Das Hölloch in den Jahren 1955 bis 1957

VON HUGO NÜNLIST, LUZERN

Mit 5 Bildern ( 116-120 ) und einer Karte Der Winter 1955/56 war für die SAC-Höllochforschung der schlimmste. Die Zwischenfälle, die allerdings nie grösseres Ausmass annahmen, setzten gleich beim ersten Vortransport am 3./4. Dezember ein, als der Zugang zum Biwak II mit Seilen, Leitern und Booten vorbereitet wurde.

Ein Träger, durch einen fallenden Stein in der Seilwand leicht verletzt, verliess mit einem Kameraden die Höhle. Als sie um 7.30 Uhr morgens hinauskamen, wütete ein Föhnsturm. Die übrigen acht sowie zwei Besucher gedachten um 9 Uhr auszutreten, blieben aber über die vereinbarte Zeit im Innern, so dass E. Henseler und ich nachmittags nach Hintertal fuhren. Zu beiden Seiten des Muotatales stürzten Bäche über die Flühe, Talboden und Hänge waren grün, derart hatten Tauwetter und Regen mit den Schneemassen aufgeräumt.

Wir stiegen nach 16 Uhr ein. Eine gefährliche Senke unter der Sandhalde war immer noch leer, der Unterwasseraufstoss folglich ausgeblieben, weshalb wir alles wagen durften, die Seen im « Keller » zu queren, wo zweifelsohne der Kleine Höllbach angeschwollen war und Wasser aufgestaut hatte. Schon hinter der Bösen Wand liess sich ein dumpfes Rauschen vernehmen. Im Keller erstreckte sich ein 30 m langer See in den finstern Hintergrund. Die Karbidlampe am Hals angehängt, die Taschenlampe im Mund, schwamm ich in Kleidern den Felsen entlang. Ernst folgte an einem Seilgeländer, wurde aber gleichwohl hüfthoch nass. Die nächste Seewanne bewältigte ich auf die gleiche Art, jedoch versank die Stollenlampe in den Fluten. Das Taschenlicht war unbrauchbar geworden, doch Ernsts Kopflampe versagte nicht. Nach dem Durchwaten eines weitern Beckens erkletterten wir im unheimlich polternden Kleinen Höllbach die Alligatorenschlucht, stiegen im Wasserschwall die Leiter hinauf, durchstiessen zwei Teiche und erreichten die Eingeschlossenen bei der Wegscheide. Eine überschwengliche Freude bemächtigte sich aller.

B. Baur berichtete, dass der Styxgang sich fast bis zum Jochgang hinauf gefüllt hatte und dass unter dem Riesensaal hervor ein Bach toste, der einen Weiher im obersten Winkel des Seenganges bildete. Der Drahtsee lief über, die Quelle tobte als heftiger Strahl über die Felsbank, aus der Tiefe der Nordkammer drohte wildes Knurren, und vor der Alligatorenschlucht schäumte eine gelbbraune Brühe. Unter diesen Umständen unterliessen sie es richtigerweise, gegen den Keller vorzudringen, um nicht mit nassen Kleidern in die Wasserzange zu geraten und im Raum Keller-Sandhalde abgeschnitten zu werden. Da die Sandhalde wider Erwarten trocken blieb, gelang es uns, ihnen die Gewissheit zu bringen, dass der Ausstieg möglich war. Mit dem Styxboot liessen sich die Kellerseen schnell durchrudern, so dass alle um 23 Uhr der Höhle entronnen waren.

Der zweite Vortransport, eine Woche später, sah 30 Mann am Werk. Sobald die ersten Gruppen untergetaucht waren, verschlechterte sich das Wetter, und es regnete stark. Stoos meldete leichten Schneefall, als Dr. Bögli mit den nächsten Gruppen einstieg. T. Bucher folgte als Leiter der letzten Gruppe. Die Waren wurden schleunigst ins Biwak II getragen, wonach sämtliche Teilnehmer morgens zwischen 5 und 7 Uhr zurück waren, eingedenk dessen, dass eine Woche zuvor die zwei ersten nach 7 Uhr noch durchgeschlüpft waren.

Am 26. Dezember 1955 bezogen unser zehn i das Biwak II bei etwas unsicherer Wetterlage. Dr. Bögli, Res Hänggi und Alfred Steffen beschäftigten sich mit dem Rollgang, der etliche Rätsel hütet. Baur/Schmid/Ulrich/Keller begaben sich in Abzweigungen des Schuttunnels, so in den Tropfstollen und Spiralstollen. Trotz dem gefährlichen Gebiet, mit niedrigen Gangsenken und in bedrohlicher Nähe eines Baches, erzielten sie kletternd und kriechend ansehnliche Fortschritte. Die Gruppe Nünlist/Hegnauer/Kuhn gelangte durch Rätselgang und Buchergang wieder in die Hegnauerhalle, wo zwei Schleichstollen erkundet wurden, die 100 m unter dem Isisstollen durchlaufen. Auf dem Rückweg gewahrten wir unvermutet einen Bach, der zu den Sandkammern hinab- 1 Dr. A. Bögli ( wissenschaftlicher Leiter ), H. Nünlist ( technischer Leiter ), B. Baur ( Luzern ), O. Hegnauer ( Teufen-tal ), A. Steffen ( Wolhusen ), R. Hänggi ( Kilchberg ), R. Schmid ( Baar ), M. Ulrich ( Goldau ), H. Kuhn ( Zofingen ) und M. Keller ( Goldau ).

floss und gefährlich werden kann, weil die Druckröhre zwischen den beiden Sandkammern äusserst knapp ist und uns abriegeln würde. Wegen des überraschend auftretenden Gewässers verzichteten wir auf die Weitererforschung des Jammerstollens, der zum tiefsten Stauraum unterhalb des Geröllschlosses hinzielt. Um 19 Uhr waren alle im Biwak II zurück.

