Der Gletscherausbruch von Ferpècle

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Mit 2 Bildern ( 96, 97 ) und 4 SkizzenVon Toni Hagen

( Frauenfeld ) Am 23. August 1943 kam aus dem Wallis die Kunde von einer Überschwemmung im Val d' Hérens. Die Zeitungsberichte gaben allerdings ein falsches Bild vom Ausmass des Naturereignisses. Als der Verfasser an obigem Datum in Sion ins Postauto umstieg, prangten die Überschriften der Zeitungen in grossen Lettern: « Catastrophe aux Haudères » und so ähnliches mehr. Was war nun wirklich passiertDa ich als Geologe in jenem Gebiet arbeitete, hatte ich Gelegenheit, den Ferpèclegletscher öfters zu besuchen und mir den Wasserausbruch und seine Ursachen genauer anzusehen. Jedenfalls wurden seine Auswirkungen in den Zeitungsberichten stark übertrieben. Neben ein paar weggerissenen Stegen, leicht havarierten Holzschuppen gab es etwas Landschaden, aber weder Mensch noch Tier kamen zu Schaden.

Ähnliche Naturereignisse wie dasjenige des Ferpèclegletschers sind schon lange bekannt. Ich erinnere vor allem an die Ausbrüche des Märjelensees durch den grossen Aletschgletscher, die sich aber nicht immer so harmlos abzuwickeln pflegten wie der Ausbruch des Ferpèclegletschers. Wenn auch rein äusserlich betrachtet, der Ausbruch des Ferpèclegletschers von demjenigen des Märjelensees verschieden zu sein scheint, so sind doch ihre Ursachen die gleichen: ein Hauptgletscher sperrt mit seiner grösseren Eismasse die Schmelzwasser des stärker zurückgewichenen Nebengletschers bzw. riegelt ein eisfreies Nebental ab. Von solchen Naturkatastrophen der letzten Art berichtet der Holländer C. Visser aus dem Karakorum. In den vom Hauptgletscher abgeriegelten Nebentälern stauten sich die Flüsse zu riesigen Seen, die plötzlich und unberechenbar die Eisbarriere durchbrachen und als riesige Überschwemmungen mit verheerender Wucht durch die Täler hinabfegten.

Wir wollen nun die Verhältnisse beim Ferpèclegletscher etwas genauer betrachten. Etwa um 1900 herum hatte der Ferpèclegletscher noch die Ausdehnung wie aus Skizze Nr. 1 ersichtlich ist; sein Zungenende war etwa 1000 m nördlich des heutigen Stands. Damals hatte der Ferpèclegletscher noch den Hauptanteil an der Eismasse unterhalb seiner Vereinigung mit dem Glacier du Mont Miné; diese zwei vereinigten Gletscher wurden daher Ferpèclegletscher genannt. Heute ist dieser Name nicht mehr angebracht, da die Anteile jetzt gerade umgekehrt sind. ( Das gleiche Phänomen, aber noch viel deutlicher, sehen wir auch im westlichen Nachbartal, im Arollatal. Am Nordfuss des Mont Collon vereinigen sich der Glacier d' AroUa und der Glacier de Vuibez, wobei der erstere den vereinigten Gletschern seinen Namen gegeben hat. Heute sind die Verhältnisse so, dass infolge seines starken Rückzuges der Arollagletscher mit den vereinigten Gletschern nicht mehr in Zusammenhang ist; sein Bach fliesst auf ca. 150 m Distanz über anstehenden Fels, um nachher unter dem Eis seiner alten Zunge wieder zu verschwinden.

DER GLETSCHERAUSBRUCH VON FERPÈCLE Skizze des Cfoa'er du Ht. MinéDer Gletscher unterhalb der Vereinigung besteht heute zur Hauptsache aus dem Eis des Glacier de Vuibez, neben einer untergeordneten Toteismasse des Arollagletschers. Er sollte daher auch konsequenterweise Glacier de Vuibez genannt werden und nicht mehr Glacier d' Arolla, wie auf der Karte noch angegeben ist. ) Nun wieder zurück zu unserer Skizze Nr. 1. Wir ersehen daraus, dass ungefähr im Jahr 1900 die Mittelmoräne noch wirklich in der Mitte des Gletschers lag. Heute hingegen ist sie ganz nach Osten, zur Seite des Ferpèclegletschers abgedrängt. Die Eismasse unterhalb des Zusammenflusses von Glacier du Mont Begrenzung

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DER GLETSCHERAUSBRUCH VON FERPÈCLE wird illustriert durch den Verlauf der « Stromlinien » und die in den Gletscherzungen in die Luft ausstechenden Schichtgrenzen. Aus all diesem folgt, dass der Eisfluss des Glacier du Mont Miné in den letzten Jahren viel stärker gewesen sein muss als derjenige des Ferpèclegletschers. Trotz des scheinbar grösseren Einzugsgebietes des Ferpèclegletschers muss der Glacier du Mont Miné doch durch lokale Unterschiede in Niederschlagsmenge, Gefälle usw. gegenüber dem Ferpèclegletscher begünstigt gewesen sein.

