Der alte Eispickel

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von U. Viktor Brunner

( Zürich ) Freudestrahlend kam mir der Kamerad entgegen: « Meinen verbindlichen Dank für den Eispickel, den Sie mir für den Hochgebirgskurs ausgeliehen haben. Ich konnte ihn wirklich gut gebrauchen. » « Das freut mich », antwortete ich. « Wie fein, dass ich Sie heute treffe. Am nächsten Sonntag möchte ich in die Berge wandern, bekomme ich ihn deshalb bald zurück? » « Natürlich, morgen wird der Pickel in Ihren Händen sein, und — wie neu. » « Wie neu? » fragte ich erstaunt.

« Ja, denken Sie, ich habe ihn aufpolieren lassen. Sie werden Ihre helle Freude daran haben. Ich bin so froh, dass ich Ihnen für Ihre Freundlichkeit einen kleinen Dienst erweisen kann, indem ich einen schönen Eispickel zurückgebe. » Nach diesen Worten verabschiedete sich der Kamerad und liess mich allein auf der Strasse zurück. Ich griff an meinen Kopf. Wie hatte er gesagt? Meinen guten alten Pickel hatte man aufpoliert, und ganz anders sollte er nun aussehen, als er mir lieb und teuer warIch vermochte es kaum zu glauben, und ein bitteres Gefühl im Herzen schritt ich nachdenklich dahin.

Als ich nach zwei Tagen von der Arbeit nach Hause kam, wurde mir bedeutet, ein Pickel sei abgegeben worden. Und wirklich, da lag er schon auf dem Tisch — ein fremder Eispickel. Ich hob ihn mit ungeduldigen Händen auf. Kein Zweifel, meine Augen täuschten sich nicht, es war mein Eigentum. Doch welche Veränderung: der Eschenholzstiel hell und glatt, Spitze und Haue scharf geschliffen und glänzend wie im Schaufenster eines Sportgeschäftes — ein funkelnagelneuer Eispickel. Da erfasste mich eine blinde Wut: Was, so muss ich dich von jetzt an in die Berge mitnehmen? Ein blutiger Anfänger bist du wieder geworden. Der zünftige Bergsteiger wird mit Fingern auf uns zeigen, blamiert sind wir beide, du und ich. Und daran sollte ich noch meine helle Freude finden, hat der Kamerad gesagt? Nein, niemals!

Der Pickel schlug klirrend auf dem Boden auf. Dann war 's still, nur der Regen klatschte leise ans Fenster. Wehmütige Gedanken bewegten mich, und plötzlich ging es mir wie einem Vater, der die im Zorne verhängte Strafe bedauert und nachsichtig sein Kind zu sich ruft. Ich nahm den Pickel liebevoll auf die Knie und liess nachdenklich meine Hände darübergleiten.

« Du guter Freund, wie weh wird mir ums Herz, wenn ich dich so wiedersehe. Warum raubte man dir das schöne alte Gewand, das Kleid voller Spuren unserer gemeinsamen Taten? Der Stahl stumpf und rauh, das Holz verbeult und schmutzig, so warst du mir teuer, und so mahntest du mich an eine strahlende Kette froher und ernster Bergfahrten. Schon treten sie aus dem Düster der Vergangenheit hervor, die goldenen und die dunklen Stunden. Jene umgaukeln die Erinnerung mit heiteren, bunten Bildern, diese aber liegen schwer auf der Waagschale meines Schicksals, unvergesslich, immerfortmahnend.

Denkst du noch an jene regenfeuchte Grasplanke, von der es tausend Meter tief in den gähnenden Abgrund geht, ohne Halt, endlos? Siehst du mich Die Alpen - 1948 - Les Alpes14.

Ein anderes Mal suchten wir in der Mittagsglut durch einen unter dünner Neuschneeschicht verborgenen Gletscher den Weg, ich voraus, die schlanke Frau in der Mitte und am Schluss der Seilschaft die schwere Gestalt des Freundes. Trotzdem ich mit deiner Hilfe jeden meiner abgemessenen Schritte sicherte, verirrte ich mich jäh auf eine winzige Eisinsel, wo gerade noch die Füsse Platz fanden. Ringsum ging dein Stoss durch den trügerischen Schnee in die Leere. Ich zögerte und wandte meinen Blick voll Zweifel auf die Gefährten. Würden sie mich, die ganze Seilschaft vor dem Sturz in die versteckte Kluft bewahren können? Es überlief mich kalt: Da, dort, ringsum lauerte der weisse Tod. Doch die Stunde deiner Bewährung, du getreuer Pickel, war gekommen. Auf einmal entdecktest du eine fussbreite Brücke, auf der wir dann glücklich an den Spalten vorbei zum festen Eis gelangten und so dem Verhängnis entgingen.