Beim grossen Vorstoss, der am 28. Dezember morgens begann, wurden zwei Drahtleitern, ein Boot und ein Dutzend Seile mitgeführt. Wenig jenseits des Schluchterdomes erwies sich das Befinden eines Kameraden derart, dass Dr. Bögli sich anerbot, ihn begleitet von zwei andern aus der Höhle zu führen und uns 20 Stunden später zu folgen. Einerlei, ob körperliche oder seelische Störungen vorlagen, wir mussten den Zustand ernst nehmen. Unser sechs setzten den Marsch zum Schuttdom fort. Die einen stolperten durch den Wirbelstollen auf die Faule Wand, um die schweren Säcke aus dem Hauptgang aufzuseilen, wonach wir die oben verankerte Drahtleiter benützen konnten. Der Bach östlich der Faulen Wand lärmte zwar stark, aber nicht beunruhigend, und der Dreiecksee war wie üblich klein. Nach 5 Stunden kurze Rast am Eingang des Hoffnungs-stollens. Jenseits des Umbradoms trennten wir uns: Baur/Hegnauer/Kuhn hatten den Quellstollen zu erkunden, nachher die Umgebung des Pagodendoms, während Nünlist/Schmid/Steffen das Tor des Pagodensees mit einem Boot befahren sollten. Auf dem langen Hinweg begegneten wir allen sechs Vorjahresbächen, die keine besondere Zunahme verrieten. Um 18.15 Uhr standen wir am Pagodensee, in dessen Hintergrund ein unheimlich niedriges Tor vielleicht den Zutritt zum noch fehlenden Zwischenstück Pagodensee-Siphon SAC freigab. Es fehlte nur noch der Beweis, dass der Pagodengang die Fortsetzung des SAC-Ganges ist.

18.30 Uhr gondelte ich zum Felsbogen, duckte mich zwischen die Bootwülste, die am Gestein schabten, und blieb stecken. Erst als auch die Füsse versorgt waren, gelang es unter Schieben und Pusten durch den Engpass zu schlüpfen und in einem grossen Gang auf Kies zu landen. Gleich in der Nähe ragte ein unabsehbarer Schlot in die Höhe. Die Gangsohle führt, 10-12 m breit und blank, nach schwachem Anstieg in gleichmässigem Gefälle nach Nordwest, also gegen den SAC-Gang. Unter dem Gewölbe von 7-9 m Höhe gibt es Meßstrecken von 60 m Länge: ein herrliches Gelände. Wir sichteten nur links drei unbedeutende Stollen, jedoch zwei weitere Schlote, wovon der letzte wuchtig über einem senkrechten Abbruch steht, den wir dank den schrattig scharfen Griffen zu einem leeren Schuttbecken hinabkletterten. Hier ein Chaos von Deckenblöcken und Splittergestein. Dann geleiten uns harte Schwemmlehm- und Geröllschichten stetig stotziger zu einer vollen Stausenke hinunter. Ich tauchte bis über die Knie hinein und warf Wellen nach hinten, bis diese an die Decke schlugen. Wir befanden uns um 21 Uhr nach dem Höhenmesser auf 692 m am diesseitigen Ende des SAC-Siphons, am bisher entferntesten Ort der Höhle und beträchtlich tiefer als der Eingang!

Jetzt ziehen wir uns eilig von dem bedrückenden Ort zurück, erklimmen wieder die lotrechte Wandstufe und zwängen uns in Bauchlage in den Fluchtstollen, um wenigstens dieses Zweiglein wegen eines schwachen Luftzuges unter die Lupe zu nehmen. 102 m weit kriechen wir, beständig den Fels mit dem Rücken berührend, bis man an einem hakenförmigen Teich das erste Mal kauern kann. Plötzlich pocht es hinter uns in regelmässigen Schlägen, die anschwellen und zu einem entsetzlichen Poltern ausarten. Wir werden unwillkürlich von Schrecken gepackt; denn nur ein Wassereinbruch vermag die bisherige Grabesstille zu stören. Fluten in unserm Schleichstollen bedeuten aber Todesgefahr. Ohne das Messband aufzurollen, rupfen wir uns auf Ellbogen und Schuhspitzen durch die Engen dem Ausgang zu. Schmid erlischt mehrmals das Kopf licht, Schweiss rinnt zu Boden, und im Pfeilerschluf bleiben wir schier hängen. Nach zwölf Minuten stürzen alle drei in den Pagodengang hinaus. Links von uns kracht Wasser aus den Schloten, und wir befinden uns Hauptgang:

1Sandhalde 2Böse Wand 3Keller 4Alligatorenschlucht 5Wegscheide Domgang:

1Wasserdom 2SSS-Biwak Buchergang:

1Jammerstollen 2Sandkammern H = Hegnauerhalle Titanengang:

a » SAC-Biwak I b " Kletterstollen c = Kiestunnel d = Galerie rouge e = Hallengang f = Trait d' Union g = Isisstollen Rabengang:

1 — Knochenkammer b. Sternsaal Seengang:

1Drahtsee 2Riesensaal 3Riesengang Orkus:

1Nordkammer 2Donnersee 3Spaltenschlois Pagodengang:

1Schluchtgang 2Siphonstollen 3Andresstollen 4Pagodendom 5RauschstoMen 6Pagodensee 7Fluchtstollen 8Kolkstollen

S

Vermessung der SAC-Hölloch-forschung(60km)undderSociété su isse de spéléologie ( 5 km ) Maßstab 1: 25000. Planbearbeitung im Original ( 1:1000 ) und wissenschaftl. Leitung: Dr. A. Bögli. Technische Leitung: H. NUnlist.

