Dent d'Hérens mit Sommerski

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

( Auf- und Abstieg durch die Nordwestwand.Emil MUnterwetzikon, Sektion Bachtel ).

Herrliche Tage einer Ostwest-Durchquerung der Walliser Hochgipfel liegen hinter uns. Jetzt ausgerechnet im Zentrum der Viertausender angelangt, werden wir nach 14tägiger Grosswetterlage buchstäblich talwärts geschwemmt. In Zermatt reisst jedoch unsere Geduld bald ab. Während wir bei heftigem Schneetreiben auf dem Friedhof den klassischen Bergpionieren die Ehre erweisen, entdeckt Freund Hans Ritter, dass sich der Wetterhahn vom Westeinbruch erholt hat und bereits nach Süden abdreht.

Wir schalten noch einen abwechslungsreichen Abstecher aufs Breithorn ein, bis sich die grosse Masse schweren Neuschnees gesetzt hat. Dann aber drängt es uns ungestüm westwärts in den gigantischen Tiefenmatten-Kessel, den Ort alter Träume.

In Gedanken versunken sitzen Hans und ich allein vor der Schönbühlhütte. Die grosse, hehre Stille wird nur von Zeit zu Zeit durch kleinere Eislawinen in der Dent-d'Hérens-Nordwand oder durch Steinsalven am Matterhorn unterbrochen: Die Sonne arbeitet noch! Da die Dent-d'Herens-Nord-westwand, unser morgiges Ziel, ausserhalb des Blickfeldes liegt, betrachten wir aufmerksam das Wolkenspiel um die Punkte Carrel und Blanche.Von Süden treiben Haufenwolken heran, stauen sich, jagen um die Felstürme, formen phantastische Gebilde, welche das Abendglühen zauberhaft beleuchtet, und zerfliessen über uns im Blau. Unablässig drücken neue Wolkenberge heran, um es den vorhergehenden gleichzutun. Nur die beiden höchsten Spitzen bleiben frei. Doch immer wieder spähen wir nach dem Tiefmattenjoch: Die Hänge erscheinen zum Teil blank, der Schnee ist abgerutscht, nichts bewegt sich. Werden wir in der Nordwestwand ähnliche Verhältnisse antreffen? Ist die Passage möglich?

Verschlafen! Abmarsch 6.20. Die ausgiebige Nachtruhe wird in den folgenden Stunden durch stramme Haltung ersetzt! Rasch sind wir am Wandfuss angelangt. Der erste Eindruck wirkt überzeugend und zugleich anspornend. Einzig in der Wandhälfte versperrt ein durchgehender Schrund den Weiterweg. Schnell fertige ich eine Skizze an, damit wir in der Höhe zwischen den Seraks und Eisblöcken die Übersicht nicht verlieren. Dann steigen wir ein. Im unteren Teil ist die Wand neben den Abbruchen gegen das Tiefenmatten joch zu in zahlreiche Eisrinnen und -rippen gegliedert. Unseren Aufstieg wählen wir mitten durch die Wand in möglichst gerader Linie; denn wir lieben die « Direttissima ». Wir spuren dabei im Zickzack von Rücken zu Rücken, das Zwischenstück jeweils im Eiltempo zurücklegend, da in dem 30 cm tiefen Pulver etwelche Lawinengefahr besteht. Dazu tragen wir bergseits den Pickel zum Sichern.

Nach dieser Steilstufe lässt die Spannung etwas nach, dafür wird die Hochgebirgsszenerie abwechslungsreicher. Slalomartig windet sich unsere Spur über gute Brücken, um kleine Spalten und Eistürme, leicht gegen Westen traversierend zu einem markanten Eisgrat. Hier sind wir wenigstens vor Eisstürzen sicher, doch rutscht der Schnee gern ab. Das Spuren ist nur noch mit den kurzen, wendigen Sommerski möglich. Besonders vorteilhaft wirken sie sich in den häufigen Spitzkehren aus. Unterdessen vergrössert sich das Panorama zusehends, wird aber noch ganz von der Dent Blanche im Rücken beherrscht. Auch die Sonne bringt lebhaft Bewegung in den näheren Umkreis. Der Sicherheit wegen muss ich nun vollständig zur « Welzenbachschen » Linienführung übergehen, was meinem Freund nach einiger Zeit nicht mehr behagt. Mit Seilzucken sucht er mich davon abzuhalten; denn seine Felle halten der gewaltigen Belastung nur unregelmässig stand. Der Schnee wird tiefer, fester und mühsamer. Bevor wir den nächsten Steilhang betreten, gelingt es uns, aus sicherem Stand ein enormes Schneebrett abzudrücken. Einer Sorge los!

Weitere heikle Passagen werden mit dem Pickel gangbar gemacht. Nur kurze Stücke sind wir genötigt, die Skier auszuziehen, immer lässt sich ein Durchschlupf finden.

