Dent d'Hérens, Schalligrat, Nordend-Ostwand. Im Andenken an Rudolf Brunner

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Im Andenken an Rudolf Brunner.

Von Hans Oertli.

A great comrade never dies, he only goes before.

Dieses grosse Wort Captain Farrars gelte mir für einen Mann, mit dem mich viele Jahre gemeinsamer Bergfahrten eng verbunden haben. Ihm seien auch diese Zeilen gewidmet.

Am 24. August 1934 erhielt ich telephonisch aus Wengen die Nachricht, dass Rudolf Brunner vor drei Tagen mit einem jungen Luzerner Herrn und einem zweiten Führer, Robert Bischoff, durch Abbruch eines Schneebrettes über die Nordwand des Grosshorns zu Tode gestürzt sei; der liebe Brunner, der Freund so viel froher und ernster Tage.

Noch vor einem Monat hatte sich uns der Traum gemeinsamer Fahrten im Dauphiné erfüllt. Brunners Freude über die neuen Berge erhöhte mein eigenes Glück, und als ich ihm in Grenoble die Turen ins Führerbuch eintrug, schrieb ich dazu « ad multos annos ». Ein Wunsch nicht nur für ihn, sondern auch für mich: er sollte mich künftighin auf allen grossen Unternehmungen begleiten. Wenn ich Pläne schmiedete für spätere Jahre, dann leuchteten seine Augen kindlich froh.

Brunner war kein Christian Klucker und kein Franz Lochmatter, an der Bildung des Geistes und an der Grosse seiner Bergfahrten gemessen, doch keinem unterlegen an Tüchtigkeit und an Herzensbildung. Im Tal eher schwerfällig und langsam, ein stiller, bescheidener Mann von grösster Zurückhaltung, im Gebirge voll Mut und Tatkraft, wuchs er mit den Schwierigkeiten und wurde hart vor der Gefahr. Blick und Haltung verrieten dann ein Verwachsensein mit den Bergen, wie ich es selbst bei Führern kaum gefunden habe.

Immer hat sich Brunner bewährt: in der vereisten und tiefverschneiten Südwand der Barre des Ecrins, die sich nur dank seiner Kletterkunst überwinden liess; im Abstieg vom Pic Central der Meije, als er auf dem steilen Glacier du Tabuchet bewundernswert rasch eine treffliche Eistreppe herstellte; nach dem Mittellegi auf dem Gipfel des Eigers, da Pickel und Steigeisen surrten in der Gewitterluft. Dabei liess der mutige Mann die Vorsicht nie ausser acht; in der grossen Ecrins-Südwand gab er mir den letzten Beweis: der Weg war vom Glacier des Ecrins an nicht mehr zu verfehlen; doch rutschiger Neuschnee bedeckte die hoch an der Wand klebenden steilen Schneehänge. Also verzichteten wir auf die übliche Traverse und stiegen direkt hinauf auf den Grat zwischen Brèche und Pic Lory, vielleicht eine neue Variante mit ungewissem Ausgang, aber doch viel sicherer als die lawinengefährliche Querung.

« Ein reifer, ein bewiesener Mann, war er berufen, noch vieles zu leisten. » Diese Worte, mit denen Charles Simon den tragischen Untergang unseres Andreas Fischer beklagt, wollen mir nicht aus dem Sinn, wenn ich Brunners gedenke, obwohl ich weiss, dass die Worte weiter, geistig gedacht sind. Menschlich und für den Bergsteiger haben sie volle Geltung.

Als ich im Winter einem Freund mein Leid klagte, weil ich Brunner nicht mehr habe, empfahl er mir zwei Zermatter Führer. So entschloss ich mich, im Sommer 1935 auf die Riffelalp zu gehen. Doch je näher die Ferien kamen, um so trüber wurden meine Gedanken. Hartnäckige Magenschmerzen quälten mich, und die Erinnerung an das Jahr 1930, da ich mit Brunner in Zermatt gewesen, und an mein Erlebnis am Lyskamm stand dunkel vor mir.

