Der Gebirgstopograph

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Paul Simon, Sektion Bern, A.A.C.B.ern.

Von Illustrationen nach Zeichnungen und Aufnahmen des Verfassers.

Ein freies Leben führen wir, ein Leben voller Wonne », so singt der Räuber im Busch und der Topograph im Feld, wobei letzterer allerdings eher den ersten Teil dieses Zitats betonen wird. Was ein Gebirgstopograph eigentlich treibt und wie er lebt, das zu ergründen und zu beschreiben sei im nachfolgenden versucht.

Im Jahrbuch des S.A.C., Band 50, hat Kollege Hans Dübi in seiner humorvollen Weise von den Arbeiten des Gebirgsgeodäten geschrieben. Der Blick des Lesers sei nun für heute freundlichst auf jene kleine Gruppe von Ingenieuren gelenkt, die in dieses über das Gebirge gespannte Netz von Signalen die Karte aufnehmen, einzeichnen und verarbeiten, neue Kartenblätter schaffen, alte korrigieren, und oft — leider — nicht korrigieren können. Ferner sei mir gestattet, im nachfolgenden einen Blick in die Zukunft zu tun, dem Alpenfreund zu verraten, was er in den nächsten Jahren für seine Gebirgskarten erwarten darf, welche Entwicklungsmöglichkeiten unsere neuen Vermessungsmethoden für die Kartierung des Hochgebirges erhoffen lassen. Sollte ich bei Einzelheiten etwas lange verweilen, so wird mir dies der freundliche Leser zugute halten. Monatelanges Nomadenleben im Gebirge verlangt gründliche Vorbereitungen und eine glückliche Hand in der Auswahl der Gefährten.

Im Frühjahr, wenn die Schneegrenze auf etwa 2000 m hinauf zurückgewichen ist, wenn der Bergbauer beginnt, die von Lawinenschutt überführten Weiden abzuräumen, die Alphäge wiederum errichtet werden, wenn aus jedem Hang, in jeder Mulde ein Schneewässerlein fliesst, dann steigt auch der Topograph aus der Stadt in die Berge hinauf.

Der Abschied von Hause war nicht leicht, denn für sechs volle, schöne Sommermonate ist der Ingenieur, ist der Vater seiner Familie fern. Das Erzie-hungsdepartement, das während der Wintermonate vorübergehend in der kräftigen Hand des Hausvaters verankert war, geht wieder ganz an die Hausfrau über, und erst im Spätherbst, wenn das braune Gesicht, die etwas laute Gestalt des Heimgekehrten nicht mehr als Kinderschreck wirken, fasst die kleine Schar wiederum Zutrauen zu ihrem Ernährer. Die Fälle, in denen die « Frau Ingenieur » mit in die Berge hinaufsteigt, den Verpflegungsdienst leitet, Leiden und Freuden einer Hochgebirgskampagne teilt und erst nach beendigter Saison mit dem Gatten Paul Simon.

heimkehrt, sind selten; ganz ausgeschlossen überall da, wo schulpflichtige Kinder vorhanden sind. Wohl aber trifft der Fremde, der in den Ferienmonaten unsere Hochtäler bereist, in abgelegenen, einfachen Bergwirtshäuschen oft hübsche Frauen mit kleinen Kindern, die alle Abende dieselben Spaziergänge unternehmen, von Zeit zu Zeit in die Höhe blicken, immer nach demselben Berge Ausschau halten und die umliegenden Spitzen merkwürdig gut kennen! Dies sind Topographenfrauen! Und nun begleiten wir den Topographen auf seiner Wanderung. Ein Nachtragstopograph I Er hat den Auftrag, das Blatt X des topographischen Atlasses 1:50,000 nachzutragen, d.h. auf seine Gründlichkeit zu prüfen, Fehlendes zu ergänzen, Unstimmigkeiten zu beheben und ungenaue Terrain- darstellung«wenn möglich » neu aufzunehmen! Warum solch ein Auftrag? Warum lässt man diesem Ingenieur für die Ausführung seiner Aufgabe solch breiten Spielraum? Warum lautet der Auftrag nicht einfach: « Prüfen Sie dieses Blatt und beheben Sie allfällige Fehler! » Überdies besitzt der Ingenieur noch ein Verzeichnis all der zahlreichen Aussetzungen und Fehlerangaben, die im Verlaufe der Jahre von Bergsteigern, Skifahrern und Wissenschaftern aller Art erhoben und der Landestopographie zur Kenntnis gebracht werden. Trotz dieser vielseitig konstatierten Mangelhaftigkeit des Blattes erhält der Topograph die Weisung « wenn möglich zu ändern! » Und wie geht er nun vor? Schon die ersten, rekognoszierenden Gänge im Gebiet haben dem Fachmann bestätigt, dass alle diese eingesandten Aussetzungen diesmal tatsächlich berechtigt sind, dass die Karte von Fehlern wimmelt. Sein Instrument hat ihm mit erbarmungsloser Schärfe überdies gezeigt, dass in dieser Aufnahme noch einschneidende Verschiebungen und Ungenauigkeiten stecken, die der ahnungslose Laie überhaupt nicht konstatieren konnte. Und so meldet dieser Ingenieur seinem Vorgesetzten, dass die Mangelhaftigkeit dieses Blattes die Erwartungen noch übertreffe, eine Korrektur aussichtslos sei! Darauf erteilt der Chef die Weisung: « Versuchen Sie, die fehlenden Wege, Bahnen, Häuser aufzunehmen, grobe, sinnstörende Terrain Verzeichnungen zu mildern; das übrige wird nicht bearbeitet. » Und die Mängel bleiben weiter bestehen, geändert wird nichts, die Klubisten räsonieren und fassen den Entschluss, die diplomatischen Beziehungen zur Landestopographie abzubrechen, denn gefruchtet hätten ihre wohlgemeinten « Eingesandt » doch nichts.

Und so denkst auch du, lieber Leser, und schüttelst den Kopf! Doch mit Unrecht. Wohl sind sich die leitenden Stellen der Landestopographie und die ausübenden Ingenieure dieser Zustände bewusst, es ist ihnen auch bekannt, dass ein Teil unserer Hochgebirgsaufnahmen den heutigen Anforderungen an Genauigkeit und Darstellung in keiner Weise mehr genügen, einzelne Blätter ihrer Zweckbestimmung nicht mehr voll gerecht werden können. Aber es ist dem Fachmann sofort klar, dem Laien vielleicht unbekannt, dass solche ausgedehnte Fehlpartien nicht durch eine Teil- und Scheinkorrektur verbessert, sondern nur durch eine vollständige Neuaufnahme ersetzt werden können. Doch zu einer solchen Neuaufnahme wird der Ingenieur, wie wir gesehen, durch obigen Auftrag nicht ermächtigt, und so wird er in unserem Falle zu vermeiden suchen, durch präzise Vermessungsarbeit jeglichen Kontakt mit der ungenügenden, vorhandenen Aufnahme zu verlieren. Und nun die weitere Frage: Warum werden ungenügende Fehlblätter nicht neu vermessen? Warum nicht aus dem Verkehr zurückgezogen und durch neue Blätter ersetzt?

Gewiss, diese so notwendigen Ergänzungsblätter dürften baldmöglichst in Arbeit genommen werden, doch nicht mehr nach der mühsamen, veralteten Vermessungsmethode durch Messtisch und Kippregel, einer Methode, die für ein einzelnes Hochgebirgsblatt ( zirka 210 km* ) einen Zeitaufwand von ungefähr zwei Jahren erforderte. Unsere moderne Vermessungstechnik ( Photogrammetrie, ergänzt durch Autograph ) erlaubt uns ja schon heute, ausgedehnte, unzugängliche Gebirgsgruppen in kürzester Zeit und mit grösster Präzision neu zu vermessen, unbekümmert um Massstab und Äquidistanz. Doch da diese neuzeitliche Ver-messungskunst erst in jüngerer Zeit Eingang in unsere Landestopographie gefunden hat, sind deren vortreffliche Ergebnisse dem einzelnen Kartenbenützer noch unbekannt. Darum möge sich der Alpinist für eine geraume Zeit noch mit den vorliegenden Kartenwerken begnügen, seine Geduld soll dafür um so schöner belohnt werden.

Trösten wir uns also vorläufig mit dieser Hoffnung, glauben wir dem Ingenieur, wenn er sagt, dass eine so oberflächliche Korrektur des Blattes Zeit, Geld und Mühe nicht lohnt. Gelänge es auch, einige Bachläufe zu ändern, fehlende Felswände hineinzuzeichnen, gerodeten Wald zu streichen oder unrichtige Geländezeichnung umzuformen, verbessern lässt sich das Blatt durch diese Scheinkorrektur nicht.

Ein Gebäude, dessen Fundamente wanken, wird durch eine Dachstuhl-verbesserung auch nicht lebensfähiger gemacht.

Doch geben wir dem Topographen nun einen Auftrag, der noch die Ausführung durch Messtisch und Kippregel verlangt und der uns beweist, dass auch für gewisse Arbeiten im Hochgebirge diese altehrwürdige Arbeitsmethode doch unersetzbar ist.

