Das Val d'Hérens und das Val d'Anniviers vor der Zeit des Alpinismus

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VON LOUIS SEYLAZ

Mit 2 Bildern ( 175, 176 ) Die Geschichtsschreiber, die sich mit der Erforschung der Alpen befassen, bezeichnen übereinstimmend die Mitte des letzten Jahrhunderts als Zeit des Beginns des eigentlichen Alpinismus, das heisst der Besteigung der hohen Berggipfel aus reinem Vergnügen, ohne jede wissenschaftliche Absicht. Zweifellos waren damals schon mehrere Gipfel bestiegen: der Titlis ( 1744 ), der Velan ( 1779 ), der Mont Blanc ( 1786 ), die Jungfrau ( 1811 ), das Finsteraarhorn ( 1812 ), der Tödi und der Ortler und von 1813 bis 1842 mehrere Gipfel des Monte Rosa. Aber diese Vorläufer sind Ausnahmen. Auch waren sie noch von einem andern Geist beseelt und verfolgten andere Ziele als die des reinen Alpinismus.

Wenn aber der Ansturm auf die jungfräulichen Gipfel, bei dem sich die Briten durch Kühnheit und Unternehmungsgeist besonders hervortaten und sich den Ruhm streitig machten, erst 1850 begann, darf man daraus nicht schliessen, dass die Alpen nicht schon vorher bereist worden seien. Vom Beginn des Jahrhunderts an und besonders nach dem Sturz Napoleons und der Beendigung der Kriege der Kaiserzeit, war es wieder möglich, durch Frankreich, welches den Zugang zur Schweiz von Westen her bildete, zu reisen, und dem Zug der Mode folgend, begann ein unaufhörlicher und immer anwachsender Zustrom von Touristen, die die Alpen aufsuchten.

Es ist das schöne Zeitalter der Romantik. Es sind nicht die Gipfel und nicht kühne Ersteigungen, welche die Naturschwärmer suchten, sondern die Seen, die Wildbäche und Wasserfälle, Felsen, sonn-gebräunte Alphütten und Schluchten und Abgründe, deren Anblick einen schaudern machte. Man ging über Pässe und durch die Täler, folgsam den bewährten Routen folgend, vom Lande Wilhelm Teils zu den Grindelwaldgletschern und zum Staubbach. Man überschritt die Grimsel oder die Gemmi, um auf dem Weg über das Wallis Chamonix und das Mer de Glace zu besuchen, nicht zu vergessen die Gestade des Genfersees, wo das Andenken J.J. Rousseaus lebte. Aber man wagte nicht oder nur ausnahmsweise, sich von den wohlbekannten Wegen zu entfernen. Die Voyages en zigzag von Tœpffer sind das beste Beispiel für diese Gattung von Touristen. Er hat die Bewegung nicht ins Leben gerufen, aber er hat sie mitgemacht. Seit 1825 hat er mit seiner Schülerschar die Alpentäler durchstreift, vor allen in Savoyen und im Wallis. Für das Jahr 1842 - es war die neun-zehnte seiner « Kreuz- und Querfahrten » - wollte er seine Reiseroute erweitern und einige noch nicht abgelaufene Täler: Hérens, Anniviers, Zermatt besuchen.

« Dank ihrer Abgeschiedenheit zeigen die linken Seitentäler ( des Wallis ) einen Aspekt ruhigen Daseins, zufriedener Armut... Hier herrscht noch ursprüngliche Gleichheit... Aber schon drängen sich Neugier und Habgier an diese von Fortschritt und Zivilisation unberührter als andere gebliebene Bevölkerung heran. Schon spricht es sich herum, dass sich hinten in diesen Tälern so strahlend wie in Chamonix, aber neuer, das Wunder und die Pracht der grossen penninischen Bergkette biete. Schon sind Künstler, Gelehrte und Reisende, die mit ihren Entdeckungsfahrten bis nach Zermatt vorgestossen sind von der Gegend begeistert zurückgekehrt. Es sind die jüngsten Berichte einiger solcher Besucher und die wiederholten dringenden Ermunterungen Mme Moustons, die uns bestimmt haben, uns dieses Jahr von den begangeneren Tälern abzuwenden... und uns in diese Regionen ohne Herbergen und auf Höhen ohne Wege zu wagen1. » 1 Tœpffer, Voyage autour du Mont Blanc, Nouveaux Voyages en Zigzag, S. 174.

Aber was für Möglichkeiten zum Übernachten und für die Verpflegung wird er vorfinden? Als vorausblickender Tourenleiter hat er sich an Mme Mouston gewendet, die mit ihrem Gatten das Hotel du Lion d' Or in Sitten führte. Das Gasthaus dieses Namens auf der Grand'Place ( heute rue du Grand Pont ) besass seit dem 18. Jahrhundert den besten Ruf. Die Königin von Baden, Kaiserin Marie-Louise und wahrscheinlich auch Chateaubriand sind dort abgestiegen. Alle Reisenden aus dieser Zeit loben übereinstimmend die Aufnahme und wohlwollende Fürsorge der Mme Etienne Mouston. Tœpffer versäumte nie, dort anzuklopfen, wenn er nach Sitten kam.

Schon als er ankommt, beruhigt sie ihn, dass die Leintücher, in denen er morgen schlafen wird, schon unterwegs nach Evolena sind, die Messer, die Teller und alles, was dort nicht vorhanden ist. Auch wird sie zwei Führer und zwei Maulesel besorgen, die die Lebensmittel hinauftragen. « Alles wird gut ablaufen », versichert sie. « Natürlich wird alles gut ablaufen », schreibt Tœpffer, « wenn man auf diese Weise aufgenommen wird und wenn auf Geheiss der würdigen Frau schon zwei brave Bergler uns Nahrung und Unterkunft für den nächsten Tag in den Hütten von Evolena, 100 Meilen abseits der Welt, vorbereiten. » So beruhigt, beschäftigt sich Tœpffer mit der Fortsetzung seines Vorhabens, vom Val d' Hérens ins Val d' Anniviers, sogar ins Zermatter Tal zu gelangen, « wenn es für Touristen wie wir einen Übergang gibt. Zwar sind in den Itinéraires ein oder zwei Wege angegeben, Mme Mouston glaubt, dass es noch mehr gibt aber das alles ist unsicher ».

In welchem « Führer » konnte Tœpffer im Jahre 1843 Auskunft über das Val d' Hérens und das Val d' Anniviers finden? Es gibt nicht viele. Am besten ist die Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweiz zu bereisen von J. G. Ebel ( 4 Bände, Zürich 1809 ), von welcher 1810 eine französische Ausgabe erschien. Was sagt Ebel?

« Das Eringer-Thal ( Val d' Hérens ) öffnet sich Sitten gegenüber und zieht 10-12 Std. tief südwärts... Es ist von Ungeheuern Gletschern geschlossen... Ein gefährlicher Weg führt aus dem Borgne-Thal über diese Gletscher nach Piémont ( Col Collon )... Das Tal soll wegen mannigfaltiger Aussichten, herrlicher Gebirge, seiner grossen Gletscher... und der Einfachheit des Hirtenvolkes, sehr merkwürdig sein; es wird gar nicht besucht, und deswegen ist es fast unbekannt. » Das ist alles; Evolena ist nicht erwähnt, auch der Col du Torrent nicht.

