Den Berg sehen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON EDMOND PIDOUX, LAUSANNE

La réalité n'existe pas pour nous tant qu'elle n'a pas été recréée par notre pensée Marcel Proust Le paysage est une littérature non écrite H. Taine, Voyage aux Pyrénées Mache die Augen auf, und du wirst sehen!

Nein, das ist gar nicht so leicht. Ein Bewohner der Ebene, der nie Berge gesehen, nie etwas darüber gelesen hat, kann lange die Augen öffnen auf einem der berühmtesten Aussichtspunkte: Gornergrat, Jungfraujoch, Aiguille du Midi, er wird die Schrift des Zauberbuches, das sich vor seinen Augen breitet, kaum entziffern können. Verblüfft steht er vor diesem Chaos, obschon er sich während der Fahrt vom Tal bis zu diesen Höhen daran hätte gewöhnen können. Hundertmal besser wäre es, wenn er wenigstens einen Teil der Besteigung zu Fuss hätte machen müssen. Diese Schulung würde ihn einige Buchstaben des Alphabets, den Sinn einiger Zeichen gelehrt haben.

Zeichen, das ist das Wort! Mehr als eine Ansammlung von Objekten, ist die Natur für uns eine Menge von Zeichen. Wir sind gewöhnt, die uns umgebende Welt des täglichen Lebens sehr rasch und deutlich zu entziffern, so dass wir uns der dabei geleisteten geistigen Arbeit gar nicht bewusst werden. Ein Automatismus ermöglicht es uns, unser Benehmen und unser Handeln sofort den Umständen anzupassen.

Aber wenn vor unseren Augen eine fremde Natur erscheint, in welcher der unmenschliche Charakter des Minerals vorherrscht - Gebirge oder Meer, eine Wüste von Felsen, Sand oder Eis -, dann müssen wir ein ganz neues Zeichensystem erlernen. Ich habe mit dem Wagen Hunderte von Kilometern der wunderbaren Karroo-Wüste zwischen Johannesburg und Kapstadt durchquert. Vor der Abreise hatte man uns gesagt: « Sie können sich am Lenkrad ablösen und inzwischen schlafen, es gibt nichts zu sehen. » Für die Leute, die uns berieten, war diese durch Erosion und Beleuchtung wunderbar modellierte Landschaft bedeutungslos.

Sikkim 117, 118 Obige Thanka ( 208 x 118 cm ) zeigt Padmasambhava, der als « Zweiter Buddha » in Sikkim verehrt wird; seine Hauptkennzeichen sind der Dreizack an seiner linken Seite und die tiaraförmige Kopfbedeckung; die Gloriolen, die die Gestalt des Padmasambhava ( links ) und des mystischen Buddha ( rechts ) umgeben, sind in vergoldeter Stukkomanier aufgetragen. Die Thanka unten ( 199 x 116 cm ) stellt Avalokhcshvara ( tibetisch: Chenresi ), den « gütig herabblickenden » Bodhisattva des Mitleides, in seiner elfköpfigen, tausendarmigen Form dar; er ist umgeben von Buddhagestalten, die verschiedene Handgesten zeigen; unten links sieht man Manjushri ( tibetisch: Jampal ), den Bodhisattva der Weisheit, mit flammendem Schwert und dem Buch der Weisheit auf der Lotosblume ( Thankas, tibetische Meditationsrollen, Stoffmalerei, Sammlung Pourtalès, Prien-Chiemsee ) Photos B. C. Olschak

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f S 121 K^e//e Vaucher en traversée dans le dièdre Photos Michel Vaucher, Genève

Le gouffre du Petit Pré ( Jura vaudois )

Photos Jean-Maurice Golay, Le Sentier 122 Progression difficile dans l' étroit méandre faisant suite à l' orifice naturel Le relais de -140 m K Aber kehren wir zu unserem Flachlandmenschen zurück. Sehr wahrscheinlich wird er mit Ausrufen des Erstaunens auf das Schauspiel der sich ihm bietenden Aussicht reagieren, weiss er doch, was man von ihm erwartet. Er will weder enttäuschen noch enttäuscht werden. Man bezahlt nicht so viel für einen ersten Platz, um einzugestehen, dass man vom Stück nichts versteht. Und so sperrt er vor Bewunderung und auch ein wenig vor Angst den Mund auf. Er gleicht aber einem Analphabeten vor den hunderttausend Büchern einer Bibliothek. Ilias, Shakespeare oder Pascal, auf Druckschrift reduziert, machen beim ersten Anblick den gleichen Eindruck wie das Weisshorn, die Jorasses, der Badile, zurückgeführt auf das, was sie objektiv sind: Stein- und Schneehaufen.

