubten, er werde am Ende bis zur Ortschaft vordringen. Da machten sie mit dem Priester eine Prozession oder einen Bittgang bis zu diesem Stein, und dort gab der Priester den Segen, und jede Familie liess ihr Zeichen einhauen. Seitdem zog sich der Gletscher wieder zurück.

Hinsichtlich der Alpenpflanzen weist das Göscheneralptal grosse Ähnlichkeit auf mit dem Gotthardgebiet; an beiden Orten trifft man hauptsächlich granitliebende Alpenblumen. Im Göscheneralptal fand ich auf meinen Wanderungen u.a. massenhaft die rostblätterige Alpenrose, die Heidelbeere, das Heidekraut, den Wacholder, verschiedene Senecioarten, das Wollgras, den Alpenklee, die schwefelgelbe Anemone, die bärtige Glockenblume, das orangerote Habichtskraut, mehrere Primel- und Steinbrecharten, den purpur-farbigen Enzian, die Alpenschafgarbe, die Alpenscharte, den goldgelben alantblättrigen Pippau, den wilden Quendel, den Alpenmannsschild, das Zwergknabenkraut, die Trichterlilie, den Knotenfuss, Bergwohlverleih, die Hauswurz, das Alpenveilchen, die Krautweide, die blaue oder Schneeweide und die nordische Weide, Frauenmänteli, Schaf zunge und die Alpenbärentraube.

Volkstum.

Die Bewohner des Göscheneralptals sind zähe, schlichte, konservative und gottergebene Menschen. Es liegt in ihrem Wesen etwas von der Ruhe und der Kraft der Berge. Sie sind arm, und dennoch leuchtet aus manchem Auge ein heimlicher Glanz der Freude, als wäre es drinnen im Herzen Sonntag. Mit dem engen Berghochtal ist ihr Sinnen und Denken aufs engste verknüpft; ihm gehört der Bewohner an im Leben und im Tode. Es bildet für ihn die Heimat, die er nur notgedrungen für kürzere oder längere Zeit verläset. Er liebt die Berge — die sein Leben behüten, aber zugleich auch bedrohen — nicht so, wie der aus dem Flachland kommende Turist, möchte sie aber auch nicht missen, weil er sie irgendwie als zugehörig betrachtet zu dem, was für ihn Heimat ist.

Schlicht und ungekünstelt wie die Menschen sind auch die aus Fichten-holz gefügten Häuser. Eine steile Treppe führt meist durch die dunkle Küche in die niedrige, getäfelte, heimelige Stube mit kleinen, blanken Fensterchen. Die Gesimse sind nicht mit den herkömmlichen Hausblumen geschmückt, weil diese auf der Göscheneralp nicht mehr recht gedeihen wollen. In der Stube befinden sich Tisch und Stühle und der niedrige Giltsteinofen. Bei der Türe ist der Weihbrunn angebracht und in einer Fensterecke das Kruzifix, geschmückt mit geweihten Stechpalmen. Die Wände sind geziert mit Familien-andenken und Heiligenbildern und letztere wiederum mit Stechpalmzweigen, die man zum besonderen Schutz des Hauses auch in den Fugen des Wand-getäfels und in den Kammern anbringt. An der Wand tickt die alte Uhr, die schon mehreren Geschlechtern die Stunden geschlagen hat. Auf einem Brett liegen Mess- und Gebetbüchlein, die nebst dem « Blättli » ( « Vaterland » und « Urner Wochenblatt » ) die ganze Literatur des Hauses bilden. Es werden aber gelegentlich, besonders an Sonntagen, auch andere Bücher gelesen, die aus der vom Herrn Kaplan verwalteten Bibliothek bezogen werden. An der Decke hängt die Petrollampe, und auf dem Giltsteinofen oder sonstwo steht der Kerzenhalter mit der Kerze. Die elektrische Beleuchtung fehlt — aus finanziellen Gründen; aber sie würde auch nicht recht passen in diese schlichten und altmodischen Stuben und Kammern hinein.

Neben der Stube befindet sich ein Nebenzimmerchen, das sogenannte « Stübli »; im zweiten Stockwerk dagegen sind die Kammern; darunter dient meist eine als Speicher zur Aufbewahrung von eingesalzenem und luftgedörrtem Fleisch. Zuunterst im Hause liegt der Keller, in den im Herbst Käse, Kartoffeln und etwas Gemüse eingelagert werden. Die Wirtschaftsgebäude sind von den Wohnhäusern getrennt; sie stehen verstreut auf dem Talboden, zum Teil jenseits des Flusses, dienen im unteren, gemauerten Teil als Ställe und im oberen als Heugaden. Alte Mühlen und Gemeindebacköfen trifft man auf der Göscheneralp nicht, weil hier kein Getreide gedeiht und somit auch nicht gemahlen und gebacken wird. Man bezieht das Brot von Göschenen und muss sich im Winter, wenn der Weg selbst mit Skiern nicht begehbar ist wegen Lawinengefahr, gelegentlich mehrere Tage ohne solches behelfen. Dagegen besitzt die Siedelung auf der Göscheneralp ein gemeinsames Waschhaus.