SAC-'123456789101112Gang:

Seilgang SAC-Biwak II ( Jegerstollen ) Schluchterdom Doline Kiesburg SAC-Biwak III ( Schuttdom ) Wirbelstollen Faule Wand Dreiecksee Münster Donnertal SAC-Siphon Hoffnungsgang:

1Kuhnstollen 2Ulrichstollen 3SAC-Biwak IV Schuttunnel:

1Tropfstollen 2Splralitollen 4 ( Umbradom ) Quellstollen 5Stich 6Trughalle im Stauraum hinter dem Pagodensee! Sollte auch der Schlot beim See schon tätig sein, ist gewiss das winzige Tor abgeriegelt. Wir rennen dorthin. Doch, welch ein Glück: Der grosse Schlot verhält sich noch ruhig. Wäre die Wasseroberfläche auch nur 1 cm gehoben, hätten wir das Boot nicht mehr durch den Schluf gebracht, sondern schwimmen müssen, ohne sicher zu sein, das Biwak II zu erreichen.

4½ Stunden sind verflossen, seit wir den See gequert haben. Erneut winden wir uns durch das kleine Loch zwischen Wasser und Decke. Als sich die Leine am Seegrund verfängt, springe ich kurz entschlossen ins Wasser, um sie zu lösen. Auf der andern Seite liegt ein Zettel am Ufer, wonach Baur mit seiner Gruppe versucht hat, uns zu folgen. Wo halten sie sich jetzt auf? Ohne sie gewarnt zu haben, dürfen wir nicht fliehen. Im Rauschstollen donnert es, desgleichen im Kolkstollen, wo das Wasser derart stürmisch hervorschiesst, dass es sich am Geröllberg staut. Hinter der Ahnengalerie entdecken wir ein Licht. « Sie sind im Pagodendom », ruft einer. Dort machen sie nichts ahnend Aufnahmen. « Wassereinbruch »! schreie ich im Vorübergehen, « nicht lange fragen, kommt sofort mit uns ».

Aus dem Siphonstollen wälzt sich fast gangbreit ein Bach und überschäumt die Felsschwelle, weshalb ein Teil bereits gegen die Senke des Pagodendoms strömt. Während des Eilens den Pagodengang hinauf erkläre ich kurz die Lage. Wir wollen wenigstens die Trughalle ( 830 m ) gewinnen, die hochwassergeschützt ist. Doch vorher müssen wir noch eine Senke in Pflaster durchkriechen, wo ein Wassertrog und Tropfstellen von allerhand Hinterhältigkeit zeugen. Es gelingt indessen, und um Mitternacht hocken wir auf einigen Blöcken jener Halle. Aber der Weg zum Biwak II ist noch weit. Wir werden uns nun von einem Höhenrücken zum andern vorwärts tasten, damit bei zunehmender Gefahr jederzeit eine rettende Stelle aufgesucht werden kann. Es wäre zwar nicht sehr angenehm, dort ohne Hilfsmittel die Wartezeit zuzubringen. Deshalb dürfen wir nichts unterlassen, wenn irgend möglich das Hauptlager zu erreichen.

Die nächste Anhöhe ist der Umbradom. Gleich nach einem Drahtleiteraufstieg, noch in der Nähe der Trughalle, klatscht ein Bach hervor, der schon einen Teich gebildet hat. Gebückt keuchen wir durch die Senke. Den « Stich » hinab hat sich ein Wässerlein zu einem Sprudellauf entwickelt, in dessen Bett wir von Kolk zu Kolk abwärts hüpfen. Der übrige Hoffnungsgang ist sich gleich geblieben, trotz einiger kritischer Stellen. Um 1.30 Uhr haste ich als letzter, jenseits des Umbradoms, über die Drahtleiter der Lehmwand einer neuen Senke zu, dem SAC-Gang. Auch hier eisige Stille, wiewohl wir ahnen, dass der Berg allenthalben lebendig ist. Nur immer vorwärts, so lang es irgendwie möglich ist. Wir durchspringen zwei Tümpel in einer Vertiefung, wo Wasser aus einer Trennfuge herauszischt, und stossen zum Dreiecksee vor, der sich zu einem 65 m langen Fjord ausgewachsen hat und bereits nach 40 m die Decke berührt. Bis das ausgesandte Boot zurückkehrt, ist der Spiegel sichtlich gestiegen. Aus dem Riesenschlot hinter dem See müssen gewaltige Wassermassen herunterfallen. Dieser Weg ins Biwak II ist somit verschlossen, und wir müssen zum Umbradom zurück, es sei denn, der Versturzgang, den ich einst als möglichen Fluchtweg bezeichnet habe, biete keine übermässigen Hindernisse. Bei der Steindaube, der Einmündung dieses Stollens in den SAC-Gang, entscheiden wir uns für einen Versuch, ehe der Rückzug in den Umbradom angetreten wird. Der Versturzgang läuft zur Kiesburg, weicht den verrammelten Teilen des SAC-Ganges aus und ermöglicht vielleicht die Heimkehr, sofern die 40 m hohe Wand, die wir nur vom Abseilen her kennen, einen Aufstieg zulässt. Der Kriechstollen endet nach 300 m unter jener Wand. Einer muss versuchen, in 30 Minuten die Mauer zu erschlossern, indes die andern die Rufverbindung mit Hegnauer und mir beibehalten, die im SAC-Gang das Anschwellen zweier Teiche beobachten, die uns vom Hoffnungsgang absperren könnten. Das Warten am Ufer, das mehr und mehr versinkt, ist qualvoll. Wir beide vernehmen einige Zeit ein schweres Rollen, als ob sich Fluten vom Schlot des Münsters zu uns ergössen. Dann tritt wieder Ruhe ein. Nach 30 Minuten melden die andern, Baur sei bald oben. Wir schleppen Boot und Säcke zur Wand, wo Seil, Reepschnur und fünf Haken für die fast lotrechten Rillen und heiklen Plattenschüsse gerade genügt haben. Aber es dauert lang, bis alle oben sind.

