Der Cerro Puntiagudo

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Erste Besteigung.

Mit 2 Bildern.Von Edwin Henke und Hermann Hess.

In « Die Alpen » 1925 berichtet Hafers, ein in der Chilenischen Schweiz sehr gut bekannter Alpinist, über seine Bergfahrten in der Suiza Sudamericana. Voller Begeisterung erwähnt er die stolzen Gipfel des Tronador, die steile Felszacke des Puntiagudo, des chilenischen Matterhorns, den dem Fujiyama ähnlichen Vulkan Osorno, welchen er im Winter auf Ski zu besteigen versuchte.

Was ihm seinerzeit nicht gelungen, hat die hiesige inzwischen heran-gereifte Jugend in aller Stille vollbracht. Auf zwei verschiedenen Bouten wurde das eisige Haupt des Tronadors bezwungen, im Jahre 1934 durch Hermann Claussen von Peulla und im Jahre 1937 durch Otto Meiling von San Carlos de Bariloche. Der Krater des Osornos sah schon mehr als ein Paar Skispitzen neugierig in seinen Abgrund blicken, heute sind die unvergleichlichen Schneefelder des Vulkans der Tummelplatz einer begeisterten Skifahrergilde.

Als letzter der unbezwungenen Biesen musste endlich der Puntiagudo, die Spitze, sich menschlicher Willenskraft beugen. Am 8. September 1937 bestiegen unsere jungen Landsleute Don Budi Both, der 19jährige Sohn des Bicardo Both von Peulla, und der kurz zuvor eingewanderte Hermann Hess, Sohn des bekannten Bergführers Hermann Hess aus Engelberg, den Gipfel. Nach zwölf Stunden härtesten Kampfes reichten sich die zwei jungen unerschrockenen Bergsteiger auf der höchsten Spitze des chilenischen Matterhorns die Hand; der zu Füssen des Berges aufgewachsene Budi Both sah seinen grössten Wunsch in Erfüllung gegangen. Freudigen Auges blickte er über seine so herrliche Heimat, über die grünen Wasser des Lago Todos los Santos, über die schnee- und eisbedeckten Gipfel der Kordillere.

Und mitten aus diesem höchsten Glücksempfinden forderte ihn der jähe Bergsteigertod. Auf halbem Wege zum Einstieg zurück stürzte er ab und riss seinen Kameraden durch den furchtbaren Buck mit in die Tiefe. Das Seil zerriss. Während Hess, durch die scharfen Eis- und Felszacken stark zerschunden, etwa 200 Meter tiefer unten auf einem Schneefeld aufgehalten wurde, haben die Eisschründe unseren Kameraden Budi Both zu sich genommen.

Die kühne Spitze des chilenischen Matterhorns wird uns Ansporn sein zu neuen Bergfahrten. Wenn wir hoch oben auf Graten wandern, wenn wir von zackigen Gipfeln die herrliche Kordillere bewundern, dann wird uns der Freund nahe sein, ehrfurchtsvoll werden unsere Augen den Wächter seiner letzten Buhestätte suchen: den Puntiagudo.g jjAm 6. September 1937 trafen Budi Both und ich, aus Peulla kommend, im Fundo Puntiagudo ein, um von dort die Erstbesteigung des Cerro Puntiagudo zu versuchen. Begleitet von einem ortskundigen Mann brachen wir noch am gleichen Tage auf, unser Gepäck, aus zwei Rucksäcken, Zelt und Ski bestehend, wurde auf ein Pferd geschnallt. Nach drei Stunden Marsch erreichten wir das Ende der zum Berge führenden Picada. Dort wurden Pferd und Mann wieder zu Tale geschickt. Mit geschulterten Lasten kämpften wir uns durch ein kurzes, aber sehr steiles Stück Wald hinan, um auf einem Ausläufer des Nordostgrates auf 1100 Meter in einer geschützten Schneemulde unser Hochlager zu errichten.

Am folgenden Morgen folgten wir auf unseren Ski dem Nordostgrat bis auf 2000 m Höhe. Hier am Fusse der eigentlichen 490 m hohen Gipfelpyramide hielten wir Rast, um in aller Ruhe den bestmöglichen Anstieg zu entdecken. Bei allen früheren Versuchen wurde die Route über den Nordgrat gewählt, doch war ich mir bald im klaren, dass bei den jetzigen Schneeverhältnissen der Weg direkt über die Ostwand wohl der vorteilhafteste sei, und so beschlossen wir, das günstige Wetter auszunützen und morgen den Einstieg zu wagen. Langsam stampften wir zu unseren Ski zurück und erreichten dann in stiebender Fahrt über die wundervollen Schneegräte unser Lager.

Am 8. September brechen wir morgens um 4 Uhr auf und sind bei Morgengrauen am Einstieg. Ein Rucksack bleibt zurück. Mit meinem Kameraden durch das 36-Meter-Seil verbunden, beginne ich die beinahe eine Stunde dauernde Hackarbeit im grauen, senkrechten Eis beim ersten Gendarm. Ein steiles Firnfeld folgt. Die ungleiche Schneebeschaffenheit zwingt zu äusserst vorsichtigem Gehen. Jede Seillänge wird gut gesichert. Nach kurzer Zeit geht der Firn in Eis über, und wieder gibt es Hackarbeit. Wir sind in bester Form. Meter um Meter gewinnen wir an Höhe. Über eine grosse Firnwand von über 60 Grad Steilheit gelangen wir in die Eisschlagzone.