Ein verwegenes Spiel! Aber Bergsteigern ohne Schneid und Glück gelingen keine grossen Würfe. Unser ganzes Können haben wir zur Erstellung einer sicheren Spur ( auch für die Abfahrt brauchbar ) eingesetzt. Schon rückt ein hausgrosser Eisturm, welcher von dem genannten, durchgehenden Schrund absteht, in bedrohliche Nähe. Mächtig sticht er in den blauen Himmel. Leider ist die Kluft für eine Stemmstellung zu breit. Der Übergang ist dort unmöglich. Wir steuern daher derjenigen Stelle zu, wo die überhängende Schrundlippe die geringste Höhe aufweist. Dort treffen wir endlich einen sicheren Rastplatz. In Ruhe können wir das folgende Problem studieren.

Dank des Neuschneefalles hat sich sogar eine unser Vorhaben begünstigende Anwehung gebildet. Von den hohen Schultern meines Freundes aus erstelle ich mit sämtlichen verfügbaren Skis, Stöcken und Pickeln eine Leiter, bis sprödes Eis zum Vorschein tritt. Da helfen nur noch Stufen mit Handgriffen. Der erste Ansturm misslingt. Zurück und verschnaufen! Im zweiten Angriff schleiche ich mit den Zehnzacken katzenartig zum Überhang, von wo aus ich mit Hilfe zweier Pickel diesen bezwingen kann. Im Nachkommen nennt das Freund Hans: « Betrug am Gravitationsgesetz. » Es ist bereits 10.45 ( Höhe ca. 3750 ). Die Schwierigkeiten sind überwunden. Siegesgewiss reduzieren wir das Tempo auf halbe Tourenzahl und bestaunen die grandiose Umwelt. Über das Plateau unter dem Gipfelhang gewinnen wir zu Fuss den Westgrat. Leicht wird der Bergschrund überwunden. Dagegen liegt in den Felsen unheimlich viel Neuschnee, welcher höchste Konzentration erheischt. Vorsichtig muss jeder Tritt abgewischt werden. Das Geduldspiel tut jedoch unserer gehobenen Stimmung keinen Abbruch: Meter für Meter wird exakt gesichert! Auf einem ebenen Platz machen wir Mittagsrast und geniessen die wunderbaren Tiefblicke ( 13.20 bis 13.45 ). Nachmittagswolken mahnen uns zum Aufbruch.

Verbindungsgrathöhe 14.50. Auf der Nordseite des Grates, wo die warme Südluft in den Schatten strömt, bilden sich naturgemäss Nebelfahnen. Die Konstellation der Sonne ist gerade derart, dass kurz nach dem Vorgipfel plötzlich das « Brockengespenst » auftaucht. Dieses Phänomen erblicken wir aus nächster Distanz. Es erscheint sogar ein doppelter Regenbogenring um unsere Köpfe. Der Schatten ist stellenweise so nah, dass sich der Ring halbkreisförmig an den Gratschatten anschliesst. Unvermerkt sind wir auf dem Hauptgipfel der Dent d' Hérens angelangt ( 15.15—15.25 ), P. 4180. In Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit müssen wir aber bald Abschied nehmen von diesem heissumkämpften Punkt. Auf Westalpengipfeln gibt 's keine langen Rasten: ein Händedruck, einige Worte zum Einprägen der imposanten Rundsicht, und schon wieder gilt 's dem Abstieg. Schwarze, von Westen heranschiebende Gewitterwolken sorgen sogleich für den nötigen Elan. In wilder Jagd geht 's in Abkürzungen direkt zur Skiablage zurück und zuletzt in kühnem Sprung über die fünf Meter hohe Wand hinab.

Das Seil wird eingepackt, denn die Lawinengefahr ist jetzt im Spätnachmittag grösser als diejenige der Spalten. Wir provozieren einige Lawinen in dem pappigen Schnee, was glänzend glückt. Sie fahren bis an den Wandfuss. Dann ist die Bahn frei. Mit den Sommerski ist jede Anpassung ans DENT D' HÉRENS MIT SOMMERSKI.

Gelände möglich. Oft stehen nur wenige Meter breite Rinnen zur Verfügung. Kurze Bogen an Bogen, verbunden mit langen Abrutschern! Ein richtiges Fressen für Sommerski! Kopfhoch spritzt der Sulz in der untern Partie und lässt uns vollends die Mühen des Aufstieges vergessen. Im Firnbecken schöpfen wir Atem. Rückblickend erkennen wir: das war ein Husarenstück.

Noch ist bei P. 3130 eine heikle Passage zu bewältigen. Was verschlägt 's, wenn am Skiende der weiche Schnee in den Briefkasten fällt, man ist ja schon über den Spalt hinweg. Dann schwingen wir sorgenlos am Stockje vorbei zu P. 2633 ( 18.00 ).

Erst im Hüttenanstieg macht sich der Magen und noch viel mehr die trockene Kehle bemerkbar. Aber dafür ist gesorgt. Ein Milchtopf aufgeweichter Aprikosen beschliesst den grossen Tag.

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