Das unverstandene Bergsteigen

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VON KARL GREITBAUER, WIEN

Wir Bergsteiger wissen seit langem, dass von Seiten der Öffentlichkeit unsere Tätigkeit in den Bergen nicht begriffen wird. Wohl scheint man uns all das Schöne und Grosse, das wir draussen in den Bergen erleben, zu glauben, wenn wir davon berichten. Aber am Ende steht ja doch immer die unausgesprochene Frage, warum wir das alles eigentlich tun. So banal an sich eine Frage nach dem Warum einer Tätigkeit auch sein mag, auch wenn diese Tätigkeit, wie die unsere, nicht offensichtlich gewinnbringend ist, so ist doch diese Frage gerade in bezug auf das Bergsteigen nicht bedeutungslos. Denn die Bergsteigerschaft kann den eigenartigen Ruhm für sich in Anspruch nehmen, die vielleicht unverstandenste Gesellschaftsgruppe zu verkörpern, für die man gerne Worte wie weltfremde Idealisten, Narren oder Fanatiker bei der Hand hat, aber wir hören mitunter auch die Meinung, dass es sich hier um Verrückte oder gar Wahnsinnige handeln muss.

Wenn nun auch die Öffentlichkeit damit beweist, dass sie das Ganze des Bergsteigens in keiner Weise versteht, so verstehen wir Bergsteiger doch die Öffentlichkeit recht gut und wissen, auf welchem Weg sie zu der Meinung über uns gekommen ist: es kann derjenige, der über unser Tun den Kopf schüttelt, sich eben nicht freimachen von seiner vorgefassten Meinung, dass das Bergsteigen ungemein gefährlich und damit existenzwidrig, und menschlich gesehen, direkt widersinnig sei. In dieser Meinung wird er noch bestärkt, wenn er die Bilder sieht, die wir von unseren Bergfahrten mitbringen, die meist sehr viel Luft und wenig Halt für den Menschen, der in der Steilwand dargestellt ist, zeigen. Man kann sich bei einem solchen Anblick sehr wenig vorstellen, dass solche Situationen für einen Menschen mit normaler Psyche ein Erlebnis bedeuten können. Bei ungefährlichen Wanderungen in der Bergwelt kann der Aussenstehende mit unseren Berichten von grossartigen Erlebnissen noch mitkommen, aber bei den Wegen der extremen Bergsteiger, durch hunderte Meter steil aufragende, massiv geschlossene und abweisende Felswände oder durch zu schwindelnder Höhe aufschiessende Eisflanken, kann das normale Empfinden des normalen Menschen anscheinend nicht mehr mit. Der Nichtbergsteiger kann deshalb innerlich nicht folgen, weil sich ihm im Zusammenhang mit gigantischen Wänden eben etwas ganz anders Geartetes als die Vorstellung von einem erhebenden Erlebnis aufdrängt: es ist dies, wie gesagt, die intensive Vorstellung des Drohen-den, Lebensfeindlichen, des Existenzwidrigen.

Dieses negative Gefühl, das im Nichtbergsteiger wach wird, wenn er den Menschen in ein Verhältnis zur Existenzwidrigkeit gesetzt sieht, ist ein universal menschliches Gefühl. Und weil dieses Gefühl so univerjö/menschlich ist, zog es Schopenhauer zur Erklärung des Gefühles des Erhabenen heran - damals noch weit abseits von dem Gedanken, dass sich Menschen je mit diesen Gebilden auseinandersetzen könnten, sondern nur von dem Gedanken her, ihnen als Beschauer gegenüberzustehen.

Schopenhauer sagt: « Wenn jene Gegenstände, deren bedeutsame Gestalten uns zu ihrer reinen Betrachtung einladen, gegen die menschliche Existenz überhaupt ein feindliches Verhältnis haben, wenn sie durch ihre allen Widerstand aufhebende Übermacht die Existenz des Menschen bedrohen oder durch ihre unermessliche Grosse den Menschen bis zum Nichts verkleinern, wenn aber andererseits der Betrachter durch sie insoferne nicht bedroht ist, als er sie nur anschaut, sich aber nicht mit ihnen auseinandersetzt, dann entsteht in ihm das Gefühl des Erhabenen. » Der Nichtbergsteiger bringt also nach dieser Aussage den bedeutsamen Gestalten der Bergwelt als Maximum der menschlich hinneigenden Gefühle das Gefühl des Erhabenen entgegen, denn er findet sich in der gleichen Situation wie der Schopenhauersche Betrachter der existenzfeindlichen Kolossalstrukturen. Und er lässt sich aus eigener seinsbezogener Abneigung gegen die Existenzwidrigkeit der Bergwelt als Objekte für das menschliche Wollen von uns nur als unbeteiligter Beschauer die Auseinandersetzung von Berg und Mensch, wie wir sie vorzuweisen haben, vor Augen führen. Er kann sich aus dem Gefühl der Existenzfeindlichkeit des Ganzen daher mit unserem Handeln nicht identifizieren. Er kann daher auch das Auf-sich-Nehmen der Seinswidrigkeit, die unserem Tun zugrunde liegt, nicht verstehen.

