Das Nesthorn über den Nordgrat

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON ESMÉ SPEAKMAN

Mit 1 Bild ( 74 ) Ironie des Schicksals: der einzige wirklich schöne Tag ist derjenige, den wir als Ruhetag vorgesehen haben. Schon früh kündigt sich die Hitze des Tages an. Mein Führer André Pont und ich steigen, unterwegs nach Belalp und ins Tal, über den Oberaletschgletscher ab. « Ruhetag » heisst für André, den Hüttenwart der Oberaletschhütte: nach Siders absteigen, in seinem Obstgarten Obst pflücken und am Abend mit der Ernte wieder zur Hütte aufsteigen. Was mich betrifft, benütze ich gern diese Gelegenheit, um in Brig meine Post zu holen und meinem Führer beim Obstpflücken zu helfen.

Auf dem Rückweg am Abend besprechen wir unsere Pläne für morgen. Wir haben mehrere Tage in den Fusshörnern zugebracht und suchen für unsere letzte Fahrt etwas Neues. André schlägt den Nordostgrat des Nesthorns vor - ein sehr schöner Aufstieg, der selten begangen wird. Für ihn wäre er etwas Neues. « Ob er mich interessieren würde? » - « Gewiss. » Alles, was wir dieses Jahr zusammen erfolgreich durchgeführt haben - nicht erfolgreich wegen schlechten Wetters die Fahrt zum Thorberggrat - war für uns beide Neuland. Am Nesthorn war ich noch nie, auch nicht auf der normalen Route. Und der Gedanke an den Aufstieg über den Nordostgrat begeistert mich.

Später, als wir zusammengepfercht um den Tisch einer überfüllten Hütte sitzen - wo jedoch Ordnung und gute Laune herrschen -, vernehmen wir, dass zwei weitere Bergsteiger für morgen denselben Plan hegen wie wir. Es sind die Herren Pidoux, Redaktor der « Alpen », und sein Freund Metzker. Wir beschliessen zusammen zu gehen, auf dem Gletscher vielleicht als gemeinsame Seil-schaft.Als der Morgen dämmert, sind wir auf einem Moränenhügel am Fusse des Nesthorngletschers im Begriff die Steigeisen anzuschnallen. Die Hitze von gestern liess für heute nichts Gutes erwarten: die Dämmerung ist lau, der Horizont mit Wolkenbändern gestreift. Bald steigt die Sonne auf, aber ihr Licht ist ohne überzeugende Klarheit. Wir fühlen uns müde, Kopf und Beine sind schwer.

Ein endloser Aufstieg führt uns über grosse Spalten. Er ist jedoch leicht, ausser für den Führer, der bei jedem Schritt die noch harte Schneekruste eindrückt. Wir andern können halb im Schlaf einen Fuss vor den andern setzen. So geht es bis zu einem flachen Absatz unter dem Bergschrund, wo wir einen langen Halt einschalten. André, der seit Wochen nur wenig Nachtruhe gehabt hat, schläft sogleich ein.

Am Hang darüber werden wir alle richtig wach. Er steigt merklich an, und die Aufmerksamkeit, die er erheischt, bringt uns wieder in Form. Sicher rührte unsere Schlaffheit von der ungewöhnlich drückenden Luft dieses Morgens her. Es war etwas ganz anderes als die gewohnten steifen Glieder eines frühen Aufbruchs, wo man sich wie ein Nachtwandler vorwärtsbewegt.

Der Hang vor dem Bergschrund ist sehr schroff, aber die Schneeverhältnisse sind gut, und die Stufentreppe, die André hackt, hilft uns den Schrund ohne Schwierigkeit zu überwinden. Noch eine sehr steile Stelle, dann wechseln wir vom Firn einige Meter rechts hinüber in leichten Fels. Dann stehen wir am Fuss eines grossen Kamincouloirs. Die Stelle, wo wir den Fels angingen, liegt etwas oberhalb einer kleinen Gratsenke.Von dieser Scharte aus biegt der Grat talwärts in leichter NNO-Richtung ab und steigt dann mit einer Reihe schöner Gendarmen zu einer Spitze an, die auf der Landeskarte keinen Namen trägt, aber mit Kote 3438 angegeben ist. Dieser Grat lohnte sich als Ziel für eine schöne Fahrt.