Durch die Einwirkung der Sonne war die Beschaffenheit des Firnhanges äusserst schlecht geworden. Geschützt durch einen mit Eiszapfen dicht behangenen Felsen, hielten wir kurze Rast. Fast senkrecht blickten wir auf den 1500 m unter uns liegenden Ostgletscher hinab.

Wir kamen jetzt ins eigentliche Gipfelcouloir, welches ich schon gestern als den schwierigsten und gefährlichsten Teil der ganzen Besteigung bezeichnet hatte. Seine Steilheit ist ungeheuer. Zudem lag noch eine trügerische Schneeschicht auf dem Blankeis. Wir hielten uns rechts am Couloir, mussten eine exponierte Felszacke überklettern und gelangten an den Fuss einer beinahe senkrechten, zirka 60 m hohen Eismauer, welche oben von einer auffälligen Nase abgeschlossen wird. Wir sahen bloss die Spitze des Gipfels über der Nase. Bei heikler Arbeit kamen wir endlich'unter die erwähnte Nase und waren nun etwas geschützter gegen die während des Aufstieges ständig über unsere Köpfe hinwegsausenden Eisgeschosse. Der Eisschlag war so heftig, dass von Weitergehen über die Kante keine Rede sein konnte.

Wir warteten also hier, bis die Flanke im Schatten lag. Nach zirka zwei Stunden trat Ruhe ein. Sofort schafften wir uns über die Eiskante und sahen zu unserer grossen Genugtuung den einzuschlagenden Weg zum Gipfel. Wir querten ins Couloir, hackten uns in demselben hoch und befanden uns nun südlich des Hauptgipfels. Endlich trafen wir gute Schneeverhältnisse, das anstrengende Stufenschlagen ging zu Ende.

Über einen messerscharfen Schneegrat kamen wir verhältnismässig leicht zum Vorgipfel, umgingen denselben, überwanden noch eine Schneewächte und standen aufatmend auf dem Gipfelgrat. Noch zehn Minuten, und wir reichen uns fröhlich auf dem Hauptgipfel die Hand. Zwölf Stunden härtester Arbeit hatte die Besteigung erfordert. Aber das Gefühl, auf einem bisher unbezwungenen Gipfel zu stehen, dazu die herrliche Fernsicht liessen alle Mühsal in nichts zerrinnen. Wir fühlten uns frei und stark. Der Höhenmesser zeigte 2490 m.

Während wir uns zum Abschied bereit machten, notierten wir noch schnell die Daten der Besteigung und steckten den Zettel in eine Flasche, welche wir dann beim Vorgipfel in eine Felsspalte schoben. Wie erwartet war jetzt die Spur in bedeutend besserem Zustand als zur Zeit des Anstieges. Bei der grossen Eiswand angekommen, versuchten wir, um dieselbe zu umgehen, einen Abstieg direkt im Hauptcouloir. Da dasselbe jedoch genau so vereist war wie die erwähnte Wand, so zogen wir es vor, die beim Aufstieg geschlagenen Stufen und Griffe auch beim Abstieg wieder zu benützen.

Langsam, Schritt für Schritt nach Möglichkeit sichernd, stiegen wir über die Eiswand und den darunter liegenden Firnhang ab. Dort galt es, einen Eisnollen zu umgehen. Während mein Kamerad voran schreitet, gebe ich ihm schultergesichert Meter für Meter Seil. Ich kann ihn nicht sehen, er mag 30 Meter tiefer stehen. Plötzlich ein ungeheurer Ruck im Seil — mein Freund muss ausgeglitten sein. Die ganze Schneeschicht, auf welcher ich stehe, löst sich, ich werde mitgerissen. Vergebens versuche ich, den Pickel einzurammen, er wird mir aus den Händen gerissen. Unaufhaltbar sause ich der Tiefe zu, von meinem Begleiter ist nichts zu sehen.

Wie ich wieder zum Bewusstsein komme, ist es Nacht. Ich liege auf dem Nordgletscher unterhalb des Einstieges. Noch ist mir alles undeutlich, furchtbare Schmerzen quälen die Magen- und Hüftegegend, dazu leide ich unter Atemnot. Langsam sehe ich klarer. Ich weiss jetzt, dass wir abgestürzt sind. Und suche nach dem Seil. Nirgends eine Spur, es muss am Knoten abgerissen sein. Laut rufe ich nach meinem Kameraden, doch alles bleibt still. Ich suche, so gut es geht, die nahe Gletscherspalte ab, doch ohne Erfolg. Auch nicht der kleinste Ausrüstungsgegenstand lässt sich erblicken.

Schon hüllen Nebel Wand und Grat ein. Ich weiss: nur eines kann noch Rettung bringen, ich muss sofort ins Tal und Hilfe holen. Mühsam arbeitete ich mich über den Nordostgrat zum Hochlager, wo zum Glück bald darauf ein Träger erschien. Er brachte mich zu Tal, wo vom Fundo Puntiagudo so rasch als möglich Peulla von dem Unglück benachrichtigt wurde. Am Nachmittag begann es zu regnen. Noch in der Nacht kam ein Extradampfer von Peulla mit der ersten Rettungskolonne. Doch konnte sie nicht weiter vordringen als bis zum Hochlager. Ein unheimlicher Schneesturm verbot alles weitere Vordringen. Alle späteren Bergungsversuche sind bis heute erfolglos geblieben, der Berg wollte sein Opfer nicht herausgeben.

Für meinen Freund Rudi Roth war diese Erstbesteigung des Puntiagudo die schönste und letzte Bergfahrt.jj jj \

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