Ein grosser Teil des Oberwallis hat seine Neuvermessung erhalten. Photogrammetrie und Autograph haben in gemeinsamer Arbeit den Bergen des Gotthardmassivs bis zum Grenzzug des Blindenhorns und der Strahlgräte die Neuaufnahme gegeben. Sie erfasst im jüngsten Vorstoss das westlich begrenzende Rappental, die Siedelungen des Goms und klettert am rechten Talhang über die Gletschergebiete der Galmihörner bis zur Kantonsgrenze empor. Hier ist die photogrammetrische Aufnahme zum Stehen gekommen. Mehr noch! In östlicher Verfolgung der Wasserscheide stossen wir, beim Löffelhorn beginnend, auf eine Zone, die, beim Klein-Siedelhorn endigend, südlich gegen den Geschtelergalen absteigend, ein Gebiet umschliesst, das von der Photogrammetrie bis jetzt nicht erfasst wurde. Also eine zusammenhängende, ungefähr 8 km2 messende Enklave in der sonst gleichmässig vorgetriebenen photogrammetrischen Neuaufnahme.

Die Gründe, die dort dem photogrammetrischen Vorstoss Halt geboten, sollen hier nicht näher untersucht werden. Erwähnt möge nur werden, dass ursprünglich beabsichtigt war, die Neuaufnahme so weit nach Norden auszu- Paul Simon.

dehnen, dass jedoch die von diesem Gebiet erstellte photogrammetrische Auf nähme der schlechten Qualität der photographischen Platten wegen nicht ermöglichte, die nördliche Aufnahmegrenze mit der natürlichen Kammlinie des Löffelhornes, des Geschiner- und Ulricherstockes zusammenfallen zu lassen. Deshalb ziehen wir nun, wie oben bemerkt, unsere nördliche photogrammetrische Aufnahmegrenze über Geschtelergalen-Dreimännlibord-Ulricher-Geschiner-Münstergalen.

In nicht allzu ferner Zeit soll auch der Bergfreund die Ergebnisse dieser jüngsten, im Geiste der neuzeitlichen Vermessungsära entstandenen Arbeiten geniessen können, und diese dürften dem Studium unserer schweizerischen Kartenwerke neuen Impuls, dem Wanderer im unbekannten Gebiete mehr Sicherheit geben.

Doch kehren wir nun zu unserer Neuaufnahme zurück. Überschreiten wir auf der Höhe des Dreimännlibordes ( Bl. 490 T. A., 1:50,000 ) die nördliche Peripherie der photogrammetrischen Aufnahme und betrachten wir das Gebiet, das uns zur Vermessung mit Messtisch und Kippregel überwiesen wurde. Die Ergänzungsaufnahme soll im Massstab 1:25,000 erfolgen und bedeutet also eine Ausnahme im Modus der heute geltenden Neuaufnahmeverfahren, aber in Anbetracht der kleinen Fläche ( zirka 8 km2 ) und der guten Gangbarkeit des Gebietes ist die Bearbeitung durch Messtisch und Kippregel einfacher und rentabler als das moderne, « hektarenfressende » Verfahren der Photogrammetrie.

In einer Neuaufnahme im Hochgebirge erblicken wohl die meisten Topographen den schönsten Prüfstein für ihr Können und ihre Begabung. Trotz der gewaltig gesteigerten körperlichen Anstrengungen, trotz der meist dürftigen Unterkunft, der unsichern Witterungsverhältnisse und der oft peinlich fühlbaren Isolierung von jeder menschlichen Zivilisation wird dieser Auftrag jeden Jüngern, echten Topographen mit grosser Freude und Begeisterung erfüllen.

Wie werden sie bewundert und beneidet, die Topographen älterer Schule, die trefflichen Ingenieure und vorbildlichen Künstler, wie Imfeid, Becker, Held und in neuerer Zeit Jacot-Guillarmod, denen es vorbehalten war, eine eigentliche Der Gebirgstopograph.

Schule der Felszeichnung zu schaffen, die jedem bearbeiteten Blatte den Stempel ihrer Künstlerschaft aufgedrückt hat. Fast möchte man die praktische, modern entwickelte Vermessungstechnik verwünschen, die scheinbar droht, die individuelle Künstlerschaft des Topographen zu unterdrücken, wenn nicht eben auch die modernste Technik an Gesetze gebunden wäre, die wohl gestatten, grösste Präzision und Schnelligkeit miteinander zu verbinden, individuelle Auffassung und künstlerische Interpretation aber nicht ersetzen können.

Und so lassen wir den Topographen denn hinaufziehen in das unwirtliche Trümmerchaos der Gomserberge, in das menschenverlassene Gebiet des Ulricher- und Geschinerstockes, wo zahlreiche grüngraue Seelein den Eindruck grösster Einsamkeit noch vertiefen.

Die Landestriangulation, die hier dem Topographen als Grundlage für seine Aufnahme zu dienen hat, ist, da dieselbe im Massstab 1:25,000 erstellt werden soll, zu weitmaschig. Der Ingenieur hat nun aus eigenen Mitteln das Triangulationsnetz zu verdichten. Er erstellt deshalb auf besonders dominierenden, weithin sichtbaren Gipfeln und Terrainpunkten Signale und Steinmännchen, deren Koordinaten er mit grösster Präzision selbst bestimmen muss und mit genügender Schärfe selbst bestimmen kann, d.h. er legt über sein Gebiet eine graphische Triangulation. Statt mit dem Theodoliten die Winkel zu messen, die Signale ( d.h. deren Koordinaten ) zu errechnen, begibt sich der Topograph auf die Standorte der schon bestimmten Punkte der Landestriangulation, visiert mit seinem Instrument die von ihm neu erstellten Signale und Steinmännchen an und erhält durch die Schnitte der gezogenen Bleistiftlinien die Koordinaten der gewünschten Neupunkte. Dieser Arbeit geht die Rekognoszierung voraus, die den Topographen schon in den ersten Tagen naturgemäss auf die markantesten, gut orientierten Gipfel führen muss.

Bevor wir aber mit der eigentlichen Messtischarbeit beginnen, sei mir gestattet, den freundlichen Leser mit meinen Begleitern bekanntzumachen. Denn es erscheint mir gerecht und zur Sache gehörend, auch diejenigen hier zu erwähnen, die in treuer, mühsamer Pflichterfüllung dem Ingenieur Gefolgschaft leisten und deren Willen und Können zum Teil bestimmend für den Fortschritt und das Gelingen der Arbeit sein kann.

« Mit der Güte der Gehilfen steht und fällt die Arbeit des Topographen. » Diesen Satz darf man füglich den nachfolgenden Zeilen voraussetzen. Trotzdem die Qualität der Gehilfen kaum einen direkten Einfluss auf die Güte der Aufnahme ausüben kann, so werden doch Fortschritt und Arbeitsaufwand zum grossen Teil durch die Gehilfentüchtigkeit bestimmt.

Beschauen wir uns daher einige Typen dieser fast unbekannten Berufsklasse.

Als Beispiel eines umsichtigen, treuen, gut eingearbeiteten Gehilfen möge hier Joseph Britschgi aus Alpnach erwähnt sein. Ein Mann von 54 Jahren, den es, wie er sagt, bei Sommeranfang mit magischer Kraft aus seiner Familie, aus dem heimeligen, eigenen Gasthof, aus seinem Wirkungskreis als Alpvogt und Paul Simon.

« Schlierenchef » hinauslockt, um noch in den alten Tagen, Sommer um Sommer, ein Stück fremder Erde, fremde Sitten und Gebräuche kennen zu lernen. Kein schlechter Vater seiner neunköpfigen Familie, kein alltäglicher Gastwirt seiner Gemeinde, wer den sauer verdienten Gehilfenlohn zur Ausbildung seiner Kinder verwendet und behauptet, dass der Gemeinde der preisgekrönte Jasskünstler nicht das notwendigste sei.

Das Instrumentarium ist sein Heiligtum; er behütet es wie seinen Augapfel. Und wehe dem jungen Gehilfen, der sich erkühnen sollte, vorwitzig seine Neugierde an den niedlich glänzenden Schräubchen und Libellen befriedigen zu wollen. Die Biwakplätze werden selbständig rekognosziert, die Proviantmassen sinngemäss eingekauft, Tabak und Zigarrenbedarf, in bevorzugter Qualität des Ingenieurs, weitherzig bemessen, bereitgestellt. Dislokationen werden in umsichtiger, rationeller und prompter Weise organisiert und durchgeführt. Dass auch die Feldarbeit bei solch umsichtiger Unterstützung gute Fortschritte macht, ist selbstverständlich. Ausserdem besitzen diese, seit frühester Jugend im Tragen schwerer Lasten geübten Leute eine Kraft und Ausdauer, über die der Städter nur in seltenen Ausnahmen verfügt. Eine lustige Begebenheit, die Britschgi im Wallis passierte und ein Beweis seiner unverwüstlichen Körperkraft ist, möge hier folgen. An einem regenschweren Sommertage im Jahre 1920 spazierte unser Gehilfe am Ufer der Dranse bei Bourg-St-Pierre. Ein Brief war von Hause eingetroffen, und in solchen Momenten liebte Britschgi die Einsamkeit. Es war da unten am schäumenden Wasser, wo sich einige junge Burschen vergeblich abmühten, ein störrisches Maultier mit einer « Burdi » gepressten Heues zu beladen. Jedesmal, wenn es ihnen endlich gelungen war, die unförmliche Last auf den Rücken des Tieres zu heben, entledigte sich dasselbe durch eine zierliche Lan cade der Burdi mitsamt den beiden verzweifelnden Packern. Britschgi schaute diesem muntern Spiel längere Zeit zu, endlich trat er mit einem « moi » ( ein Hauptbestandteil seines etwas knappen, französischen Wörterschatzes ) zu den drei Uneinigen, drehte mit gewaltigem Schwung das Heu auf seinen eigenen, breiten Rücken und erklomm bedächtigen Schrittes ohne einen einzigen Halt den 100 m hohen Hang zum Dorf hinauf. Die beiden Burschen folgten mit gesenktem Rücken kleinlaut dem Ländler, Meister Langohr aber schloss, vergnüglich wiehernd, als letzter das artige Züglein. Die Last wog über 100 kg. Später musste mir Britschgi aber doch gestehen, dass dieser Gang auch für ihn etwas zu viel gewesen sei, « zum erstenmal in seinem Leben hätte er gefühlt, dass auch ihm ein Herz in der Brust schlage, offenbar sei er doch nicht mehr im vollsten Safte ».

