Der alte Gotthardweg

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Von Walter Meyer

Mit 1 Bild ( 135Rapperswil-Jona ) Der Winter hatte nur spärliche Ski tage beschert; der Frühling war reichlich feucht gewesen mit eingestreuten Sonnentagen, so wie es sich der Bauer wünscht. Als nun am 21. Juni der ausgewachsene Sommerjüngling in strahlendem Glänze sich einstellte, begann auch das Sehnen nach Luft, freiem Wandern und blauer Höhe. Woche um Woche spendete der Himmel seine Gaben, und es konnte einem bange werden, ob denn dieses azurne Blau unerschöpflich sei und ob es wohl noch ausreiche bis...

Endlich, endlich, als die Tage schon etwas kürzer, die Nächte erlabend frisch geworden und morgens jedes Gräslein mit einer kugelrunden Tauperle beschenkt war, kündete der Kalender unwiderruflich den grossen Tag des Jahres an.

War das ein Leuchten und Strahlen; wie mit Zauberschlag ein von allem Geschäftlichen und vom Alltag so plötzliches Entrücktsein!

Nein, das Auto bleibt zu Hause, dagegen tritt der nigelnagelneue Rucksack seine Jung-fernfahrt an.

In sausender und singender Fahrt geht es gegen das Herz unserer alten Eidgenossenschaft - donnernd durch die Tunnels, längs der steinernen Flanken der ewigen Berge. Der « ewigen? » Wirklich? Das ergreifendste aller Geschichtsbücher steht weit aufgeschlagen vor dem menschlichen Geiste. Granitene Felsbrüste in unverrückbarer Starrheit, dann unvermittelt einstiger Meeresgrund, in Jahrmillionen abgelagerte Kalkbildungen und heute in qualvoll verborgenen Steinschichten zu senkrecht aufsteigenden Bergen getürmt; dort unten vom lebendigen Wasser eingesägte Schluchten; schon ferner weg ausgefüllte Talböden, und noch weiter draussen verträumte Seen, Hinterlassenschaft der letzten Eiszeit. All dies, und noch mehr, sind Zeichen jener Schrift, welche uns vom ewigen Werden, Sein und Vergehen in der vermeintlich unbelebten Natur Kundschaft gibt.

In Hospental wird eigentliche Marschbereitschaft erstellt, denn es soll der « alte » Gotthard, das heisst der einstige, tausendjährige Passweg, begangen werden. Er ist als erste Etappe empfohlen im neuen Wanderwegbüchlein von Jakob Ess ( erschienen bei der NZZ ).

Trotz minimalster Proviantaufnahme wiegt der anhängliche Begleiter 12y2 kg; also flagrante Missachtung klüglicher Grundsätze, die möglichst leichtes Gepäck vorschreiben.

Die im Unterland wie Bleiklötze anhaftenden Bergschuhe verwandeln sich in der aufgenommenen Wegspur, welche nebenamtlich als ausgewaschenes Bachbett dienen dürfte, zur ideal geeigneten Gehausrüstung.

« Bis Airolo 5 Stunden » - so ist es auf dem gelben Täfeichen zu lesen. Spontan fassen wir den Entschluss, daraus nicht etwa vier, sondern sieben Stunden zu machen, d.h. genügend Zeit zu haben.

« Wir schneiden gleich die drei ersten Kehren ab », heisst es im Wanderbüchlein.

Wer ist wir? Vorerst « wir » im Singularis, und dann dort weiter oben « stägert » es auf jungen Beinchen und in rotfarbigem Röcklein von Stein zu Stein.

Also denn, langsam bergan, das heisst mit gemessen langem Schritte, dem rhythmischen Gang von Herz und Lunge unbedingt eingeordnet. Nur dem Bergstock ist es erlaubt, seine Dichtungen spielerisch in die Luft zu schreiben.

Links unten, doch vertraulich nahe, sprudelt die junge Reuss und plaudert und grüsst bald laut, bald leise zum Wanderer herauf.

Das Trüpplein, welches die einzige Ergänzung der Wandergesellschaft auf dieser Fährte auszumachen scheint, wird eingeholt. Es sind drei Maidlein zwischen sechs und zwölf Jahren und ein Bub mit weissblondem Haarschopf. Sofort stellt sich der Schulvers ein: « Walter Teil von Bürglen, des alten Teilen Kind, war ein blonder Bube und flink wie Gemsen sind... » Dazu noch die Mutter; sie trägt einen grossen Rucksack, sieht bäuerlich und etwas abgearbeitet aus. Das kleinste Maidlein stellt sich wie eine junge Geiss auf einen Steinklotz und besieht sich in der Tiefe die sprudelnde Reuss.

