Der Burgerweg der Drusenfluh

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Von Ruedi Schatz ( St. Gallen )

Mit 2 Bildern ( 111, 112 ) Wenn du das nächste Mal eine der zahlreichen Parsennabfahrten hinunter-sausest, dann schalte an einem freien Punkt eine Rast ein und schaue über das Prätigau hinweg nach Norden — und wenn dein Zug das nächste Mal an der Station Schiers hält, dann benütze die kurze Minute zu einem Blick ins wilde Schraubachtal hinein; beide Male wirst du dasselbe sehen; eine gewaltige, hell leuchtende Kalkmauer schliesst den Horizont ab; die Drusenfluh. Freilich ist die Distanz etwas gross, aber der Eindruck ist doch nachhaltig genug, um die Neugier und Entdeckerlust zu wecken; und wenn man diesen Begehren folgt und an einem schönen Sommerabend diese gewaltige Felsenburg über dem Garschinahüttenweg auftauchen sieht, dann macht schon dieser Anblick alle Aufstiegsmühen bezahlt.

Wohl kein anderer Gebirgsstock der Schweiz weist so viel Ähnlichkeit mit den berühmtesten Dolomitenbergen auf. Da erstrecken sich zwischen Prätigau und Schweizer Grenze die weiten, sanften Flächen der Alpweiden, unterbrochen nur von grünen Hügeln; die ganze, geräumige Terrasse blickt nach Süden, so dass die Sonne das Gras üppiger wachsen lässt als anderswo. Und aus dieser Sanftheit steigt plötzlich, ohne Übergang, in einzigartigem Kontrast die vier Kilometer lange Drusenmauer auf. Vier-, ja sechshundert Meter schwingt sie sich steil empor, einen grossartigen Abschluss hinter diese Landschaft setzend. Trotz ihrer Höhe und Steilheit ist sie aber nicht als eine finstere Wand zu werten, denn die Sonne spielt mit ihren warmen Farben im Gestein, und die Menschen zu ihren Füssen schauen ohne Furcht zu ihrem Berg hinauf.

Weitab vom Verkehr, in ruhiger Einsamkeit steht die Drusenfluh. Nur wenige begehen die grossartigen Kletterrouten auf der Schweizer Seite. Unter unsern Landsleuten sind es vor allem die Mitglieder des « Kletterklubs Chur », die hier ihre beliebtesten Wege besitzen. Wir glauben aber, dass die landschaftlichen Reize und bergsteigerischen Möglichkeiten ganz allgemein dem Gebiet einen der ersten Plätze unter den schweizerischen Kletterbergen sichern. Sie öffnen ihre Wege aber nur ernsten und stillen Bergsteigern.

Seit auf der Garschinafurka die kleine Militärbaracke Platz für 12 Personen bietet, sind die Schweizer nicht mehr ausschliesslich auf die österreichische Lindauerhütte angewiesen. Auch die « Polenbaracke » auf der Grüscher Alp, unter dem Schweizertor, kann als Ausgangspunkt dienen. Viele Routen aller Schwierigkeitsgrade führen durch die Südwand. Auch die Höhenwanderung auf gutem Wege am Fusse der Wand entlang ist ein unvergessliches Erlebnis.

Als wir am 25. September 1949 auf der Garschinafurka pustend ankamen, dachten wir noch nicht, dass wir den « Burgerweg » bezwingen würden. Fast etwas beklommen suchten wir ihn « von Aug » in der steilen Wand abzutasten. Ich hatte schon viel von ihm in Kreisen der « Sammethösler » erzählen gehört, und manchen sehnsüchtigen Blick hatte ich von Schiers aus auf ihn geworfen. Hans Bernhard hatte mir sogar gesagt: « Der Burgerweg ist vielleicht eine der grossartigsten und schwersten voralpinen Klettertouren der Schweiz. » Ernst Burger hat im Jahre 1933 mit zwei Gefährten aus Bregeriz sich diesen über fünfhundert Meter hohen Weg gebahnt. Viele hatten es vorher versucht, aber vergebens. Burger war der erste, der den gewaltigen Überhang bewältigte. Der erste Schweizer war dann Ferdy Bürke, der unter viel Mühen im Überhang den entscheidenden Haken festschlug, der seither für alle Nachfolgenden den Durchstieg erleichterte. Er erlaubt, den unheimlich viel Kraft raubenden und sicherungslosen Burgerriss zu umgehen. Uns war die 19. Begehung vorbehalten.