Die Voraussetzungen zur Bildung eines Stausees waren also geschaffen. Normalerweise fliessen die Schmelzwasser in einem Gletscher in der Fallirne ab und verlassen ihn durch das Gletschertor an seiner tiefsten Stelle. Am Glacier du Mont Miné ist das aber nicht der Fall. Freilich entspringt dem Zungenende ein kleiner Bach„ aber im Vergleich zum Hauptfluss ist es nur ein kümmerliches Rinnsal. Der Hauptfluss — die Borgne — verlässt den Gletscher seitlich; ungefähr an der Stelle, wo die Schubfläche zwischen Glacier du Mont Miné und Ferpèclegletscher seitlich aussticht. Daraus folgt, dass das Eis des Glacier du Mont Miné die Schmelzwasser des Ferpèclegletschers gestaut hat. Zunächst wurden innerhalb und am Grunde des letzteren sämtliche Hohlräume, Spalten usw. mit Wasser gefüllt, bis zu der Höhe, bei der es seitlich am Glacier du Mont Miné überfliessen konnte. Die Höhendifferenz zwischen dem anstehenden Fels unter der Eismitte und der seitlichen Überlaufstelle ist schwierig anzugeben. Nach dem jetzt zum Teil freigelegten See zu urteilen, muss man bis 20 m annehmen. Das im Gletscher gestaute Wasser blieb natürlich nicht ohne Folgen: Das Schmelzwasser schmolz riesige Hohlräume heraus. Einzelne, erhalten gebliebene Säulen und Pfeiler stützten das Ganze und bewahrten es so vor dem vorzeitigen Einbruch, so dass vor dem Wasserausbruch an der Oberfläche nichts festzustellen war.

Primär entstand der See unter dem Ferpèclegletscher, da bei diesem zu wenig Eis nachstiess, um die Hohlräume fortlaufend wieder aufzufüllen. Im Laufe der Zeit wurde aber auch der Glacier du Mont Miné angegriffen, und ein riesiger Sack wurde an seinem Grunde herausgeschmolzen. Das Natürliche wäre nun gewesen, dass sich der ursprüngliche, seitliche Überlauf allmählich am rechten Ufer des Glacier du Mont Miné nach unten ( Norden ) eingefressen und eingeschmolzen hätte. In diesem Falle wäre mit der langsamen Tieferlegung des Überlaufes der See allmählich abgeflossen. In unserm Fall war es aber anders, weil die Morphologie des Talgrundes ein langsames Tieferlegen des Überlaufes nicht gestattete. Ein Süd-Nord verlaufender und auf kurzer Strecke nach Norden ansteigender Felsriegel gebot dem Abwärts-wandern des seitlichen Abflusses plötzlich Halt. Währenddessen schmolz sich das Wasser am Grunde des Glacier du Mont Miné fortwährend tiefer, d.h. nach Norden vor; der See wuchs in die Länge und nach links ( Westen ) auch in die Breite. Nur rechts wurde seine weitere Vergrösserung durch den Längsfelsriegel ( und auch durch den ansteigenden Talhang ) abgestoppt. Das ging so weiter, bis der Nordostrand des Sees unter dem Eis eine Stelle erreichte, wo die Felsrippe eine Depression aufweist. Ausserdem wurde die rechtsseitige Eisdecke noch durch das allgemeine Zurückgehen des Gletschers sukzessive verdünnt. Namentlich in diesem heissen Sommer konnte das einen ordentlichen Betrag ausmachen. Das Eis mochte vielleicht noch 1-2 m dick gewesen sein, als es dem unter Druck stehenden Wasser nicht mehr standhielt und so plötzlich nachgab. Die hervorbrechenden Wassermassen vergrösserten die Ausbruchstelle rasch, so dass die Borgne nicht einfach langsam anstieg, sondern als förmliche Flutwelle das Tal hinausstürmte. Die Einwohner von Salay bei Ferpècle erzählen, dass alles gezittert habe und es wie Donnerrollen tönte, als in der Nacht sich die Wasser durch die Schlucht von Ferpècle zwängten.

