Das Hohelied der Stille

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Conradin Steiner, Luzern

Die Berge sind stumme Meister und machen schweigsame Schüler! Goethe Die Welt, in der wir heute leben, ist laut geworden, sehr laut. Stück um Stück wird die Stille von dieser Erde vertrieben. Durch die technische Entwicklung, nicht nur durch diejenige der Aeronau-tik, wird ein Trommelfeuer pausenlosen Lärms um diesen Erdball gelegt. Nicht umsonst gibt es den Begriff des « Höllenlärms ». In den Dielen des Vergnügens begnügt man sich nicht mehr mit der « natürlichen » Musik, nein, diese muss zur Unterhaltung durch Lautverstärker in die Welt hinausposaunt werden. Hier wird die Nacht, bislang — dem Rhythmus der Natur entsprechend - ein Hort der Stille, zum Tag gemacht. Darum schätzt man die Berge mit ihrer Stille und ihrem Frieden doppelt.

Mit zunehmender Erschliessung verlor aber auch die Bergwelt mehr und mehr ihren Charakter als organisches Reservoir der Natur und als Erholungsraum des dem Lärm der Stadt entfliehenden gehetzten Menschen der Neuzeit. Es scheint eben das unausweichliche Schicksal unserer Kulturepoche zu sein, dass wir Menschen allzumal, vor allem aber die Jugend in den grossen Siedlungen, wehrlos der heranrollenden Grund-welle der geistigen Gleichschaltung und seelischen Verklumpung im Wohnen, Arbeiten und in der Freizeitgestaltung erliegen. Ein grosses Unbehagen lastet über dem heutigen Menschen, ein lähmendes Gefühl unvollständigen Daseins; der Mensch lebt dauernd auf der Flucht vor sich selbst. Nur zu oft hören wir leider den Einwand, dagegen sei nun einmal nichts zu machen, das liege im Zuge der Zeit. Der Kampf gegen diese Resignation aber ist eine Aufgabe, ja die Aufgabe einer kleinen Zahl von « Fackelträgern der Stille », welche für den Balsam der Stille gegenüber der krankmachenden Seuche des Lärms eintreten. Seit es menschliche Kultur gibt, ist die Stille eine Urbedingung schöpferischen Lebens. In stiller Musse erfahren wir eine Ab-Klärung - ein Vorgang, ähnlich demjenigen des ruhenden Weines: Unreinigkeiten setzen sich, der Wein wird klar. « Der Weg zu allem Grossen geht durch die Stille », sagte schon Nietzsche. So müssen zu den als « Ideale des SAC » bezeichneten ethisch-menschlichen Werten immer unbedingt auch « Einsamkeit und Stille » gezählt werden! Einsamkeit in der Schönheit und Erhabenheit der Natur, besonders derjenigen der Bergwelt, ist eine Quelle von Gedanken und Empfindungen, welche sowohl für den einzelnen als für seine Umgebung heilsam und erspriesslich ist. Leidet denn heute nicht mehr oder weniger jedermann Mangel an jenen nirgends käuflichen Lebensgütern wie: Würde, Eigenleben, Musse zum Erkennen des eigenen Masses und der eigenen Möglichkeiten, Buntheit und Mannigfaltigkeit des inneren Erlebens? Eben an Dingen, deren uns im Alltag die bedrückende « Angina temporis » beraubt?

DER SCHLAGSCHATTEN DES TECHNISCHEN ZEITALTERS Herr, die Not ist gross! Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los.