Garschinahütte. Bis Mitternacht wurde allerhand erzählt. Von einem seligen Schlummer konnte bei der drangvollen Enge ohnehin nicht die Rede sein. Man hoffte gar mit dem letzten Gedanken auf Regen, um sich dann recht ausgiebig ausschlafen zu können... WeckergerasselEin Blick in die dunkle Nacht hinaus: treibende Wolken. Das mutspendende Licht des Tages fehlt noch. Aber wenn man sich eine Tour fest in den Kopf gesetzt hat, so trotzt man oft genug Schlechtwetterzeichen und hofft bei leisestem Gutwetterdeuten auf sonnigen Tag. Mein Kamerad Tony Castelazzi verlässt mit mir im ersten Tagwerden die Hütte. Wie eine Herde Geissen klinkern die 15 Karabiner und 20 Haken am Gürtel; ein 30-Meter-Nylon- und ein ebensolanges Hanfseil vervollständigen den « Kriegsschmuck », während der Biwaksack uns den nötigen moralischen Halt gibt, denn die Hälfte der bisherigen Partien hatte in der Wand irgendwo schlafen — oder Schlafversuche machen — müssen.

Am Einstieg. Ganz nahe scheint der Gipfel zu sein. Ein Scherz der Per-spektiveWir sind nicht allein, vor uns steigt ein Österreicher mit seinem Kameraden in die Wand. Es ist Franz Bachmann, mit seinen vier « Burger-begehungen » wohl der beste Kenner der Route. Wir lassen sie ein gutes Stück vorausgehen, um vor Steinschlag gesichert zu sein. Sie werden eine Stunde vor uns den Gipfel zu erreichen vermögen. Wir steigen ein und klettern gut aufwärts. Da saust eine tischgrosse Platte plötzlich herab. Wir drücken uns in Deckung. Aber das Seil wird glatt zerschnitten, so dass wir für das Weitersteigen nur noch zwanzig Meter Seilabstand innehalten können, wo doch fünfunddreissig wünschbar wären. Dafür scheint sich das drohende Wetter etwas zu bessern, und auch der Fels wird gut und gestattet uns ein rasches Vorwärtskommen. Wir können in der weiten Verschneidung, die sich vom Gipfel zum Kar hinzieht, ab und zu sogar beide gleichzeitig klettern und gewinnen so Zeit. « Klettern in leichtem Fels » bis zu jener Stelle, von der es im Führer heisst: « Hier zieht sich ein kurzer Kamin empor, dem man an seiner linken, weit vorstehenden Kante ( Hakensicherung ) folgt. Äusserst schwierig. » Wir ziehen es vor, den Kamin selbst zu benützen, da dies etwas sicherer zu sein scheint. Der Stein ist zwar in beiden Varianten brüchig. Wir spreizen uns etwa zehn Meter hoch, schlagen einen Haken zur Sicherung des Ausstieges nach rechts und steigen etwa fünfzehn Meter über steile Absätze hinauf zu einem guten Stand. Über uns hängt nun das gewaltige, dreieckförmige Dach, das bei guter Beleuchtung von Schiers aus sichtbar ist und das jeden Weiterweg kategorisch zu verbieten scheint. Aber man denkt daran, dass da schon jemand durchgekommen ist und man sicher die Griffe auch finden wird.