So muss auch ehrlicherweise die Bewunderung von drei Vierteln der Reisenden eingeschätzt werden, die man auf grosse Höhe verfrachtet hat, keck erklärend, sie hätten ebensogut ein Anrecht auf die erhebende Schönheit der Berge wie die Bergsteiger, diese Egoisten und Draufgänger. Viele werden zwar Interesse daran haben, mir zu widersprechen. Vor allem die unzähligen Schafe, die sich nicht zum Schlachthof, sondern zu diesen Orten treiben lassen, wo man sich langweilt, ohne es zuzugeben: Museen, Konzertsäle und Aussichtspunkte.

Die ehrlichsten unter den Zuschauern jedoch geben zu, nicht mehr mitzukommen. Diese haben immerhin noch eine so glückliche Geistesverfassung, dass sie eines Tages das Schauen erlernen könnten. Die meisten aber werfen sich kopfüber in die Ausdeutung. Ein junger Belgier, der auf dem Kamm von Savoleyres ob Morgins zur « Zvierizeit » ankam, wollte sich allen Ernstes auf eine der Dents du Midi setzen, um dort seinen Imbiss zu verzehren.

Solche Naivität ist selten. Die meisten Neulinge wissen schon einiges, sogar zu viel; und sie beeilen sich, Auskünfte zu erteilen.

Man unterscheidet zwei Sorten: jene, die zufügen, und jene, die verniedlichen. Ich ziehe noch die ersteren vor, auch wenn sie lauter Gletscherspalten, Lawinen, Zaubergebilde, Dramen und Heldentaten sehen. Noch tönt mir in den Ohren, wie einer von ihnen am Col de la Forclaz ob Martigny den Damen die Landschaft erklärte. Die Pierre à Voir war selbstverständlich das Matterhorn. Was die Berner Alpen anbetrifft, deren Kette er zufälligerweise bezeichnen konnte, so waren sie nach ihm « so steil, dass man dazwischen nirgends aufsteigen kann ». Und die Zuhörerinnen, die nun statt jener fernen Geländewellen mit ihren eigenen Augen wer weiss was für ein Wunder erblickten, ergingen sich in Ausrufen des Staunens.

Ihr Photoapparat hingegen hätte sich nicht täuschen lassen. Die Photographie gibt vom schönsten Panorama die armseligste Interpretation. Sie zeigt die objektive Realität. Was wir erleben, ist doch etwas anderes.

Diese Einleitung führt uns zu einer Feststellung, die von der alpinen Erfahrung bestätigt wird: um einen Berg zu sehen, muss man ihn durchwandert, im Auf- und Abstieg begangen, seinen Fels in die Hand genommen haben. Man muss lange auf ihn gewartet, sich von ihm eine Vorstellung gemacht, muss ihn beim Anmarsch betrachtet und wieder aus den Augen verloren haben, in Licht und Schatten, in Nebel und Sonnenschein, zu allen Jahreszeiten. Sollte man ihn mit einem Kunstwerk vergleichen, müsste man mehr von einer Statue als von einem Gemälde, oder einem Denkmal sprechen.

« Ich bin schön, o Sterbliche, wie ein Traum aus Stein... », ein Traum, den man immer wieder liebkosen muss und mit welcher Inbrunst, damit er für uns Leben und Wärme gewinnt.