Ein anderer Gehilfe, an den ich mich stets mit grossem Vergnügen erinnern werde, war mein lieber Clubbruder im Akademischen Alpenclub, der nachherige bestbekannte Bergsteiger Hans Lauper aus Bern. Als junger Student der zahnärztlichen Wissenschaft verdingte er sich bei mir als « topographischer Messgehilfe fürs Hochgebirge »in der sehr löblichen Absicht, im Gebirge auch praktische Arbeit und nicht nur sportliche Betätigung zu suchen. Leider verschlug uns das Schicksal in die undurchdringlichen Wälder bei Huémoz und Gryon, die, in der Nähe der Festung St. Maurice liegend, einer gründlichen Neuvermessung unterzogen wurden. Wohl hatte da Hans Gelegenheit, die Axt zu führen, aber nicht die Eis-, sondern die Holzaxt, und an mehr als einem Abend zeigte er mir klagend seine schwieligen Hände und sagte: « Wenn ich heute all die vielen Schläge ins Eis, statt ins Holz hätte führen dürfen, so wäre der Mönchsnollen wohl bald abgetragen! » Lauper hat dann später im Eis bewiesen, dass aus dem Holzschlag für ihn doch nicht ein alpiner Holzweg geworden ist; auf seiner kühnen Mönchfahrt hat er das im Huémozwalde Versäumte nachholen können. Und die schwieligen Hände! Ich denke, die sind verschwunden!

Als dritter im Bunde holzte und jodelte damals an Laupers Seite ein weiterer Klubbruder aus Bern, der liebe, leider viel zu früh verstorbene Kamerad Edmund Bähler. Auch er war Student der Medizin, und auch er wollte seine junge Kraft nutzbringend im Gebirge stählen. Am zackigen Bietschhorn fand er sein frühes Grab, drei Tage vor Beginn seiner neuen Gehilfenkampagne, die uns gemeinsam in das Obwaldnerländchen hätte führen sollen. Nicht immer aber sind die akademisch gebildeten Gehilfen die besten. Die eintönige, mühsame Arbeit verleidet oft bald; auf die Berge, nicht nur um und an die Gipfel möchten sie steigen, und das oft schlammige, tägliche Geschäft der Effektenreinigung behagt ihnen wenig. Doch die eidgenössische Finanzkontrolle gestattet leider dem Topographen den Luxus einer Abwaschfrau nicht, und so lösen dann diese Feriengehilfen oft lange vor Semesterbeginn das Arbeitsverhältnis, immerhin froh, etwas gelernt und einen tüchtigen Spargroschen verdient zu haben.

Ein letztes Wort sei den schlechten und schlechtesten Gehilfen gespendet, nicht aus Dankbarkeit, sondern der Vollständigkeit halber.

Einem meiner Kollegen erklärte mal sein zweiter Gehilfe, dass er für den vorher vereinbarten Lohn doch nicht arbeiten wolle. Diese Erklärung wurde mitten in der Arbeit, am Weisshorn des Wildstrubelgebietes, abgegeben. Die Absicht war gemein und durchsichtig. Der Ingenieur sollte durch den Druck der Verhältnisse ( kurze Schönwetterperiode, Isolierung im Hochgebirge ) zur Bezahlung eines höhern als des vereinbarten Lohnes gezwungen werden. Der Gehilfe täuschte sich. Der Ingenieur bewies Rasse, er jagte den Burschen vom Platz weg zum Teufel!

Ein anderer Fall, der beweist, dass unfähige Gehilfen die Vollendung der Arbeit in Frage stellen können.

Es war im Wallis. Ich brach mit dem Leibgehilfen um 4 Uhr morgens von Bourg-St-Pierre auf, um beim Glacier du Sonadon, am Fusse des Grand Combin, einige Nachträge auszuführen. Der zweite Gehilfe, der irgendwo im Dorfe Unterkunft gefunden hatte, war zur vereinbarten Aufbruchzeit nicht zur Stelle. Er hatte unsern für zwei Tage berechneten Proviant auf sich. Wir liessen dem Manne schriftliche Weisung über unsern Weg und Ziel zurück; er stammte aus der Gegend, das Gebiet war ihm genau bekannt. Es wurde 12 Uhr mittags, der Träger kam nicht. 7 Uhr abends steckten wir noch immer hinten am Glacier du Sonadon, unter der Aiguille du Déjeuner ( aber ohne Déjeuner ), von Mann und Proviant keine Spur! Glücklicherweise waren uns die Verhältnisse hold, es gelang, bis abends 8 Uhr die Arbeit abzuschliessen, und in tiefdunkler Nacht langten wir, den Magen auf den Absätzen, wieder in Bourg-St-Pierre an. Hätte die Arbeit länger gedauert, so wäre ihre Fortsetzung ohne Speise und Trank unmöglich gewesen; das schöne Wetter hätte zur Neubeschaffung von Proviant benützt werden müssen. Zur selben Zeit langte unser verschwundener zweiter Mann an. Vollgefressen! Er habe uns gesucht und nicht gefunden. Ich entliess ihn. Es war das einzige Mal, dass ich einem Gehilfen nicht den vollen Lohn ausbezahlte.

Paul Simon.

Der Topograph benötigt für seine Arbeit nicht dieselbe umfangreiche Trägerkolonne wie der Geodät. Wenn Kollege Dübi in seinem Bericht über die Beobachtung der Dufourspitze in launiger Weise feststellte, dass sie « mit dem Wiber-volk grad 15 Mann seien », so muss ich bescheiden mitteilen, dass wir ohne Wiber-volk nur drei Mann sind. Ein einziges Mal waren wir unser vier. Ein Kurgast eines benachbarten Ferienheims schloss sich uns für zwei Tage freiwillig an. Sein Rucksack barg neben gebackenem Huhn und Leckerbissen aller Art 8 volle Bierflaschen, die er freundlichst dem Détachement spendierte und auch glücklich, trotz waldigen Schluchten und scharfen Graten, ihrer Bestimmung erhalten konnte. Doch dies sind Ausnahmen!

Im Gebirge zwei bis drei, im Flachland ein Gehilfe, damit kann der Topograph auskommen.

Kehren wir nun nach dieser Abschweifung zu unserer Arbeit, zur Neuaufnahme am Ulrichstock zurück.

Bei Messtischaufnahmen im Hochgebirge wendet man im allgemeinen die Methode des « Vorwärtseinschneidens » an. Das aufzunehmende Gebiet wird von der gegenüberliegenden Seite skizziert, die markantesten Geländepunkte, die dem Topographen das Gerippe zu seiner Aufnahme und Zeichnung liefern, in obenstehender Skizze bezeichnet. Mit dem Fernrohr des Instrumentes ( 27fache Vergrösserung ) visiert nun der Ingenieur vom Standort A aus jene wichtigen ( numerierten ) Punkte an, liest den dazugehörenden Höhenwinkel ab und zieht auf seinem Messtischbrett dem Instrumentenlineal entlang die Visierlinien ( Bleistift ). Nach Beendigung dieser, mit grösster Präzision auszuführenden Arbeit begibt er sich auf seinen zweiten Standort B, der so gewählt werden muss, dass alle vorher angeschnittenen Punkte wiederum sichtbar sind. Hier Wiederholung der Arbeit wie auf Station A. Anvisieren derselben Punkte, Ablesen des Höhenwinkels und Ziehen der Bleistiftvisuren. Die Schnittpunkte der von A und B aus gezogenen Linien ergeben die gesuchten Terrainpunkte. Aus den abgelesenen Höhenwinkeln und den nun bekannten Visierlängen, d.h. Distanzen, lassen sich jetzt die Höhen dieser Aufnahmepunkte leicht errechnen. Eine Kontrolle für die Richtigkeit der bestimmten Punkte liegt in der doppelten, übereinstimmenden Höhenberechnung aus Stationen A und B. Grundbedingung für das Gelingen dieser Aufnahmemethode ist selbstverständlich in erster Linie die absolut sichere Stationsbestimmung von A und B.

Nun hat der Ingenieur die geometrische Grundlage für seine Aufnahme festgelegt. Es beginnt der zweite Teil der Aufnahme, die Darstellung des Geländes, die klare Erfassung und künstlerische Wiedergabe der Felsformationen. Hier scheitert nun oft ehrlicher Wille und eiserner Fleiss an zeichnerischer Unfähigkeit, an mangelnder topographischer Begabung, am Unvermögen, die plastisch sich aufbauenden Felsgebilde mit knappen, klaren Strichen auf engbeschränktem Räume zur kartographischen Wirkung zu bringen.