Goethe Wenn wir hier, gewissermassen unter uns Bergsteigern, von Stille und Einsamkeit sprechen, meinen wir damit keineswegs, dass die Lautlosigkeit das Alpha und Omega sei, denn es gibt auch die Vereinsamung, das Schweigen des Nichts, die Totenstille. Nein, es geht um Beschaulichkeit, um innere Sammlung, um das Zwiesprache-Halten mit sich selbst. Wir bewegen uns dabei eindeutig in seelischen Bereichen; es geht um die Ruhe der Seele, dass sie einmal Sonntag hat. Dies zwingt uns denn auch, ganz klar die Gefahren aufzuzeigen, denen eben unsere Seele in immer steigendem Masse durch die Technik ( im weitesten Sinne ) ausgesetzt ist. Lärm kennzeichnet nämlich nicht den Fortschritt, sondern die Rückständigkeit der Technik. Eine beschauliche Stille ist heute nicht nur in unseren von Lärm und Unrast erfüllten Wohnstätten, sondern leider auch schon auf einer ganzen Reihe « erschlossener » Berggipfel kaum noch anzutreffen. Durchdringende Geräusche aller Art zerschneiden gewaltsam jeden Gedankenfaden, zerreissen brutal die schönsten Ideengebilde. Die unaufhörliche Berieselung von Auge und Ohr erschwert die geistige Sammlung, die Meditation. Und die Gewöhnung an solche chronischen « Störungen » führt zu jenem krankhaften Zustand, in dem der Mensch die Stille gar nicht mehr erträgt: Sie schafft ihm Beklemmung, offenbart ihm die innere Unruhe; darum flieht er sie. Anstelle tätigen eigenen Erlebens wird ein aus zweiter Hand bezogenes, fremdes Geschehen gesetzt. Je geringer das schöpferische Eigenleben, um so grösser die Sehnsucht nach Zerstreuung. Weil diese Entwicklung auf die Dauer eine geistige Öde und seelische Leere erzeugt, erlangen die neuzeitlichen Instrumente der Massenbeein-flussung über das Denken der äusserlich zwar gehetzten, innerlich aber gelangweilten Masse eine gefährliche Macht. Man wird verfolgt von unerfüllbaren Wünschen, die einem ständig von einer gerissenen Werbung vorgegaukelt werden und die Unzufriedenheit säen. Das Streben nach dem, was alle andern auch haben und auch tun, führt unfehlbar aufjenen innerlich arm machenden Herdenweg und zum menschlichen Sandhaufen, aber niemals zur wirklichen Bereicherung eines Charakters eigener Prägung; denn ein solcher unterzieht sich einer weisen Beschränkung im Bewusstsein seiner persönlichen Grenzen.

Selbst dort, wo versucht wird, den « Segnungen » der Zivilisation zu entfliehen und die freie. Natur aufzusuchen, gerät der Mensch in die Kanäle der verkommerzialisierten Technik: Unzählige Bergbahnen laden ein zum mühelosen Schweben in die Höhe, angeblich, um für uns Zeit zu sparen; tatsächlich aber werden wir dabei um eine gesunde Anstrengung geprellt, und der Naturgenuss ist keineswegs ungetrübt, denn wiederum werden wir von Menschenklumpen fast erdrückt, die traubengleich an den Stationen dieser Bergbahnen kleben, oft stundenlang wartend, um endlich - möglicherweise halb steifgefroren - in die Höhe « verfrachtet » zu werden. Aber beklommen, weil unvermittelt hineinversetzt, geniessen diese « Bergbahnsportler » ohne innere Beziehung ein Schauspiel, als ob sie die Eintrittskarten gestohlen hätten.

Aus dieser Erkenntnis heraus müssen wir die Beziehung zwischen Mensch und Berg neu ordnen und gestalten, und zwar vom Seelischen her; denn das wirkliche Erlebnis der Berge, die wahre Erkenntnis der Stille kann uns nur zuteil werden, wenn wir der Natur Herz und Seele öffnen: « Nur der wird vom Berg geadelt, der den Adel schon in sich trägt » ( Oscar Erich Meyer ).

MENSCH UND BERG Die Berge sind Zufluchtsstätten, wohin wir vor uns selber und vor den Nachbarn fliehen.

Leslie Stephen Wir sehen den grossen Widerspruch unserer Tage: Während die Menschheit mit « Düsenantrieb » vorwärts eilt, alles automatisiert und rationalisiert, als Kosmonaut gar vordringt in den planetarischen Raum, verliert sie zusehends an Boden, entwächst dem Wurzelstock und empfindet undeutlich die abgründige Bodenlosigkeit dieses Daseins. Ausdrucksformen dieser mangelnden « Bodenhaftung » finden wir etwa in der modernen Kunst, besonders in Architektur, Malerei und Kirchenbau.

Da wir Bergsteiger aber verwurzelt bleiben möchten und gar nicht so hoch hinaus wollen, sondern uns bescheiden auf die Hochwelt unserer Alpen beschränken, müssen wir versuchen, wenigstens diese als Refugium des Menschseins für uns und unsere Nachkommen zu sichern. « Hier bin ich Mensch, hier darf ich 's sein » ( Goethe ). Wie in Nordamerika in letzter Stunde die Indianerreservate, in Afrika die Grosswildparks als Naturschutz im weitesten Sinne geschaffen wurden, müssen auch in unserem Alpenland bestimmte Landschaften und Bergtäler abgeschirmt werden vor weiteren technischen Zugriffen, damit sie uns als Erholungsräume und Nationalparks für den Menschen erhalten bleiben. Im Wissen, dass sehr viel auf dem Spiele steht und keine Zeit zu verlieren ist, haben der Bund für Naturschutz, die Vereinigung für den Heimatschutz und der Schweizer Alpen-Club Umschau gehalten nach « Naturdenkmälern und Landschaften von nationaler Bedeutung ». Diese wurden inventarisiert, ihre Gefährdung nachgewiesen, und man rief zu ihrem Schutz auf.