Kommen wir zu unserer Behauptung zurück, aber diesmal mit anderen Worten: das bewegte Auge allein ist fähig, den Berg mit Verständnis zu lesen. ( Ich vermeide mit Absicht den Ausdruck « Alpenlandschaft ». ) Halten wir gleich fest, was unter dieser Bewegtheit zu verstehen ist. Es handelt sich nicht um die blosse Ortsveränderung, im Gegenteil, im Zeitalter der Maschine beschränkt sich das Auge darauf, 18 Die Alpen - 1965 - Les Alpes273 zu staunen. Das Sehen jedoch ist eine geistige Begebenheit, mit der wir den durchlaufenen Weg erfassen und den Raum begreifen. Weil der Berg die Welt des Reliefs ist, ist er auch die der Bewegung; weil er die Welt des totalen Raumes, das heisst der drei Dimensionen, ist, ist er auch die der Zeit. Nichts ist notwendiger, um den Berg richtig zu sehen, als die Dauer, in der sich die Kenntnis auf baut. Nichts ist dieser Kenntnis so abträglich wie Zeit- und Momentaufnahmen.

Die Lektüre des Berges, das Verständnis dieser Welt, die Interpretation dieser Welt des Chaos zu einem verstehbaren Ganzen gleicht dem Lesen eines Satzes oder eines Buches: die geistige Arbeit geht von Zeichen zu Zeichen, von Wort zu Wort, auf der Suche nach einem nützlichen Sinn zum Zweck unseres Lebens. Wenn nicht, entfällt das Buch unseren Händen.

Es ist ein Gedanke und keine reine Empfindung, der meine heutige Besteigung des Zmuttgrates mit derjenigen verbindet, die ich vor zehn Jahren am Italiener Grat durchgeführt habe; mit derjenigen auch, die ich über die Überhänge des Furggengrates plante, und auch mit der Besteigung der Dent d' Hérens, lang ersehnter Berg, dessen Anwesenheit ich jetzt ganz nahe hinter mir fühle. Eine Gedankenarbeit stellt den Zusammenhang her zwischen der säuerlich-verdriesslichen Stunde des Aufstehens in der Hörnlihütte, dem Durchstieg der einer Mondlandschaft gleichenden Séracs und dem nun erlebten Augenblick auf dem Bogen des luftigen Schneegrates zwischen Schulter und Wand.

Mein jetziges Bild des Matterhorns beinhaltet all das. Die objektive Landschaft ist für mich von all diesen Erinnerungen unabtrennbar. Das heisst, dass ich den Berg nie mehr so sehen werde wie damals, als ich ihn entdeckte. Umsonst würde ich mich in die Schulbank setzen, ich würde den leisen Schauer des Schülers nicht mehr empfinden. Wollte ich wieder Neuling werden, müsste ich eine ganz neue Sprache erlernen, mich einer ganz neuen Wissenschaft zuwenden. Ich, Bergsteiger, müsste das Meer entdecken oder müsste von den geheimnisvollen Reizen der Höhlenforschung erfasst werden. Oder aber ich ginge auf den Mond.

Das Matterhorn aber, entblösst von der ersten Zauberkraft, ist jetzt, wo ich es besteige, reich an Vergangenheit und Zukunft. Die Morgenstunden tragen schon die Ereignisse des Mittags und des Abends in sich. Eine besondere Farbe des Gletschers, eine gewisse Lichtstimmung zeigen mir an, welcher Wind dort oben auf dem « Dach » wehen wird. Der aufsteigende Nebel verrät mir, dass wir uns beeilen müssen, um dem Schneesturm zu entgehen. Manchmal lässt mich ein Windstoss den eiligen Abstieg über die vom Schnee schlüpfrig gewordenen Felsplatten erahnen. Der Berg selbst scheint sich davor zu fürchten... Hirngespinste eines Träumers? Ganz und gar nicht, denn während ich geduldig Schritt für Schritt mache, fühle ich die harte Wirklichkeit der Dinge um mich. Es gibt weder blaue Blümchen noch erhabene Gletscher. Stein ist Stein, und eher hässlich als schön, die Wand - eine ziemlich scheussliche Ruine. Ich entziffere das Gelände wie ein Steinmetz den Felsen des Steinbruches. Mein Auge unterscheidet glatt und rauh, es nimmt die feinste Nuance wahr, die Glatteis anzeigt oder eine Zone mit brüchigem Gestein. Mein Blick erkennt, lange bevor es mein Fuss tut, die gefährliche oder günstige Neigung der Platten. Er erkennt die Form der Griffe, bevor es meine Hände tun. Aber wer hat mein Auge gelehrt? Wenn es heute richtig sieht, so deshalb, weil es lange Zeit in der Schule meines Körpers war, unter Leitung der Gedanken, die alle Sinne beherrschen.