Wie einfach, naturgetreu und klar erscheinen uns die Musterblätter obenerwähnter, tüchtiger Gebirgstopographen älterer Schule, wie unnatürlich, hölzern und schematisch oft unsere eigene Arbeit, das ehrliche Resultat wochen-, ja monatelanger eifriger Studien. Doch muss hier zum Tröste der jungem Topographen bemerkt werden, dass auch die alten Meister der Topographie nicht vom Himmel gefallen sind. Sie haben erst nach rastlosen Versuchen, nach jahrelanger Reifeperiode die letzte Stufe ihrer Vollendung erreicht, und in einer Beziehung hatten sie es besser als wir, sie hatten Gelegenheit, ihre Kunst zu üben. Blatt um Blatt ist aus ihrer Hand hervorgegangen, und dem eingeweihten Beobachter ist es wohl möglich, an diesen einzelnen Blättern die Entwicklung, die Fortschritte des betreffenden Topographen zu erkennen. Jene durften den Siegfriedatlas erschaffen — wir ergänzen, teilweise ersetzen.

Ich habe oben gesagt: « scheinbar möchte man die neuen Vermessungsmethoden verwünschen ». Aber nur scheinbar; denn in Wirklichkeit liefert ja eben diese moderne Technik nur Grundlage und Kartengerippe. Überarbeitung, Darstellung und Felszeichnung bleiben dem Topographen doch vorbehalten. Modernste Technik, durch topographische Darstellungskunst ergänzt, soll ja wie oben bemerkt in absehbarer Zeit die veralteten, ungenügenden Blätter des topographischen Atlasses ersetzen. Dadurch dürften auch bald die Jüngern Talente Gelegenheit zur gründlichen Aus- und Weiterbildung finden.

Es sei mir gestattet, gleich hier einem allfälligen Missverständnis, einem scheinbaren Widerspruch, der sich aus Vorhergesagtem ableiten liesse, vorzubeugen.

Wenn ich zu Beginn meiner Arbeit bemerkte, dass einige Hochgebirgsblätter so mangelhaft seien, dass sich die Mühe einer Korrektur nicht mehr lohne, so liegt mir die Absicht, mit diesen Worten die Ersteller jener Blätter zu treffen, durchaus ferne.

Paul Simon.

Vergegenwärtigt man sich die gewaltigen Schwierigkeiten, mit welchen der kleine Stab aufnehmender, geschulter Ingenieur-Topographen zu kämpfen hatte, bedenkt man die erbärmliche Löhnung, den unsichern Akkordverdienst, den ein nasser Sommer in eine Negative verwandeln konnte, erinnert man sich der primitiven Unterkunftsverhältnisse, so nötigen uns die damals erzielten Resultate gleichwohl ehrlichste Bewunderung ab. Überdies waren die damals aufgenommenen Blätter nicht zur Veröffentlichung im Aufnahmemassstab bestimmt, sondern sie waren als Teile der Dufourkarte zur Publikation in 1:100,000 gedacht. Ein geodätisches Grundnetz, wie es heute die Schweiz in mustergültiger Geschlossenheit überspannt, existierte noch nicht; der Bergsport war noch nicht Gemeingut aller geworden, das Bedürfnis nach genauen Gebirgskarten überhaupt nicht vorhanden.

Wir dürfen nach wie vor die Ingenieur-Topographen alter Schule als Schöpfer wertbeständiger Dokumente bezeichnen; ihrer Zeit haben sie grosse Dienste geleistet, den heute geforderten Ansprüchen genügen sie nicht mehr.

Dass sich diese Erläuterungen nur auf die Blätter ältesten Datums und nicht auf die Schöpfungen der namentlich angeführten Ingenieure älterer Schule bezieht, ist selbstverständlich.

Es liegt auf der Hand, dass die Aufnahmemethode des « Vorwärtseinschneidens » mit Vorteil in übersichtlichem Gelände Anwendung findet, im unzugänglichen Hochgebirge aber angewendet werden muss. Flaches, kupiertes, unübersichtliches Bergsturzgebiet, detaillierte, verwitterte Trümmerfelder, Moränenlandschaften, seereiche Blockgebiete eignen sich für diese Aufnahmemethode jedoch nicht. Hier wird, besonders in grossen Massstäben ( 1:25,000, 1:10,000 ), zum punktweisen Verfahren mit Messtisch und Distanzlatte geschritten.

Das traf in meinem Gebiete zu. Statt die zur Geländedarstellung erforderlichen Höhenpunkte durch den oben beschriebenen Schnitt zweier Visuren zu bestimmen, gewinnt man beim Verfahren mit der Messlatte die notwendigen Punkte durch einmalige direkte Messung. Zu diesem Zwecke begibt sich der Gehilfe mit seiner Messlatte nacheinander auf alle diese verlangten Punkte, stellt daselbst sein Wahrzeichen auf, und infolge der Fernrohrkonstruktion kann die Entfernung vom Messgehilfen zum Standort des Ingenieurs an der senkrecht gestellten Messlatte direkt abgelesen und auf dem Zeichnungsbrett im verlangten Massstab aufgetragen werden. Die dazugehörende Höhe wird wiederum durch Höhenwinkel und Rechenschieber ermittelt. Bei diesem direkten Ableseverfahren muss allerdings bedacht werden, dass nicht die endgültig aufzutragende Kartendistanz abgelesen wird, sondern Horizontaldistanz + Höhenunterschied. Da aber in der Karte nur die Horizontaldistanz ( Kathete ) verlangt wird, der Höhenunterschied in der Kurvenzeichnung zum Ausdruck kommt, muss noch die Reduktion der Hypothenuse in die Kathete gesucht werden. Diese findet man in einfacher Weise durch Höhenwinkel und Rechenschieber. Auch diesem Aufnahmeverfahren hat selbstverständlich eine gewissenhafte Bestimmung des eigenen Standortes vorauszugehen ( mit Hilfe der vorher konstruierten graphischen Triangulation ).

Es ist einleuchtend, dass sich für dieses « Latteverfahren » nur Gelände eignet, das tatsächlich vom Gehilfen begangen werden kann. Dass hier Fortschritt und Gelingen der Arbeit in besonderem Masse von der Geschicklichkeit des Latten-schwingers abhängig sind, scheint klar. Hat der Gehilfe nicht das nötige Verständnis für die Bedeutung und Auswahl der aufzunehmenden Punkte, so wird er wähl- und planlos mit seiner vier Meter langen Seiltänzerstange in der Welt herumreisen, die Latte auf Punkten aufstellen, die für die Kartenkonstruktion nicht die geringste Bedeutung besitzen. Einem vernünftigen, erfahrenen Gehilfen genügt der Auftrag: « Geben Sie die Punkte dieses Gebietes! » Ohne weitern Kommentar begibt er sich auf die Wanderschaft, selbst erkennend, welche Terrainpunkte dem Topographen wichtig sind. Verzweiflung aber ergreift den Ingenieur, wenn ein unfähiger Lattenträger den jenseitigen Hang begehen soll, wenn ein reissender Bergbach, ein Tobel die Talsohle unpassierbar machen und stundenlange Umwege versucht werden müssen, um das andere Ufer gewinnen zu können. Ist er dann endlich am Ziel, so hat er im unübersichtlichen Gelände häufig die Orientierung verloren. Toll und voll, kreuz und quer wird an den sehnlichst erwarteten Punkten vorbeigestürmt, bis schliesslich ein barmherziger Nebel niederwallt und den unglücklichen Mann, Latte und Hang verschlingt.

Dann staune nicht, wenn vom einsamen Messtisch aus grollende Verwünschungen zum Himmel steigen, denn Zeit, gutes Wetter und Geduld sind wertvolle Faktoren im Topographenhandwerk, die wollen hoch bewertet werden 1 Die Maximaldistanz, die eine brauchbare, direkte Lattenablesung noch gestattet, ist bedingt durch die Beleuchtung, das Gelände und den Massstab. Bei bester Beleuchtung und einfachen, regelmässigen, gut übersichtlichen Geländeformen beträgt sie 7—800 m, wobei allerdings 800 m als oberste Ablesedistanz bezeichnet werden muss. Wachsen die Entfernungen, so wird eine neue Station bestimmt, d.h. der Standort des Ingenieurs muss näher an das aufzunehmende Gebiet vorgetragen werden.