Ein Druckstollen flieht auf der andern Seite jäh in den Abgrund und ist zum Glück wasserfrei, sonst wäre die folgende Senke unfehlbar verstopft. Angeseilt turnen wir hinab, ein Sprung den Überhang hinunter, wonach wir uns liegend durch dichtes Blockgewirr mühsam zur Kiesburg kämpfen. Um 5 ½ Uhr wagen wir mählich aufzuatmen, kann doch nur noch der Schluchterdom ein Hindernis bilden, das sich immerhin umgehen lässt. Wir haben erstmals einen Deutschen mit uns, der sich tapfer verhalten hat und den wir hier nach seinen Eindrücken fragen. « I hob gdocht, wenn i mit ölten Hehlenfüxen gee, konn mir ni wos gscheen. » Trotz der Überanstrengung - unsere Gruppe hat seit 15 Stunden nichts gegessen - müssen wir lachen. Mit einem Schlag ist die seelische Spannung gelockert. Kurz vor der Doline wird es aber nochmals ernst: Wasserlärm, wo sonst Ruhe herrscht! Wir starren zwei Bachsträhnen an, die vom Ganggewölbe niederprasseln und sich in der nächsten, niedrigen Senke in einen See ergiessen. « Wollen wir noch durch? » fragt einer. « Jawohl, durch. » Ich durchwate auf den Knien das Wasser, und die andern folgen sofort. Über den Schluchterdom, der trocken ist, nähern wir uns um 8 Uhr, nach 9 %Z Stunden Flucht, unserm Hauptlager.

Hier ist Dr. Bögli mit seiner Gruppe anwesend. Er ist längst im Bild, was sich unterdessen abgespielt hat. Im Innominatagang vernahmen sie schon von weitem das überlaute Grollen der Totenmühle, weshalb er auf einen Wassereinbruch schloss und zum Biwak II zurückkehrte, zu unserm sichern Unterschlupf, wo sich selbst der Kranke wohlauf fühlte. Sie begaben sich richtigerweise nicht mehr nach hinten und hofften, dass auch wir rechtzeitig die Gefahr erkennen würden. Hänggi/ Ulrich holten nur noch den bei der Doline hinterlegten Rucksack und sahen, wie dort ein Weiher anwuchs. Sie verschafften ihm einen bessern Ablauf, so dass sich der Engpass nicht gänzlich schloss, bis wir erschienen. Das war prächtig gehandelt. Die 22 Stunden Erlebnisse im Verlauf des abgebrochenen Vorstosses zwangen uns gebieterisch, erst einmal zu schlafen, bevor wir ans Essen denken konnten.

Am 30. Dezember verliessen uns fünf Kameraden, wurden aber von der Suhle im Styxgang, die zur Decke hinauf langte, zurückgeschlagen und mussten mit nassen Kleidern im Biwak I nächtigen. Zur selben Zeit wollten zwei Wettermelder, Henseler/Jeger, zu uns vordringen, fanden die Suhle voll und nächtigten im Riesensaal. Erst am 31. Dezember kreuzten sich die beiden Gruppen. Die Wetterpropheten erschienen durchtränkt, verschmutzt und mit zerzausten Haaren. Sie erzählten von Tauwetter bis 2000 m, von Regen und Wärme. Unser Höhenmesser stand auf 1060 statt auf 830! Da keine rasche Besserung zu erwarten war, forschten wir bloss noch beim Hallengang in hochwassersicherem Gelände und verliessen die Grotte nach 129 Stunden Aufenthalt mit sehr wertvollen Erfahrungen. Die Länge des Höllochs betrug nun nicht mehr 55 km, sondern 58 km.