« Das Einfisch-Thal ( Val d' Anniviers )... 7 Std. lang, von der Navisenche oder Usenz durchflössen, welche in einem grossen Gletscher entspringt, der südlich zu oberst im Thale von dem Weissze-Horn herabhängt... Der Eingang in dasselbe ist ohngefähr Siders gegenüber; Vissoye ist der Hauptort... Dieses sehr fruchtbare und volkreiche Thal vereinigt die wildesten und sanftesten Gebirgsansichten und ist durch seine Natur und sein schönes sitten-einfaches und kriegerisches Alpenvolk gleich merkwürdig. Hier sieht man noch Löcher in den hölzernen Tischen, woraus statt Tellern gespeist wird... Das Thal wird gar nicht besucht und ist deswegen noch sehr unvollkommen bekannt. » Ein anderer Führer aus jener Zeit ist der von Richard ( auf Ebel basierend ), dessen erste Ausgabe 1824 erschien. Er erwähnt nur beiläufig das Erheimtal ( Hérens ), wo er von der Einsiedelei von Longeborne spricht.

In seinem Essai statistique sur le canton du Valais ( 1820 ) erwähnt Doyen Bridel von diesen Tälern nur, was er von andern hört: « Alle, die diese hoch gelegene Gegend ( Hérens ) betreten haben, rühmen die Mannigfaltigkeit dieser Landschaften. » Doch erwähnt er Armentzi ( Hérémence ), Eizau-daire ( Les Haudères ) und Villa, von wo man ins Val d' Anniviers absteigt, und sagt von letzterem: « Sein einziger Ausgang in die Ebene ist durch herabgestürzte Felsen versperrt, über welche der gefährliche Weg von Pontis führt. » Diese mageren Auskünfte waren nicht geeignet, Tœpffer über den Weg, den er vorhatte, aufzuklären noch zu beruhigen. Er hätte auch nichts gewonnen, wenn er Murrays Handbook for Travellers in Switzerland konsultiert hätte, das in England so populär war. Seine beiden ersten Ausgaben, 1838 und 1839, sagen nichts über unsere beiden Täler. Und der berühmte Baedecker, während hundert Jahren das unentbehrliche Vademecum für Touristen? Seine erste Ausgabe erschien erst 1844. Diese sagt übrigens nichts vom Val d' Hérens und von Zermatt. Wahrscheinlich wusste Tcepffer damals noch nichts von den zwei Reiseberichten über diese Täler, die beide 1840 erschienen waren: die Naturschilderungen... aus den höchsten Schweizeralpen von Christian Moritz Engelhardt und die Reise in die weniger bekannten Thäler der Penninischen Alpen von Julius Fröbel. Toepffer hätte darin jede Auskunft, die er sich wünschen konnte, erhalten. Wir werden von diesen Berichten noch reden.

Am 31. August steigt Tcepffer mit seiner Schar über Les Mayens, Vex und Euseigne das lange Tal hinauf, meist bei Regen, und die Pilger erreichen durchnässt und schmutzig Evolena. Hören wir seinen Bericht:

« Bei einbrechender Nacht erreichen wir die Holzhäuser von Evolena. Frauen, Kinder und Greise empfangen uns zu beiden Seiten des schlammigen Strässchens, wie Kastilianer, die von jenseits des grossen Wassers gekommen sind. In einer Küche lassen wir vor einem grossen Feuer die Kleider trocknen; unsere Kittel dampfen, und die frohe Stimmung wächst. Es leben die Strohhütten!... Es hat wirklich etwas auf sich mit dem „ Goldenen Zeitalter ", von dem man uns berichtet.

Indessen unterhält uns der Führer Falonnier ( Follonier ) über die verschiedenen Übergänge, auf denen man in die anderen Täler gelangen kann. Der Gute möchte uns überall hinführen, besonders ins Aostatal; über den Arollagletscher, den, wie er erzählt, vor ein paar Jahren ein ganzer Trupp Schüler überquert hat - wobei nur einer umkam und erst noch durch seine eigene SchuldAber wir möchten nach Zermatt. „ Eben, nach Zermatt; in weniger als zehn Stunden führe ich Sie über den Gletscher dorthin. Vorgestern habe ich einen Herrn aus Genf geführt. Bei schönem Wetter ist es ein reines Vergnügen. " » Toepffer bleibt aber bei seinem Vorhaben, über den Col du Torrent ins Val d' Anniviers hinüberzusteigen. Man führt ihn in einen Weinkeller, von Fass zu Fässchen, und bittet ihn, zwischen dem roten Ardon und dem Muskat aus Siders zu wählen. Inzwischen ist das Abendessen bereit.

« Schon ist der Tisch fertig gedeckt - unter Aufsicht des Gemeinderates, der sich in corpore in den Saal begeben hat, um die Vorbereitungen zu überwachen. Vier Kerzen leuchten auf einem glänzend weissen Tischtuch. Zwischen Kupferbecken voll Milchsuppe thront ein grosser Schinken auf Kohl-gemüse; drum herum: Omeletten, Bratkartoffeln, Käse, Haselnüsse und - nicht zu vergessen - die aus Sitten herauf gebrachten Gabeln und Teller. » Leider regnet es am nächsten Tag immer noch. Toepffer muss aufs Val d' Anniviers verzichten und in die Ebene zurückkehren, ohne die Gipfel und Grate, die die Ferpècle-Schlucht krönen - die alle vom Nebel verhüllt sind -, gesehen zu haben. Er ist aber deswegen nicht weniger entzückt von seinem Besuche. Als er mit den Leuten des Dorfes plauderte, war er erstaunt über ihre bürgerliche Reife, ihren gesunden Menschenverstand bei der Verwaltung ihrer Gemeinde.

Man kann sagen, dass, abgesehen vom Wetter, Tœpffers Exkursion und seine Kontaktnahme mit der Bevölkerung von Evolena unter ausserordentlich guten Bedingungen geschah. Es war fast ein Fest für den Ort. Hören wir nun auch andere Stimmen: die Berichte dreier Reisender, welche das Val d' Hérens kurze Zeit vor Tcepffer besuchten.

Christian Moritz Engelhardt hat in den Jahren 1830-1839 zahlreiche Reisen in die Berner und in die Penninischen Alpen unternommen. 1837 lenkte er seine Schritte ins Val d' Hérens und das Val d' Anniviers, von deren malerischer Schönheit und Ursprünglichkeit ihm sein Freund Oppermann erzählt hatte.

Von Sitten her dem rechten Ufer der Borgne entlang kommend, gelangte Engelhardt mit seiner Frau am Nachmittag des 2. August nach Evolena. Auf der Aussentreppe des Pfarrhofes sitzend und auf den Pfarrherrn wartend, nach welchem geschickt worden war - er war mit Heuen beschäftigt -, sah sich das Paar bald von einer Kinderschar umringt, welche die Ausrüstung der beiden, vor allem das Kostüm der Frau, sehr zu ergötzen schien.

« Der Pfarrherr empfing uns freundlich und setzte uns sogleich rothen Wein, trefflichen Käs, Honig und Zucker vor... Nicht so willkommen waren wir der Haushälterin, einer Savoyardin, die mit aus den Wiesen kam, sich krank stellte... und als wir gar von zwei Betten sprachen, sich ganz wie die personifizierte Sauertöpfigkeit gebärdete. Endlich, auf ein kleines Silberstückchen, das versteckt in ihre Hand glitt, entrunzelte sich ihr Gesicht. » - Der Pfarrherr sorgte dann für ein Gastbett in einem Nachbarhaus.