Nichts gegen eine massvolle Nutzung, die im Einklang mit den Naturgesetzen betrieben wird. Es geht hier um unsere geliebten Berge, um ihren Schmuck, Flora und Fauna, es geht um die letzten noch frei fliessenden Bäche und Flüsse, um die Erhaltung der noch verbliebenen natürlichen Landschaften. Und zwar nicht zum Selbstzweck, sondern für die seelische Gesundung und zum Wohlgefallen der Menschen im technischen Zeitalter. Erholung ist ein schöpferischer Prozess für Geist, Seele und Körper. Jede eigene Betätigung in der freien Natur leitet uns einen Strom aufbauender und lebensspendender Kräfte zu, stellt uns wieder her. Das ist wahre Neuschöpfung, gibt uns neue Kraft und neue Gedanken, schafft die Voraussetzungen für geistiges Gesammeltsein. Konzentration erfordert Ruhe, gedeiht nur im Bereiche der « Windstille der Seele ». Das Entscheidende allen Tuns auf Erden, nämlich das vorausplanende Denken, geht geräuschlos vor sich.

Mit der Schaffung von Oasen der Erholung für den entwurzelten Stadtmenschen ist es aber nicht getan. Nein, dieser soll seinerseits lernen, dass ein gütiges Geschick ihn dort auf den Höhenwegen der Stille und Einsamkeit zurück zu sich selber führen will. Nur Beschaulichkeit kann die Bewährung im täglichen Leben zeitigen, lässt die Erfahrung ausreifen; nur Besinnung während des Alleinseins lässt uns den Schritt vom Geführtwer- den zum Selbstführen im Leben finden. Der schöpferische Gedanke braucht das Gleichmass der Umgebung und die Ausgewogenheit des Gemütes, er benötigt starke und doch sensible Nerven, braucht Stille, um ordnend in das lebenslange Ringen im eigenen Innern, mit all dem Un-gedeuteten darin, einzugreifen. Gottfried Keller -er, der in der Fremde « Königsglanz mit deinen Bergen mass » - hat einmal gesagt:

« ...Und wer nicht seine schönsten Träume in der Einsamkeit träumt, wer nicht soweit ist, dass er jede menschliche Gesellschaft, alle Zerstreuungen und allen Umgang mit der Welt entbehren kann, wer nicht die erste und beste Unterhaltung in der Tiefe seines eigenen Ichs findet, der schleiche sich fort aus dem Angesicht der heiligen Natur, der er doch nicht angehört. » Und der Künder des extremen Alpinismus, Leo Maduschka:

« O Einsamkeit der Berge, was bist du gegen die Einsamkeit eines Menschenherzens! Dort Fülle, Licht, Bewegung; hier Armut, Düsternis, Erstarrung! » Damit gelangen wir zur Erkenntnis, dass in der Natur Stille und Einsamkeit nicht innere Not oder Armut bedeutet, sondern eine reiche Fundgrube für die Seele auf der Suche nach Wahrheit und Klarheit. Gesundheit, Ausgeglichenheit, Erholung und innere Freude werden vor allem errungen durch die eigene Anstrengung in der Abgeschiedenheit der Natur sowie durch den nachhaltigen Eindruck der unfassbaren Schönheit und Grösse der Bergwelt. Gewiss, auch im Gebirge gibt es allerhand Geräusche, bis zum Fortissimo des Donnerschlages oder des Eisabbruches, dem dann eine unheimliche Stille folgt, die Stille, die den Atem anhalten und den eigenen Pulsschlag hören lässt.