An Fastnacht 1956 mussten unbedingt alle Seile und Drahtleitern geholt werden, die wir auf der Flucht zurückgelassen hatten. Die Kälte von -20 Grad begünstigte die lange Fahrt in die entlegensten Teile der Höhle. In der Trughalle waren die Seile bereits mit Schimmel überzogen. Ein Jahr später sollten wir die Folgen hiervon zu spüren bekommen. Die beständige Wetterlage gestattete uns, im Schluchtgang einen neuen Vorstoss anzusetzen. Am Endpunkt 1955, über den Aufschwüngen, hielt uns damals ein Versturz auf, der keinen Durchlass gewährte. Der Nebengang, wo ein gischtender Wasserlauf herabstürmt, schien erfolgversprechend zu sein. Die Gruppe Nün-list/Ulrich/Kuhn schob sich von der Seite her wieder an den Versturz heran, gelangte aber nicht hinein. Dr. Bögli/Hänggi/Steffen/Gubser mussten westlich in verlehmtem, brüchigem Gestein eines Schlotes aufgeben. Leidliche Fortschritte erzielten wir hingegen in der Umgebung der Trughalle, im Tannadelstollen, im obern Pagodengang ( neuer Zugang zum Schluchtgang ), im Andres-stollen, ferner in den Verästelungen der Ahnengalerie, namentlich im Kolkstollen, worin ein Bach von unbekannter Herkunft aus einem 3 m tiefen Topf blaugrün heraufquillt. Nach 35stündiger Kundfahrt trafen wir endlich im Biwak II ein. Unser vier verabschiedeten sich am 12. Februar nach 75 Stunden Forschung. Die Gruppe Dr. Bögli/Hänggi/Gubser führte noch einen Schacht-abstieg über dem Medusendom aus und verliess die Höhle erst nach 100 Stunden Aufenthalt. Die SSS-SGH war unter der Leitung von A. Grobet im Himmelsganggebiet tätig und vermass mehr als 1 km niedrige Stollen, so dass die Länge des Hölloches trotz des wankelmütigen Winters auf 61 km anwuchs.

Der Rückschub der Ausrüstung erfolgte unter der Leitung von Toni Bucher mit Hilfe von 18 Mann ohne Unfall.

Am 24./25. November begann mit dem ersten Vortransport die neue Forschungszeit. 19 Mann unter der Leitung von T. Bucher öffneten wieder den Weg nach hinten. Gleichzeitig untersuchte die Gruppe Dr. Bögli/Hänggi/Baumann die Umgebung des Bankstollendoms. Hier erfolgte im Abstieg durch den Kriechdom ein erster Seilriss als Folge der letztjährigen Schimmelwirkung, glücklicherweise ohne schlimme Folgen. Der Schreibende leitete den zweiten Vortransport mit 43 Trägern. Eine Gruppe von vier Salzburger Höhlenfreunden, darunter eine Frau, beteiligte sich unter der Führung von Dr. Bögli ebenfalls daran. Am 26. Dezember fanden sich erneut zehn x Forscher im Biwak II ein und zügelten tags darauf in den Umbradom. Obwohl die umfangreiche Ausrüstung viele Stunden weit zu befördern war, wurde hier erstmals das Biwak IV errichtet. Nach 3 Stunden Ruhe zogen wir noch abends zum Schluchtgang. Jede Gruppe erhielt um 21 Uhr über den vorderen Aufschwüngen einen Stollen zugeteilt. Nünlist/Kuhn/Krienbühl drangen in ihren Vorjahresstollen ein, gelangten aber keinen Meter weiter in den Versturz des Schluchtganges und mussten aufgeben. Burkhalter/Gygax/Ulrich rackerten sich durch eine glatte Röhre hinauf zu einer Kante und seilten sich jenseits in einen Gang ab, der seitlich in den grossen Verbruch mündet. Es sah nicht gut aus, alles gäh aufwärtsstrebende Kamine. Dr. Bögli/Hänggi/Steffen/ Gubser erklommen ihren steilen, verlehmten Schlot und betraten von der Seite her den gleichen Gang wie die Gruppe Burkhalter. Nach kurzer Besprechung trennten sich die beiden Gruppen wieder und packten sehr stotzige, glatte und niedrige Ellipsenstollen an. Die grosse Gleitgefahr aber zwang zur Umkehr.

Unsere Gruppe konnte ohne Seil nicht folgen und blieb beim tosenden Giessbach, der auf die Dauer die Nerven aufreizte, zumal er um 2 Uhr morgens deutlich anschwoll und noch frecher aus der Felsfuge brauste. Durch Rufe verständigten wir die andern über uns von der möglichen Gefahr, doch war sie nicht derart, dass ein Rückzugsbefehl gegeben werden musste. So lang als möglich sollten sie die Zeit zur Erforschung dieses wichtigen Abschnittes ausnützen können. Immerhin kehrten sie zu guter Letzt aus freien Stücken um, so dass um 3 Uhr alle wieder beisammen waren.

1 Dr. A. Bögli ( wissenschaftlicher Leiter ), H. Nünlist ( technischer Leiter ), W. Burkhalter ( Zug ), H. Gygax ( Cham ), R. Hänggi ( Kilchberg, ZH ), A. Steffen ( Wolhusen ), M. Gubser ( Zürich ), M. Ulrich ( Goldau ), H. Kuhn ( Zofingen ), A. KrienbühI ( Sattel, SZ ).