Wir hatten damals kein Glück mit dem Wetter. Nach dem Zinalrothorn mussten wir uns fast eine Woche gedulden, stiegen dann am ersten schönen Tag in einem Zuge von Zermatt aufs Breithorn, vier Tage später von der Bétempshütte auf die verschneite Dufourspitze. Der Föhn regierte, es war unheimlich warm. Silbern glänzten die ungezählten Seen Italiens und der Dom von Mailand in der Sonne. Doch trauten wir dem Wetter nicht und verzichteten darum auf den Gang in die Capanna Margherita. Auch fühlte sich Brunner nicht ganz wohl; er hatte vor Jahren an einem Magengeschwür gelitten wie ich, war operiert worden und hatte zuweilen leichte Beschwerden. Drei Tage nach der Dufourspitze kletterten wir aufs Matterhorn, von der Solvayhütte an im Nebel, zu dem sich später Schneetreiben gesellte. Am nächsten sonnigen Tag gingen wir nach Schönbühl zur Erkundung der Dent d' Hérens, meiner grossen Liebe. Aber zwei Tage später setzte der Lyskamm allem ein Ende. Wir überschritten ihn vom Lysjoch zum Felikjoch, umgekehrt, als wir geplant hatten. In der Nacht heulte der Föhn um die Bétempshütte, und am Morgen war der Schnee so weich, dass wir uns nicht selbzweit mit der Laterne auf den spaltenreichen Zwillingsgletscher getrauten. Die Wande- rung über den unerwartet gwächtenarmen Lyskamm war leicht, ein vollendeter Genuss, und schon vor der Mittagsstunde standen wir im Felikjoch, beide noch vollkommen frisch. Brunner hatte Lust für die Zwillinge; ich sagte, es sei auch schön, einmal ohne Müdigkeit heimzukommen, und meine Frau erwarte mich auf dem Roten Boden. Brunner war es zufrieden.

Keine halbe Stunde später verspürte ich plötzlich einen rasenden Schmerz in der Magengrube und krümmte mich stöhnend im Schnee. Ich dachte sofort an einen Geschwürsdurchbruch und wies den Kognak zurück, den mir Brunner anbot. Nach einiger Zeit versuchte ich zu gehen. Die ärgsten Schmerzen verschwanden für ein paar Minuten. Ich zweifelte leise, hoffnungsvoll an der Diagnose, auch dann noch, als die Schmerzen wiederkamen und mich nicht mehr verliessen. Mit vielen Unterbrüchen schleppte ich mich in der Mittagshitze jammernd über den zerrissenen Gletscher in die Betempshütte. Nur einmal fuhr mich Brunner an, als ich mich mitten auf einer Schneebrücke hinlegte. Sonst war er von einer rührenden Geduld und väterlichen Besorgtheit um mich, dabei unerschütterlich ruhig und von einer seltsamen Festigkeit, die auch meine Energie stählte. Ich danke sie dem Manne, der nun tot ist, mein Leben lang.

Und nun weilte ich nach fünf Jahren wieder auf der paradiesischen Riffelalp, und die Gedanken an den Tod Brunners und an die schwere Gefahr, die ich durchgemacht hatte, bedrückten mich. Aber bald begann das Feu sacré des Bergsteigers von neuem zu brennen, und ich bewegte wieder Pläne in meinem Herzen, kleine zuerst und vernünftige, dann grosse und schöne. Der grösste, gleichsam nur sagenhafte — die Ostwand des Monte Rosa.

