Der Gotthard: Berg, Pass, Bahn - und Gleichnis

DICHTERWORTE ZUM 75JÄHRIGEN BESTEHEN DER GOTTHARDBAHN VON VALENTIN BINGGELI, KIRCHBERG ( BERN )

«... Wer vermag diese Werkstatt der Elemente, diese erhabene Scheide der Klimas, diese Grenzmauer der Länder und Sitten ohne Ehrfurcht anzuschauen?... »Friederike Brun, 1795 Das vielgenannte und geehrte Gotthardgebirge kam durch Pass und Bahn zu doppelter Ehre, doppelter Bedeutung. In ihnen erhöht sich der Gotthard vom Gebirge zum Gleichnis. Denn als Berg scheidet er Wasser und Wetter und Völker Europas, Passweg und Bahn aber verbinden sie.

Gleichnishaft erscheint der Brückenschlag in der Schöllenen. Mit ihm erfolgte am Gotthard die internationale Nord-Süd-Passierung der Alpen. Im selben Jahrhundert aber, im 13., da durch diese Schicksalsbrücke der deutsche Norden mit dem romanischen Süden Europas verbunden wurde, verbündeten sich auf dem Rütli auch die drei Waldstätte zur Eidgenossenschaft.

Gleichermassen gleichnishaft erscheint das grosse Werk des Bahnbaus, 1872-1882, dessen glückliche Vollendung wir in diesem Jahre dankbar feierten. Es war der Völkerzusammenschluss von Italien, der Schweiz und Deutschland, der das mehr als die Kräfte eines einzelnen Volkes erfordernde Werk vollbrachte. Sei der Gotthard uns deshalb Symbol der europäischen Zusammenarbeit, die im kleinen Schweizerkreis nochmals versinnbildlicht ist: « Der Welsche ( Louis Favre ) schuf den Weg zwischen der alemannischen Schweiz und dem Tessin, der Mitbürger Henri Dunants den Weg von Deutschland nach Italien » ( Georg Thürer ).

« Immer muss der Schweizer beim Gotthard beginnen », sagte der Dichter Heinrich Federer, « das ist der Anfang und das Ende seiner Geographie ». Und wir fahren weiter: Wie vom Gotthard aus die Flüsse ihren Anfang nehmen und in die Länder und Richtungen verströmen und doch endlich in Wolken wieder über dieser Wasser- und Wetterscheide Europas sich zusammenbrauen. Wie auch von hier aus durch die Täler Sprachen und Kulturen sich verbreiten und letztlich doch am Gotthard sich finden zur vielfältigen Einheit unseres Landes.

Welch eine Sammlung, und welch ein Ausgangspunkt!

Die Gotthardstelle war bereits im Bau der Alpen vorgezeichnet. Vom widerständigen Massiv aus ging der Grund gewaltiger Gesteinsbewegung, Brandungsmauer und Wirkung neuer Wellen war es zugleich. Der Gotthard ist demnach ein geradezu ursprünglicher Punkt im Werden des Alpengebirges, von hier aus gingen schlechthin Grundwirkungen alpinen Seins und Lebens. Diese Bedeutung hat der Gotthard besonders gerade für unser Alpenland.

Von Osten und Westen drängen sich die Ketten hier zu einer Scharung, fächern sie von hier sich auseinander. Das schuf die Gunst des Übergangs, beschränkt auf einen Wall, eine Überwindung. Die Pass-Querung wird durch die Täler zur Kreuzung verdoppelt. Und der Vierung der Flüsse folgt jene der Sprachen. Reuss rauscht es von Norden, Rein Anteriur aus Ost, lieblicher Le Rhône im Westen und Ticino südseits. So sind wir fast unbemerkt aus der Natur in die Kultur aufgestiegen. Eingefügt in die naturgegebene Mannigfalt des Gebirgsgebäudes, des Klimas und der Pflanzenwelt ist die menschliche Verschiedenartigkeit in Sprache, Wohnen, Wesen, im ganzen Leben und Denken.