Für den Schweizer Alpen-Club hiesse es nun sich selber untreu werden, würde er seinen sehr ausgeprägt gehegten Idealen der Geselligkeit und des Kameradschaftsgeistes abschwören, mit andern Worten, wenn Einsamkeit und Stille in der Natur nur denkbar sein sollten bei absolutem Alleinsein, ohne jede Begleitung oder Begegnung. « Schweigen ist ein köstlicher Genuss, aber um ihn ganz auszuschöpfen, muss man einen Gefährten haben, allein ist man nur stumm » ( K.H.Wag-gerl ). Für den alpinen Könner bietet das Alleingehen zwar besondere Reize und reiches Erleben, doch verdoppeln sich die Gefahren. Auch den letzten Gang - des wollen wir eingedenk sein - die letzte Bergfahrt, müssen alle allein tun...

Wenn also Massenbetrieb eine unmittelbare Gefahr für die Entwicklung des ganzen Menschengeschlechtes bedeutet, macht andrerseits absolute Einsamkeit den einzelnen weltfremd, überheblich und ichbezüglich; gänzliche Vereinsamung hemmt die Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten. Wie beglückend kann dagegen auch langes Schweigen unter guteingespielten Bergkameraden auf grosser Fahrt sein, wenn mit knappen Zeichen nur das verbindende Seil ausgegeben oder eingeholt wird, bis am Ziel die rauhe Hand zum Gipfelgruss das ausdrückt, was tief im Herzen vor sich geht. So kann uns dann das seltene Glück zuteil werden, dass aus dem Gefährten des Seils ein Vertrauter der Seele wird.

AUF DEM WEGE ZUR HÖHE H ir wissen nicht, womit der Steinbrech Steine bricht. Er übt die Kunst auf seine Weise und ohne Lärm. Gott hebt das Leise.

K.H. Waggerl Wenn wir mit diesem Hymnus der Stille versucht haben, von einer ganz persönlichen Warte aus die « letzten Probleme » dieser zeitgemässen Auseinandersetzung zwischen Einzelpersönlich-keit und Massengesellschaft im allgemeinen und in der berggeistigen Entwicklung des Alpinismus im besondern aufzuwerfen und darzustellen, um die Jünger des SAC auf ein neues Ziel hinzuweisen, Ehrfurcht vor den lichten Höhen unserer Alpen, Freundschaft und Liebe zu ihnen zu pflanzen, gibt dies uns doch erst echte Weihe. Noch eins: Die Taten am Berg, das sei hier eindrücklich festgehalten, lassen sich nicht messen, es sei denn mit dem Mass der Seele. Der Abstand vom Hand-werklichen zum Seelischen ist hier ebenso weit wie der Weg von der Leidenschaft zur Liebe. Deshalb erfahren wir auf verborgenen Wander- und Höhenwegen mehr Schönes, Erhebendes, beglückende Stille und Einsamkeit als auf berühmten Modebergen.

Gar verschiedene Gründe mögen die Menschen auf ihrer irdischen Wanderschaft dazu bewegen, die Berge aufzusuchen: sei es das Bedürfnis, etwas Einzigartiges zu erleben, die Freude an der grossen Leistung oder aber der stille, eher bedächtige Aufstieg lediglich zum Schauen dieser gewaltigen Schönheit - Berggänger aus innerem Drang oder Höhenwanderer, dem die Brust weit wird und vielleicht verstohlen gar die Augen überfliessen vor Glück über diese stille Welt. Freud, aber auch Leid wird hinaufgetragen, Glück und Schmerz dem tiefen Schweigen des Berges anvertraut -kann sein, auf dem unermesslichen Altar der Berge gar Opfer dargebracht jenem ewig-unstill-baren Drang nach innerer Erregung und Erlebnistiefe. Man kann in Glaubensdingen eingestellt sein, wie man will, nirgends wohl werden die Beziehungen zwischen Schöpfer und Geschöpf so unmittelbar und mit oft erdrückender Wucht offenbar wie in freier Natur, in der Welt der Berge. Einmal wird die ergreifende Schönheit eines sinkenden Sonnenballes uns andächtig stimmen, einmal führt uns die Gewalt eines entfesselten Sturmes menschliche Ohnmacht und Schwäche vor Augen. In solchen Augenblicken versinkt der Mensch in Schweigen. Die Stimmen der Natur lassen uns der Worte Conrad Ferdinand Meyers gedenken:

« Bald nahe tost, dann fern der Wasserfall. Er stäubt und stürzt, bald rechts, dann links verweht.

Ein tiefes Schweigen und ein steter Schall, Ein Wind, ein Strom, ein Atem, ein Gebet !» Überarbeiteter Text aus der Sonderbeilage des « Luzerner Tagblatts » zum Zentenarium der Sektion Pilatus SAC, vom 29. Mai 1964, vom gleichen Verfasser.

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