Ich dürstete nach ihrem Anblick und stieg mit Karl Biner am 13. Juli auf das Nordend. Mein Wunsch ging zwar nicht in Erfüllung; Nebel und Wolken verwehrten mir die Sicht gen Italien. Aber der Bann der grossen Berge war gebrochen zum Nutzen des Leibes und der Seele, und meine grosse Liebe war nahe, die Dent d' Hérens. Seit sechs Jahren verehrte ich diesen schönen Berg, seit ich seine stolze Gestalt von den Gipfeln um Arolla bewundert hatte. Der Anblick der breiten Nordflanke mit ihren gewaltigen Eisabstürzen von Schönbühl aus, ein Jahr später, steigerte meine Sehnsucht — und am frühen Morgen des 16. Juli 1935 stand ich mit Biner am Bergschrund unter der Nordwestrippe, die sich vom Gletscherboden unter dem Tiefenmattenjoch in schönem Bogen steil zum Gipfel emporschwingt, fast tausend Meter hoch, beide begierig, die Rippe kennen zu lernen, die ich zum Aufstieg auserkoren hatte. « Ne peut pas être recommandée » heisst es zwar von ihr im Walliserführer; auch nach Biners Aussagen bildet die Eisflanke hinter ihr den üblichen Weg von Schönbühl aus, und im Jahre 1923 kam eine ausgezeichnete Führerpartie nicht über den Bergschrund. Aber in « Die Alpen » 1927 ist die Rippe begeistert empfohlen, der grosse Farrar hat sie begangen, und Simon schreibt in meinem liebsten Bergbuch, sie sei die direkteste und eleganteste Route von Zermatt aus x ).

Auch wir kamen nicht ganz leicht über den Schrund, besonders weil die Felsen gerade oberhalb so steil und glatt waren, dass man sich zurückgestossen fühlte, während der Schrund einladend offenstand. Aber nach den ersten paar Meter ging es leicht. Wenige Steine pfiffen links an uns vorbei und beflügelten unsere Schritte.Von der linken Seite der breiten Rippenbasis stiegen wir eilig nach rechts auf die eigentliche Rippe, die sich nach oben immer deutlicher ausprägt, und als es die Steine nicht mehr taten, trieb uns die Begeisterung des Herzens vorwärts. Wohl eine gute Stunde kletterten wir stets zusammen, im vergnügten Gefühl, schnell an Höhe zu gewinnen. Ein währschafter Steinmann ist Zeuge unserer wohlgemuten Sinne. Biner erbaute ihn während einer kurzen Rast an der Stelle eines alten Zwerg-steinmännchens und war erfreut, als ich ihm zwei Wochen später nach Fernrohrinspektion von Schönbühl aus die stolze Existenz seines Monumentes melden konnte.

Der Steinmann bezeichnete jedoch zugleich das Ende unseres stürmischen Vordringens; denn von nun an lehrten uns mehrere Steilstufen mit verschneiten und vereisten Felsen die Bedächtigkeit, mit der man grossen Gipfeln naht. Wir erwiesen also unserem Berg die geziemende Ehre und kletterten nicht mehr gleichzeitig. Herz und Lungen waren dankbar dafür. Bis ganz kurz unter den Gipfel blieben wir der Rippe treu, ohne auch nur einmal auszuweichen. Dann querten wir gegen den Westgrat hinüber und erreichten über ihn — nach siebeneinhalb Stunden von Schönbühl, nach viereinhalb vom Bergschrund — die Spitze des langersehnten Berges, der meine Zuneigung nicht enttäuschte.

Die Aussicht ist von einer wilden Grossartigkeit ohnegleichen, die das Herz erschüttert und begeistert. Gegensätze steigern den tiefen Eindruck: der Blick auf die gigantische düstere Tiefenmattenwand des Matterhorns und auf den toll zerrissenen Grat, der zum Col Tournanche hinabstürzt, und die Augenfreude südlicher Täler, Mattengrün und Seen des Val Tournanche und Val Pelline.