Mit dem Kamin beginnt ernsthafte Kletterei. Der Fels ist hier sehr schlecht, wie wir ihn auf der ganzen Fahrt nicht mehr treffen. André steigt am freigegebenen Seil ins Couloir ein. Es handelt sich darum, dass sich niemand im Bereich des Steinschlags befindet, den er auslöst. Mit unendlicher Vorsicht steigt er empor, schlägt zwei Sicherungshaken ein und säubert die bröcklige Passage so gut als möglich. Als er heraus ist, sichert er uns, einen nach dem andern, mit der ganzen Seillänge. Die unten Wartenden können von sicherem Standort auf einem festen Felsen aus dem Ringen der Gefährten zuschauen. Auf sicherem Standort, aber nicht in voller Seelenruhe! Nach André bewältigt Herr Pidoux die Passage, dann ich und als letzter Herr Metzker. Diese Reihenfolge behalten wir als gemeinsame Seilschaft für den Rest des Tages bei.

Über dem Kamin geht es noch eine Zeitlang über Fels weiter ( hier schöner, solider Fels ), zuerst an der Flanke über der Scharte, dann auf dem Grat darüber. Der Wind wirbelt auf den Kämmen und bläst uns den Schnee ins Gesicht, den er von den Hängen fegt.

Bevor wir den Fels verlassen, machen wir einen Esshalt. Leider hat sich das Wetter verschlechtert. Es ist kalt; von allen Seiten steigt Nebel auf. Für einige Augenblicke noch sieht man den Grat, der vor uns aufsteigt, ein paar Felsen, Firn und weiter oben das charakteristische Schneedach des Nesthorns. Dann nichts mehr als den Hang, an dem wir klettern! Mit der Zeit werden die Bewegungen automatisch. Die Steigeisen an den Füssen, nehmen wir eine Stufe um die andere, die André in den schroffen Hang über der Nordflanke schlägt. Am Ende der Seillänge steht man still, sichert den Nachfolgenden, das Seil Armlänge um Armlänge einholend. Man übergibt ihm das schwere, nasse Seil und geht bedächtig weiter. Ich fühle weder Kälte noch Müdigkeit, noch wie die Zeit vergeht.

Nahe am Gipfel ist eine vereiste Stelle, wo André einen Bohrhaken eintreibt. Dann erinnere ich mich einer scharfen Kante - rittlings über Nordwest- und Nordostflanke. Dann ein grosser Schritt nach links. Es ist noch nicht zu Ende; wir steigen immer noch, wie an einer Leiter, im Schnee, im Nebel. André vermutet eine Spalte, und wir traversieren nach rechts. Aber dann nimmt die Steilheit bald ab und läuft eben aus. Es ist der Gipfel, der unsichtbar bleibt. 13 Uhr 20; wir sind zehn Stunden im Aufstieg.

Unmöglich, auf dem Gipfel zu weilen! Bei dem sich zusehends verschlechternden Wetter heisst es so schnell als möglich absteigen. Im dicken Nebel ist der Ausgangspunkt der Normalroute nicht leicht zu finden. Wir suchen längere Zeit. Ich ziehe meinen Kompass hervor; aber Herr Pidoux, mit der Karte in der Hand, verlässt sich lieber auf das Urteil Andres, der die Route kennt. Ich gebe viel auf Andres Meinung; aber ich bin nicht umsonst jahrelang Instruktorin für die Verwendung von Kompass und Karte gewesen! Bei uns in Schottland würde ich mich auf diese beiden mehr als auf die Meinung eines noch so Vertrauenswürdigen verlassen! Zum Glück für die Seilschaft stimmt die Richtung, die die Instrumente angeben, mit der, welche André vorhat, überein. Ohne etwas zu sehen, aber überzeugt, auf dem rechten Weg zu sein, beginnen wir den Abstieg. Zwei- oder dreihundert Meter weiter unten kommen wir aus der Nebeldecke heraus. Bei hellem Wetter muss der Abstieg vom Nesthorn sehr schön sein. Unter dem sintflutartigen Regen, der nun beginnt, ist ihm der Reiz genommen.

Im Sérac-Couloir hat der Regen den Schnee tief aufgeweicht. Man sinkt bis zu den Knien ein. Das Schlimmste erwartet uns jedoch weiter unten auf dem Beichfirn mit seinem verräterischen Wasser-Schnee-Gemisch. Es sieht solid aus, und dann sinkt man bis über den Schuh in ein eisiges Fussbad ein. Jedoch alles nimmt ein Ende, und die warme Hütte, die uns nachher aufnimmt, erhält durch den Regen, der an die Scheiben schlägt, einen zusätzlichen Reiz. Sie verdient an diesem Abend den schönen Namen Refugium.Übers.: F.Oe. )

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