Weil ich die Berge so viel durchwandert und durchstiegen, sie ausgefragt und entziffert habe, sehe und fühle ich sie heute im orographischen Sinn, ich kann es nicht mehr auf andere Weise. Ich errate mögliche Durchstiege und schwache Punkte, Überhänge oder gangbare Couloirs, eine Reihe von Bändern, eine ungangbare Scharte. Es ist dies das Vorrecht des ersten am Seil und die des Forschers, dessen Liebe zur Sache weit über die gewöhnliche Neugierde hinaus geht. Geistige oder sinnliche Liebe? Wer soll das wissen! Je mehr meine Kenntnisse zunehmen, um so mehr ist mein Ich dabei.

Merkwürdige Vermählung zwischen dem Berg und mir! Ich bemitleide sowohl den Nur-Skiläufer wie auch den reinen Kletterer, denn jeder von ihnen liest nur die Hälfte des Satzes, nur eine Seite des Blattes!

Von allen Empfindungen aber, die vereinigt zusammen unseren Bergbegriff ausmachen, sind diejenigen, von denen man am wenigsten spricht, nicht die unbedeutendsten. So abstossend das Wort, so beglückend das Gefühl, das sie uns vermitteln. Ich meine die Kinesthäsie, das heisst die Gesamtheit der Gefühle, die wir in unseren Muskeln und unseren Organen empfinden durch Spannung und Entspannung, durch ihre Koordination und ihren Rhythmus. Wie sie heissen, wissen wir nicht, aber sie begleiten uns wie unser Schatten und kommen uns nur ganz verschwommen zum Bewusstsein. Jedoch verdienten sie, gepflegt zu werden. Vielleicht entdeckte man dann die Verwandtschaft zwischen dem Genuss einer Besteigung und dem des Tanzens. Dort wo man versucht ist, nur eine Gymnastik zu sehen, würde man eine Kunst entdecken.

Diesen Vergleich wird man mir am ehesten für das Skifahren zugestehen. Die Bewegungen folgen sich in genügender Schnelligkeit, um deren Rhythmus zu offenbaren. Es braucht schon mehr Überlegung, um zu erkennen, wie der Tanz des Skifahrers, der sich nicht mehr auf einem gleichmässigen Hang bewegt, zum Ballett wird. Der Ballettänzer benutzt den Raum der Bühne, um einem Gefühl oder einer Handlung Ausdruck zu verleihen, wie es ihm durch die Musik eingegeben wird. Für den Skiläufer sind es die Unebenheiten der Bühne, das heisst das Relief des Bodens und die Schneebeschaffenheit, die ihm die Bewegung vorzeichnen. Während der Tänzer auf der Bühne vom Choreo-graphen vorgesehene Figuren ausführt, interpretiert der Skifahrer das Relief des von ihm aufgesuchten Geländes choreographisch. Er entziffert das Terrain und wird eins mit ihm.

Ich wage zu behaupten, dass der Bergsteiger unter den Bedingungen einer Mindestgeschwindig-keit des Ablaufs der Bewegungen während einer Besteigung ( und auch in seiner Erinnerung ) einen vergleichbaren Genuss empfinden kann. Er interpretiert den Berg mit einer körperlichen Bewegung. Sein Tempo scheint äusserst langsam: jedoch, psychologisch gesehen, ist die Zeit sehr elastisch. Sie dehnt oder verkürzt sich je nach der geistigen Spannung. Für den Kletterer, der bis ins Mark von der Leidenschaft der Besteigung ergriffen ist, erfährt die Dauer eine Verkürzung, dank der das Spiel seines Körpers zur Choreographie wird, zu einer musikalischen Konstruktion.