Im Herbst wird viel Reis und Mais eingekauft, weil die Polenta oft das Brot ersetzen muss. Zucker und Kaffee dagegen werden nur in spärlicher Menge bezogen, weil die Leute mit dem wenigen Gelde sehr haushälterisch umgehen müssen. Der Genuss des Kaffees ist zwar sehr beliebt. Ein sogenannter « Schwarzer » wird von der Bevölkerung ganz besonders geschätzt, und man kann den Leuten mit einer kleinen Gabe von Kaffee eine grosse Freude bereiten. In gleichem Masse wird der Tabak geschätzt. Es gibt zwar unter den Männern des Göscheneralptals ( die Frauen rauchen nicht ) auch einige Nichtraucher — aber nicht aus Abneigung gegen den Tabak, sondern der Kosten wegen.

Im ganzen Göscheneralptal gedeiht kein Obstbaum. Selbst die Kirschbäume mit den kleinen roten Früchten, die im Lötschental, im Goms und drüben im Tavetsch noch ziemlich häufig vorkommen, fehlen. Die Bevölkerung erhält aber im Herbst ab und zu von Feriengästen und Turisten kleinere Obstsendungen. Die Bewohner können zu ihrem Lebensunterhalt lediglich etwas Kartoffeln und Gemüse pflanzen. Die künstlich hergerichteten, winzigen Kartoffeläckerchen liegen nördlich vom Dörfchen am sonnigen, windgeschützten Fusse einer mächtigen Felswand auf Granitplatten. In die dem Talboden entnommene, aufgeschüttete Erde werden Ende Mai die Kartoffeln gesteckt. Sie blühen Ende Sommer und werden im Laufe des Oktobers geerntet. Auch in den Hausgärtchen zieht man etwas Kartoffeln, daneben aber hauptsächlich Rüben, Kohlraben, Zwiebeln, Spinat, Salat, Lauch, Mangold, Kamille ( als Heilkraut ) und einige Blumensorten.

Im Herbst schlachtet jede Familie für den Eigenbedarf einige Ziegen und Schafe; dazu erhält sie von der Alp Käse, Zieger und eine ansehnliche Menge Butter. Rindvieh wird nicht geschlachtet, sondern, soweit entbehrlich, im Herbst verkauft. Das bare Geld ist selten. Die einzige Einnahme bildet der Erlös aus dem Verkauf von Vieh und Alpprodukten. Doch gibt es auch Männer, die im Taglohn arbeiten und dadurch die Einkünfte der Familie vermehren. Als Speisen und Getränke dienen Reis, Mais, Fleisch, Brot, Käse, Zieger, Milch und Kaffee.Vor und nach dem Essen wird das Tischgebet gesprochen.

Über Winter hirten die Mannsleute morgens und abends das Vieh ( sofern dies nicht von den Töchtern besorgt wird ), führen mit Schlitten das Wildheu von den Tristplätzen der Wildheuplanggen zutal, oder sie stellen zu Hause die nötigen Geräte für den Bauern- und Alpbetrieb her, zimmern, hämmern, schustern und basteln; denn es gibt keine Handwerker im Tal. Wenn irgendwo, so geht es hier nach den Worten: « Die Axt im Haus erspart den Zimmermann. » Viel Zeit beansprucht im Winter auch das « Holzen », d.h. die Herbeischaffung des nötigen Brennholzes, des Werkholzes und, sofern ein neues Haus gebaut wird — was freilich eine grosse Seltenheit ist —, auch des Bauholzes aus dem Grünen- oder Wickiwald. Die Alpen und Wälder des Kantons Uri sind nicht Eigentum der Gemeinden, sondern der Korporation. Diese überlässt die Nutzung und Verwaltung des Waldes den Gemeinden gegen Entrichtung einer bestimmten, bescheidenen Gebühr. Die Göschenerälpler müssen das gefällte Holz auf mühsamem Wege bis zum Gwüstboden schleppen oder tragen und von dort mit Schlitten nach Hause befördern, wobei sie oft Gefahren ausgesetzt sind.