Kein Schatten trübte das « ruhige Glück der Seele » auf dem sonnen-umglänzten Gipfel. Denn wir ahnten die Tücken der « normalen » Route nicht, ahnten nicht die bangen vier Stunden in den Seraks der steilen Westnordwestflanke, die mehrmals keinen Ausweg mehr zu lassen schienen. Nur zuoberst ging es mit den Steigeisen gut. Dann folgte eine steile Eiskaskade der andern, alle so steil, dass wir sie von oben nicht übersehen konnten, eine so gut wie senkrecht: abgeseilt der sprungscheue Turist, Grosssprung über den Schrund für den Führer. Meisterhaft leitete Biner den schweren Abstieg in mühevoller Hackarbeit — ich begreife, dass ihm so grosse Dinge gelingen wie Brenva auf und ab am gleichen Tag. Zaghaft beschritt ich den Stufenpfad und erhielt doch das wohltuende, dankbare Lob von Biner, dass er immer seillang hinunterhacken konnte und ich ihm stets ohne Halt von oben folgte. Schliesslich wurden wir ganz nach links gegen den Westgrat gedrängt in ein von Steinen bestrichenes Couloir und kamen auch in den Felsen zur Linken kurze Zeit schneller vorwärts. Aber der Ausweg blieb ungewiss, und die Steingefahr — Biner wurde einmal getroffen — war gross, so gross, dass wir uns nach einer langen Querung zurück nach rechts unter den Seraks sicherer fühlten. Wie schön und tief beglückend dann das Gefühl der Ruhe und Entspannung, als wir endlich, aller Gefahr entronnen, im Gletscherboden unten auf unseren Säcken sassen!

Epikrise: Die schlechten Verhältnisse an der Westnordwestflanke bedingten ungewöhnlich grosse Schwierigkeiten, und wir sahen auch von unten keine besseren Möglichkeiten des Durchkommens, ausser vielleicht oben, wo wir länger in der Nähe des Westgrates hätten bleiben können. Aber auch wenn wir in Betracht ziehen, dass die Flanke einmal im Abstieg in einer halben Stunde ( 1 ) zurückgelegt worden ist, besteht die Nordwestrippe neben ihr in Ehren als « die direkteste und eleganteste Route von Zermatt aus ».

Nach der Dent d' Hérens trieb ein paar Tage der Magen seinen Spuk. Ich schwitzte ihn heraus im schnellen Aufstieg von Randa zur Weisshornhütte und erklomm am 22. Juli über den Ostgrat in sieben Stunden das grosse Weisshorn, dessen edle Pyramide ich von der Riffelalp aus täglich bewundern konnte, einen König unter den Bergen. Trockene Felsen, kein Eis-, sondern ein braver Schneegrat, aber auch so ein stolzer Pfad, des Berges würdig, doch glücklich — sorglos, besonders wenn man ihn geht wie ich, wohlbehütet zwischen zwei vortrefflichen Führern, Karl Biner und Alexander Taugwalder. So ruft selbst der Gedanke an den Schalligrat nicht ängstliche, sondern freudvolle Spannung hervor.

Der Schalligrat, scharf und oft steil, lang mit seinen vielen Zacken und Türmen, ist der luftigste, schwierigste Abstieg, den ich je unternommen habe, erschwert durch zeitweise sturmartigen kalten Wind und hinderliche Schneeflecken. Trotzdem ein kaum getrübter Genuss; denn wir waren lange Strecken vom Wind nicht geplagt, und die beiden Führer meisterten alle Schwierigkeiten des auch ihnen unbekannten Grates sicher. Wir suchten von oben nicht lange in den Flanken, sondern gingen über « allen » Grat. Im Abstieg sicher das einzig Richtige, während sich im Aufstieg wohl mancher glatte, fast oder ganz senkrechte Turm durch kleine Abweichungen von der Gratschneide besser überwinden liesse. Wirklich leichte Stellen sind spärlich und kurz; denn auch da, wo der Grat weniger steil ist, bleibt er äusserst schmal. Auf den felsigen oder zumeist schneeigen Stellen zwischen den Türmen wären Seiltänzer im Vorteil. Vor mir wenigstens, kaum vor Biner, dem gewandten sicheren Vordermann, und vor Taugwalder. Dieser kletterte über die vielen Steilstufen herunter als Letzter ebenso behende wie zuverlässig am doppelten Seil, das sich stets leicht einziehen oder losschwingen liess. Nur einmal musste er zurück, es zu holen. Alle Kletterlust aber wurde noch übertroffen von der Lust der Augen: die jähen Wände zu beiden Seiten und der rot und grau riesenhaft zum Gipfel sich auftürmende Grat, eine der grössten Visionen, die mir je zuteil geworden sind. Ich liess mir immer wieder Musse, sie auszukosten.