Während der beiden Tage, die das Ehepaar Engelhardt in Evolena verbrachte, konnte es von der resoluten Person nur mit gerunzelter Stirn gereichte Milchsuppe und Kaffee erhalten. Ein Zwischenfall zeigt uns aber, dass sich das Val d' Hérens der Neugierde der Touristen bereits zu öffnen begann:

« Indessen wir uns von aller städtischen Welt weit abgeschnitten wähnten, im Genuss des gar idyllischen Mahls der Mühseligkeiten des Tages vergassen, öffnet sich die Thüre, und ein junger Franzose tritt herein, den Bündel auf dem Rücken, die Blouse am Arm, einen Damenhut in der Hand. Ihm folgt auf dem Fuss ein Frauenzimmer, in den Zwanzigern, in ganz elegantem Reisekostüm, die er als seine Frau einführt. Man las auf ihren Gesichtern den Schreck, mit dem sie unser Dasein erfüllte, wenigstens so gross als unser Erstaunen. » Der Reisende berichtete, dass er von Chamonix komme und alle Seitentäler, die ihm am Wege lagen, besucht habe. Am andern Tag machten die beiden den Ausflug zum Ferpèclegletscher und überschritten am selben Abend den Col du Torrent.

« Die ausserordentlichen Touren des romantischen Paars blieben mir übrigens ein Räthsel, » meint Engelhardt, « da ich ihm nirgend, weder Naturwissenschaftliche Kenntnisse, noch eine malerische Tendenz ablauschen konnte; die Merkwürdigkeiten der Eiswelt aber sich im Chamounythal und so vielen andern Stellen, ohne solche ausserordentliche Anstrengungen geniessen liessen. » Am nächsten Morgen steigt Engelhardt nach Arolla. Ängstlich darauf bedacht, die Namen der umgebenden Gipfel zu bestimmen, lässt er sie sich vom Hirten der Alp Praz Gras bezeichnen. Korrekt übersetzt er « Avouille de la Tsa » durch « Aiguille de la Chaux »; aber da er den richtigen Sinn des Wortes Tsa - Tsan - ChauxWeiden ) nicht kennt, zieht er den falschen Schluss, dass die Aiguille aus Kalk oder Dolomit bestehe.

Im übrigen erkennt Engelhardt, dass er von seinen naturwissenschaftlichen Forschungen - in Botanik, Mineralogie, Geographie ( und sogar Philologiezu sehr in Anspruch genommen gewesen sei, als dass er Zeit gefunden hätte, mit der Bevölkerung in engeren Kontakt zu kommen, um ihre Sitten zu studieren. Gern wäre er ein paar Tage länger geblieben, um unter anderem auch den Ferpèclegletscher zu besuchen, « wenn er höflicher behandelt worden wäre ». Von Arolla zurück, beschloss er, sich unverzüglich über den Col de Torrent ins Val d' Anniviers zu begeben.

Die Beobachtungen über Sitten und Gebräuche, Einzelheiten über das tägliche Leben im Val d' Hérens, die uns Engelhardt nicht geben konnte, finden wir im Buche von Julius Fröbel, « Reise in die weniger bekannten Täler... der Penninischen Alpen » ( 1840 ). Der Autor, in Deutschland geboren, lehrte Naturwissenschaften an der Kantonsschule in Zürich. Sein Schwager, der Maler Konrad Zeller, hatte 1832 die drei Täler Hérens, Anniviers und Turtmann besucht und davon Zeichnungen und begeisterte Beschreibungen mitgebracht, was Fröbel bewegte, auch seinerseits diese Reise zu unternehmen ( 1839 ).

Fröbel beobachtet, notiert und beschreibt mit der ganzen Gründlichkeit seiner Rasse. Er pflückt alle Blumen, sammelt Steinmuster von jedem Fels, misst die Temperatur der Wildbäche und überhäuft seinen Führer mit Fragen über die Namen von Sachen und Örtlichkeiten, über Kultur, Sprache, Sitten und Sagen. Er schreibt peinlich genau alle Auskünfte in sein Notizbuch und stellt so die Geduld seines Führers, den die zahllosen Halte aufregen, auf eine harte Probe. Wir aber bewundern den Umfang und die Präzision seiner Beobachtungen. Er korrigiert an verschiedenen Punkten die Karte von Keller und den Atlas von R. Weiss - die einzigen, die es damals gab -, schreibt « Arolla » anstatt « La Rolla », sucht nach der Wortbedeutung von « Pigne », das von pectemKamm ) oder von pinnagezackte Mauer ) abgeleitet sein kann. Gelegentlich passiert auch ihm ein Irrtum, wenn er Sasseneire mit Cul-de-sac-noirschwarze Schlucht ohne Ausgang ) übersetzt. Den Kholonnes von Euseigne gibt er die heute geltende Bezeichnung Pyramides und lehrt uns, dass der Ortsname Le Chargeur lange vor Beginn der Arbeiten am Dixence-Staudamm in der Dialektform Lo Zarchio bestand. Er sieht klar und lässt sich nichts vormachen. Als ihm der Führer versichert, dass es nur einen Übergang vom oberen Val des Dix nach Arolla, den Riedmattenpass, gebe, erkundigt er sich beim Hirten und erfährt, dass es einen zweiten Pass, mehr südlich, gebe, fast auf der Höhe des Gletschers. Es ist der schon lang unter dem Namen Pas des Chevreaux ( Pas de Chèvres ) bekannte Übergang.

Folgen wir ihm nun auf seiner Exkursion und heben im Vorbeigehen die charakteristischen Einzelheiten des täglichen Lebens in diesen entlegenen Tälern um die Mitte des letzten Jahrhunderts hervor.

Von Bern her über die Gemmi kommend, steigt er über Longeborgne nach Vex und kommt beim Zunachten zur Brücke von Sauterot über die Dixence.

« Ich musste nun daran denken, für die Nacht ein Obdach zu finden und mir für den folgenden Morgen einen Führer zu verschaffen, da mein Führer von Sitten nur das Tal von Evolena etwas näher kannte. Ich versuchte, ob ich beide Zwecke bei der Mühle ( von Sauterot ) erreichen könne, dies schlug aber fehl. Mein Führer hielt ein langes Gespräch mit dem Müllerburschen, welches zu nichts führte. „ Va zerca lo mulhiSuche den Müller! sagte er endlich. Unterdessen hatten sich einige Kinder um uns versammelt, welche uns mit offenem Munde anstaunten. Auf keine Frage gaben sie Antwort, obwohl mein Führer den Volksdialekt vollkommen sprach. Statt dessen kamen sie an mich heran, betasteten meine Kleider, mein Gepäck, meinen Stock... Da überhaupt nur wenige Fremde in das Eringer Thal ( Val d' Hérens ) kommen und von den wenigen die meisten den Weg an der östlichen Thalwand nehmen, so ist ein Reisender hier eine seltene und merkwürdige Erscheinung. » Sie marschieren weiter gegen Euseigne; der Führer geht voraus.

« Mein Führer kam mir bald aus Usegne wieder entgegen und meldete mir, dass er zu meiner Weiterreise einen guten Begleiter für mich gefunden habe, in dessen Hause ich auch die Nacht zubringen könne. Dieser Mann, namens Antoine Jonier, war ein eher zart als stark gebauter Mann, mit einem Gesichtsausdrucke, in dessen Lebhaftigkeit etwas äusserst Schlaues und Possierliches lag. Durch seine zerlumpte Kleidung wurde der komische Ausdruck verstärkt; namentlich nahmen an den sichtbaren Theilen seines Hemdes die Löcher gewiss mehr Flächenraum ein als die Überreste des Stoffes. Unter einem alten löcherigen Filzhute hing ihm unordentliches schwarzes Haar hervor. Der Bart hatte seit vielen Wochen kein Schermesser gefühlt, und ebenso lang war wohl das Gesicht nicht gewaschen worden...