Es ergibt sich ohne weiteres, dass im eigentlichen Hochgebirge der Lattenträger verschwinden muss. Welche Resultate erzielten wir, wenn beispielsweise die ausgedehnten Gletschergebiete des Wallis und des Berner Oberlandes mit der Messlatte erklettert werden müssten! Ganze Bataillone erstklassiger Führer, unermüdlich wie Gemsen kletternd und klebend wie Fliegen, würden doch nicht genügen, dem Topographen in nützlicher Frist all die zur Terraindarstellung nötigen Punkte zu liefern, ganz abgesehen davon, dass auch menschliches Auge und Optik schon bei 800 m Lattendistanz den Dienst einstellen würden. Damit ist 's also nichts! Sonst überzeuge man sich selbst und versuche zur Kurzweil, die Wände des Schwarz Mönch, die Flanken des Walliser Weisshorns oder die von Couloirs durchzogene Südwand des Bietschhornes durch Lattenpunkte aufnehmen zu lassen! Fürwahr ein Versuch, der nur durch seine Lächerlichkeit bemerkenswert wäre. Nein! Unsere gesamten Hochalpen sind durch das Verfahren des « Vorwärtseinschneidens » vermessen worden, also ohne Begehung des aufzunehmenden Gebietes durch den Gehilfen. Dabei soll, wie schon oben bemerkt, nicht gesagt sein, dass die Aufnahme restlos durch « Vorwärtseinschneiden » gewonnen worden sei. Detailpartien, Strassennetze, Siedlungen wird man mit Vorteil durch Lattenpunkte ergänzen. Ein fernerer Grund, der nebst der Begehbarkeit des Gebietes für « Lattenaufnahme » oder « Vorwärtseinschneiden » entscheidend ist, liegt im Massstab. In der Karte 1:50,000 bedeutet 1 cm Kartendistanz = 500 m der Wirklichkeit. Nun greife zum Zirkel, freundlicher Leser, und stich auf der Karte 1 cm ab, dann wirst du erstaunt sein, welch bescheidene Kartenfläche dieser cm2 ausschneidet. Spaziere nun mit diesem Zirkelmass ( 1 cm ) kreuz und quer auf dem Kartenblatte herum und vergegenwärtige dir, welch enorme Arbeit und Zeit- Paul Simon.

aufwand erforderlich würden, ehe ein Gehilfe diese Spaziergänge in die Wirklichkeit übertragen hätte und deinen Zirkelsprüngen gefolgt wäre. Bedenke dabei die Äquidistanz von 30 m.

Es verschiebt sich das Verhältnis bei wachsendem Massstab. Schon 1 ha ( im Massstab 1:10,000 = 1 cm2 ) birgt oft eine Menge wichtiger Details, die im Kartenbild dieser Massstäbe nun deutlich zum Ausdruck gelangen und durch den Gehilfen auch rasch mit der Latte begangen sind. Gleiten wir nun über zu unserm Massstab der Neuaufnahme am Ulricherstock, in die Aufnahme 1:25,000. Da entnehmen wir schon dem vorliegenden Blatt Obergestelen 1:50,000, dass jene Partie verhältnismässig flach gestuft, gut begehbar ist und eine Unmenge kleiner Formen enthalten muss; verrät ja schon allein der 50,000er das Vorhandensein von 14 kleinen Gebirgsseelein. Da konnte von « Vorwärtseinschneiden » denn keine Rede sein, und mein getreuer Britschgi hat dann auch unter Assistenz eines zweiten, Jüngern Gehilfen in fünfwöchiger Wanderung die « Punkte gegeben », das Gebiet förmlich erforscht! Unsere Arbeit wurde vom besten Wetter begünstigt.

Ein einziger Besuch hat sich in dieser fünfwöchigen Arbeitskampagne in unser Steinreich hinauf verirrt. Es kamen da zwei klapperdürre, mit Regenschirm und Gletschermasken bewehrte, halberfrorene Spanier, die an einem eiskalten Septemberabend den Weg nach Münster hinunter erfragten. Nach längerer, äusserst konfuser Diskussion erblickten sie den Abstieg, den sie einer Wasserleitung entlang offenbar auch glücklich bewerkstelligen konnten. Denn zwei Tage später sass ich mit ihnen beim Lunch in Münster, allwo sie mir erklärten, dass sie vor zwei Tagen am Ulricherstock oben einen Ingenieur und zwei Gehilfen getroffen hätten, die ihnen freundlichst den Weg hierher erklärt hätten. Und sie fragten mich treuherzig, ob jener Ingenieur bei diesem Sturmwetter wohl noch immer dort oben weile! Ja, Kleider machen Leute!

Will ich mich nicht dem Vorwurf der Vergesslichkeit aussetzen, so muss ich noch eines zweiten Besuches gedenken, der uns aber leider so wenig Freude bereitete, dass der Wunsch, diese Bekanntschaft zu verleugnen, begreiflich erscheint. Als Unterkunft diente, um etwas Abwechslung ins Zeltleben zu bringen, für 14 Tage eine Walliser Sennhütte dürftigster Art. Da das Aufnahmegebiet absolut menschenleer war, durften wir wohl wagen, unsere Kücheneffekten tagsüber vor der Hütte auf sonnigen Steinen trocknen zu lassen.

Als wir mal eines Abends gegen 8 Uhr « nach Hause » kamen, bot unser Hütten platz ein Bild grauenhafter Verwüstung. Die Küchengeschirre waren zertreten, die sauber getrocknete Wäsche, vom Hüttendach hinuntergefegt, lag zerknüllt am Boden. Tabak, Maggiwürfel und Kletterschuhe garnierten den Sumpf, ein Löffel stack gebrauchsbereit im Morast, kurz, ein Bild, das unsere etwas gesunkenen Lebensgeister in kürzester Frist wiederum belebte. Wo steckt der Verbrecher? Die Hütte ist geschlossen, kein Laut zu hören! Ich versuche, die Türe nach innen zu öffnen, sie weicht nicht. Aber « bäh » erschallt es nun plötzlich, und « bääh, bääh, bääh » braust es durch die Lucken der dürftigen Hütten wände.

Trotz den Einwänden des besorgten Britschgi erzwang ich mir den Eintritt in unser Heiligtum. Das Bild, das sich mir bot, übertraf die kühnsten Erwartungen.

Auf einem Raum von knapp drei auf vier Meter waren 18 Schafe zusammengedrängt. Die Türe muss sich bei diesem Massenbesuch von selbst geschlossen haben, so dass die Tiere gefangen waren. Doch war es keine schlimme Haft, denn was die Gehilfen an Proviant für 14 Tage hinaufgetragen, war hier in froher Geniesserstunde draufgegangen. Zehn Liter der köstlichsten Milch, vom unbekannten Spender bereitgestellt, würzten der freudig überraschten Schar das treffliche Mal, blitzblank war die Brente ausgeputzt. Einige der übersättigten Schlemmer hatten sich aus dem Gedränge zur beschaulichen Siesta auf unsere Biwakdecken zurückgezogen, zwei Lämmchen spielten witzig mit Schwamm und Bürste, und ein gewichtiger Bock schnupperte verächtlich an meinen Zigarren herum. Es war ein Bild allgemeinen WohlbehagensMein zweiter Gehilfe, ein Bursche von 18 Jahren, den diese Einquartierung sehr zu belustigen schien, trabte eine halbe Stunde später mit der « Tschiffere » ins Tal hinunter; Britschgi wusch und hämmerte bis Mitternacht an unserem Hausrat herum, ich aber pries aus tiefstem Herzensgrunde das Schicksal, das mich an diesem Morgen veranlasste, auch das zweite Messtischbrett mit angefangener Aufnahme hinauf zum Arbeitsplatz nehmen zu lassen. Vier Uhr morgens kehrte der Bursche mit neuem Proviant zurück. Zwei Stunden später war Aufbruch zur Arbeit, nachdem wir allerdings die Hütte sorgfältig mit Seilen verschlossen hatten.

Die Unterkunftsmöglichkeiten im Gebirge sind jedem Touristen bekannt. Vom Schlafsackbiwak über Alp- und Klubhütte bis zum einfachen Bergwirtshaus lernen wir alle Härtegrade der alpinen Schlafgelegenheiten kennen und, wenn möglich, vermeiden. Ein einmaliges Heulager kann mitunter recht amüsant und vergnüglich sein. Das Ungewohnte der Schlafstelle ersetzt die fehlende Bequemlichkeit; die Erwartung über das bevorstehende Abenteuer, die Genugtuung über eine glücklich gelungene Besteigung lassen auch das primitivste Lager mit Humor ertragen. Und es steht uns ja frei, schon am nächsten Tage das unbequem gewordene Heim gegen den altgewohnten Komfort wiederum umzutauschen.

Anders das Bild, wenn Pflicht und Beruf uns an diese Wohnstätten binden. Wenn wallende Nebel und Regenperioden jede Arbeit verunmöglichen, qual-mendes Feuer nur notdürftig die nassen Kleider zu trocknen vermag und Feuchtigkeit und ätzender Rauch in Schlafsack und Heulager gedrungen sind. Der jedem Soldaten geläufige Ausruf: « Uf, ga leue » gilt auch dem Topographen als erlösendes Tagwachtsignal.

Viel beneidenswerter sind schon die Ingenieure, denen als Standort für ihre Unternehmungen eine Clubhütte des S.A.C. zur Verfügung steht. Wenn auch in Zeiten der bergsteigerischen Hochsaison in den Clubhüttenräumen ein beinahe lebensgefährliches Gedränge entstehen kann, die Nachtruhe vielfach nur mangelhaft ist, Irrtümer, das Proviantdepot betreffend, vorkommen können, so darf dagegen als Äquivalent die meist erfreuliche Sauberkeit und die Gemütlichkeit der Räume recht hoch bewertet werden. Die bequeme Kochgelegenheit, die Eigenschaft einer Clubhütte als sicherer Unterschlupf bei Sturm und Gewitter lassen eine ausnahmsweise gestörte Nachtruhe leicht vergessen.

Als einfachste, wenn auch nicht schlechteste Unterkunftsmöglichkeit bleibt noch das Biwak. Lieber im eigenen, säubern Zelt Herr und Gebieter als in Paul Simon.

schmutziger, rauchender Alphütte geduldeter Fremdling! Man sorge für trockenen Untergrund, polstere das Fundament mit Tannzweigen und Stroh und verankere die Kampierstricke mit Handstücken gegen Sturm und Wind. Dann ist es auch im kleinen, heimeligen Zelt auszuhalten. Noch etwas! Bei starkem, andauerndem Schneefall ziehe man zu Tal, stecke beim Standort des Zeltes eine Stange oder Schneeschaufel ein, wie weiland K. Schneider, Chefingenieur der schweizerischen Landestopographie, bei seiner Beobachtung des Piz Bernina ( Jahrbuch LI, S.A.C. ), dann wird man sicher sein, bei der Rückkehr wenigstens die Grabstätte des Heimes eruieren zu können.