Zuletzt hatte ich allerdings, der Wahrheit die Ehre, die Gendarmen satt und wäre gern in die verführerische Flanke ausgewichen, als sich ein Ausweg zu zeigen schien. Doch Taugwalder war für Vollständigkeit und fügte der langen Reihe zwei besonders wacklig aussehende Vertreter der Gendarmerie bei, die aber nicht schwierig waren. Dann erst durfte Biner, schon Die Alpen — 1936 — Les Alpes.21 ganz nahe dem Schallijoch, die auch im Walliserführer empfohlene Umgehung ausführen, und wir erreichten über leichte Bänder schnell das Joch um 4 Uhr — sechsdreiviertel Stunden nach dem Gipfel. Und der Schalligletscher war uns günstig gesinnt, entliess uns schon nach einer Stunde aus seinen heuer harmlosen Fängen, und das halbwegs erwartete Biwak verlegte sich hinunter nach Randa, wo wir um 8 Uhr glücklich einzogen.

Biner verliess mich nun und ging ins Berner Oberland. In Alexander Taugwalder fand ich einen würdigen Nachfolger. Ihm danke ich Wellenkuppe und Obergabelhorn, die Überschreitung des Matterhorns von Zmutt mit dem Abstieg über den schönsten der drei gangbaren Grate, den italienischen, und als letztes, grösstes Geschenk — die Ostwand des Monte Rosa.

Mit dem Geologen Peter Bearth hatte ich im Winter viel darüber fabuliert, ohne wirklich daran zu glauben. Mein steinkundiger Kamerad hat als Erster das Nordend erwähnt, das ihn als Felsaufstieg mehr interessierte als der Schnee- und Eisweg auf die Dufourspitze, und nachdem ich im Dübiführer gelesen hatte, die Nordendroute sei vor objektiven Gefahren sicherer als die Dufourroute — man hat zum mindesten keine grossen Eisfälle zu riskieren —, war ich zum Nordend entschlossen, obgleich oder auch weil es so selten bestiegen worden ist. Auch nach dem Hüttenbuch der Capanna Mannelli ist das Verhältnis zwischen den Besteigungen des Nordend und denjenigen der Dufourspitze sicher nicht einmal eins zu zehn.

Bearth machte diesen Sommer Aufnahmen in der Mischabelgruppe. Für die anderen Fahrten hatte die Verbindung nie geklappt; jetzt gelang sie gerade für die Unternehmung, die uns immer wie ein schönes Traumbild erschienen war, und am 1. August, einen Tag zu spät für eine Schönwetter-besteigung, trafen wir uns im ersten Zug in Stalden, von allem Anfang an in bewegter Festtagsstimmung. Bearth hatte nicht mehr geschlafen vor Freude. Auch Dunst und Wolken über Domodossola kränkten uns nicht, schon eher der maximale Benzingestank im Höllenkar, der uns in das Paradies des Val Anzasca führte, und der traurige Umstand, dass uns bei Vanzone eine Wolkenwand den Anblick der Götterburg des Monte Rosa raubte. Trotz allem entzückten uns die südliche Vegetation und die Dörfer des unvergleichlichen Tales mit ihren farbigen Steinhäusern, italienisches Mittagessen und Espresso in Macugnaga. Und als gar bei unserem Aufbruch gegen 3 Uhr ein guter Wind in phantastischen Höhen Teile der Ostwand sichtbar werden liess, da erfassten uns übermütiges Glück und tiefe Ergriffenheit in einem.