Für die Nacht hatte ich die Wahl, entweder mit der ganzen Familie - einem Manne, drei Weibern und zwei Kindern - in der gleichen Stube zu schlafen, deren Luft im ganzen Jahre kaum anders erneuert wird, als bei dem Aus- und Eingehen der Bewohner durch die Thüre, oder ganz allein mein Lager in der Scheune zu nehmen. Ich wählte das letzte... Der Charakter der Menschen war mir allerdings durchaus unbekannt... und das missmüthige und verschlossene Wesen der Weiber, denen ich in ihrem Hauswesen hinderlich sein mochte, war nicht geeignet, mir unbedingtes Zutrauen zu geben... Am Morgen wurde ich um 4 Uhr geweckt, ohne auf eine andere Weise beunruhigt worden zu sein, als durch eine Maus, welche mir über das Gesicht lief. Ich hatte gewiss Unrecht gehabt, diesen ehrlichen Leuten zu misstrauen. Von allen Gegenständen, welche ich in der Stube hatte liegen lassen, war keiner auch nur von seiner Stelle gerückt worden... Einem Reisenden, welcher diese Gegend besuchen will, ist anzuraten, dass er es vermeidet, Gegenstände mit sich zu führen, welche in die Augen fallen. Er hat wohl nicht zu befürchten beraubt zu werden; allein es ist immer mit mancherlei Unannehmlichkeiten verbunden, wenn man die Meinung erregt, man führe grosse Schätze bei sich... Den Bewohnern der abgelegeneren Örter dieser Gegend sind die gewöhnlichsten Bedürfnisse gebildeter Menschen so wenig bekannt, dass ihnen an dem, was ein Reisender bei sich hat, alles ausserordentlich vorkommt „ a doit avoir coûté des bâcheshört man da jeden Augenblick rufen. » Am andern Morgen nehmen sie den Weg ins Val-des-Dix.

« Mein Führer schien nicht an das Tragen gewöhnt zu sein. Da es ihm beschwerlich war, meinen Regenschirm unter dem Arm oder in der Hand zu halten, band er eines seiner Strumpfbänder los und befestigte mit diesem den Schirm an den einen Tragriemen des Tornisters... Aber der Regenschirm wollte nicht aufhören, ihn zu belästigen. An dem Strumpfbande hangend bewegte er sich wie eine Glocke hin und her, bis das alte Band riss und er herabfiel. Ich nahm nun eine Schnur aus der Tasche, mit welcher ich den Schirm auf den Tornister auf band, worauf wir weitergingen. Ungefähr nach einer Viertelstunde erklärte plötzlich der Mann, er habe an dem Orte, wo ich den Schirm festgebunden, sein Strumpfband liegen lassen und müsse zurückkehren, um dasselbe wieder zu suchen. Er legte einen solchen Werth auf den elenden Faden, dass er denselben ungern aufgab, selbst als ich ihm einen viel besseren schenkte... Übrigens ist eine gewisse Sparsamkeit in allen Dingen, die es sich zur strengen Pflicht macht, nichts umkommen zu lassen, dem hiesigen Volke eigen. Derselbe Mann suchte, als wir später im Grase ruhten und frühstückten, sorgfältig die von mir weggeworfenen Käserinden vom Boden auf und ass sie; auf jeden Fall aus Grundsatz, denn wir hatten Käse soviel wir wollten bei uns, und er konnte davon auf meine Kosten essen, soviel er Lust hatte. Eben so ängstlich war später ein anderer Führer darauf bedacht, dass von den alten Papieren, in welche ich Mineralien einpackte, selbst nicht Stücken verloren gingen, die durch den Gebrauch schon halb zerrissen waren. » ( Man vergleiche die Sorgfalt, mit der die Sherpas bei Himalaya-Expe-ditionen die leeren Konservenbüchsen sammeln. ) Nach einer in der Sennhütte von La Barma verbrachten Nacht erreicht Fröbel mit seinem Führer am Abend des 27. Juli Les Haudères. Da der Gemeindepräsident abwesend ist, bietet ihnen ein Nachbar Gastfreundschaft an:

« Meine guten Wirthsleute suchten es mir auf alle Art bequem zu machen; aber zu essen war nichts zu haben als das allgemeine Nahrungsmittel in diesem Lande, Käse und Brot. Als ich nach einigen Eiern fragte, erbot sich mein Wirt, dergleichen im Dorfe zu holen, und mein Führer fügte, mich auf die Seite ziehend, hinzu, ich möchte einen Batzen hergeben, indem der Mann zum Einkaufe der Eier kein Geld habe. Ich wollte zugleich einige von den Bouillontafeln, die ich bei mir führte, benutzen, um mir Suppe zu machen. Das Gefäss, welches ich auf meinen Wunsch zu diesem Zwecke von der Frau erhielt, war im Innern mit einer dicken Rinde aus den Überresten aller jemals darin gekochten Speisen bedeckt, weshalb ich bat, mir dasselbe ein wenig zu reinigen. Diese Bitte beleidigte die Frau und die ganze Familie. Ich hörte lebhaft in der Küche sprechen, und endlich kam mein Führer als Vermittler, um mir zu sagen, dass in dem Gefässe niemals etwas Unreinliches gewesen sei. Ich musste mich in die Begriffe der Leute schicken.

Als ich am Morgen meinen Wirth fragte, was ich ihm zu bezahlen habe, wollte er keine Forderung thun. Ich konnte aus Allem schliessen, dass er ursprünglich mich als Gast hatte aufnehmen wollen, aber in dieser Absicht wahrscheinlich durch mein zu freies Betragen irre geworden war. Meine Bemerkung über den Topf mochte hauptsächlich an dieser Umstimmung schuld sein. Als ich nach eigenem Gutdünken bezahlen wollte, zeigte sich, dass ein Thaler im ganzen Dorfe nicht gewechselt werden konnte, denn der Mann, welcher ging, um das Geldstück zu wechseln, brachte dasselbe nach einer Viertelstunde unverrichteter Sache zurück. » Am andern Morgen, in Evolena, bietet sich dem Reisenden ein weiteres Exempel von der Eigenart des Lebens dieser Bergbauern.

« Beim Mittagessen wurde uns gedörrtes Schaffleisch und eben solches Schweinefleisch und Kuhfleisch aufgetragen, welches mir besser geschmeckt haben würde, wenn ich mich besser von gewissen Vorurtheilen hätte frei machen können; einige grosse Würmer, die ich in meiner Portion fand, störten mich im rechten Genüsse der für die hiesige Gegend köstlichen Speise. » Im Pfarrhaus von Evolena, wo er anklopft, ist Fröbel glücklicher als sein Vorgänger Engelhardt. Die barsche Magd aus Savoyen hatte einer Oberländerin aus Grindelwald Platz gemacht. « „ Ihr müest ä Chlin Geduld han, mein guter Herrsagte sie mir, indem sie hinzufügte, ich sei hier in einem Lande, wo die Menschen nicht wüssten, was Reinlichkeit sei. Sie suche zwar im Pfarrhause so viel wie möglich solche zu erhalten, aber die Bauern, welche zum Herrn Pfarrer kämen, vereitelten alle ihre Mühe... Sie könne mich aber versichern, dass im Berner Gebiet das Vieh sein Futter reinlicher zu fressen bekomme, als da die Speisen für die Menschen bereitet und aufgetragen worden seien. Sie erzählte mir abschreckende Beispiele von Kraftausdrücken, die ich nicht wiederholen will... » Der Führer pflichtete bei: « Oui, an est très grossier ici. » « Als ich mir Wasser bringen liess, fragte er mich, ob ich mich schon wieder waschen wolle; er habe gesehen, dass ich mich gestern und vorgestern gewaschen habe. Und als ich es bejahte, bemerkte er, sie wüschen sich oftmals 6 bis 8 Wochen lang nicht... Bald nachher, als der Mann Abschied von mir nahm, gab er mir die komische Zusicherung, er wolle sich waschen, ehe er nach Hause komme. Ich weiss nicht, ob unser Gespräch wirklich einen so starken Eindruck auf ihn gemacht, oder ob er sich bei mir vor der Auszahlung seines Lohnes in Gunst setzen wolle. » Drei Jahre nachher, am Abend des 18. August 1842, kam der Physiker James D. Forbes, begleitet von Prof. Bernhard Studer ( nicht zu verwechseln mit seinem Vetter Gottlieb Studer, dem Mitbegründer des SAC ), von Prarayé kommend, nach Evolena. Studer war 1841 schon einmal im Tal gewesen, und so waren sie darauf gefasst, schlecht empfangen zu werden, aber ihre Befürchtungen wurden noch übertroffen. Seit 1839 war eine spürbare Änderung eingetreten. Die freundliche Oberländerin, die den Haushalt des Pfarrherrn geführt hatte, hatte dessen Schwester Platz gemacht, einer mürrischen Person mit groben Manieren, für die die Ankunft von Touristen eine willkommene Gelegenheit zu sein schien, ihre schlechte Laune an denselben auszulassen. Sie gab ihnen sofort zu verstehen, dass sie im Pfarrhaus nicht übernachten könnten, und nicht nur konnte oder wollte sie ihnen nichts zu essen geben; sie hatten auch alle Mühe, bis sie sich bereit fand, ihre mitgebrachten Lebensmittel zu kochen. Müde von einem anstrengenden Tag, mussten die beiden zwei Stunden vor dem leeren Tisch sitzen, bis die Suppe, aus ihrem eigenen Reis gekocht, auf den Tisch kam.