Doch auch das abgelegenste Biwak auf einsamer Gletscherhöhe ist nicht gefeit gegen plumpe Neugierde und stumpfsinnige Zerstörungswut. Auf 2500 m Höhe, beim Mont Vélan, hatten wir unser Zelt aufgeschlagen. Während der Arbeit auf dem Petit Vélan spähten wir oft verliebten Blickes zu unserem sturmerprobten, hellschimmernden Heim hinunter. Plötzlich gewahrten wir eine jener halb-verwilderten Rinderherden, die sich, gesättigt, die kärglichen Gräser verschmähend, zögernd, aber unentwegt unserem Biwakplatze näherte. Da hatten sie ihn schon erreicht. Das erste vorwitzige Tier schnupperte und knusperte an den Kampier-stricken herum, zwängte seinen Kopf ins Zelt hinein: « Niemand zu Hause.« Dann wartete es unschlüssig vor der « Pforte ». Da kam Zuzug. Von allen Seiten drängte sich die neugierige, grossmäulige Schar hinzu, bestaunte immer näher rückend das Rätsel, zerrte, stiess und trat immer kräftiger auf, und erst, als das Zelt, plattgedrückt wie eine Fliege, auf dem Boden lag, entfernte sich die Schar, zögernd, wie sie gekommen Da wir den Besuch mit unserem Fernrohr deutlich erkannt hatten, wären die zahlreich zurückgelassenen Visitenkarten eigentlich nicht nötig gewesen.

Ebenso lästig, wenn auch weniger entschuldbar, sind die zweibeinigen Kollegen obenerwähnter Störenfriede.

Ich habe eingangs erwähnt, dass die auf den Gipfeln und Graten errichteten Wahrzeichen unserer Triangulation dem Topographen als Grundlage für die eigentliche Kartenaufnahme zu dienen haben. Nun gibt es aber leider auch bei den Alpenwanderern immer einige Elemente, die oft ja ohne böse Absicht ( ganz wie obenGegenstände, die sie nicht verstehen und die ihnen nicht gehören, begucken, berühren und schliesslich verderben müssen. Und dieses Schicksal erleiden nur zu oft unsere mühsam errichteten Höhensignale, die dem Topographen unentbehrliche Orientierungs- und Bestimmungsmittel sind. Das scheint man vielerorts nicht verstehen zu wollen. Im Tessin hatte ich die schon bestehende, weitmaschige Landestriangulation für meine Zwecke zu verdichten. Mit grosser Mühe und Sorgfalt hatten die Gehilfen die Neupunkte gestellt ( signalisiert ). Eines Morgens bei Arbeitsbeginn lagen unsere Signale am Boden. Meine Leute reparierten in halbtägiger Arbeit den Schaden. Das Spiel wiederholte sich. Dreimal wurden die Signale gestellt, und dreimal waren sie verschwunden. Der Sindaco, dem ich mein Leid klagte, versprach Abhilfe. Geholfen hat er mir nicht; da half ich mir selbst.

Wir legten uns auf die Lauer. Und richtig ( es war ein regnerischer Tag, und man vermutete uns im Tal ), da stiegen drei Kerle vorsichtig zum Signal empor, um espiff, paff, knallte es aus meiner Ordonnanzpistole; 2, 4, 6, 8 Schüsse jagte ich dem Gesindel um die Ohren, das, wie vom Teufel gejagt, kopfüber den Abhang hinunterfloh! Meine Signale wurden nicht mehr berührt!

Aber nicht immer ist menschlicher Unverstand die Ursache dieser Signal-zerstörungen. Sturm, Blitz und Verwitterung fordern alle Jahre ihre Opfer in den Reihen dieser einsamen Kulturträger! Aber an dir ist es, verehrter Leser, die Landestopographie zu unterstützen im Kampf gegen die Elemente. Darum ergeht auch hier die freundliche Bitte an alle vernünftigen, ehrlichen Alpinisten: Helft der Landestopographie in ihren Bestrebungen zur Hebung der schweizerischen Landesvermessung. Jeder einzelne Tourist flicht sich selbst sein Kränzchen, wenn er beiträgt zur Erhaltung und Festigung unserer alpinen Höhensignale. Die Karte verrät ja den Standort dieser Punkte ( A)- Verhütet böswillige Beschädigungen und meldet über fehlende oder gestürzte Gipfelsignale. Dies in eurem eigenen Interesse, im Interesse einer guten Karte!

Die Würdigung des Topographen als Bergsteiger sei in den nächsten Zeilen versucht!

Wohl die meisten Topographen ergreifen ihr Handwerk aus Liebe zu den Bergen. Und in vielen mag bei Beginn der Amtstätigkeit die geheime Hoffnung mitgeklungen haben: « Nun geht die Bergsteigerei los, die Zeit der endlosen Gipfel-verzeichnisse ist gekommen. » Und der Sommer ist ins Land gezogen und hat den Topographen ins Hochgebirge geführt. Und aus dem Sommer ist ein Herbst geworden, der den Ingenieur mitten aus seiner Arbeit mit Schneestürmen und Regenschauern zutal trieb, den Überraschten zur Heimkehr mahnte. In seinem Tourenbüchlein hatte der glänzend Trainierte vier ganze Dreitausender eingebracht! Und im Verlaufe der schönen, langen Hochgebirgskampagne fühlte der Topograph nur selten ein Verlangen zur Befriedigung seiner alpinen Träume. Woher diese Wandlung?

Wie überall, so lehrt auch hier die Erfahrung, dass, wo das Wörtchen « will » durch « muss » ersetzt wird, sich freiwilliges Spiel in harte Pflicht verwandelt. Wenn uns ein aufgezwungenes, Monate währendes Hüttenleben bis zum Überdruss verleiden kann, so wird auch die befohlene Bergsteigerei ihre Reize verlieren, besonders wenn sie der eigentlichen Arbeit vorausgeht.

Ein Topograph ersteigt pro Sommer eine Totalhöhe von zirka 100,000 Meter, doch, wohlverstanden, nur als Mittel zum Zweck. Denn der Zweck ist die Aufnahme. Und wenn von diesen 100,000 Meter vielleicht 70,000 nutzbringend verwertet werden können, so hat der Mann Glück. Liegt nun das Arbeitsgebiet zufällig in der Nähe eines Gipfels, so wird der gewissenhafte Topograph, wenn eine diesbezügliche Besteigung nicht direkt im Interesse der Arbeit gefordert wird, auf einen noch so schönen Klettergrat verzichten. Denn wie plötzlich ist oft der eben noch klare Hochgebirgshimmel bedeckt, und niederwallende Nebel können die Fortsetzung, sogar die Beendigung der Arbeit in Frage stellen. Gewiss kann es vorkommen, dass Geodäten pro Sommer 80 und mehr verschiedene Gipfel besteigen, dass Topographen auf Nachträgen fast sämtliche Punkte eines Siegfriedblattes begehen; doch dies sind sicherlich Ausnahmefälle. Nicht mangelnde Freude am Bergsport hält uns von den Gipfeln fern, sondern die bemessene Zeit, die unsichere Paul Simon.

Witterung, die uns beständig ermahnt: « Nützet die Stunde und das gute Wetter. » Schade eigentlich! Das gute Training, das sommersüber dem Ingenieur und dem Gehilfen ihre Arbeit so erleichtert, macht das Bergsteigen direkt zum Vergnügen. 500 m Höhe pro Stunde ist guter Durchschnitt, 6-700 für junge, massig bepackte Gehilfen keine besondere Leistung, währenddem die « alten Herren », die vielleicht schon ein bischen Rheuma beschädigt, schon bei 400 m ins Dampfen kommen Man findet in den Reihen unserer schweizerischen Skigrössen recht oft Bekannte aus früherer Zeit, die nicht nur die Ski, sondern auch Messlatte und Jalon recht wohl zu handhaben verstanden.

Kehren wir nun noch einmal zu unserer Neuaufnahme ins Oberwallis zurück. Im Zusammenspiel beider oben erwähnten Aufnahmemethoden, des « Vorwärtseinschneidens » und des « LattenVerfahrens », ist es uns gelungen, die Karte ihrer Vollendung entgegenzuführen, und es verbleibt uns noch als heikle Schlussaufgabe das Kapitel der Nomenklatur, die Namengebung der Karte.

Der aufmerksame, kartenkundige Tourist wird auch in diesem Zweige des Kartenstudiums schon Fehler und Irrtümer entdeckt haben, die ihm den erstaunten Ausruf entlockten: « Wie ist eine solche Verwechslung möglich, was veranlasst den Topographen, Namen in die Karte zu setzen, die hier unbekannt sind und deren Heimatberechtigung vielleicht im andern Kartenwinkel zu suchen ist? » Und auch hier müssen wir wiederum die Unzulänglichkeit der Karte, wenn auch nur bedingt, zugeben, möchten aber betonen, dass eine absolut zuverlässige, unanfechtbare Namengebung überhaupt nur begrenzt möglich ist. Schon aus der Art und Weise der Nomenklaturerhebung möge der Leser ersehen, dass diese scheinbar so einfache Aufgabe durchaus keine leichte ist.