Im Dezember und Januar scheint die Sonne nicht ins Tal hinein. Die Nacht bricht früh herein. Dann kommen an den langen Abenden die Männer im Dorfwirtshaus zu einem Jass zusammen, der in der Regel bis 9 Uhr dauert. Aber es wird nicht um Getränke oder Geld, sondern lediglich zum Zeitvertreib gespielt. Ab und zu findet sich auch das Jungvolk ein zum Tanz nach dem Spiel einer Handharmonika, besonders zur Zeit der « Kilbi » und der Fastnacht. Dazu bringen die Familien das Essen von zu Hause mit: Die einen gedörrtes Fleisch, andere kaltes, gesottenes, die dritten Kaffeepulver und Zucker, die vierten eine Pastete usw. Auch der Branntwein fehlt nicht. Über Nacht wird von all den genannten Dingen gemeinsam gegessen und getrunken, aber nur sehr wenig; was von ihren « Beiträgen » übrigbleibt, nehmen die Familien am Schlüsse des Anlasses wieder mit sich nach Hause.

Einen Festtag, bei dem es auf der Göscheneralp jeweilen « hoch her und zu ging », bildete früher die in den September fallende Kirchweih. Denn nicht nur aus dem Göscheneralptal, sondern aus dem ganzen Reusstal, selbst von Altdorf und vom Urserental herab fanden sich Gäste ein. Dabei entwickelte sich ein buntbewegtes, lautes Festleben im sonst so stillen Alpendörfchen. Durch den Bau der neuen Kapelle und auf Grund anderer Umstände fand eine Verschiebung der Kirchweih auf den dritten Sonntag im Oktober statt. Weil dann meistens schon Schnee liegt auf Weg und Steg, bleiben die auswärtigen Gäste heute weg. Die kirchlichen Feste, selbst das Fronleichnamsfest, werden mit dem nötigen Ernst, aber in bescheidenstem Rahmen gefeiert.

Die Göscheneralp gehört politisch und kirchlich zu Göschenen. Sie ordnet auf eine Amtsdauer von zwei Jahren ein Mitglied in den Gemeinderat und den sogenannten « Chappelivogt » in den Kirchenrat von Göschenen ab. Während der guten Jahreszeit kehren die Inhaber der beiden Ämter meist gleichen Tages nach Hause zurück, in Zeiten dagegen, wo Lawinengefahr droht, wird ihr Wegbleiben aus den Sitzungen entschuldigt. Schulgenössig nach Göschenen sind im Göscheneralptal Abfrutt und Wicki.

Gwüst und Göscheneralp besitzen eine gemeinsame eigene Schule. Sie befindet sich im Hause des Herrn Kaplan auf Göscheneralp, der nebst dem Pfarramt auch den Schuldienst versieht. Die Schule zählte im Jahre 1930 in sechs Klassen 16 Schüler. Hauptsächlich für die Kinder aus dem Gwüst wurde seinerzeit auf Grund verschiedener gemeinnütziger Beiträge die Schulsuppe eingeführt. Die Schüler werden in Religion, Rechnen, Schreiben, Lesen und Heimatkunde unterrichtet, was für das spätere Fortkommen der meisten vollauf genügt. Daneben besteht eine Fortbildungsschule oder Wiederholungsschule für die angehenden Rekruten. Es ist eine Seltenheit, dass ein Sohn von der Göscheneralp das Kollegium besucht, um zu studieren. Die Schulstube befindet sich im ersten Geschoss der Kaplanei. Ein Zimmerchen dient als Turnhalle. Es wird nur Winterschule gehalten.

Das Dörfchen besitzt Post und Telephon. Die Post verkehrt von Mitte Juni bis Mitte September täglich, im Winter zweimal wöchentlich, sofern sie nicht wegen Lawinengefahr aussetzen muss. Der heutige Posthalter, ein kräftig gebauter Mann mittleren Alters, trug die Postsachen, die er in Göschenen abzuholen hat, bis vor kurzem im Räf das weite Tal hinauf, wie er mir sagte, ab und zu bis zu 75 kg. Weil ihm die Sache mit der Zeit zu beschwerlich wurde, mietete er einen Maulesel als Saumtier.