« Wie liebe ich dieses felsige, vielfenstrige und vielgieblige Gehäuse von Göschenen nach Airolo, von der Furka zur Oberalp! Es ist die Wirbelsäule des schweizerischen Knochengerüstes, aber auch das Herz seines Blutganges.

Hier schöpfst du eine Handvoll Wasser; du hast den Rhein in der Hand, den Rhein mit Basel, Mannheim, Köln und dem ganzen Holland. Einen kleinen Marsch weiter, und du schöpfst wieder eine Welle auf; du hast die Rhone mit Marseille, den Tessin mit dem bessern Po und Oberitalien, etwas weiter, den Inn mit der halben Donau in der Hand. Überall, rechts, links, oben, unten, hörst du das Wasser musizieren. Der Gotthard ist geradezu wie eine Orgel, so singt und klingt es aus hohen und tiefen Pfeifen, spritzt, schäumt, murrt, stöhnt, jubelt, neckt und faulenzt es in tiefen, grünen Felsschächten.

Über dieses Wasser sollte einmal ein grosser Poet ein grosses Epos schreiben. » Heinrich Federer « Der Gotthard nun ist in vollkommenerem Sinne ein Pass als jeder andere Pass; darauf beruht sein Ruhm, darin liegt sein entscheidender Vorzug. Er ist zentral, in das Herz der Völker führend und Länder und Berge teilend, er ist beherrschend, indem er ein ganzes System von Kämmen und Pässen kreuzend vereinigt und die Wasserquellen nach allen Richtungen den verschiedensten Meeren entgegensendet, er ist einfach und übersichtlich, in ziemlich gerader Linie von Norden nach Süden führend, mit Seitentälern, welche unter einander parallel laufen, er ist kurz und ist nah, ob wir nun von einem Fuss zum andern oder von den Kulturzentren aus messen mögen,er ist ferner ( und das ist ein höchst wichtiger Punkt ) rein und vollständig; das heisst, er führt nicht aus Seitentälern in Sackgassen, aus welchen wir uns wieder mittelst eines zweiten Passes mühsam hinauswinden müssen, sondern er mündet auf beiden Seiten in die Ebene, endlich: er entwickelt die denkbar stärksten Gegensätze. Gibt es doch in dem weiten Reiche des Geistes und der Natur kaum ein Gebiet, das der Gotthard nicht trennte. Sprache, Sitte, Rasse, Politik, Geschichte und Kultur, Pflanzen- und Steinwelt, Klima, Farbe und Licht, alles ist drüben anders als hüben. Hier Norden, dort Süden; hier germanische, dort romanische Rasse; diesseits historisches Neuland, jenseits Durchdüngung mit uralter Kultur und mit Völkermoder. Je schärfer aber die Gegensätze, je deutlicher und je näher sie nebeneinander treten, um so genussreicher wird ihre Überbrückung mittelst des Passes. Darum verspüren wir die gehobene Stimmung, die sich in schwächerem Grade bei jedem Pass einfindet, so unvergleichlich lebhaft auf dem Gotthard. Man weiss sich hier mehr in Europa als überall sonst.