Als Kardinalfrage der ganzen Nomenklaturgebung müssen wir wohl die Zuständigkeit der auskunfterteilenden Person betrachten. Soll man sich von einem einzelnen, ortskundigen Einwohner, vielleicht von einem Jäger, Sennen, Gemeindepräsidenten oder gar Pfarrherrn beraten lassen? Wer ist da wohl zuständig!

Lieber Leser, warst du schon mal auf einer Wanderung in fremdem Gebiete und hattest weder Karte noch Wegweiser?

Erinnerst du dich noch des ersten dir begegnenden Bauern, der auf deine Frage « wie weit noch? » «'ne halbe Stunde » zur Antwort hatte. Und nach dieser halben Stunde ein zweiter, der sagte: « so 10 Minuten mögen 's noch sein » und der Dritte weiter nach 10 Minuten: « stark 20 Minuten, dann habt Ihr's erreicht ». Siehst du, verehrter Leser! Ähnlich ergeht es dem namensuchenden Topographen in fremdem Lande. Der Zweite stösst um, was der Erste behauptet, und der Dritte schüttelt den Kopf über die schlechte Ortskenntnis der beiden ersten. Drum ist es am vorteilhaftesten, man geht zum Präsidenten der in Frage kommenden Gemeinde, erzählt ihm von Auftrag und Absicht des Topographen und bittet ihn, sich mit zwei weitern, ortskundigen Bürgern für einen Tag zur Verfügung halten zu wollen. Und zu dritt oder zu viert wird nun an Ort und Stelle beraten, gefragt, verglichen und diskutiert, und recht erbaulich ist oft der Streit der Meinungen, denn jeder kennt natürlich das Gebiet am besten und jeder ist schon in frühester Jugend als Hüterbub hier herumgefahren. Doch endlich einigt man sich über den Namen, entscheidet und nimmt ihn schliesslich als sicher in die Karte auf.

Doch nicht immer gestatten die Verhältnisse eine Namengebung an Ort und Stelle. Oft muss man sich vom Tal aus über fragliche Objekte orientieren lassen, denn einem Nachtragstopographen wäre es schon aus technischen und finanziellen Gründen unmöglich, auf seinen Wanderungen stets einen Stab beratender Schrift-gelehrter mit sich zu führen. Obiger Modus eignet sich hauptsächlich für die Namengebung bei Neuaufnahmen.

In verzwickten Fällen kann selbst die beratende Kommission nicht zur Einigung führen. So viele Köpfe, so viele Meinungen.

Einer unserer Ingenieure, der die Nomenklaturfragen stets mit grösster Gewissenhaftigkeit zu lösen versuchte, kam auf seinem Zuge in das Gebiet der « Amianthe » südlich des Grand Combin. Topographie und Namengebung des Siegfriedatlas sind hier ungenügend. Doch der Ingenieur hatte sich vorgenommen, hier unbedingt Klarheit in die verworrene Gipfelnomenklatur zu bringen. Er holte gründlich aus. Da sich die Aussagen einzelner Führer diametral gegenüber standen, bot der Topograph kurzerhand zur Sitzung auf, zu der sämtliche namhaften Führer des Val de Bagnes geladen wurden. Trotz Photographien, Skizzen und gründlichster Aussprache gelang es nur teilweise, die Gipfel aus der endgültigen Taufe zu heben. Eine restlose Übereinstimmung wurde nicht erzielt.

Neue Schwierigkeiten erwachsen beim Versuch einer sinngemässen, klaren Schreibweise. Ersucht man die Einwohner um ihre Meinung, so erhält man nicht selten zur Antwort: « Das überlassen wir Ihnen ». Auch hier ist eine eindeutige Lösung durchaus nicht einfach. Soll ein Name im Dialekt oder in seiner Verdeutschung geschrieben werden? Wer will in Gebieten der Sprachgrenze, z.B. romanisch-deutsch, für eine etymologisch richtige Schreibweise bürgen? Und auch wenn es gelänge, die zurzeit geltende, richtige Schreibart zu finden, wie lange hat sie Bestand? Auch die Phonetik ist der Wandlung unterworfen und kann nach Jahren eine andere Schreibweise des Namens hervorrufen.

Du siehst, freundlicher Clubbruder, auch hier hat der Topograph mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die der Zuverlässigkeit einer Nomenklatur bestimmte Grenzen setzen. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als nach ehrlichstem Willen und Können Bestes schaffen zu wollen. Kritik, gerechte und ungerechte, wird ruhig in Kauf genommen!

Jede neu beginnende Sommerkampagne birgt für den Topographen eine Fülle der mannigfachsten Abenteuer und Erlebnisse heiterer und ernster Art. Ein jeder Frühling bedeutet den Beginn eines neuen Lebensabschnittes. Trotzdem das ungebundene Topographenleben ja auch dem Idealehegatten zu Zeiten verlockend erscheinen mag, liegt doch im Gedanken, erst nach einem halben Jahre den Seinen wiederum anzugehören, ein unwiederbringliches halbes Jahr wiederum allein verwandern zu sollen, ein ernster Hintergrund. Welche Schicksale, Erlebnisse und Gefahren erwarten den Ingenieur im neuen, unbekannten Gebiete! Man muss sich wundern, darf dankbar anerkennen, dass die Topographen im allgemeinen von Unfällen und ernsten Missgeschicken verschont geblieben sind. Unberufen! denn haarscharf hat uns schon oft das Verhängnis gestreift.

Es ist in waldiger Schlucht, das Instrument steht auf schmalem Weglein, unten rauscht der Bach. Ich gebe dem Gehilfen noch einige Weisungen und verlasse deshalb meinen Standort. Im selben Moment kracht ein riesiger Felsblock splitternd auf die eben verlassene Stelle nieder und saust in gewaltigem Schwung Paul Simon.

in den Bach hinunter. Woher kam der Block? Weder Menschen noch Tiere sind im Gebiete! War es der Wind? Am selben Tage sausten noch dreimal kopfgrosse Steine an meinem Tische vorbei. Aber ich durfte nicht weichen, die Arbeit verlangte ein Aushalten auf diesem Platze. Meine Gehilfen entgingen in derselben Woche durch Zufall zweimal dem Absturz durch Steinschlag. Durch Verweilen, der eine mit Stopfen der Pfeife, der andere mit Wassertrinken, entgingen sie einer gewaltigen Steinlawine, die sie sonst unfehlbar auf ihrem Weg erreicht hätte.

Ein Ingenieur wurde in ärmlicher, steinerner Alphütte nächtlicherweise durch ein merkwürdiges Zischen geweckt Beim flackernden Kerzenschein erblickte er in Armesnähe die sich bäumende Gestalt einer züngelnden Viper, die, offenbar durch Zeichnung nach Photographie von K. Grunder die Nähe der Milch angelockt, den Weg in die Hütte gefunden hatte. Leider entkam das Reptil der zu spät aufgenommenen Verfolgung.

Verhängnisvoll können die Hochgewitter werden. Gewiss ist ja jeder Alpinist dieser Gefahr ausgesetzt, doch wird sich jener eher bei den ersten drohenden Anzeichen nach Möglichkeit in Deckung begeben. Anders der Ingenieur! Er hat auf dem Posten auszuharren. Einige schwarz sich türmende, düster sich ballende Wolkenmassen werden ihn nicht zum Rückzug bewegen dürfen, denn die am Morgen erklommene Höhe verlässt er im Interesse der Arbeit nicht unverrichteter Sache. Und so erwischt das Gewitter uns oft auf exponiertesten Punkten. Durch die Instrumente beschwert, würde die Flucht ja doch nicht gelingen.

Nicht so gefährlich, dafür um so lästiger ist das Arbeiten in der Nähe weidender Viehherden. Das ekelhafte Fliegengeschmeiss, vermischt mit allen Kalibern blutgieriger Bremsen, hat schon manchen braven Topographen vom Messtisch verjagt. An Händen, Armen und im Gesicht gestochen, finden wir in Arbeits-unterbruch und einem rauchenden Feuer die einzigen Mittel, uns dieser Plagegeister zu entziehen. Ein anderer Grund, diese Rinderherden zu meiden, liegt in der unziemlichen Neugierde, die diese sonst so gemütlichen Wiederkäuer oft recht spontan befällt. Schon mehr als einmal tollte ein munteres Kälblein in ausgelassenen Quersprüngen dem Messtisch zu. Gewöhnlich gelingt es ja, die Bahn des Unbe-sonnenen rechtzeitig abzulenken; doch kennt man auch Fälle, da ein hoch-geschwungener Schwanzwischer das Messtischbrett glatt abservierte. Urkomisch aber sind jene Rindergruppen, die stundenlang mäuschenstill den Messtisch umstehen, sich keine Bewegung des eifrig zeichnenden Topographen entgehen lassen. Hätte man in der lernbegierigen Schar nicht auch den Vater « Muni » erkannt, so wäre für Instrument und Demonstrant nichts zu befürchten, so aber ist es ratsamer, die Aufnahme im Frieden vorzeitig abzuschliessen und den Standort zu wechseln.

Surren die Fliegen zu emsig, gestattet der dürre Wald kein erlösendes Feuer, der von Schlangen wimmelnde Boden keine beschauliche Ruhe, so greift man zur immer erquickenden, so oft schon erprobten Trösterin, zur lieblich schmeichelnden Zigarre.