Die Frage nach dem Warum unserer Tätigkeit ist also durchaus verständlich, denn der Bergsteiger, der die erhabenen Architekturen der Natur nicht nur betrachtet, sondern sich auch mit ihnen unmittelbar auseinandersetzt, durchbricht hier offenbar ein universal menschliches Verhalten, indem er das, was er als existenzwidrig erkennt, nicht einfach meidet, sondern sich im Gegenteil dieser Existenzwidrigkeit preisgibt.

Und die Frage nach dem Warum dieses gegensätzlichen Verhaltens wird erst dann befriedigend beantwortet sein, wenn es gelingt, im Bergsteigen einen menschlichen, und zwar einen universal menschlichen Wert zu finden, der das bedeutende Minus der Seinsgefährdung im Bergsteigen nicht nur aufhebt, sondern sogar nebensächlich werden lässt.

Die Antwort, wie sich der Bergsteiger zu dieser Seinsgefährdung verhält, ist relativ leicht zu geben, und zwar im grossen Umriss, so schwierig es auch sein mag, eine Antwort zu geben, wenn sie ins Einzelne gehen soll.

Es wird fürs erste überraschen, wenn wir dazu sagen, dass Bergsteigen in zweifacher Weise vorliegt, einerseits als eine Jugendbewegung und andererseits als eine Bewegung reifer Menschen. Wir wollen damit sagen, dass Bergsteigen nicht einheitlich ist, sondern aus zwei verschiedenen Bewegungen besteht, die nebeneinander existieren und die sich nicht vielleicht in einer unterschiedlichen Tätigkeit, sondern nur in den Motiven darin unterscheiden. So verschieden also diese Motive auch sein mögen, die äussere Form der Tätigkeit ist bei beiden prinzipiell gleich, nur besteht ein rou-tinemässiger Unterschied, da die Bewegung der reifen Bergsteiger fliessend aus der Jugendbewegung hervorgeht.

Mit diesem Einblick in die eigentliche Struktur des Bergsteigertums zerfällt die Frage nach dem Warum unserer Tätigkeit auch schon in zwei Sonderfragen: die erste wird sein, warum der junge Mensch trotz des Gefühles der Existenzwidrigkeit des Bergsteigens sich diesem zuwendet. Und die zweite Frage wird sein, warum der Reife im Angesicht dieser Existenzwidrigkeit beim Bergsteigen bleibt, zumal doch gerade vernünftige Einstellung auf die Objekte des Daseins offenbar Zeichen der Reife ist.

Wenden wir uns zuerst der Frage bezüglich des jungen Menschen zu. Auch er ist doch im Zu-gehen auf das Bergsteigen zuerst noch ein Aussenstehender. Auch er sieht daher, wie alle übrige Welt, das Drohende und Existenzfeindliche in allem Bergsteigen. Warum er dieses Gefühl beiseite schiebt und, es überwindend, dennoch bergsteigen geht, darüber gibt uns die Jugendpsychologie Auskunft. Denn diese zeigt uns, dass in keinem Lebensalter eine solche intensive Neigung zur Verkörperung einer bedeutsamen Gestalt der menschlichen Gesellschaft besteht wie gerade im Halb-wüchsigenalter. Diese Neigung nennen wir Gestalttendenz. Diese Tendenz besteht deshalb, weil das Schicksal dieses Lebensalters es ist, nicht für voll genommen zu werden, nicht herauszukommen aus der von den Erwachsenen betriebenen Situation eines Dummerjan-Daseins als Schüler, Lehrling, als Kind seiner Eltern, und im ganzen als Unverständiger, Unselbständiger. Das alles aber ist die spezifische Zwangsjacke für das gerade im Vor-Erwachsenenalter gesteigert vorhandene Selbstgefühl. Und wir verstehen, dass die ganze Aktivität des Jugendlichen darauf gerichtet sein wird, aus dieser das Selbstsein erstickenden Enge herauszukommen und sich aus der Atmosphäre der nicht-endenwollenden Schulmeisterung zu befreien. Da aber der junge Mensch, oder wie wir ihn nennen, der Vorerwachsene, zutiefst weiss, dass ihm eine solche Befreiung im angestammten Milieu selbst niemals gelingen kann, versucht er in seinem Begehren, in ein Milieu der Selbstgeltung hinüberzuwechseln, einen neuen Existenzansatz. Da die Bewegung zum Aufschwung der Persönlichkeit beim Jugendlichen in der Nicht-Geltung im angestammten Milieu ihren Ursprung hat, ist daher die Hinwendung an das neue erstrebte Milieu nicht wahllos, sondern geht darin auf den spezifischen Kontrast zu. Die Gestalttendenz bezieht sich daher spezifisch auf eine Geltungsgestalt im Dasein, auf das Ideal einer Persò'nlichkeitsgéitang.