Wer nennt sie alle, die ernsten und frohen, die unvergänglichen Stunden unserer Bergfahrten. Wie treu hielten wir zusammen! Es ist mir, als hörte ich nochmals deine Stimme und lauschte lieben, vertrauten Klängen. Hell und übermütig, wenn unter wuchtigen Schlägen das Eis funkelnd zum Himmelsblau aufspritzte, dumpf aber und zur Vorsicht mahnend auf dem schmalen Pfad in dunkler Nacht. Ja, wir hielten gute Freundschaft. Es blieb mir erspart, dich jemals verlassen zu müssen, sei es an der glatten Felswand oder vor drohendem Blitzschlag hoch oben auf dem sturmgepeitschten Gipfel. Aber auch du bliebst mir zugetan. Nie erfasste dich böse Lust, aus meiner Hand zu gleiten — in der abschüssigen Rinne — auf dem Eisgrat...

Viele Jahre sind dahingegangen, seit ich dich als Bub auf einem weissschimmernden Gipfel kennenlernte. Damals warst du noch der Gefährte meines Jugendfreundes. Dich zurücklassend zog er bald darauf ins fremde Land, blieb verschollen, und nur die im Holz geprägten Buchstaben erinnerten noch an diesen einstigen Besitzer. Du folgtest mir in mein Haus und fandest einen Ehrenplatz bei meinen teuersten Dingen. Zusammen mit Seil, Rucksack und Steigeisen harrtest du jeweils der Tage unseres Bergglücks.

Oft, wenn mich die Sehnsucht packte, griffen meine hastigen Hände nach dir, und wenn ich dann deinen Duft atmete, da wurde die Erinnerung lebendig, und ich schaute mit frohen Augen die bunten Matten, die auftürmenden Felsen und all den Silberglanz der Firne. Tiefe Vorfreude Hess mein Innerstes erbeben, und alle Gedanken flogen den künftigen Bergfahrten entgegen — im Sommer, im Winter. Mancher kühne Wunsch fand Erfüllung; aber auch viele Enttäuschungen haben wir gemeinsam erlitten. So ward in tausend goldenen Stunden das feste Band unserer Freundschaft gewoben.

Und jetzt!

Wie durch bösen Zauber ist das Band zerrissen, ist die Freundschaft zu dir, alter Pickel, ausgelöscht. Verjüngt, voll unberührten Glanzes stehst du vor mir, wie einst vor vielen Jahren. Alles ist dahin, ein Fremder bist du mir geworden. Wir müssen auseinandergehen.

Nein, ich kann mich von dir doch nicht trennen. Schau meinen Buben! Kaum der Kindheit entwachsen, zieht es ihn schon unwiderstehlich hinauf zu den lichten Höhen. Du kennst meinen Buben gut. Oft fühltest du sein Auge auf dir ruhen, fragend, fordernd, wenn du nach unserer Heimkehr von froher Bergfahrt bescheiden in der Ecke standest. Zieh du nun mit ihm hinaus, geleite, ihn und sei ihm ein treuer, hilfsbereiter Gefährte. Und sollte er im Übermass jugendlicher Begeisterung selbst den unüberwindlichen Gipfel erstürmen wollen, dann sei auf der Hut, zähme seine Abenteuerlust, warne ihn, doch lass ihm sein stolzes Lebensgefühl.

Geh, mein Bub harrt deiner voll Ungeduld. Triumphiere über die Gefahr und lass ihn unbehelligt die ewigen Wunder der Berge schauen und verstehen. Und wenn ihr dann beide froh und glücklich dahinwandert und das Auge meines Jungen im Sonnenlicht leuchtet wie dein stählernes Gesicht, ja, dann wirst du auch in seiner glühenden Hand alle die Bergfreude nochmals empfinden, diese Freude, die schon in der Hand seines Vaters zitterte.

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