Ich vermag den schönsten Spaziergang meines Lebens über idyllische Fluren und durch Lärchenwald nicht zu schildern, während ganz allmählich alle Schönheit dieses grössten und grossartigsten Talabschlusses der Alpen dem ergriffenen Auge sich enthüllte. Still und dann wieder fröhliche Reden tauschend, überschritten wir den Gletscher und stiegen in fünf Stunden hinauf zur Capanna Mannelli. Die Gletscherpracht des Colle delle Loccie allein würde genügen, dieser Landschaft höchsten Ruhm zu sichern, selbst ohne die Ostwand, der wohl nur der Himalaja Gleiches und Gewaltigeres an die Seite stellen kann.

Ich weiss nicht, ist es im Zeitalter der Bergtechnik nötig, zu sagen, dass ich dabei natürlich nicht an die Schwere der Besteigung denke, die von kleineren Alpenwänden hundertmal übertroffen wird, sondern an die Grosse der Vision. Andere grosse Wände der Alpen sind kaum halb so hoch wie diese Riesenwand, die sich in einer Flucht 2600 m über dem Gletscher erhebt. 3300 m liegt der Kamm des Monte Rosa über Macugnaga.

Ein wunderbar klarer Abend und eine sternenhelle Nacht waren uns beschieden in der Marinellihütte. Taugwalder, der glückliche Meister unserer Seilschaft, erkundete den nächsten, auch ihm neuen Weg. Glücklich ver-kochten und verplauderten wir die Stunden bis 10 Uhr, vielleicht zum Ärger dreier stummer Österreicher, die bei unserer Ankunft unter die Decken krochen. Ein Eisfall unter der Signalkuppe am Abend, ein Eisfall mitten in der Nacht, den nur Bearth hörte, zeugten vom Leben in der schlafenden Wand. Im Canale Mannelli, an dessen Fuss sich grosse Schuttflecken dehnen, blieb es still.

Um 2 Uhr, als die seltsam wortkargen Österreicher für die Dufourspitze aufbrachen, standen wir auf. Noch war es « glögglihell », wie mein Vater zu sagen liebt; aber eine Stunde später, als auch wir die Hütte verliessen, war der ganze Himmel bedeckt. Ausserdem war es warm und Bearths Höhenmesser um drei Striche gefallen während der Nacht. Doch der ganze Monte-Rosa-Kamm war frei, auch unser Ziel zu Häupten, das Nordend. Darum wagten wir einen Versuch, und der Versuch gedieh so mühelos, dass wir über steilen Schnee und viele leichte Felsen ohne Seil in knappen drei Stunden bis auf eine Höhe von 3850 m gelangten, also ungefähr bis auf die Höhe, wo Kugy, der liebenswerte Bewunderer und Schilderer der Ostwand, biwakiert hat, 850 m über der Hütte, 750 m unter dem Gipfel, 6 Uhr morgens.

Gleich im Anfang wies Taugwalder darauf hin, dass es weiter oben schneie — vor dem Nordend lag ein dünner Schleier —. Später sagte er: « Hier kommen wir heute noch einmal vorbei. » Schon früh begann es auch leise zu « nebeln ». Doch unser Aufstieg war so unerwartet leicht, der Rückweg so absolut sicher, dass wir weiter stiegen, als wir zeitweise im Nebel steckten und es zu schneien anfing. Wir seilten uns auch ohne viel Worte an und setzten die zuerst kaum merklich schwieriger werdende Kletterei im Nebel fort. Zwei- oder dreimal gewährte uns das gütige Geschick noch den unvergesslichen Blick auf die Wand unter uns: goldig leuchtete der Gletscher unter dem Canalone Mannelli in der Sonne, und wir grüssten die Bernina in der Ferne. Doch graue Nebelschwaden krochen durch das tiefe Val Anzasca, und über Italien lagen endlos unübersehbare Nebel- und Wolkenmassen. Dann umfing uns für immer der Nebel, bald dichter, bald dünner, oft so dünn, dass der Himmel bläulich hindurchschimmerte oder dass uns die Sonne blendete.