Tatsächlich gab es ein einziges verfügbares Bett im Dorf. Die beiden Reisenden zogen das Los; es fiel Forbes zu, und Studer verbrachte eine schlechte Nacht auf einem Heuboden.

Es gab damals an beiden Talhängen nur einfache Wege. Der ganze Handelsverkehr erfolgte mit Hilfe von Mauleseln. Fröbel bewundert die Sicherheit dieses Reit- und Lasttieres. Wenn die Bauern am Samstag nach Sitten auf den Markt gingen, machten sie die Reisestrecke hin und zurück bei Nacht und schliefen die meiste Zeit auf dem Rücken ihrer Maulesel.

Wenn uns die Tracht der Frauen von Evolena, die sich seither kaum geändert hat, bekannt ist, verdient diejenige der Männer eine Beschreibung:

« Nicht wenige unter ihnen, und nicht etwa nur Greise, tragen einen Zopf ( la cadinetta ), und dieser passt vortrefflich zu ihrer übrigen Kleidung... Man denke sich ( ein solches Ehepaar ) auf einem Maulthiere zur Messe reitend... vorn ein Weib in einem Scharlachrocke und dahinter den Mann mit den langen ( weissen ) Strümpfen, kurzen Hosen, dem braunen Fracke und dem Zopfe, wie er sich an der Frau anhält, damit er nicht über den Schwanz des Tieres hinabgleitet. » Der 29. Juli wurde einem Ausflug nach Sasseneire gewidmet. Fröbel erklärt, dass er mehr als genug von den Führern habe. Aber er konnte die Dienste des Müllers und Bäckers in diesem Orte nicht ausschlagen. Es ist derselbe, der Engelhardt im Anniviers geführt hat, ein alter Schlaukopf, wie wir sehen werden.

Als er am Abend mit ihm ins Pfarrhaus zurückkommt, fragt er ihn, wieviel er für seine Dienste fordere. Da « wünschte er mit mir in das Nebenzimmer zu gehen, wo er mir nochmals den Schaden vorrechnete, in den er durch mich gekommen und dann für sich und seinen Sohn, welcher nur zu seiner Bequemlichkeit mitgegangen war, zwei Fünffrankenthaler forderte. Dies war nach der Art, wie man sonst in Evolena einen Führer bezahlen muss, eine grosse Übertheuerung... Da ich aber nicht im Voraus mit ihm accordiert hatte und er fest auf seiner Forderung beharrte, zahlte ich ihm am Ende, was er verlangte... Ich hatte auf dem Wege einige Pflanzen mit den Wurzeln ausgegraben, und der Alte hatte mir eine Schachtel versprochen, in welcher ich dieselben mit der Post versenden wollte. Nun brachte er mir ein hölzernes Kästchen und forderte nach der reichlichen Belohnung noch eine besondere freiwillige Belohnung für dasselbe... Der Leser kann hiernach selbst beurtheilen, in wiefern in diesem abgelegenen Winkel des Wallis wirklich die Gutmüthigkeit und Ehrlichkeit zu finden ist, welche manche Schriftsteller von demselben rühmen. » Am 30. Juli, endlich, macht sich Fröbel auf den Weg ins Val d' Anniviers, nicht über den wohlbekannten Col du Torrent, sondern auf einem weiten Umweg über Bricolla, um den Ferpèclegletscher zu sehen. Sein Führer ist diesmal der Notar Maître aus Villa, der die Gegend sehr gut kennt. Halt auf der Alp Eiro ( auf der heutigen Karte: Les Rosses ), um die Topographie der Region zu studieren. Der Autor beschreibt mit bis dahin unbekannter Genauigkeit die Gipfel und Gletscher des Ferpèclezirkus. Dazwischen flicht er Legenden und Überlieferungen ein, die die Gegend betreffen: Da ist die unbestimmte Erinnerung an eine industrielle Ausbeutung am Mont Miné, von der man aber nicht mehr viel weiss. Dann die Sage um das Kreuz von Bréonna: Östlich von den Sennhütten dieses Namens hat der Grand Torrent einen weiten halbkreisförmigen Trichter ausgegraben, dessen Flanken immer wieder nachrutschen, so dass die Erosion von Jahr zu Jahr weiter in die Weiden eingreift. Direkt am Rande dieser Mulde erhebt sich ein Kreuz über einem mit einer Steinplatte bedeckten Grab. in seinem Buch La montagne et ses noms hat Jules Guex dessen Geschichte nach einem alten Bericht erzählt:

« Zwei Körper ruhen darunter. Es waren zwei Schäfer, die sich hassten. Eines Tages gingen sie im Streit aufeinander los. Einer, der jüngere, tötete den andern, und dann, erschreckt über seine Tat, nahm er sein Messer und schnitt sich die Kehle durch. Die andern Schäfer fanden die beiden Toten, sagten es dem Geistlichen, und dieser frug den Monseigneur von Sitten um Rat. Der Monseigneur verweigerte die Beerdigung im Friedhof, weil sich die beiden gegenseitig hatten umbringen wollen und der eine Selbstmord beging. So wurden sie am Rande der grossen Schlucht wie Tiere verscharrt. » Nach dem Volksglauben werden die Seelen der beiden Unglücklichen erst Ruhe finden, wenn ihr Grab von den Erdrutschen in den Abgrund gerissen ist.

Nach diesem tragischen Bericht noch eine erheiternde Geschichte: Um von der Alpe des Rosses nach derjenigen von Bréonna zu gelangen, muss der Liapec de Mourti, eine Anhäufung von mächtigen, von der Bergspitze gleichen Namens heruntergestürzten Blöcken, überstiegen werden. Nun versteckten sich zur Zeit, als das Wallis von den Franzosen besetzt war ( 1798-1800 ), die jungen Männer von Evolena und Les Haudères, um der Aushebung zu entgehen, in den Schlupfwinkeln dieses « Kaninchenbaus ». Hier wurden sie von den jungen Mädchen des Kirchspiels mit Lebensmitteln versorgt. « Le résultat en fut de petits garçons », versicherte der Führer.