Mit fortschreitender Leerung des Sees stürzten Teile des Eisgewölbes — zunächst namentlich an der Ausbruchstelle, später dann entlang des ganzen rechten Gletscherufers — ein, so dass mit der Borgne zeitweise grössere Eismassen verfrachtet wurden. Bis ins Rhonetal hinunter konnte man im Wasser Eistrümmer feststellen. Aber auch dort, wo die Eisdecke nicht direkt einstürzte, kann man an der Oberfläche des Gletschers den Umfang des Sees erkennen, indem Einsenkungen, Klüfte und Spalten eine Störung im Untergrunde anzeigen. Am rechten Gletscherufer stürzten noch wochenlang Teile des Gewölbes ein, vorübergehend die Borgne wieder stauend. Mehrere Male führte die Borgne für Stunden praktisch kein Wasser, um dann plötzlich wieder als Flut hervorzubrechen. Durch den Einsturz des Gewölbes und teilweisen Abtransport der Eistrümmer wurde das unterste Zungenende des Ferpèclegletschers als Toteismasse vom übrigen Gletscher abgetrennt. Diese Toteismasse liegt auf dem erwähnten Felsriegel, so dass sie nicht einstürzen konnte.

Der Flächeninhalt des Sees kann an Hand der oberflächlichen Störungen geschätzt werden. Es ist sehr schwierig, über den Wasserinhalt selbst Schätzungen anzustellen, da es sich nicht entscheiden lässt, wie gross die durchschnittliche Tiefe anzunehmen ist. Ich will aber trotzdem versuchen, die ungefähren Ausmasse anzugeben:

Die Fläche des Sees beträgt bei 600 m Länge und 350 m Breite rund 200 000 m2 = 20 Hektaren. Bei 8 m durchschnittlicher Tiefe ergibt das einen Inhalt von 1 600 000 m3. Wenn wir während des Hochwasserstandes der Borgne 2 m x 15 m = 30 m2 Querschnitt annehmen, so würde bei einer Stromgeschwindigkeit von 3 m/sec die Borgne 1 600 000: 90 = 17 700 sec = rund 5 Stunden ohne Unterbruch Hochwasser führen. Es ist natürlich schwer, für das Hochwasser einen Durchschnittswert festzustellen, aber die 5 Stunden scheinen doch mit der Wirklichkeit nicht im Gegensatz zu stehen.

Für die Zukunft lässt sich sagen, dass sich das Ereignis von Ferpècle mit grosser Wahrscheinlichkeit noch einmal wiederholen wird. Der heutige Ausfluss aus dem Gletscher ist nämlich noch nicht der natürliche und endgültige. Als endgültig muss man einen Gletscherbach erst dann betrachten, wenn er seinem Gletscher am tiefsten Punkt entspringt. Das ist aber beim Ferpèclegletscher jetzt noch nicht der Fall. Der jetzige Abfluss ist immer noch ein seitlicher Überlauf. Und wieder ist sein Abwärtseinfressen durch den Felsriegel mit aufliegender Moräne verhindert. Es ist anzunehmen, dass unter Die Alpen - 1944 - Les Alpes23 DER GLETSCHERAUSBRUCH VON FERPÈCLE dem Eis das Wasser durch Ausschmelzen talabwärts weiter Raum gewinnen wird, bis es schliesslich am Zungenende wieder hervorbricht. Allerdings wird der Ausbruch nicht mehr das diesjährige Ausmass erreichen, denn der jetzige Überlauf ist nur etwa 250 m vom Zungenende entfernt. Auch ist der Talboden gegen das Gletscherende viel flacher. In gleichem Masse nimmt die Höhe der seitlichen Fels- und Moränenrippe ab, wobei sie sich nach Norden etwas vom rechten Gletscherufer entfernt, so dass bis zur nächsten, allfälligen Wasserausbruchstelle nicht mehr eine so grosse Höhendifferenz entstehen kann. Wann das geschehen wird, ist schwer zu sagen. Bei gleich starkem Rückzug des Glacier du Mont Miné wie bisher ( letztes Jahr ca. 40 m ), wird sein Gletscherende schon etwa ums Jahr 1950 auf der Höhe des jetzigen Überlaufes sein, so dass die Schmelzwasser nicht mehr lange Zeit haben, unter dem Eis grosse Hohlräume herauszuschmelzen.

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