« Ghumm inne, du ghiischt süscht appe! » Also doch Tellenvolk! Es werden Gruss und ein paar freundliche Worte gewechselt, wobei mir, als vermutlich Verirrtem, gesagt wird, dass ihr Weg auf den Gamsboden führe, dem linksseitigen ( im Aufstieg ) Talboden. Beim Weiss-Rot-Weiss-Zeichen kreuzen wir die Strasse, von den vorbeiflitzenden Autofahrern komisch gemustert als zweifüssiger rucksacktragen-der Anachronismus. Die Spur führt rasch aufwärts. Ein eigenartiges Gefühl überkommt uns in der eingetretenen Stille. Bald bemerken wir vor uns eine verwachsene Wegspur, die, einem Stirnbande gleich, in ausgeglichener Steigung um den Felskopf herumführt. Dann gehen wir auf den immer noch fest in der Erde liegenden Gneisplatten, welche beidseitig das Rollstein-pflaster einfassen und vor Auseinanderfall bewahren. Eine Grasnarbe hat reichlich Zeit gehabt, sich ungestört zwischen den Ritzen anzusiedeln und grünen Teppich zu bilden. Auf diesem Wege sind vor annähernd tausend Jahren stolze Könige, bald mit hochfliegenden Plänen, bald auch in bedrücktem Sinnen, hinüber und herüber gezogen. Welche weltgeschichtlichen Spekulationen wurden nicht auf diesem Pfade gepflegt! Wie oft mag auch, angesichts der ehernen Natur und ihrer erdrückenden Grösse, alles als eitler Wahn, gebunden an die Kürze und Vergänglichkeit des Menschenlebens, erkannt worden sein. Nicht nur Könige, grosse und kleine Pilger wallten herüber mit knappem Ränzchen und dem Stab in der Hand. Bei äusserer Nichtigkeit trugen sie im Geiste Hoffnung und Zweifel. Glaube und banges Fragen, das sich an das Ewige und Unendliche wendet. Würden sie im gelobten Rom verheissene Antwort, die Gnade des Glaubens und den Frieden der Seele finden?

Ein Heidenspektakel reisst uns aus der Träumerei. Horne tuten, Bremsen quietschen, aufgeregte Stimmen ertönen. Quer über die Strasse, nahe dem Rande, stehen drei Wagen, davor und dahinter anwachsende lärmende Schlangen.

Ein vorprellender Hitzkopf hat in einer Kurve das Spiel der aneinander vorbeiflitzenden Autos, Signum unserer Zeit, durcheinandergebracht. Mögen sie es entwirren und wie Ameisen-züge, die einen wieder aufwärts-, die anderen abwärtsgleiten. Zwischen Poststrasse und dem munter rauschenden Wasser haben wir, auf einem Randstein des alten Weges sitzend, den ersten Halt gemacht. Wie mancher mag, wandermüde, oder auch voll banger Erwartungen, wohl schon hier gesessen haben? Es geht bald weiter, ein gutes Stück weit fast eben. Da ist nun auch eine teilweise Verschlammung des Weges unter stehendem Wasser festzustellen. Mit einem gewissen unbewussten Beharrungsvermögen wird die Richtung eingehalten, und auf einmal tauchen, grün überwachsen, die Reste der vertrauten Steinfliesen wieder auf; so geht es in mässig ansteigender Wanderung vorwärts und aufwärts. Die unvermittelt beide Bergseiten verbindende Granitwand, nur vom niederspru-delnden Reussbach für einen schmalen Durchlass zersägt, kündet einen Talsprung an. Wir sind beim Brüggloch angelangt. Wenn auch nicht von merklicher Höhe, ist die Stelle gegenüber dem bisherigen Muldencharakter des nordseitigen Gotthardpasses doch markant. Hier ist es auch, wo der Wanderer, obschon noch eine gute Wegstunde unter der Passhöhe, unerwartet auf die Grenzscheide zwischen Uri und Tessin stösst. Was mag wohl diese gar nicht mit alt-urnerischer Expansionspolitik übereinstimmende Grenzziehung veranlasst haben? Das junge Wasser gleitet als dünner Schleier über die nie trockenen Granitplatten, ruht kurz in einem ersten und zweiten Becken aus, ergiesst sich dann in drei schaumweissen Strängen in das unterste dritte Becken, das als smaragdgrüne Schale kurzes Verweilen gewährt. Man denkt an das wundersame Gedicht von C. F. Meyer über den römischen Brunnen. Dem Namen nach zu schliessen, muss in früheren Zeiten an dieser Stelle eine Brücke den jungen Fluss überspannt haben. Heute ermöglicht ein leicht gebauter Steg an der östlichen Seite des Wassers, unsere Wanderung fortzusetzen.

Wie nicht anders zu erwarten, ist oberhalb des Durchbruches das Gelände wieder auf längere Strecke ausgeebnet durch nacheiszeitliche Ausfüllung. Auch hier ist der alte Weg stellenweise ertrunken, um aber bei wieder einsetzender Steigung in ursprünglicher Breite und Beschaffenheit hervorzutreten. Es ist auffallend, dass der flache « Boden » als Campo dei Morti bezeichnet ist, während wir unmittelbar oberhalb die Alpe di Fortumi feststellen können. Da der Berghang ziemlich steil ist, darf vermutet werden, dass einst eine Naturkatastrophe den wüchsigen Boden überdeckte, Mensch und Vieh oder eine ganze Kolonne Wanderer begrub, während die Hochalp verschont blieb.