Mit dieser optimistischen Anekdote verlassen wir mit Fröbel das Val d' Hérens, um über den Col de Bréonna ins Val Moiry zu gelangen. Vom Val d' Anniviers und seinen Bewohnern hat unser Autor nicht viel zu erzählen. Als er nach einem ermüdenden Marschtag in Ayer ankam, fand er dort keinen Menschen und verbrachte die Nacht bei den Werkführern des Bergwerks unterhalb des Dorfes, wo Kupfer ausgebeutet wurde. Am andern Tag begab er sich ins Turtmanntal, ohne irgendeinen Kontakt mit den Anniviarden gehabt zu haben.

Wir müssen aus einer andern Quelle schöpfen, um etwas über die Leute von Anniviers zu erfahren. 1855 veröffentlichte die Revue suisse einen langen Artikel über dieses Tal. Der Autor, Edouard Desor, war der Gefährte und Mitarbeiter von Louis Agassiz auf allen seinen Expeditionen zum Aaregletscher. Er hatte ihn auf seinen Reisen durch die Penninischen Alpen begleitet zur Beobachtung von prähistorischen Gletscherspuren. Er hatte die Jungfrau, das Lauteraarhorn und das Wetterhorn bestiegen. Er war also 1850 einer der besten Kenner der Alpen. Und doch - ein Zeichen dafür, wie unbestimmt die Namengebung der Berggipfel damals noch war - nennt er das Rothorn « Dent de Zinal » und, durch den gegabelten Gipfel irregeführt, gibt er der « Lobis » ( das heisst « Lo Besso » ) genannten Spitze den Namen Gabelhorn. Nichtsdestoweniger kann das Zeugnis Desors als das eines gut qualifizierten Beobachters, der sich im Tal aufgehalten hat, als authentisch und gültig aufgenommen werden.

Die entfernte Vergangenheit des Val d' Anniviers bleibt in Dunkel gehüllt. Mit der genug diskutierten Frage der sarazenischen Abstammung seiner Bevölkerung wollen wir uns hier nicht befassen. Sie ist auch nicht von Belang für unser Thema. Was zählt, ist, dass infolge der Unzugänglichkeit des Tales seine Bewohner während Jahrhunderten in totaler Autarkie, in vollständiger Abgeschiedenheit gelebt haben, durch die sie stark geformt wurden. Eine « Ile exceptionnelle » sagt Brunhes, der dem Tal ein Kapitel in seiner grossartigen Arbeit über die Geographie humaine ( 1926 ) gewidmet hat, « ein von der übrigen Welt abgelegenes Inselchen » nennt es W. Gyr in einer These über La vie rurale et alpestre du Val d' Anniviers ( 1942 ). « Die Anniviarden sind, oder besser waren, bis zum Beginn dieses Jahrhunderts Einflüssen von aussen fast total unzugänglich. » « Man muss nicht erstaunt sein, » sagt Desor, « wenn ein so eigenartig gestaltetes Tal mit so schwierigem Zugang auf die Lebensart seiner Bewohner einen entscheidenden Einfluss gehabt hat... Diese haben denn auch die Sitten ihrer Vorfahren in ihrer ganzen Unversehrtheit bewahrt. Die Dinge geschehen bei ihnen heute noch genau so, wie sie im Mittelalter vor sich gingen; die selben Sitten, der selbe Aberglaube, die selbe Einfachheit.

Sie sind äusserst sparsam und leben sehr dürftig. Schwarzbrot, Magerkäse und Polenta, das ist ihre Alltagskost... Fleisch geniesst man fast nur am Sonntag und isst es gewöhnlich roh. Aus solch schmalen Lebensbedingungen ergibt sich ihre Gewohnheit, Vorräte aller Art anzulegen; es gibt wenige Familien, die nicht wenigstens mit dem, was zum Leben unbedingt nötig ist, für mindestens ein Jahr versehen sind; manche haben in Keller und Estrich Vorräte für 4 oder 5 Jahre und Wein für 30 Jahre.

Bei Beerdigungen versammeln sich alle Verwandten im Sterbehaus, mit einem grossen weissen Tuch, der „ robe de fraternité ", vermummt, das sie über den Kopf stülpen, mit zwei Löchern für die Augen. Nach der Beisetzung folgt das Leichenmahl, wo jedermann das Recht hat, sich zu betrinken.

... Die Frauen gehen am Tag nach ihren Geburten wieder aufs Feld zur Arbeit.

... Ihre sonngebräunten Gesichter, ihre scharf ausgeprägten Gesichtszüge, die lebhaften schwarzen Augen sind als Beweise ihrer semitischen Abstammung zitiert worden. Wenn man sie am Sonntagmorgen mit ihren grossen Umschlagtüchern und langen schwarzen Strümpfen, welche übers Knie reichen, zur Messe gehen sieht, wäre man versucht, sie für Araber oder Beduinen zu halten.

... Die Hauptleidenschaft der Anniviarden ist, so viel Land als möglich zu besitzen. Es ist für sie eine Frage der Eigenliebe. Um Siders herum hamstern sie zusammen, was sie können; daher die Eifersucht der Leute von Siders1.

... Es herrscht bei ihnen vollkommene Gleichheit vor dem Gesetz. Reich und arm lebt auf die gleiche Art. Alle Häuser sehen sich gleich: gleiche Bauart, gleiche Möbelausstattung. In der Kammer sind die Betten für die ganze Familie zweistöckig über einander angeordnet, mit Strohsack und einigen Schaffellen, manchmal auch Wolldecken. In der Küche ein Kochtopf und einige Holznäpfe; Gabeln und Tischtuch sind unbekannter Überfluss. Dafür stehen Zinnkrüge an der Wand aufgereiht. Mit den Heiligenbildern und den aus Einsiedeln mitgebrachten Rosenkränzen und Kruzifixen bilden sie den einzigen Luxus des Hauses.

...Das Kartenspiel ist untersagt. Im ganzen Tal gibt es kein Wirtshaus, nicht den geringsten Handel mit Wein oder Likör. » Dennoch beginnt die strenge Lebensweise ( schon 1850 ) einige Risse aufzuweisen:

« Im Hotel de Sierre hat man mir ein für die Anniviarden reserviertes Hinterzimmerchen gezeigt, wo sich die strengen Bergler von Zeit zu Zeit eine Unterbrechung der genügsamen Kost ihres Tales gönnen... Natürlich finden sie sich erst bei Nacht ein und gehen verstohlen wieder fort, mit Vorliebe durch ein Fenster, das nach dem Garten geht, weil sie Angst haben, beim Pfarrherrn verzeigt zu werden. » 1 Der Übergriff der Anniviarden auf die Weinberge von Siders geht sehr weit zurück. In seiner Arbeit La Geographie humaine ( 1926 ) weist Brunhes auf ein Dokument aus dem Jahre 1243 hin, das bezeugt, dass sie schon im 13. Jahrhundert Rebberge bei Siders besassen.

Um einige heitere Pinselstriche in dieses strenge Sittenbild zu setzen, zitieren wir noch eine 1861 in der Gazette de Lausanne erschienene Einsendung1.

« Am Donnerstag, den 15. August feierte die Gemeinde Luc ein Fest. Sie nahm M. Ernest Griolet, einen in Genf sesshaften taubstummen Franzosen, in ihre Gemeinde auf. Es gäbe eine ganze Geschichte, wenn man all die guten Dienste, die sich die Anniviarden und M. Griolet gegenseitig zu danken haben, aufzählen wollte. Es soll genügen, daran zu erinnern, dass letzterer, ein unermüdlicher Tourist und verwegener Reisender, einmal fast in einem Gletscher umgekommen wäre, wenn ihn nicht zwei Bürger von Ayer herausgezogen hätten.