Und es schneite, schneite immerzu, und die Felsen wurden weiss. Nur von unten sahen sie noch dunkel aus; denn ihre Steilheit nahm zu, und erst von oben gewahrte man den Schnee, der handdick auf allen Bändern und Stufen, auf der kleinsten Platte lag. Und wir stiegen langsam hinauf in einen Wintertag, dessen Stille mich beglückend und ermutigend an Weihnachten erinnerte. Ermutigend, denn ich war mir der Grosse unserer Unternehmung bewusst. Zitierte mehrfach erinnernd die drei Bedingungen, die der grosse Farrar für das Nordend von Osten als « absolutes Erfordernis » bezeichnet: « schönes Wetter, trockene Felsen und geübte ausdauernde Gänger », und konstatierte mit Humor, dass nur ein Drittel erfüllt war. Dachte, bevor es Taugwalder aussprach, an die Schwierigkeiten des Gletscherabstiegs vom Silbersattel ohne Sicht und an die mögliche Notwendigkeit, auf die Dufourspitze hinüberzugehen, um den leichteren Abstieg und vielleicht eine alte Spur zu haben. Zog die Möglichkeiten von Kälte und Sturm — meine ernsteste Sorge — in Erwägung und die bei diesen Verhältnissen gänzlich unbestimmte Länge der Tur. Und doch war ich nie glücklicher in den Bergen als an diesem grossen Tage in den winterlichen Felsen des Nordend. Ich war auch dann noch glücklich, als die Kletterei oben immer schwieriger wurde und Bearths Höhenmesser nicht mehr steigen wollte — wir brauchten einmal für eine Seillänge eine Stunde — und der Gipfel sagenhaft endlos in die Höhe wuchs, ein seltsam unwirkliches Ziel irgendwo im Nebel. Etwa von 10 Uhr an schätzten wir die Entfernung von ihm auf zwei Stunden und fanden noch oft freundliche Gelegenheit, die angenehme Schätzung zu wiederholen. Gewiss zollten Bearth und ich oft dem Seile dankbare praktische Anerkennung, wenn wir an den verschneiten, gelegentlich unter dem Schnee auch noch vereisten Felsen keinen sicheren Tritt und Griff entdeckten, obgleich das eisige Seil dem klebrigen Schnee der Handschuhe auch nicht immer die gewünschte Anhänglichkeit entgegenbrachte. Auch schlotterten wir manchmal ein wenig, wenn scharfe Windstösse die Flocken durcheinander-wirbelten. Aber meist schneite es ganz leise und still, und die beruhigende Stimmung der winterlichen Landschaft teilte sich uns so eindrucksvoll mit, dass mein Gefährte die Absicht äusserte, zu schlafen, gerade als wir nahe beieinander auf einer kleinen Felsstufe an der Wand klebten, während Taugwalder mit souveräner Sicherheit vorankletterte. Trotz aller Vorsicht, welche diesen ausgezeichneten Kletterer erst zum grossen Führer und Bergsteiger macht, legte er die obersten heiklen Traversen — einmal über ein steiles, von fallenden Eisstücken bestrichenes Couloir — in der halben Zeit zurück wie Bearth und ich, die doch des Seilhaltes teilhaftig waren. Die Steine waren bis zu den grössten Blöcken zum Teil lose und erheischten behutsames Klettern. Doch ist man wohl von Steinschlag wenig bedroht, da man meist auf einer mehr oder minder ausgeprägten Rippe klettert; auch findet man immer wieder gute Sicherungsmöglichkeiten. Wir erlebten keinen Steinschlag, brauchten nur wenig Stufen in kompaktem Schnee oder Eis und folgten grosso modo der Route Brioschi, rechts vom Ypsilon.

Als ich endlich schon im Schnee dicht unterhalb des Grates stand, der vom Jägerjoch zum Gipfel führt, und Bearth bei der Umgehung der obersten steilen Felsbastion sicherte, da war ich für Situationskomik so empfänglich, dass ich hämisch grinste ( dies der Ausdruck Bearths am folgenden Tag ), als grosse Schneewehen meinen Gefährten überschütteten: er sah aus wie ein Müller, und das Bild des Müllers belustigte mich. Dass ihm das kalte Mehl zwischen Hals und Kragen über den Rücken rann, wusste ich nicht.

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