Der Jura

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Séraphin Müller, Herzogenbuchsee

Aus dem Blickwinkel des Kletterers Faszinierende Berglandschaft über dem Mittelland! Man darf wohl ohne Übertreibung den etwas Superlativen Ausdruck gebrauchen, denn wer sich einmal anschickt, an einem besonders schönen Herbsttag dem Nebel des Aaretals zu entrinnen, und sich zu den Höhen des Juras begibt, wird kaum treffendere Worte finden, den sich ihm bietenden Anblick zu beschreiben. Vom prächtig gefärbten Bergwald gleitet unser Blick über das riesige Nebelmeer hinweg zu dessen Horizont. Klar schimmernd, ragt die ganze Alpenkette aus dem weissen Niemandsland heraus. Unter dem imposanten Wattebausch versteckt, sind Dörfer und Städte. Man steht da in der wärmenden Herbstsonne und bestaunt die dargebotenen Schönheit. Nur widerwillig, oft etwas wehmütig, schreitet man nach solch schönen Stunden zu Tal und dem Nebel entgegen. Am Fusse des Juras wohnend, gewahrt man immer neue Eindrücke von seinem Bild beim Aufschauen zu den mit steilen weissen Kalkfelsen 1

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3Der Seilerste wird mit Hilfe des Doppelseils gesichert 4Der Seilerste sichert den zweiten aus dem Leiternstand nach 5Rüttelhorn-Ausschnitt: grosser Turm, Kellerwand und Teufelsgrätchen Photos F. Hoppe, Burgdorf durchsetzten Höhen. Wie bezaubernd sehen seine vom ersten Schnee bedeckten Weiden aus, derweil unten im Tal noch saftiges Grün vorherrscht! Oder beobachten wir sein Gesicht im Frühling: Langsam streift er sich ein sattes, grünes Gewand über. Immer weiter hinauf, von Tag zu Tag etwas höher steigt das Grün. « Der ,Maien'steigt den Berg hinauf », pflegte meine Mutter zu sagen, wenn ich am Morgen aus dem Haus trat, um zur Schule zu gehen. Ein schöner Schulweg, den Blick zum Jura gerichtet.

Dort oben bei den weisslich-grauen « Riesi-nen », in den Alpen besser bekannt unter dem Namen Geröllhalden - im Jura aber nur schmale, zungenförmige Steinrutsche -, holten wir mit dem zweirädrigen Bergkarren dicke Buchenäste herunter. Sie ersetzten den teuren Ölofen im Winter und spendeten kräftig Wärme. Für uns Buben war das immer ein ganz besonderes Abenteuer. Oft kletterten wir bei solchen Gelegenheiten an einem Felsbrocken herum, bis wir uns weder vor- noch rückwärts getrauten und der Vater uns dann zum weniger gefährlichen Holz-sammeln zurückbeorderte. Immer mehr aber wurde in uns der Wunsch wach, das « Buchen-holzschleipfen » mit dem Herumklettern in den Felsen zu vertauschen. Der heimliche Griff zur Wäscheleine war die Folge. Hosenboden und Knie wurden stark beansprucht und strapaziert, und einige solcher Möchtegern-Alpinisten-Unternehmen gingen mehr als glimpflich für uns aus.

Aber der Drang, sich mit den Felsen vor unserer Haustüre auseinanderzusetzen, verringerte sich deswegen nicht im geringsten. Im Gegenteil; der Schule entlassen, vertauschten wir bald die Wäscheleine mit einem richtigen Bergseil. Besseres Schuhwerk und sogar zwei eiserne, ovale Karabinerhaken kamen hinzu. So ausgerüstet, wagten wir uns schon an etwas grössere Brocken heran, mussten aber häufig ob unserer Unerfahrenheit scharfe Zurechtweisungen von erfahrenen Kameraden hinnehmen. Gar nicht erfreut waren natürlich die Eltern ob unserem Tun.

Mein Vater hätte mir allzu gerne eine Handharmonika als Stiftenhobby zugeschoben. Dies indessen war ein erfolgloses Bemühen. Die Freude am Klettern war zu gebieterisch geworden.

Stolz standen wir eines Tages auf der Spitze des « Bubikopfes » in der Oberdörfer Klus, am Fusse des Weissensteins. Eine richtige Kletterei, bei der man ganze vier Haken einhängen muss, war uns gelungen. Wir schauten mit geschwellter Brust ins Land hinaus von der Schlangenlinie der Aare bis zum Bieler- und Murtensee. « Dritter und vierter Schwierigkeitsgrad » heisst es im Juraführer, der leider bis heute immer noch nur in französischer Sprache abgefasst ist: « Guide d' escalades dans le Jura ». Schade...

Bleiben wir aber trotzdem noch in der Oberdörfer Klus, überspringen jedoch einige Jahre -und damit auch unsere langsame Heranreifung zu geübten Kletterern. Zu den älteren bestehenden Routen sind inzwischen viele neue hinzugekommen. Wir liessen es uns nicht nehmen, selbst den Ausbau des Klettergartens in die Hand zu nehmen und, wo immer nur möglich, neue Routen zu ziehen. Von der klassischen Freikletterei zur artifiziellen Führe ist alles vorhanden. Die Einstiege sind mit farbigen Pfeilen markiert.