Wir drängen uns an die Schlüsselstelle heran: neunzig Meter pfeilt sie vor uns hinauf! Erst eine Verschneidung, dann unterm Rand des Daches nach rechts hoch, auf den Klemmblock, der wie eine fallreife Frucht ob unsern Köpfen hängt, und dann der Überhang selbst, der unsere Welt vorläufig abzuschliessen scheint, ein wirkliches Tor zur Höhe. Mit einer noch frei erkletterbaren Verschneidung beginnt die schwierige Partie. Nach sieben Metern verlässt man sie nach rechts, und dann befindet man sich für die nächsten Stunden im harten Bereich des sechsten Klettergrades. Freudig begrüsst weisen einige Haken den Weg, erst im halbmondförmigen Riss rechts hoch zu einem kleinen gelben Block, der luftig in der grauen Wand aufsitzt und auf den leisesten Zug mit leichtem Bewegen antwortet. Nur mit einem behutsamen Druck « auf seinen Buckel » kann man sich vorsichtig über den Block hocharbeiten. Eine Nische. Zwei Meter nach rechts in die senkrechte, stumpfe Rinne, in der man sich kaum halten kann, bis der erste Haken geschlagen ist und Sicherung erlaubt. Etwa acht oder neun Stifte braucht es für die nächsten fünfundzwanzig Meter, immer im selben Riss hoch, wobei man sorgfältig darauf achten muss, die Seile in Ordnung zu halten, überkletterte Karabiner auszuhängen, um den Zug der widerspenstigen Seile nicht noch zu verstärken. Mit dem Kopf stosse ich fast an einem Klemmblock an. Ich schaue auf und muss erkennen, dass es sich nicht um einen einzigen, festen Block handelt, sondern um fünf einzelne Blöcke, die wie eine « römische Brücke » aneinandergelehnt und auf auseinanderstrebenden Begrenzungswänden aufsitzen. Ich drücke mich in schwierigem Quergang nach rechts, um dann auf diese lose Blockbrücke zu klettern. Der Wind pfeift hinter den Klemmblöcken durch wie in einer Esse. Über ihnen ragt der Überhang hinaus, völlig waagrecht, etwa zwei Meter weit. Wir hängen uns an einen Standhaken, der in diesem Überhang steckt. Ich überlasse nun Tony den Vortritt. Er war schon einmal mit dem berühmten Kaiserführer Hofer da oben und will jetzt die Sache selbst als Erster versuchen. Tony hängt bald zwei Meter draussen über dem Leeren, in gleicher Höhe wie ich, in einer Stehschlinge, steigt dann in ihr so hoch wie möglich und greift hinauf über die Kante nach dem unheimlich hoch sitzenden Haken. Mein Kamerad muss sich in seine « letzte Länge » strecken und steht hoch in der Schlinge, krampfhaft um sein Gleichgewicht bemüht. Sorgfältig bediene ich das Seil. Noch einmal reckt er sich. Ein leises Einklinken des Karabiners sagt, dass die Sache gewonnen ist. Tonys Beine verschwinden. Nur noch etwas keuchende Kommandos ertönen, « Nylon Zug », « Hanf fixieren », « Zug ». So geht es langsam weiter, bis er endlich auf dem hart erkämpften Überhang sitzt und sich ausruhen kann. Die Reihe ist an mir. Die Aussicht, zehn Karabiner auszuhängen, während einem der Überhang dauernd hinausdrückt, erscheint mir gar nicht so verlockend, besonders unter dem Dach. Ich ziehe kurz entschlossen die Stehschlinge zu mir her, löse die beiden Karabiner in der Decke und pendle dann hinaus ins Leere, um mich an der Stehschlinge hochzuziehen. Eine Sache, die viel Kraft verlangt und Vertrauen zu den guten Seilen. Immer haben die Arme wacker zu tun, um den fliehenden Körper an der Wand zu halten. « Seil fixieren. » Ich ruhe eine Weile aus und betrachte den « Burgerriss » und frage mich, wie es möglich war, durch diesen überhängenden, handbreiten, glatten und fast zwanzig Meter hohen Riss ohne vorgehende Hakensicherung den Weg zu findenIch quere den Riss nach rechts, wo in einer glatten Bosse ein dreieckiges Trittchen winkt und noch weiter rechts eine griffige Kante. Ge-streckt kann man sie fassen, um sich dann sachte fallen zu lassen und auf einem im Vergleich zu den vorgehenden Griffen grossen Tritt zu stehen. Das Herz pocht lauter, vor Anstrengung, aber auch vor Freude, denn der Überhang ist bezwungen!

Der Gipfel scheint nun zum Greifen nahe, und doch trennen uns noch drei Stunden von ihm. Wir klettern weiter. Die Griffe sind zahlreicher, aber im brüchigen Gestein brechen sie leicht aus, so dass man behutsam auf Stand steigen muss. Eine offene Rinne wird nach links über eine messerscharfe Kante verlassen. Es folgt ein Wandstück, und dann stehen wir am Beginn des Sechzig-Meter-Kamins, in dem sich nach den Angaben Hofers die eigentliche Schlüsselstelle befindet. Vorerst kommen wir ganz gut hoch und versuchen jenes Optimum zwischen starker Reibung und müheloser Fortbewegung zu finden, welches das Klettern im Kamin zum Genuss macht. Aber wie ich mich in der zweiten Seillänge etwa sechs Meter hochgedrückt habe, stehe ich vor der Frage: Weiter durch diesen überhängenden, glatten Riss oder über den Felswulst zur Linken hinausqueren und mit Hakensicherung die darüber ansetzende Verschneidung benützen? Ich wähle das Zweite. Aber das Hinausqueren bietet mehr Schwierigkeiten, als ich dachte, und ich begreife, dass Hofer hier die Schlüsselstelle sah: Tritt null, Griffe minim, und in der Mitte, wo ein Grifflein gewesen sein muss, grinst mich höhnisch eine feine Rostspur an: ein Haken hatte den Griff ausgesprengt. Zweimal setze ich an, beim drittenmal gelingt es mir, Halt zu finden und durch die Verschneidung auf einen Klemmblock zu klimmen. Durch eine Höhle geht es von hier weiter, und dann folgen noch drei Seillängen Ausstieg, leichter, wohl noch durch etwas brüchiges Gestein. Und dann tauchen wir nach acht Stunden Kletterns glücklich und zufrieden auf dem weiten Plateau des Grossen Drusenturmes auf. Wir hatten den Burgerweg bezwungen!

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