Natur und Kunst haben diesen Vorzügen noch ein übriges hinzugefügt: längs des Weges eine lückenlose Reihe von grossartigen Landschaftsbildern, so dass von Luzern bis Corno kein Fleck zu finden ist, der nicht bedeutend wäre, der nicht das Verweilen und die nähere Bekanntschaft lohnte, an beiden Enden der Strasse Naturschönheiten, die jedes Lobes und Vergleiches spotten, nämlich der stolze Vierwaldstättersee und die blühenden Gestade der italienischen Seen, unmittelbar dahinter zwei Städte, zwar von ungleicher Art und Grosse, aber beide in ihrer Art wohl geeignet, den Reisenden zu halten, Luzern und Mailand, und eine Eisenbahn, welche, aus der Not eine Tugend schöpfend, den schwierigen technischen Aufgaben eine solche Lösung abzu- ringen verstanden hat, dass sie ihrerseits das Merkmal des Interessanten, das dem Gotthard ohnehin anhaftet, verstärkt.»CarlSpitteler « Der Gotthard ist zwar nicht das höchste Gebirge der Schweiz, und in Savoyen übertrifft ihn der Mont Blanc um sehr vieles; doch behauptet er den Rang eines königlichen Gebirges über alle andern, weil die grössten Gebirgsketten bei ihm zusammenlaufen und sich an ihn lehnen. Die Gebirge von Schwyz und Unterwaiden, gekettet an die von Uri, steigen von Mitternacht, von Morgen die Gebirge des Graubündterlandes, vom Mittag die der italienischen Vogteien herauf, und von Abend drängt sich durch die Furka das doppelte Gebirge, welches Wallis einschliesst, an ihn heran. »Johann Wolf gang GoetheZu Füssen des Gotthards finden sich die Anfänge unserer Schweizer Geschichte, des Schweizer-seins überhaupt, mit dem Gotthardweg wohl in tieferem, ursächlichem Zusammenhang, als man gemeinhin annimmt.

Sehr wohl möglich ist, dass passpolitische Erwägungen den bedeutungsreichen Rückkauf Uris an das Reich im Jahre 1231 beeinflussten. Auf alle Fälle brachten Passverkehr und Handel Selbstbewusstsein und einen gewissen Wohlstand ins karge Bergland. Im gemeinsamen Werke erwuchs Zusammengehörigkeit. Und dies nicht nur im Lande Uri, vom Vierwaldstättersee bis an den Lago Maggiore weitete sich Freundschaft und Verbundenheit, reichten sich die Hände über Kultur-und Sprachengrenzen hin.

Die Bedeutung des Gotthards aber steigt noch weiter, ist nicht bloss Schweizersache, ist nicht nur geographisch und geschichtlich. Und nicht nur Heinrich Federer hat sie betont. Denken wir an Spitteler, Schiller, Goethe. « Man weiss sich hier mehr in Europa als überall sonst. » Das sind Worte Carl Spittelers. Goethe aber erhob den Gotthard in den « Rang eines königlichen Gebirges ».

Friedrich Schillers Freiheitsdrama « Wilhelm Teil », seien wir glücklich, stolz und dankbar dafür, spielt an unserm Vierwaldstättersee, am nördlichen Ausgang des Gotthardweges. Teil aber bleibt nicht der unsrige allein, aus dem Bergvolk trat er hinaus zu andern Völkern, als Sinnbild der Freiheit für alle.

Teil: Siehst du die Firnen dort, die weissen Hörner, Die hoch bis in den Himmel sich verlieren? Walter: Das sind die Gletscher, die des Nachts so donnern Und uns die Schlaglawinen niedersenden. Teil: So ist 's, und die Lawinen hätten längst Den Flecken Altdorf unter ihrer Last Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht Als eine Landwehr sich dagegen stellte. Walter: Gibt's Länder, Vater, wo nicht Berge sind? Teil: Wenn man hinuntersteigt von unsern Höhen Und immer tiefer steigt, den Strömen nach, Gelangt man in ein grosses ebnes Land, Wo die Waldwasser nicht mehr brausend schäumen. Die Flüsse ruhig und gemächlich ziehn; Da sieht man frei nach allen Himmelsräumen, Das Korn wächst dort in langen schönen Auen, Und wie ein Garten ist das Land zu schauen. Walter: Ei, Vater, warum steigen wir denn nicht Geschwind hinab in dieses schöne Land Statt dass wir uns hier ängstigen und plagen? Teil: Das Land ist schön und gütig, wie der Himmel, Doch die 's bebauen, sie geniessen nicht Den Segen, den sie pflanzen. Walter: Wohnen sie Nicht frei wie du auf ihrem eignen Erbe? Teil: Das Feld gehört dem Bischof und dem König. Walter: So dürfen sie doch frei in Wäldern jagen? Teil: Dem Herrn gehört das Wild und das Gefieder. Walter: Sie dürfen doch frei fischen in dem Strom? Teil: Der Strom, das Meer, das Salz, gehört dem König. Walter: Wer ist der König denn, den alle fürchten? Teil: Es ist der eine, der sie schützt und nährt. Walter: Sie können sich nicht mutig selbst beschützen? Teil: Dort darf der Nachbar nicht dem Nachbar trauen. Walter: Vater, es wird mir eng im weiten Land; Da wohn'ich lieber unter den Lawinen. Teil: Ja, wohl ist 's besser, Kind, die Gletscherberge Im Rücken haben als die bösen Menschen.