Dr. Bögli schüttete 1 kg Fluoreszein in den Giessbach und sandte Hänggi/Ulrich zum Donnertal aus, Nünlist/Burkhalter/Gygax zum Pagodengang und Rauschstollen, um die Färbung beobachten zu lassen. Doch nirgends liessen sich Farben erkennen, nicht einmal im untern Schluchtbach. Der Giessbach muss also einen völlig andern, noch unbekannten Weg einschlagen. Unterdessen wühlten sich Dr. Bögli/Gubser/Kuhn durch einen Bodenriss unter den Schluchtgang hinab und fanden 450 m unerforschter Stollen, namentlich Wasserkammer und Bachhalle, wo sie in einer Hölle von Lärm und Wasserfällen, die aus der Decke niederkrachten, ein neues Entwässerungssystem entdeckten.

Nachmittags verweilten wir nur vorübergehend im Biwak IV und strahlten von neuem aus. Die Gruppe Nünlist/Kuhn/Ulrich vermass die Fortsetzung des Fugenganges, nachdem das verstopfte Ende mit einer Schaufel ausgegraben worden war. Ein meterhoher Sandwall verlief nach Süden an die Grenze der Höhlenzone, wonach der grosse Gang ein Labyrinth bildet und sich als Bück-stollen nordwärts zum Pfeilergang wendet, der seinerseits in den SAC-Gang mündet. Wir tauften dieses eigenartige Zwischenstück Ulrichgang. Er stellt die vermutete Verbindung Umbradom/ SAC-Gang dar und liess sich erst beim dritten Besuch auffinden. Den Rückweg wählten wir durch den Hoffnungsgang und Kuhnstollen, der über der Lehmwand abzweigt und im Fugenstollen endet. Durch diesen gelangten wir um 2 Uhr nachts ins Biwak IV zurück. Dr. Bögli/Hänggi/ Gubser/Steffen erschienen später, nachdem sie bei der Trughalle, im Tannadelstollen und beim Pagodenpfeiler weiter vermessen und um 23 Uhr ( 28. Dezember ) die zweite Färbung vorgenommen hatten, und zwar nicht im Giessbach, sondern im untern Schluchtbach. Burkhalter/ Gygax/Krienbühl eilten nach Ergänzungsaufgaben im Quellstollen zum entfernten Donnertal und warteten um 23 Uhr auf die Färbung. Schon nach 25 Minuten leuchtete der Wasserstrahl sattgrün auf! Doch erst 8 Tage später veränderte der Schleichende Brunnen im Bisistal sein gewohntes Aussehen, indem auch er kräftig grün aus dem Geröllgrund drang. Zwischen Donnertal und Ausfluss des Höhlenbaches müssen sich folglich beträchtliche Wasserbecken in den untersten Lagen des Höllochs vorfinden, die die Bachläufe aufhalten.

Die Gruppe Dr. Bögli kehrte nach 51 Stunden ins Biwak II zurück, die meinige erst nach 60 Stunden, nachdem wir noch Arbeiten in einigen würgenden Stollen des Hoffnungsganges und im Dolinenkessel erledigt hatten. Am 30. Dezember verliessen uns Burkhalter/Gygax/Krienbühl. Gubser/Ulrich brachten von draussen einen nicht sonderlich ermutigenden Wetterbericht. Infolgedessen mieden wir den heimtückischen Rabengang und wirkten in weniger gefährdeten Gebieten, zuerst gemeinsam im Kiestunnel, der uns nur lumpige paar Meter einbrachte, hernach trennten wir uns an Silvester. Kuhn/Ulrich und ich balgten uns mit Bodenloch, Seilgang und Biwak II-Stollen herum; die Gruppe Dr. Bögli verbiss sich in Schuttdom und Käferstollen, den sie dem Wirbelstollen angliedern konnten, kehrten aber leider erst 2 Uhr morgens heim, was zur Folge hatte, dass es keine Mitternachtsfeier für uns gab.

Wiewohl wir erstmals in einem Zelt sitzen konnten, hielt es keiner darin lange aus, weil die Spritheizung, bestehend aus einem Stahlblech-Zylinder, uns schläfrig machte, trotzdem wir über die für uns wichtigen Radioempfangs-Versuche sprachen. Gygax hatte nämlich mit einem Reise-Empfänger überraschende Ergebnisse erzielt: In Sandhalde und Alligatorenschlucht einwandfreien Empfang, im Riesensaal Kurzwellen-Empfang im 49-m-Band, von Beromünster jedoch nur noch Trägerwellen feststellbar, desgleichen im Biwak II. Er glaubt, mit einer HF-Vorstufe zum Gerät und mit verschiedenen Antennen noch mehr Erfolg zu haben. Die ungewohnt schwüle Luft erstickte nur zu bald « gelahrte » Erörterungen und trieb uns in die Schlafsäcke unter Gottes freiem Felsgewölbe.

Am 1. Januar 1957 wandten sich Nünlist/Kuhn/Ulrich dem Kletterstollen ( Titanengang ) zu, um von der « Gondel » aus ( früher Keller genannt ) angeseilt Klüfte in die Tiefe zu überwinden, und wurden zuletzt durch wasserleitende Schleichstollen abgewiesen. Kuhn, der entmutigende Auskunft gab, musste über die unterste Plattenwand am Doppelseil hochgezogen werden, weil sie grifflos war. Wir erreichten über Hallengang-IsisstoUen, in dessen östlicher Abzweigung sich schäbige 20 m ergattern liessen, unser Biwak II um 24 Uhr, während Dr. Bögli unterdessen Aufnahmen im Jegerstollen gemacht hatte und sich früher im Lager einfand. Tags darauf zog seine Gruppe in die mangelhaft vermessene Abzweigung 5 des SAC-Ganges und frohlockte über die 164 m bisher unbegangener Stollen, was uns fast neidisch machte; denn untergeordnete, bloss ergänzende Forschungen waren meist dazu angetan, uns Verdruss zu bereiten und uns bescheidener werden zu lassen. Gar oft mussten wir jetzt mit den wenigen Metern vorlieb nehmen, die sich unter viel Geknorz erraffen liessen.