Ich kann mir gut vorstellen, dass der Alpinist vom Grave zum Allegro übergeht, vom Staccato zum Andante cantabile, oder dass er die Tonart wechselt, je nach der Partitur, welche ihm durch die gewählte Route vorgezeichnet ist, oder entsprechend seiner Ausführungsbegabung.

Jeder möge seine Erinnerungen aus der von mir vorgeschlagenen Sicht prüfen! Noch einfacher: er sehe zurück auf den eben begangenen Grat, der sich im Gegenlicht abzeichnet; dessen Linie erscheint vereinfacht, ohne dass Einzelheiten durch Licht und Schatten hervorgehoben werden. Er wird Verhältnisse, Bewegungen und Harmonien sowohl des Berges als auch seines eigenen Aufstieges erkennen. Die kleinste Änderung im Rhythmus würde das Ganze stören. Ein scheinbar zufälliger Umriss scheint jetzt einer Notwendigkeit zu entsprechen.

Nach dieser langen Abschweifung wollen wir aber endlich zum Thema zurückkommen.

Es gibt kein reines Sehen. Wenn wir das glauben, so sind wir zu viel auf das Sehen ausgerichtet, nicht aus Begabung, sondern aus Gewohnheit und Faulheit. Sehen ist für uns gleichbedeutend geworden mit wissen. Zwar stimmt es, dass unser Wissen sich hauptsächlich auf das Sehen stützt, aber glauben wir ja nicht, dass dies Lesen, d.h. Entziffern der Buchstaben mit dem Auge, bedeute.Vielmehr beginnt das Wissen erst mit dem verstandesmässigen Erfassen des Gelesenen. Wagen wir dieses Paradox: unser Auge sieht den Berg so wenig, als es die Bücher versteht. Es unterscheidet die Zeichen, aber allein die Intelligenz interpretiert sie.

Übrigens kann man ohne Augen lesen, die Blindenschrift. Welches Vergnügen hättesonst jener blinde Bergsteiger gefunden, den ich auf dem Weg nach Mountet letzten Sommerüberholte? Am Tage darauf überschritt er zwischen zwei Führern das Trifthorn, um nach Zermatt abzusteigen. Einige Tage später bestieg er das Matterhorn. Es fehlte wenig, hätten wir Sehenden von einem Skandal gesprochen, einer Zurschaustellung eines Invaliden. Aber auch wirsind Verstümmelte, wir habenmehralsdie Hälfte unseres Gehörs,unseres Geruchs- undTastsinnes und all der geheimnisvollen Sinne ( es sind deren viel mehr als fünf ) verloren.mit Hilfe derer wir uns verständigen könnten mit Dingen, Raum, Zeit, mit der Natur und der ganzen Erde, deren Masse unseren Körper anzieht und unser Gleichgewicht regelt. Wie die Klangfarbe eines Instrumentes, seine geheime Seele, im Zusammenspiel einer Reihe von Obertönen mit einem Grundton besteht, so sind unsere Sinneswahrnehmungen die Obertöne des Gesichts als Grundton.

Aber mehr noch. Unser ganzes inneres Leben, unsere eigene Welt und unsere Geschichte sind in der wundervollen Synthese eingeschlossen, die unser Geist augenblicklich und fast wider Willen mit unseren Sehwahrnehmungen verwirklicht; sie enthält?die Erinnerungen unserer Persönlichkeit, das Bild, das wir uns von uns selbst und der Gemeinschaft machen; die Gedanken an unsere Angehörigen, Freunde oder Feinde, Genossen oder Rivalen; mit unseren Sorgen und Verantwortungen, unseren Wünschen und Reuen, unseren Ambitionen und Befürchtungen. Wir sehen durch unsere Sinne, aber auch durch unser Temperament, unsere Gefühle und unsere Kultur.