Friedrich Schiller Friedrich Schiller redet vom Gotthard als der « Königin hoch und klar ». Er, der hochberühmte und -geehrte Dichter, der nie dort weilte, liess es sich nicht nehmen, diesen ausserordentlichen Ort in einem Gedicht mit daktylischem Pathos zu ehren. Seine Dichterphantasie liess ihn so nah Schrecken und Schönheit des Passweges erleben, so klar der Stelle Bedeutung, wie es selten einer Gotthardfahrt beschieden sein wird.

Berglied Am Abgrund leitet der schwindlichte Steg, Er führt zwischen Leben und Sterben; Es sperren die Riesen den einsamen Weg Und drohen dir ewig Verderben; Und willst du die schlafende Löwin nicht wecken, So wandle still durch die Strasse der Schrecken!

Es schwebt eine Brücke, hoch über den Rand Der furchtbaren Tiefe gebogen; Sie ward nicht erbauet von Menschenhand, Es hätte sich 's keiner verwogen; Der Strom braust unter ihr spat und früh, Speit ewig hinauf und zertrümmert sie nie.

Es öffnet sich schwarz ein schauriges Tor, Du glaubst dich im Reiche der Schatten, Da tut sich ein lachend Gelände hervor, Wo der Herbst und der Frühling sich gatten. Aus des Lebens Mühen und ewiger Qual Möcht'ich fliehen in dieses glückselige Tal.

Vier Ströme brausen hinab in das Feld, Ihr Quell der ist ewig verborgen. Sie fliessen nach allen vier Strassen der Welt, Nach Abend, Nord, Mittag und Morgen. Und wie die Mutter sie rauschend geboren, Fort fliehn sie und bleiben sich ewig verloren.

Zwei Zinken ragen ins Blaue der Luft, Hoch über der Menschen Geschlechter; Drauf tanzen, umschleiert mit goldenem Duft, Die Wolken, die himmlischen Töchter. Sie halten dort oben den einsamen Reihn, Da stellt sich kein Zeuge, kein irdischer, ein.

Es sitzt die Königin hoch und klar Auf unvergänglichem Throne; Die Stirn umkränzt sie sich wunderbar Mit diamantener Krone.

Drauf schiesst die Sonne die Pfeile von Licht, Sie vergolden sie nur und erwärmen sie nicht.

Friedrich Schiller Der Gotthard ist die « Summae Alpes » der alten Landeskundigen, alpine Mitte und höchste Erhebung. Hinsichtlich der Höhe können wir den Alten nicht zustimmen Geblieben aber, ja für unsere Zeit wesenhafter noch geworden ist seine Stellung, seine Bedeutung als Mitte und Mittler zwischen verschiedengearteten Menschen und Völkern.

Der Gotthard, Berg, Pass, Bahn - und Gleichnis.

Vom Berge strahlt das Licht der Freiheit, beides gibt der Berg dem Menschen, das Symbol der Idee und die Kraft und Zähigkeit, sie hochzuhalten. Der Pass ist gemeinsames Werk germanischer Urner und romanischer Tessiner, die Bahn eine Völkerzusammenarbeit Italiens, der Schweiz und Deutschlands. Mit Pass und Bahn begegnen sich der blonde Norden und der dunkelfarbene Süden, zwei Welten schlechthin.

Der Gotthard führt Völker und Welten zusammen. Welch ein Blickpunkt!

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