Am 3.Januar verabschiedeten sich Kuhn/Steffen. Die Zurückgebliebenen erstiegen die « Einsamkeit », um 11 Zweige des Trait d' Union bis zum Pas de l' Echelle aufzunehmen, was nochmals magere Ergebnisse zeitigte. Dr. Bögli fand eine Verbindung zum Hallengang und benamste sie Kaminfegerstollen, was genug besagt. Unsere Gruppe dagegen klaubte nicht einmal Namen hervor für jene zwei schmächtigen Röhren, die zum « Hairachen » der Galerie du Ruisseau rouge führten, weil sie überhaupt keine Benennung verdienten. Die eine war übrigens von der SSS erstmals durchkrochen worden. Unsere Gruppe rückte um 20 Uhr im Biwak II ein, derweil Dr. Bögli restliche Aufgaben beim Hallengang und Kristalldom löste, besonders in einem mit Tropfsteinen gespickten, jedoch dünnen, nur 30-40 cm hohen Stollen, wonach er erst am 4. Januar 3 Uhr morgens Kochtopf und Schlafsack aufsuchte.

Nünlist/Ulrich nahmen sich an diesem Tag, während die andern noch ruhten, nochmals den Biwak Il-Stollen vor, hängten dort die Drahtleiter an ein Querseil, stiegen durch einen engen 20-m-Schacht auf den Grund und drückten sich an Würmern vorüber durch einen knappen Schluf 50 m weit. Es kam uns sauer an, so bald abzubrechen, aber der Spalt war wie geschaffen, einen mürbe zu machen. Sobald ich mich den Kamin hinaufgehisst hatte und mehr zufällig als absichtlich das Querseil in der Hand hielt, schickte sich mein Gefährte an, zu folgen. Obwohl er leichter war als ich, riss das Querseil, als er auf halber Höhe in den Sprossen stand. Ich vermochte einen äusserst gefährlichen Sturz zu vermeiden. Meine Rufe wurden im Biwak gehört. Gubser knüpfte ein zweites Seil an, aber auch dieses zerriss beim Ziehen! Erst das dritte Seil trug das Gewicht des Aufsteigenden. Unsere Seile, die mehrmals in Höhlen verwendet worden sind, können wir nun nicht mehr als zuverlässig erachten, weil Feuchtigkeit und Lehm die Fasern zersetzt haben. Ein gütiges Geschick hat uns in eindringlicher Weise gewarnt, dass wir keinem einzigen bisher verwendeten Seil vertrauen dürfen. Es müssen insgesamt 400 m ersetzt werden.

Abends legten wir uns zeitig schlafen, erhoben uns um 1.30 Uhr und verliessen das Biwak II vier Stunden später. Kaum auf dem Rückmarsch, stellten wir fest, dass trotz hohem Barometerstand der Höhlenwind gedreht hatte! Nun gab es weder Aufnahmen noch Rasten. In Schweiss gebadet durcheilten wir den Styxgang, dessen Bach bereits aufgedunsen war und die Suhle knietief gefüllt hatte. Der Kleine Höllbach brauste die Alligatorenschlucht hinunter in die erste Wanne. Der Keller war noch trocken, konnte aber jeden Augenblick überflutet werden. Und gerade hier stand ein Zelt, davor sich drei junge Welsche aufhielten, die tags zuvor das SSS-Biwak nicht gefunden und ahnungslos am gefährlichsten Ort genächtigt hatten. Auf unsere Warnung hin brachen sie das Zelt ab.

Als wir nach 240 Stunden ununterbrochenen Aufenthaltes ans Tageslicht traten, schien es Frühling geworden zu sein. Die Luft strich lau durch die Waldschlucht, es roch nach feuchter Erde, auf der da und dort durchnässter Altschnee lag, während sich die Heuberge schier zum Grat hinauf aper und unter trüben Regenwolken zeigten. Zwei Stunden nach dem Austritt prüften wir die Farbe des Schleichenden Brunnens, dessen Wasser seit dem frühen Morgen, nach 196 Stunden Wanderzeit, sich grasgrün aus dem Boden ergoss und dadurch die Verbindung mit dem Schluchtbach bewies.

Am 19. /20. Januar, in einer sehr kalten Nacht, drangen zwei Arbeitsgruppen in tiefgelegene und dementsprechend ausgesetzte Höhlenabschnitte vor.