So bemerke ich, dass Whymper und Guido Rey mich am Matterhorn begleiten, denn ich habe ihre Bücher gelesen, und sie haben mir gefallen. Mummery ist mit mir am Grépon, im Riss, der seinen Namen trägt. Der Geist des berühmten Tita Piaz erwartet mich am Fuss der Vajolet-Türme. Werde ich seiner würdig sein? Überall zolle ich den Alten und den Neuen meinen Tribut; Bergsteigern und Führern, Topographen und Schriftstellern, Bauern, Hoteliers, Ingenieuren, allen jenen, die Wege bauten, Wälder schlugen, Wasserleitungen bauten, Routen eröffneten und Clubhütten erstellten; all jenen, die Berge entdeckt, erforscht, beschrieben und geliebt haben, sogar auch denen, die sie ausgebeutet und vergewaltigt haben, schulde ich mein Teil.

Kann man sich ein Land ohne diese Vergangenheit vorstellen? Eine Welt, die dem Menschen nichts gegeben und von ihm nichts bekommen hat? Pierre Vittoz hat als Alleingänger mehr als eine, sogar den Einheimischen bisher unbekannte Gegend des Himalaya erforscht. Er hat mir anvertraut, wie sehr er eine Vergangenheit, eine Geschichte, eine Geographie oder auch nur die einfachen Benennungen vermisst hat. An diesen Orten, die man gleichsam ohne Bezug auf die menschliche Gemeinschaft erfinden muss, fühlt sich der Mensch allein und verlassen. Darin liegt der tiefste Sinn ihrer Einsamkeit.

Gerne lacht man über den Alpinisten, welcher die Namen der Gipfel aufzählt. Wenn er zu Dutzenden die Namen aller Hörner und Spitzen heruntergeleiert hat, fügt ein Spassvogel hinzu: « und das Zeughorn », und alle Anwesenden freuen sich über die Zurechtweisung des Langweilers.

Wenn auch Langweiler, so ist er doch auf seine Art ein Dichter, zwar primitiv und schulmeister-haft. Eigentlich dumm ist aber jener, der glaubt, es sei überflüssig, benennen zu können, was man bewundert. Im Gegenteil, um lieben zu können, muss man kennen, um zu kennen, muss man unterscheiden, um zu unterscheiden, muss man benennen.

Und gerade diese Dummköpfe, die glauben, man hätte keine Worte nötig, haben nichts Eiligeres zu tun als ihre Namen einzukratzen, wo sie nur können.

Die Benennung ist die erste und unentbehrliche Handlung. Dann schreitet man weiter, nicht nur die Dinge benennend, sondern auch die Beziehungen unter ihnen und zu uns. Erst dann bekommt die Welt für uns einen Sinn.

Seit langem haben die Menschen die bewohnbare Welt entziffert. Eine oberflächliche Lesart allerdings, deren Geheimnis eines Tages verlorengehen könnte. Unsere primitiven Vorfahren wussten in vieler Hinsicht mehr davon als wir. Immerhin wurde unser Auge an der allgemein gebräuchlichen Lektüre dieses Buches geschult. Die Bergwelt hingegen hat man erst vor kurzem angefangen zu entziffern.

Erst Rousseau und einige seiner Zeitgenossen waren imstande, die Welt der Berge zu entziffern und etwas über ihre Bedeutung auszusagen. Damit wurde zum erstenmal die Existenz der Berge bejaht. Die Worte Rousseaus haben den Menschen zum Sehen befähigt.

Nicht jeder Alpinist kann jedoch ein Rousseau sein. Aber es gibt noch andere Ausdrucksmittel als die Literatur. Eines davon, und nicht das geringste, ist Handeln. Im Kampf mit dem Berg machen uns sogar die erhaltenen Schläge stärker. Wir werden reicher im Verhältnis zu dem, was wir selber geben. Die Berge gehen in unseren Besitz über, in dem Ausmass, wie unsere Energie, unsere Intelligenz und unsere Liebe sich mit ihnen verschmelzen. Eine Bergbesteigung, welch scheinbar eitles Unternehmen! So viel Anstrengung, um wieder an den Ausgangspunkt zurückzukommen? Aber wie viele gesammelte Reichtümer bringen wir mit uns zurück! Wie können wir sie jedoch an die anderen weitergeben? Hätten wir nur eine Zunge, um diese Welt unseren Brüdern zu übermitteln!...