Ein solches Ideal kann aber durchaus die Gestalt des Bergsteigers sein, welche für einen jungen Menschen die Verkörperung von Mut, Kraft, Energie, Bewunderungswürdigkeit und damit von hoher Geltung darstellt. Und im Entschluss, sich diesem Sein zuzuwenden, kämpft der Jugendliche seine anfängliche Angst vor der Existenzwidrigkeit der bergsteigerischen Objekte nieder, denn diese Angst ist ja das einzige, was dem bedingungslosen Hineinschlüpfen in die Leistungsgestalt des Bergsteigers entgegensteht. Der junge Mensch nimmt damit die Angst in Kauf, um sich ein Selbstsein in Geltung zu erringen. Und indem er die Angst aus diesem Motiv heraus überwindet, sich im neuen Gestaltsein mit starkem psychischen Einsatz behauptet, wird er Bergsteiger und gewinnt sich in bergsteigerischer Reife mit der Zeit Gewöhnung. Und im Wachsen des Könnens und im Ausfeilen der Technik fällt in gleichem Mass die anfängliche Angst von ihm ab und im beglückenden Gefühl des Befreitseins von dieser Angst vor der Existenzwidrigkeit sind ihm die Berge nunmehr ein hohes Erlebnis. Und im hohen Gefühl des Vertrautseins mit dem ehemals Widrigen und im hohen Gefühl eigenen Könnens und eigener Kraft werden ihm die Berge vertraute Heimat, und er vollzieht in ihnen leichten Herzens, was anderen zum Grauen wird: er liebt die jähen Platten mit ihren winzigen Rauhigkeiten, an denen er höher steigt, er fühlt sich schwerelos an der luftigen Kante, an der er vergnügt hinaufturnt, und der hunderte Meter hohe steile Felsturm, der in die Wolken hineinragt, wird ihm in der Begehung zum Gang in die unendliche Weite der Welt, in der er sich als Mensch gelöst fühlt vom dumpfen Alltag mit den alltäglichen Pflichten.

Hier aber haben wir zugleich auch die Antwort, warum der reife Bergsteiger beim Bergsteigen bleibt: das Bergsteigen hat sich ihm verwandelt, er geht ganz im Erlebnis der Berge auf, ohne jene Furcht mehr zu spüren, mit der er als junger Bergsteiger noch zu kämpfen hatte. Er fühlt sich dem Berge verwachsen, und die Bergwelt schenkt ihm reichlich, was Begehren aller Menschen ist: das Erleben von Geheimnis, Raunen, Abenteuer; Glück der Erfüllung, Erfüllung der Sehnsucht, weltweites Sich-frei-fühlen und Allnähe. Nur so ist es zu verstehen, dass dem Bergsteiger die Bergwelt zur eigentlichen Heimat wird und er hinneigt, sich vom Getriebe und der Hast der lärmenden Welt herauszuhalten. Er liebt die Berge, weil er sie ganz kennt, weil sie ihm keine Furcht mehr einflössen, weil ihm ihr Schweigen mehr bedeutet als die geschäftige Betriebsamkeit in den Niederungen, wo die Massen hausen.

Warum sollte der reife Bergsteiger sich vom Bergsteigen abwenden, nachdem der Grund, der eine solche Abwendung des gereiften Menschen verlangt, weggefallen ist? Wenn einem die Bergwelt nicht existenzwidrig erscheint, und wenn sie einem deshalb nicht mehr seinswidrig erscheint, weil die Angst vor dem Berg abgefallen ist, dann fühlt man sich in der Hinwendung an die erhabenen Gestalter des Raumes erst wahrhaft als Mensch, der sich in der Befreiung vor der Angst der Kreatur aufgeschwungen hat zur inneren Freiheit höchsten Menschseins.

Die Natur hat eine eigene Sprache, eine Sprache in Symbolen, die von einem höheren Leben redet. Wir Bergsteiger versuchen immer wieder, diese Sprache, die unser Leben und Erleben erfüllt, hin-einzutragen in den Kreis jener, die gleich uns die Natur und das natürliche Leben höher setzen als die Stadt.

Unsere Worte und unsere Bilder von den Bergen und unser Tun darin wird daher nur der voll verstehen, der begreifen lernt, dass es Worte und Bilder von Symbolen sind, wie der unzersetzte Mensch die Natur und das übermächtige Wirken des Seins und sich selbst darin bildhaft sieht.

Wenn uns aber andere darüber weltfremde Idealisten, Narren, Fanatiker oder gar Wahnsinnige nennen, dann sehen wir hinter diesen Worten nur die eigene Angst derer, die im Erhabenen nur das Feindliche sehen und die die Freiheit und die Höhe eines Menschentums im Vertrautsein mit dem Erhabenen nicht kennen.

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