Dr. Bögli/Gubser/Ulrich/Krienbühl erforschten in 25stündiger Arbeit die Fortsetzung des Rabenganges, der als düsterer, nasser Ellipsengang mit 50% Neigung der Tiefe zuzieht, dann wieder sich emporschwingt, um neuerdings in die Tiefe zu weisen. Über einer dünnen Gesteinslamelle mündet er in einen geräumigen Gang von 7 m Breite und 4 m Höhe. Gegen Norden taucht dieser nach 36 m unterhalb eines kleinen Abbruches bei nur 650 m Meereshöhe in einen Siphon ein, ein äusserst niedriger Wert. Von der Lamelle aus schliesst ein steiler Gang eine erste, fast einen Kilometer lange Schlinge. Der Hauptgang aber führt die Gruppe auf und ab dem pfeifenden Winde entgegen zu einem grossen See, der sich als Anubissee erweist. Damit ist unser seit 1951 gestecktes Ziel erreicht. Damals befanden wir uns ohne Boot am jenseitigen Ufer, und ein Jahr später war der See ein Siphon, der den Gang luftdicht abschloss. Es wurden im Rabengang ausserdem zwei weitere Schlingen festgestellt, und eine dritte konnte nur deshalb nicht begangen werden, weil der Zugang zum Hauptgang verstürzt war. Von der Kreuzbergwand wurde ein weiterer Stollen kriechend bezwungen, der sich über die vielen Abzweigungen des Rabenganges hinzieht und durch seine Klüfte und in der Tiefe rauschenden Wasser lehrreiche, aber schwierige Fahrten verspricht. Die Gruppe hatte 1161 m vermessen - in einem Raum, der stets unter 680 m liegt, vollständig der tiefsten Stauzone angehört und beim blossen Gedanken an einen Besuch das Gruseln wachruft.

Nicht anders stand es um die Gruppe Hegnauer/Badertscher/Meyer, die in der gleichen günstigen Nacht im Orkus - weit hinter der Nordkammer - während 19 Stunden 295 m neue Gänge und viele Abzweigungen aufspürte, die sämtlich unter 690 m liegen, nördlich des Riesenganges durchführen und gegen Osten weisen, also zu den berüchtigsten Orten des Hölloches zählen wie der untere Rabengang und der Schuttunnel. Unterhalb der Absturzhalle lag der Donnersee, im Gegensatz zu 1952, sogar 26 m weiter hinten und liess sich nur durch tiefen Pflaster erreichen. Da der See sich so zurückgezogen hatte und die damalige Stauhöhe nicht berührte, gelang es der Gruppe, in scharfem Luftzug den Hauptgang weiter zu verfolgen, vorerst nach Südost auf einen Rücken, dann nach Nordost waagrecht zu einer Schlotkammer, wo Sturzschutt und Schlammberge mit Wirbelformen beredte Zeugnisse ablegen. Zehn Meter Abseilen brachte sie in einen abwärtsstreichenden Gang, dessen Verästelungen wohl noch manches Rätsel bergen. Hinter einer heimtückischen Wassersenke erkletterten sie einen glitschigen Felswall und stiegen jenseits durch eine Schlucht zu einem 22 m langen See ab, dahinter eine 7 m hohe Quermauer den Gang abriegelt. Von oben sahen sie in eine mächtige Verwerfungskluft, ins Spaltenschloss hinab, dessen Lehmboden wohl 20 m tiefer liegt und gähnende Schlucklöcher aufweist. Fallsteine platschten in Wasserflächen. Hier gab es einstweilen nichts anderes als Umkehr.

Die beiden Fahrten gestalteten sich nicht nur beschwerlich, sondern führten auch zu jenen schaurigsten Stellen, die das Hölloch kennt. Aber die Ergebnisse lohnten sich in mehr als einer Beziehung. Zudem stieg die vermessene Länge der Grotte auf 65 km. Zum Schluss mussten wir noch die günstigste Zeit für den Rücktransport wählen, was wegen des warmen Wetters nicht so leicht war. Heftiger Regen und Westwinde in der Nacht zum 9. Februar bewogen uns, im letzten Augenblick den Rückschub abzusagen und um eine Woche zu verschieben. Unter Leitung des Verfassers holten dann 18 Mann die verbliebenen Waren heraus, wobei erneut ein Seilriss an unerwarteter Stelle im Seilgang ohne Unfallfolgen verlief, da ich zufällig dort stand, wo die Stränge zerfaserten, so dass ich das Seil sofort packen und dadurch den Sturz eines Kameraden verhindern konnte. Insgesamt versagten in diesem Forschungswinter nicht weniger als vier Seile! Was Unfälle in den hintern Teilen der Höhle bedeuten, erlebten wir beim Hinausmarsch. Im Seengang, kaum 1600 m vom Eingang entfernt, war ein Teilnehmer einer Sektionsfahrt auf geripptem Boden ausgeglitten und hatte sich so am Knie verletzt, dass er auf einem Akja-Schlitten hinausgetragen werden musste. Allein das Abseilen über die Böse Wand, die Vorbereitungen nicht eingerechnet, erheischte 25 Minuten. 14 Helfer, worunter drei der Rettungsmannschaft Sektion Mythen, benötigten rund 16 Stunden, bis der Verunfallte am Ausgang der Höhle war.

Dass wir gut beraten waren, am 16./17.Februar und nicht eine Woche später den Rückschub anzusetzen, erwiesen die aufregenden Zwischenfälle der fünf Eingeschlossenen, die morgens 8 Uhr oberhalb der Alligatorenschlucht vom Wassereinbruch abgeriegelt wurden und 5 Tage im Innern ausharren mussten ( siehe Aprilheft 1957 der « Alpen », Seite 80 ). Wahrlich, es wohlt einem, wenn jeweilen unsere winterlichen Unternehmungen gut verlaufen und beendigt sind.

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