« Die Berge sehen? » Dies ist nicht so einfach, sondern ein langatmiges und gedulderheischendes Unternehmen, für das ein Bergsteigerleben nicht ausreicht.

Guido Rey hat das Matterhorn geliebt und ihm ein Buch gewidmet. Er hat es vom Fuss bis zum Gipfel, von allen Seiten, zu allen Jahreszeiten und bei jedem Wetter erforscht. Es war die Betrachtung und der Kampf seines ganzen Lebens, und er starb am Fuss seines Berges, den Blick auf ihn gerichtet.

Hat Guido Rey das Matterhorn wirklich gesehen?

Je mehr man darüber nachdenkt, um so weniger kommt man auf den Sinn einer solchen Frage. Der Alpinist ist weniger derjenige, der den Berg sieht, als derjenige, der versucht, die unheimlichen Dinge, die ihm das Hochgebirge bietet, auf seine Weise zu formen. Das letzte Ziel dieser Bemühungen ist und bleibt die Entdeckung und die Verwirklichung des eigenen Ichs. Dies kann man auch zwischen den Zeilen von Walter Bonattis Buch « Berge - meine Berge » lesen.

Die heutigen Besteiger des Matterhorns sehen den Berg mit anderen Augen als ihre Vorgänger. Die Geschichte hat die Mythologie von seinen Hängen verdrängt, diese wiederum wurde durch die Technik ersetzt. Infolge dieses Vorgangs verarmte der Berg einerseits, wurde jedoch andererseits bereichert. Solange das Matterhorn nicht einer Übermechanisierung zum Opfer fällt, durch welche die Eindrücke infolge ihrer Passivität langweilig und gemein werden, haben wir das Glück, durch eine wirkliche und handgreifliche Inbesitznahme den Berg voll und ganz zu erleben. Zwischen dem naiv-sten Alpinisten, der sich einen Berg erfindet, und dem Neugierigen, der sich dort hinauffahren lässt, ist derselbe Unterschied wie zwischen dem bescheidensten Romeo und dem Kunden eines Freuden-hauses... Aber mir klingt schon das Geschrei der Händlerin den Ohren, jeder habe Anrecht auf Liebe!

Sagen wir jedoch nichts Schlechtes über die Mechanisierung der Berge, die uns gestattet, unsere Bergkenntnisse zu bereichern. Segnen wir eine Zeit, die uns solche Mittel anbietet, und verdammen wir nur die Faulheit, die daraus dumme und kostspielige Spielzeuge macht, die nur dazu dienen, die Vorstellungskraft zu töten.

Durch die Wiederholung wird der Berg farblos, sei es, dass man zwanzigmal die gleiche Besteigung ausführt aus Furcht vor Neuem oder um auf billige Weise zu siegen, oder sei es schliesslich, dass man sich auf ein ewig wiederholtes alpines Gefühlsklischee reduziert. Bleiben wir offen für alles, was unsere Eindrücke erweitern und erneuern kann! Viele Bergschriftsteller regen uns dazu an: Tita Piaz, Hermann Buhl, Bonatti und andere mehr. Eine neue geistige Dimension des Alpinismus sucht Ausdruck in ihren Schriften, noch unklar, aber anziehend in der Art und Weise, wie von dem Geheimnis gesprochen wird, das von uns Besitz genommen hat1.

« Der Geist baut sich ein Haus, aber das Haus schliesst den Geist ein. » Dieses Wort von Emerson sei uns eine letzte Warnung. So gross auch unsere Bergerfahrung sei, so eindrucksvoll das Alter unseres hundertjährigen Clubs, die lebenserneuernde Bewegung hat mit uns noch nicht aufgehört. Seien wir keine Pharisäer, die glauben, den Geist für sich gepachtet zu haben, um ihn den anderen vorzuschreiben. Behaupten wir nicht, den Alpinismus schon zu Ende geführt zu haben!

( Freie Übertragung aus dem Französischen von Nina Pfister )

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