Einen Arzt gibt es nicht im Tal. In Notfällen muss derjenige von Göschenen gerufen werden. Bei gewöhnlichen Krankheitsfällen suchen die Leute sich selber zu helfen, indem sie Tee von Alpenkräutern ( auch nach Rezept von Pfr. Künzle ) trinken oder Salben anwenden und Sorge zu sich tragen. Verschlimmert sich der Zustand, so telephoniert man dem Arzt und teilt ihm die Krankheitserscheinungen mit, worauf er den Leuten Rat erteilt oder sich zu einem Besuche entschliesst. Da ein solcher Gang 25—30 Fr. ( Wintertaxe ) kostet, so suchen sich die Leute solange als möglich selber zu helfen, ziehen auch den Kaplan zu Rate und gehen einander gegenseitig in einer Weise an die Hand, die erkennen lässt, dass Menschen, die durch Armut, Druck und Not und mancherlei gemeinsame Gefahren hindurch müssen, einander innerlich viel näher treten als solche, die der Bruderhilfe nicht bedürfen. Die schlimmste Zeit ist gewöhnlich das Frühjahr, weil dann Brust-fell- und Lungenentzündungen aufzutreten pflegen.

Da kein kirchliches Spend- oder Almosengut besteht, aus dem Bedürftige unterstützt werden können, tritt die Gemeindearmenpflege von Göschenen in dringlichen Fällen in die Lücke. Die Kirche in Göschenen und die Kapelle auf Göscheneralp besitzen Fonds zur Erhaltung des Kultus, erhalten aber noch Zuschüsse von der Gemeinde. Die unterstützungsbedürftigen Armen auf Göscheneralp erhalten von Göschenen und anderen Orten her das Jahr hindurch manche Liebesgabe.

Es besitzen alle Familien Grund und Boden; aber er ist meist stark verschuldet, d.h. mit Hypotheken belastet. Dies ist leicht begreiflich, wenn man bedenkt, dass die Alperträgnisse bescheiden sind und meist für den Eigenbedarf verwendet werden müssen, und dass die sorgfältig gedüngten Fettwiesen beim Dörfchen nur eine Mahd Futter liefern. Aber trotzdem trifft man hier viel mehr zufriedene, innerlich frohe Menschen als in den Städten. Sie erbringen den Beweis für die Wahrheit der schönen Worte, dass reich sein an Freuden weder vom Reichtum noch von der Armut abhängt, sondern lediglich von einem genügsamen, zufriedenen Herzen. Möchte die Ursprünglichkeit, Natürlichkeit, Genügsamkeit, die Einfachheit und die Selbstverleugnung, die altehrbare Sitte, das Gottvertrauen und die bewunderungswürdige Anhänglichkeit an Heim und Herd diesen Leuten noch lange erhalten bleiben!

Die Taufe eines Kindes findet in der Regel am ersten bis dritten Tage nach der Geburt statt, sofern die Paten zur Stelle sind. Der Täufling wird vom Paten ( « Getti » ) und der Patin zur Kirche gebracht. Diese beschenken ihr Patenkind am Tauftage gewöhnlich mit einem Eingebinde und später jeweils auf Neujahr mit einer Gabe. Nach der Taufe bezahlt der Pate im Gasthaus ein einfaches Essen, bestehend aus Kaffee, Aufschnitt und Gebäck ( « Kräpfli » ). Ist er bemittelt, so bestellt er auch etwas Wein.

In den Ehestand treten die Bewohner der Göscheneralp und von Gwüst in der Regel im Alter von 25—35 Jahren. Der Hochzeit geht keine Verlobung voraus. Die Brautleute werden vom Zivilstandsamt und vom Pfarramt getraut. Das Eheversprechen wird vor dem Hochzeitstag am Sonntag während der heiligen Messe der versammelten Gemeinde bekanntgegeben. Vor der Trauung begibt sich das Paar zur Beichte und Kommunion. Der Bräutigam trägt im Knopfloch ein Blumensträusschen und die Braut Kranz und Schleier. Nachher findet im Gasthaus, im Hause des Bräutigams oder der Braut das Hochzeitsmahl statt, an dem sich der Geistliche und die nächsten Verwandten beteiligen. Die Hochzeitspaare von Gwüst und Göscheneralp wurden früher in Göschenen vom Pfarrherrn getraut und kehrten dann nicht selten nach vollzogener Handlung ohne weiteres nach Hause zurück, um sich an die gewohnte Arbeit zu begeben. Heute vollzieht der Herr Kaplan die Trauung in der neuen Kapelle auf Göscheneralp.

Kranke werden vor dem Tode mit den heiligen Sakramenten versehen. Nach dem Absterben einer erwachsenen Person läutet die grosse Glocke während einer Viertelstunde. In der Kammer des Toten wird bis zum Begräbnis Leichenwache gehalten. Während dieser Zeit brennen im Sterbezimmer ununterbrochen Kerzen, wird für die Seele des Abgeschiedenen unablässig gebetet. Die Särge für Verheiratete werden schwarz gestrichen, diejenigen für ledige Personen weiss ( nicht immer ). In den Sarg werden angebrannte, geweihte Stechpalmenzweige gelegt. Früher stellte man die Särge auf der Göscheneralp selbst her. Heute bezieht man sie von Göschenen. Nach der Beerdigung findet ein einfaches Mahl statt, an dem sich nebst den Angehörigen die nächsten Verwandten, die Leichenträger, die Fahnen-und Kreuzträger beteiligen.