1860 hat er mit Freunden mehrere Wochen lang diese ganze wundervolle Gegend durchstreift; überall waren sie Gegenstand der Sympathie und des Interesses der gastfreundlichen Bergbewohner. Seinerseits bemüht sich M. Griolet wirksam um das Wohl der Anniviarden und hat diesen bei zahllosen Gelegenheiten Beweise seiner Hilfsbereitschaft gegeben ( z.B. nach der Feuersbrunst von 1857 ). Sie alle kennen und lieben ihn, und die Gemeinde Luc hat sich entschlossen, ihm davon einen urkundlichen Beweis zu geben, indem sie ihn in ihre Gemeinschaft aufnimmt.

Als unerwarteter Zeuge dieses ungezwungenen Festes, zu dem man mich einlud, traf ich im Gemeindesaal mit über 80 Familienhäuptern zusammen und war beeindruckt von der Herzlichkeit und Einfachheit, die dort herrschten... Nach jedem Beschluss wurde ausgezeichneter Walliserwein ausgeschenkt in Holzbechern, welche das Verdienst haben, dauerhafter zu sein als Weingläser und im Falle hitziger Diskussionen nicht so grosse Verletzungen hervorzurufen, wenn man sie einander an den Kopf wirft, wie es andernorts vorkommt. » Von der Besetzung durch die französischen Armeen, 1798-1800, ist das Val d' Anniviers verschont geblieben.

Die Zeiten ändern sich; der Geist unseres Jahrhunderts ist nicht mehr von so spartanischer Strenge.Viele junge Haushaltungen richten ihren häuslichen Herd in der Ebene ein. Die jungen Frauen wollen sich nicht mehr herablassen, die Misthutten zu den getreppten Äckerchen am Berghang hinaufzutragen und die Roggenbündel herabzuholen. Man besitzt ein Haus in den Rebbergen, in Noés, Villa oder Mura. Der Gatte findet Verdienst in der Fabrik, während sich die Frau des Gartens und der Ziege annimmt. Die allgemeine Flucht aus den Bergtälern wird hier begünstigt durch die nahen Fabriken in Chippis.

Das gleiche ist von der Treue zu den religiösen Bräuchen zu sagen. Ehemals wurden sie nach strengen Vorschriften geübt. Das Gebet war unerlässlich bei allem, was man gemeinsam unternahm... Die Fastenzeit wurde mit äusserster Strenge gehalten ( Gyr ). Der Kontakt mit den Fremden, die Nähe der Fabrik und die Erleichterung der Verbindungen haben die Frömmigkeit verringert.

Hüten wir uns aber vor Verallgemeinerungen. Die Eindrücke eines Reisenden sind immer seine persönlichen Erfahrungen und müssen als solche bewertet werden. Die angeführten Texte haben bereits den Unterschied zwischen dem Urteil Tcepffers und demjenigen Engelhardts und Fröbels gezeigt. Es ist wohl möglich, dass es sich bei letzteren um anspruchsvolle Touristen handelte, denen es an Einfühlungsgabe fehlte, was die ausserordentliche Zurückhaltung ihrer Gastgeber bewirkte. Derselbe Forbes, der sich über den Empfang, der ihm in Evolena zuteil wurde, beklagt und Fröbels Kritik ohne weiteres auf die Faulheit der Leute zurückführt, betont die Tatsache, dass sein Führer, Jean Pralong, keine der beanstandeten Fehler besessen habe, dass er im Gegenteil tätig, anständig und uneigennützig war.

1 Nummer vom 21. August.

Die Strasse von Pontis Alle Autoren, die über das Val d' Anniviers schreiben, betonen die einstige Schwierigkeit des Zugangs zu diesem Tal, das bei seiner Einmündung in die Ebene von einem Felsriegel gesperrt ist, in welchen die Navisence eine undurchdringliche Schlucht gegraben hat. Ausserdem ist der Osthang mit seinen fast senkrechten Wänden bald nach der Terrasse von Niouc durch die beiden Pontis-schluchten durchschnitten und galt lange Zeit als unbegehbar. Erst im 17. Jahrhundert wurde dort ein Fussweg errichtet. Es war von links ( Westen ) her, vom Plateau de Vercorin, wo die ersten Ansiedler ins Tal eingedrungen sein müssen, und dies blieb zweifellos während fünfzehnhundert Jahren die Hauptverbindung der Anniviarden mit der übrigen Welt - die Hauptverbindung, aber nicht die einzige. Denn nach der Überlieferung erreichten die Leute von Chandolin und vielleicht auch die von St-Luc die Ebene über einen steilen Fussweg, welcher über die Alp Ponchette, den Plan de la Madeleine und den Corvetschgrat bis zum Schloss Beauregard führt, von wo er steil zum Wald von Finges abfällt. Gyr sagt, dass man ihn heute noch den « Chemin des Morts » nennt, als Erinnerung an die Zeit, wo die Leute von Chandolin auf diesem Weg ihre Toten nach Louèche hinuntertrugen ( da Chandolin nur die zugehörige Maiensäss war ). Die Einwohner von Vissoie und Ayer zogen den Weg über Pinsec vor1.

Aber im 17. Jahrhundert wurde durch die Initiative des damaligen Geistlichen von St-Luc und dank seiner Hilfe der erste Durchgang durch die Pontis-Schluchten geöffnet. Es war ein Maultierweg, der die Felsbänder und -leisten benützte, teilweise aber in den Fels gehauen und da und dort durch Balkenstege ergänzt war; daher der Name Les Pontis. Man kann die Trasse in der Wand oberhalb des ersten Tunnels noch sehen, wenn man von Niouc her kommt. Eine in den Fels gehauene Inschrift erinnert an den menschenfreundlichen Pfarrherrn von St-Luc:

J. H. S.

IMPENSIS P. V. QUARTERY DE LUC HOC OPUS ITINERIS F.F.

ANNO D. 1613 Im Jahre 1839 bezeichnet Engelhardt den Weg als schwindelerregend, aber nicht gefährlich, er war « mehr als hinlänglich breit für Lastmaulthiere, ja selbst zum bequemen Ausweichen derselben... Ohne Zweifel fuhr man seitdem fort, ihn zu vervollkommnen und zu erweitern, da die Verbindung des Thals mit der Aussenwelt ungefähr auf ihm beruht ». Engelhardt gibt die Jahreszahl auf der Inschrift mit 1763 an, was mit der hier wiedergegebenen Abschrift von Wolf nicht übereinstimmte. Hat sie der Strassburger falsch gelesen, oder gibt es zwei Jahreszahlen an diesem Fels?

Ein Jahr nach dem Besuche Engelhardts gab es einen weiteren Fortschritt in der Verbindung des Tals mit der Ebene durch den Bau der Fahrstrasse ( 1840-1841 ). Die Holzstege wurden durch Tunnels ersetzt. Von Jegerlehner wissen wir, dass die Strasse durch die Anniviarden allein, ohne Hilfe des Staates und ohne Anleihe, erbaut wurde. Er erzählt auch folgende Anekdote ( nach Wolf ): Vor einigen Jahren ( vor 1900 ) war die Strasse durch starke Regenfälle beschädigt und unbegehbar ge- 1 W. Gyr, La vie rurale... du Val d' Anniviers, 1942.

2 O. Wolf, Les vallées de Tourtemagne et d' Anniviers, Zurich 1886.

worden. Man benachrichtigte die Regierung in Sitten, welche den Kantonsingenieur auf den Platz schickte. Aber die Angelegenheit zog sich in die Länge. Da begaben sich die Männer vom Tal kurz entschlossen mit Werkzeug und Lebensmitteln ausgerüstet an Ort und Stelle. Als dann der Ingenieur erschien, waren 300-400 Anniviarden eben daran, ihre Hacken und Schaufeln zusammenzupacken. Die Strasse war schon instandgestellt1.