Zu ihr griffen wir auch heute im hochgelegenen Walde der Valle di Colla. Neben dem Messtisch steigt ein steiles, blaues Wölklein zum Himmel empor. Doch mein Blick folgt dem eben entschwindenden Gehilfen, kehrt langsam zum Tische zurück und bleibt dann für einen Moment an der jetzt schon mächtigen Rauchsäule haften. Zu spät! Wie Lichter einer nächtlichen Schaufensterreklame klettern ganz plötzlich feurige Zungen an den Stämmchen empor, mit nie geahnter Geschwindigkeit kreuzen knatternde, zischende Feuerschlangen den Boden, am dürren Waldheu reichliche Nahrung findend. Die Gehilfen eilen schreiend herbei; an Löschen ist nicht zu denken, wohl aber müssen Aufnahme und Instrument unbedingt gerettet werden. Dreimal versuchen wir, durch die eng ineinander-gewachsenen Bäume die offene Alp zu gewinnen, aber überall schlägt uns schon Rauch und Hitze entgegen, denn die Gewächse sind höchstens 3-4 m hoch, schindeldürr und durch Schlingpflanzen verbunden. Endlich dreht der Wind, und es gelingt, über glatte Felsen in ein Bachbett hinunterzuklettern. Arg geschwärzt und verbrannt gelangen wir ins Freie. Doch horch! Da wimmert auch schon vom Tal herauf die Sturmglocke. Zu den umliegenden Alpen und Maiensässen ruft sie um Hilfe. Auf allen Hängen wird 's lebendig. Mit Schaufeln, Äxten, Eimern bewaffnet, eilen die erschreckten, angsterfüllten Bergbewohner zur Brand-stätte! Wir hatten Glück, der Wind flaute ab, das Feuer war bald eingedämmt. Der Schaden hätte noch grosser sein können. Immerhin! Da die Gemeinde eine Forderung von Fr. 700 stellte, beschlossen wir, in Zukunft unsere Streichhölzer lieber gründlich zu löschen. Glücklicherweise raucht der Topograph auch billigere Zigarren, sonst wäre es nicht möglich, nach Wochen noch, an Häufchen liegen-gebliebener Zündholzschachteln und Zigarrenstummeln die ehemals benützte Messtischstation rekonstruieren zu können.

Als wichtigsten, leider nicht beeinflussbaren Faktor im Topographenhandwerk müssen wir die Witterung einstellen. Allerdings seitdem die eidgenössischen Ingenieure nicht mehr unter dem Druck eines Akkordverhältnisses arbeiten, hat ein nasser Sommer viel von seinem Schrecken eingebüsst, die Qualität der Aufnahme demzufolge zugenommen. Trotzdem also die finanzielle Lebensfähigkeit einer Topographenfamilie nicht mehr von der Trockenheit eines Sommers abhängig ist, bleiben die wechselnden Witterungsverhältnisse des Hochgebirges immer noch ein zuverlässiger Barometer für die Gemütsschwingungen des Ingenieurs. So paradox es klingen mag: es gibt nichts Aufregenderes, als eine durch die Witterung diktierte, unfreiwillige Arbeitspause im Hochgebirge. Wenn sich die lautlosen, perfiden Nebelschwaden ins Aufnahmegebiet niedersenken, die Gehilfen stundenlang auf ihrer mühsamen Wanderung dem Topographen unsichtbar sind, dieser einsam seinen Messtisch umsteht, dann kommen die qualvollen, langen Stunden der Zweifel und der endlosen Erwägungen. Soll man ausharren? Auf gut Glück 4-5 Stunden untätig hier oben verweilen, indessen unten noch die Sonne scheint und eine Bearbeitung jener Gebiete gestatten würde. Doch fast scheint es, als ob sich die Nebel endlich heben wollten, angriffsbereit steht man beim Instrument, noch eine, zwei Minuten, dann muss es « luggen », fast erkennt man schon die etwas verflossene Gestalt des fernen Gehilfen — ein Blick ins Fernrohr — doch das kreisrunde, graue Loch ist immer noch da. Und der Nebel wird schwerer und nasser. Ein erster Kälteschauer durchfröstelt den Topographen. In den Händen entsteht das undefinierbare, schwammige Gefühl, das Wäscherinnen empfinden mögen, Paul Simon.

die den ganzen Tag ihre Hände in Seife und Soda baden. Und plötzlich wirft ein Windstoss eine Flut prasselnder Hagelkörner auf Messtisch und Aufnahme und im Fernrohr erklingt der singende Ton des aufsteigenden Windes! Nun gibt man auf. « D'r Gschider git nah. » Aber am nächsten Tage muss der Aufstieg wiederholt, die Arbeit neu versucht werden.

Es ist dieser Kampf mit der Witterung eine immer wiederkehrende Erscheinung im Topographenberufe, ein Kampf, der nur mit grosser Selbstbeherrschung, endloser Geduld und festem Willen durchgeführt werden kann.

Ich bedurfte einmal in hochgelegenem Aufnahmegebiet zur Beendigung der Arbeit noch 2-3 Tage und war fest überzeugt, meine Aufnahme abschliessen zu können. Während 10 Tagen stiegen wir alle Morgen über 600 m zum Arbeitsplatze empor, wo wir bei unserer Ankunft jedesmal von Nebel und leichtem Schneetreiben empfangen wurden, das tückischerweise bis zur Abenddämmerung anhielt. Die Nächte waren sternenklar. Da zogen wir zu Tal, um wenigstens unten arbeiten zu können. Oben lachte ein wolkenloser Himmel! Aber wir blieben unten. Am dritten schönen Tage jedoch eilten wir im Renntempo in finsterer Nacht 1600 m hinauf ins Aufnahmegebiet. Zu spät! Eisiger Wind und Schneesturm empfingen uns oben und abends stapften wir schon bis über die Knie im Neuschnee. Da zogen wir grollend ab, wir waren gründlich geschlagen. Als Instrument und Koffer zur definitiven Heimreise verladen waren, erglänzte wiederum die Sonne. Ein herrliches Altweibersömmerchen war ins Land gezogen.

Verlassen wir nun die Person des Topographen und werfen noch resümierend einen kritischen Blick auf den Siegfriedatlas und seine einzelnen Blätter.

Der Leser, der meinen Ausführungen bis hierher geduldig gefolgt ist, wird schon gemerkt haben, dass es sich bei unserm topographischen Atlas offenbar nicht um ein homogenes Ganzes handeln kann, sondern dass sich derselbe aus Blättern sehr verschiedener Güte zusammensetzt. Es mag dies dem Alpinisten beim Gebrauch von Überdruckblättern am ehesten aufgefallen sein. Bei kritischer Betrachtung einer zusammengesetzten Überdruckkarte 1:50,000 oder, noch typischer, beim selbständigen Zusammenpassen einiger loser Siegfriedblätter jüngster Ausgabe wird er mit einiger Übung die verschiedenen Abstufungen in Güte und Darstellung der einzelnen Blätter wohl bald unterscheiden können. Wie weitgehend aber die Genauigkeitsunterschiede sind, kann, wie eingangs erörtert, nur mit Hilfe des Instrumentes festgestellt werden.

Über Neuerstellung und Neuausgabe der als ungenügend befundenen Hochgebirgsblätter sei folgendes ergänzend hinzugefügt: Die modernen, grosszügig arbeitenden Vermessungsmethoden lassen die Neuaufnahmen nicht siegfried-blatt-, sondern gebietsweise entstehen. Dadurch erstreckt sich oft das neu-vermessene Gebiet über mehrere Blätter des topographischen Atlasses, ohne aber vielleicht die Fläche eines einzelnen Blattes ganz erfassen zu können. Diese Art der Ergebnisse ist in der ökonomisch-technischen Arbeitsweise der Instrumente begründet. Es wäre beispielsweise wohl möglich, eher ein politisch in sich abgeschlossenes Gebiet ( Berggemeinde ) als Neuaufnahme erscheinen zu lassen statt Teilstücke verschiedener Gemeinden, die, zusammengesetzt, die Fläche eines Siegfriedblattes ergeben würden. Der Leser mag hier mit Recht einen gewissen Zusammenhang zwischen eidgenössischer Grundbuchvermessung und Neuaufnahme herausfühlen. Hier näher auf die Sache einzutreten, hat keinen Zweck.

Der Gebirgstopograph.

Ich komme zum Schlüsse. Ich habe versucht, in vorliegender Arbeit dem Clubbruder ein Bild über Aufgabe, Wirken und Zukunft des Topographen zu geben. Mit Absicht habe ich mich in technischer Beziehung auf das Allernotwendigste beschränkt. Auf Bau und Arbeitsmethode der neuzeitlichen Vermessungsinstrumente näher einzutreten, verbietet der Rahmen dieser Arbeit. Ich hoffe, dass eine andere Feder dieses Kapitel behandeln möge, die Zeitschrift des S.A.C. wird auch spätem Arbeiten Gastfreundschaft gewähren.

Ein letztes Wort noch zum Topographenberufe. Manch junger, bergbegeisterter Mann wird in dieser Tätigkeit sein Lebensglück finden. Gleitet er tiefer in die Jahre hinein, so wird der Beruf zum liebgewordenen, unerschöpflichen Gesund-heitsborn, und versucht man später, den ergrauten, alternden Ingenieur aus dem Feld in die Stube zu versetzen, so wird er sagen, dass er sein Schönstes und Bestes verloren habe.

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