Nach der Sage soll die Göscheneralp einst zur Pfarrei Silenen gehört haben. Wenn sie eine Leiche nach der dortigen Pfarrkirche zur Beerdigung trugen, gingen sie mit ihr am ersten Tag bis nach Wyler in Gurtnellen, stellten sie dort über Nacht in die St. Annakapelle und brachen am nächsten Morgen in der Frühe mit ihr wieder auf, um etwa nach zwei Stunden in Silenen anzulangen.

An Sonn- und Festtagen nimmt alt und jung von Gwüst und Göscheneralp an Messe und Amt teil; fern bleiben lediglich die Kranken und die Alpknechte. Die Männer tragen meist dunkle Kleider und schwarze Hüte, die älteren Frauen in der Regel schwarze, die jüngeren und die Töchter dagegen farbige Kleider, wie im Flachland. Bevor sie das Gotteshaus betreten, besprengen Kinder und Erwachsene mittels eines Weihwedels aus kupfernem Gefäss die Gräber mit geweihtem Wasser. Es sind nicht viel über ein Dutzend Gräber; denn es werden von den rund 60 Bewohnern im Laufe von zehn Jahren nicht viele zu Grabe getragen.

Der kleine, herrlich im Schein des Firnelichts liegende Friedhof ruft die müden Wanderer heim, besammelt sie und bettet sie zur Ruhe. Da schlafen sie in geordneten Reihen, all die Arbeits- und Wandermüden vom Geschlechte der Baumann, Gamma, Mattli und Gehrig. Die Gräber sind aufs sorgfältigste gepflegt, mit Wiesenblumen und schlichten schwarzen Holzkreuzen geschmückt. Die Kreuze ledig Verstorbener werden mit weissen Kränzen geziert, diejenigen der Verheirateten mit schwarzen.

Wir liegen zusammen in Reih und Glied, Wir standen zusammen im Leben; Drum gleiches Kreuz und gleicher Schmuck Ward uns im Grabe gegeben.

Nun ruhen wir aus von Freud und Leid Und harren getrost der Ewigkeit.

Nach dem Gottesdienst begeben sich die Frauen nach Hause; die Männer und Buben ( « ä Tschuppel Büebä » ) von Gwüst und Göscheneralp dagegen stehen vor dem Gasthaus noch für ein Stündchen beisammen. Sie freuen sich ihrer Zusammengehörigkeit und der Stunden, wo sie einmal von der Arbeit ganz ausruhen, sich ganz ihren Gedanken hingeben können. Der Kirchenbesuch ist für den einen und andern die grösste und fast einzige Erholung, und die Sonntage bilden darum die Sterne ihres Lebens.

Früher zeichnete sich das Volkstum des Göscheneralptals aus durch seinen Reichtum an Sagen und abergläubischen Ansichten. Nachdem nun die Bevölkerung jahrzehntelang in Berührung gekommen ist mit den Turisten, macht sich eine gewisse Zurückhaltung geltend gegenüber den Sagen und Geschichten von den Vätern her, woraus aber nicht geschlossen werden darf, dass die Volksseele sie preisgegeben hätte. Ein älterer Mann im Gwüst, mit dem ich eines Abends zusammensass, äusserte: Man höre heute nicht mehr viel von Sagen, die Vorfahren hätten mehr darauf gehalten; « ja, wennd diä altä Manna nu labtet, diä wisstet scho z'verzellä vo gfirigi Manndlänä, vom Sännätunschi, vo Häxä und wie 's öppä ughyrig gsy isch z'altä Tagä ( Fronfasten ); aber — o Jeerä — die Jungä glaubet neiwä nymeh » und doch « bläjets d'Äugä-n-us wiä Epfel », wenn sie an den Winterabenden davon erzählen hören. « Jää, dass de das grad alles nytt syg, gläube-n-i de doch äu nitt. Miär hed ämal einisch einä eppis verzeilt, das isch da sicher eppis iber-natyrlichs gsy. » « Viärblettrigs Chlee — das het mä-n-eisster gseit — bringt und bidytet Glick und hilft gägä Häxä-n-und Bländwärch. ». 5cW fol t,

Feedback