Am Hang oberhalb des Weges sind drei halbwüchsige Kinder auf Suche nach Blumen. Sie haben den Reussbach überschritten und melden freudig rufend ihre Funde der « Mutti ». Das Auto steht drüben auf der Strasse; das Mutti mitten im Bach mit hochgeschürz-tem Kleid, barfuss, gebückt und ängstlich; sie weiss nicht mehr vor- und rückwärts. Ein Bub steht am diesseitigen Ufer auf einem Steinblock und will ihr die Hand reichen, doch es sind die Arme noch zu kurz. Da stellen wir unseren dicht genähten Bergschuh ins Wasser, die Rechte weit ausgereckt - und hupp -, drüben ist Mutti glücklich gelandet. Etwas verlegen meint die ausländische Frau: « Es ist doch nicht so einfach, wie es scheint; schönen Dank! » - « Es ist gerne geschehen. » - Im schmeichelnden Gefühl als ein Christophorus, wenn auch nicht als ein heiliger, gewaltet zu haben, schreiten wir unter dem anhänglich werdenden Rucksack bergwärts.

Drüben, am rechtseitigen Hang, kommt die wuchtige Staumauer des Lucendrowerkes in Sicht, ein Zeichen menschlichen Eingriffes in das Walten der Naturkräfte. Mit dem Höhersteigen wird es lichter und freier. Von Ost nach West bilden die Gebirge einen Hochsattel. Stumpf gerundet, wie massige Pflanzen aus der Erde stossend, zeigen sich die granitenen Flachhöcker. Geradlinige Schrammen weisen zurück in die eiszeitliche Vergletscherung. Die beiden Seen senden zwei Flüsse in den europäischen Raum, genau nord- und südwärts. Hier, wo Stürme und Wind, Regenschauer und Schneetreiben aufeinanderstossen und um momentane Vormacht kämpfen, hier haben sich seit Jahrtausenden Europas Hauptelemente, das Germanische und das Romanische, getroffen. Zwei Welten in Natur, Pflanze, Tier und Mensch berühren sich hier, ohne je sich zu verschmelzen. Das Auge nimmt mit einem Blick zwei Himmel, zwei Leuchten, zwei Arten von Heiterkeit wahr. Der Berührungspunkt dieser zwei Welten, welche innerhalb zweieinhalb Jahrtausenden die heutige geistige Welt geschaffen haben, zwingt zur Ehrfurcht. Wäre da anderer Boden denkbar als das granitene Ur-gesteinAuf der anderen Seite der graugrünen Seefläche herrscht geschäftiges Treiben. Bei jahr-marktähnlichem Lärm kommen und verschwinden jede Art von motorisierten Fahrzeugen, vom knatternden Kleinsten bis zu den tunnellangen Kästen. Völkerscharen mit Esspaketen entströmen den fahrenden Bäuchen oder werden davon verschluckt - und weiter geht 's, nord- oder südwärts. Man ist ja dagewesen - und schon denkt man an das nächste Ziel -eine Vorstellung aus Distanz dividiert durch Zeit.

Auf ganz kurzer Strecke teilen wir die Strasse mit den ratternden Dingern - und sind froh, den alten Passweg wieder gefunden zu haben. Dann stehen wir oberhalb der Kehren der Tremolaschlucht. Die Schlaufen und Schlingen erwecken ganz das Bild einer ins Ungeheuerliche verzauberten Riesenschlange. Für uns bleibt nur schmale Auftrittmöglichkeit an Stotzigen, doch nicht gefährlichen Hängen. Desto rascher geht es abwärts. Wir wollen dieser Paßstrasse die Anerkennung der Grossartigkeit als menschliches Werk gerne zu erkennen.

Als wir vor dreieinhalb Jahrzehnten, nach bereits zwölf in entgegengesetzter Marschrichtung absolvierten Wanderstunden in Airolo noch den Aufstieg bis zum Hospiz bei eingefallener Nacht in Angriff nahmen, da erschienen uns die hochgetürmten Kehrmauern als in den Himmel ragende Ungetüme, und es wurden ihrer mehr und mehr und wollte kein Ende nehmen. Diesmal schauen wir auf eine seither durchgeführte Kunstbaute hinab und bezwingen sie eiligen und flüchtigen Schrittes.

Im Gegensatz zur Nordseite ist der Südabstieg sehr steil. Der Fremde sucht nach den durch die jüngste Lawinenkatastrophe verursachten Narben im Gesichte des Fleckens Airolo.

Es hat an einer wuchtigen « Letzimauer » bergseitig der Ortschaft nicht gefehlt, doch die Elemente überspielten menschliche Voraussicht1.

Am Spätnachmittage lassen wir uns in bereits südlich anmutender Atmosphäre einen wohlverdienten Ruffino vorstellen.

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