Die Strasse wurde noch verbessert und die Tunnels verbreitert, so dass sie seit 1924 auch für den Verkehr mit Postcars eingerichtet ist. Und fünfundzwanzig Jahre später geschah wieder eine Korrektion der Strasse mit einem neuen Tunneldurchstich und einer Brücke über die Schlucht. Die Ausführung lag beim gleichen Unternehmen, das den Staudamm der Gougra im Val Moiry gebaut hat.

Der Col d' Hérens ( 3462 m ) Wie der Col du Géant und der Strahleggpass, ist auch der Col d' Hérens einer der grossen Alpenübergänge, deren Geschichte verworren, ungewiss und umstritten ist und von welchen die Sage behauptet, dass sie lange vor der Ära des Alpinismus benützt worden seien. Johann Stumpf, in seiner Chronik ( Zürich 1548 ), und Aegidius Tschudi, in seiner Gallia Cornata ( 1572 ), sprechen beide unbestimmt davon als von einem Übergang, im Zusammenhang mit dem Theodul, nach dem Val Tournanche und dem unteren Aostatal. Pfarrer Josef Rüden, vordem geistlicher Betreuer von St-Martin ( Hérens ), hat in den Archiven dieser Kirchgemeinde Dokumente gefunden, aus welchen hervorgeht, dass die Kirchgenossen von Zermatt sich einst einer Wallfahrt über den Col d' Hérens nach Sitten unterzogen haben 2. Anderseits schreibt Fröbel, dass, wie ihm sein Führer erzählte, ein Franzose auf der Alp Bricolla eine römische Münze gefunden habe und dass in Evolena jedermann wisse, dass auf dem Ferpèclegletscher Hufeisen und Spitzen von Hellebarden gefunden worden seien. Aber es sind unsichere Berichte, die mehr auf Überlieferung als auf Geschichte beruhen.

Man muss aufs Jahr 1821 zurückgehen, um auf ein authentisches Zitat zu stossen. In seinem Mémoire sur les variations de température dans les Alpes schreibt Kantonsingenieur Ignace Venetz ( derselbe, der 1818 das Unglück von Mauvoisin zu verhüten versuchte ): « Der Berg, der das Zmuttal vom Hérens trennt, ist gegenwärtig von Gletschern bedeckt, die den Übergang so gefährlich gestalten, dass die kühnsten Jäger Mühe haben, durchzukommen... Ich kenne als einzigen Josef Perren, der in unserer Zeit den Berg überschritten hat. » Leute von Zermatt und von Hérens bezeugen übereinstimmend, dass der Pass früher laufend benutzt worden, dann aber durch Gletscherveränderungen gefahrvoll geworden sei. Der Kastellan Pralong, Vater des Führers Jean Pralong, der 1842 die Karawane von Forbes führte, hatte ihn dreimal überquert und erklärte ( nach Fröbel ), « er werde denselben nur in Gesellschaft von mehreren zuverlässigen Männern wieder gehen ». Auch Domherr A. Berchtold, welcher während langer Zeit an der Triangulation der Penninischen Alpen arbeitete zur Erstellung der Dufourkarte, erklärte Fröbel 1839, « es sei in jedem Falle „ eine Aventure " über ihn zu gehen. Mehrere Herren von Sitten wären vor einigen Jahren über denselben gegangen, hätten dabei aber die Zeit von Morgens 2 Uhr bis zur Dunkelheit des Abends nöthig gehabt, um von der letzten Sennhütte im Ferpecle Thale hinüber zur ersten im Thale von Z'Mutt zu gelangen, wobei sie durch das Wetter in die grösste Lebensgefahr gekommen seien3 ».

1 J. Jegerlehner, Das Val d' Anniviers, 1904.

2 J. Rüden, Familien Statistik von Zermatt, 1869.

3 Fröbel, Reise in die weniger bekannten Täler der Penninischen Alpen, S. 273.

Waren diese Herren aus Sitten die ersten Touristen auf dem Col d' Hérens? Wir kennen weder ihre Namen noch das Datum, noch den Zweck ihrer Exkursion.

Aber die Zeit ist da; es ist die Morgendämmerung des Alpinismus. Die neue Tendenz, Touren ins Hochgebirge ohne wissenschaftliche Absichten zu unternehmen, einzig und allein zum Vergnügen, vom Dämon getrieben, den wir alle kennen, macht sich bei der Gruppe von Gelehrten im berühmten « Hotel des Neuchâtelois » auf dem Aaregletscher bemerkbar. Im August 1841 bestiegen sie die Jungfrau. Sie führten wissenschaftliche Instrumente mit; aber als sie den Gipfel erreichten, waren sie vom reinen Bergerlebnis überwältigt, der Wissensdrang trat in den Hintergrund. Hören wir, was Desor sagt: « Ich musste meinem Freund die Hand drücken. Nie in meinem Leben habe ich mich so glücklich gefühlt, wie jetzt, da ich neben ihm ( Agassiz ) auf dem Schnee sass. Ich glaube, wir hätten beide geweint, wenn wir uns nicht geschämt hättenl. » Forbes, als Gast von Agassiz auf dem Aaregletscher, nahm an dieser Fahrt teil. Einige Wochen, bevor er in Evolena war, überschritt er den Col du Géant. 1841 hatte er in Zermatt vom Col d' Hérens reden gehört, und die legendäre Überquerung dieses Passes hatte sein lebhaftes Interesse geweckt. « Sie war », wie er sagt, « von einer Aureole romantischer Neugier verklärt, die einem Ereignis anhaftet, welches sich so selten erfüllt, dass seine Verwirklichung fast märchenhaft erscheint. » Nun aber wollte es ein Glücksfall, dass der erste, der ihm, als er über den Col Collon in Arolla ankam, über den Weg lief, Jean Pralong war, und er engagierte ihn auf der Stelle.

Die Tour wurde am 18. August 1842 durchgeführt. Die Karawane, bestehend aus Forbes, den Führern Jean Pralong, Bionaz aus Valpelline und V. Tairraz, übernachtete in den Sennhütten von Bricolla und erreichte andern Tags ohne Schwierigkeit den Kamm der Wandfluh etwas östlich vom eigentlichen Pass, von wo man zum Stockje abstieg. Dort angekommen, bat der Führer Pralong um die Erlaubnis, auf dem gleichen Weg direkt nach Haudères zurückzukehren. Eine schwere Unvorsichtigkeit, die aber stolzen Mut bewiesForbes hat in seinem Buche Travels through the Alps eine lange Beschreibung dieser Fahrt gegeben. Das 1843 erschienene Buch hat viel dazu beigetragen, den Gefallen an Hochtouren in weite Kreise zu tragen.

Zwei Tage nachdem Forbes den Pass überschritt, führten die zwei Brüder Follonier einen Genfer Kaufmann von Les Haudères nach Zermatt. Wer war dieser Genfer? In den Annalen des Alpinismus ist sein Name nicht genannt; aber wir haben hier einen neuen Beweis für die Entwicklung des Alpinismus auch in der Schweiz.

Der Anstoss war gegeben. Touristen und Alpinisten strömten von Jahr zu Jahr zahlreicher in unsere beiden Täler, um so mehr, als Arolla zu einer Etappe auf dem Übergang Chamonix-Zermatt wurde, der bald unter dem Namen Haute Route berühmt war, und zur Gründung von einfachen Herbergen in Evolena ( 1858 ), Zinal und St-Luc ( 1860 ) und Arolla ( 1865 ) führte. Es wurden Strassen gebaut, um den Zugang zu erleichtern. Die Weiterentwicklung kennen wir.

Übers.: F.Oe. ( mit Berücksichtigung der deutschen Originalausgaben von Ebel, Engelhardt und Fröbel. ) 1 Ed. Desor, Excursions sur les Glaciers, 1844, S, 395.

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