Verlassen wir nun die Oberdörfer Klus, um uns in östlicher Richtung zu orientieren. Der eigentlichen Weissensteinkette vorgelagert ist die Balmfluh, von Solothurn aus gesehen eine stark abfallende felsdurchsetzte Südabdachung. Vom Dorf Balm gelangen wir durch würzig duftenden Bergwald zum Einstieg der Balmfluh-Südwände. Es sind deren vier, von denen jede für sich schöne Felskletterei bietet und mit verschiedenen Varianten versehen ist. Die « schwere Wand », gleich am Anfang, kann leichter links umgangen werden, doch lohnender ist es, sie « mitzunehmen ». Zweite, dritte, vierte Südwand und schliesslich, bevor wir das Buch erreichen, die Haidegger-Traverse, ein äusserst feines Leistchen, das frei von rechts nach links gequert wird, etwas ganz Delikates. « La traverse est délicate. » Wir befinden uns jetzt beim Wandbuch. Die Kletterei ist aber noch nicht zu Ende. Leichter, aber sehr luftig klettert man über den Ostgrat weiter zum eigentlichen « Balmfluhköpfli ». Vom Buch leicht absteigend, erreicht man den Einstieg zum grossen Turm. Eine ziemlich ernsthafte Kletterei, die über vier Seillängen geht und auch auf dem « Balmfluhköpfli » endet. Ein sehr luftiger Vierzig-Meter-Quergang führt zum ersten Standplatz inmitten des Turmes. Von hier folgen wir einem schweren Riss, der zum nächsten Standplatz bei einem Tännchen leitet. Bevor wir uns, wie so oft im Jura, an einem aus der Wand herausragenden Tännchen festklammern können, ist ein besonders schwieriges Leistchen zu überwinden. Ein weiterer, leichterer Quergang mit anschliessendem senkrechtem Aufschwung lässt uns auf das « Köpfli » aussteigen. Wir blicken von hoher Warte über das ganze Mittelland und gegen die Alpen.

Weiter ostwärts, zwischen saftigen Bergweiden gelegen, erkennen wir die Felsen des Rüttelhorns, ein idealer Klettergarten über den von Enzianen bewachsenen Weiden der Schmiedenmatt. Wer im Jura klettert, sollte nicht vergessen, dem Rüttelhorn einen Besuch abzustatten. Eine Vielzahl schöner Kletterrouten findet man hier. Begeben wir uns aber vorerst in den sogenannten « Keller ». Statt hinunter, wie es der Name wahrhaben will, steigen wir durch den Buchenhain hinauf, bis wir von ansehnlichen Felswänden umgeben sind, die den Weiterweg verschliessen. Ein auffor-dernder Wink, dass hier das Seil umgebunden werden muss, und man ist gewillt, vom « Keller » wieder in die Sonne zu steigen. An die zehn Routen führen von hier auf den bewaldeten Kamm des Rüttelhorns. Bravand-Riss. Den heiklen Einstieg nehmen wir mit der Dülfer-Technik und klettern weiter die gutplazierten Haken, die innerhalb und ausserhalb des Risses stecken, an. Aber bitte keine Trittleitern...; es ist freie Kletterei: « escalade libre ». Für Anfänger gibt es daneben einige besser geeignete Ubungsobjekte. Weiter hinten, in östlicher Richtung, finden wir das Teufelsgrätchen. Eine schöne Kletterei, die gar nichts Teuflisches an sich hat. Sicher bleiben unsere auf immer neue Abenteuer gerichteten Augen am senkrechten, bulligen Pfeiler des « Roggwilers » haften. Luftige Kantenkletterei mit zwei Stellen im fünften Grad. Wohl die schönste Kletterpartie am Rüttelhorn, aber sie verlangt Übung und Gleichgewichtssinn. Wir tun gut daran, uns vorher auf den leichten Routen vorzubereiten. Ein erleichterndes Aufatmen begleitet uns, wenn wir den fast grifflosen Ausstieg hinter uns haben.

Die Kletterei am Rüttelhorn wollen wir mit der Besteigung der « Nase » beschliessen. Der Name ist passend. Als östlicher Eckpfeiler, dessen oberer Teil einem auf den Sockel aufgesetzten Kopf ähnelt und von weitem wie eine riesige vor-gereckte Nase aussieht, ist dieser Koloss nicht zu übersehen. Zuunterst an seinem Sockel steigen wir ein. Es ist artifizielle Kletterei, denn Griffe und Tritte finden sich keine. Nach zwei Dritteln schlüpft man zum Standplatz unter der eigentlichen « Nase ». Hier fängt nun eine richtige Turnerei in den Trittleitern an. Völlig freischwebend, hangelt man sich am gewaltigen Nasen-überhang hinauf. Eine äusserst schwindelerregende Kletterei hoch über den Buchen- und Tannenwipfeln. Diese Art zu klettern fordert Kraft und Technik. Aber solches Rüstzeug beschaffen wir uns ja wiederum in unserem Jura.

Durch die Balsthaler Klus mit den zwei hübschen Burgen Neu- und Alt-Falkenstein verlassen wir den Solothurner Jura, wobei wir den Felsen der Klus doch noch unsere Aufwartung machen wollen. Nun drängt sich aber der Abstecher in den Kanton Baselland auf. Ja, wir haben recht gehört: auch den Baslern ihre Klettergärten. Bärenfels, Falkenfluh, Langer Mann, Pelzmühletal, Hoher Fels — und wie sie alle heissen - sind prächtige Übungsfelsen inmitten kühler Jurawälder. Duggingen, Seewen, Grellingen, Dornach sind die Ausgangspunkte zu neuen Kletterfreuden. Recht gross ist die Auswahl auch hier, und für jeden Geschmack ist etwas da. Bärenwirt, Affenfelsen, Grellinger Wand sind beliebte Klet- tereien. Die Flugroute an der Grellinger Wand sollte allerdings nicht zum Fliegen verleiten. Der Feierabendriss ist eine schöne, klassische Kletterei, stellt aber, besonders im oberen Teil, unser Können auf die Probe. Santa-Maria-Wand und Holzer darf man bei einem Abstecher ins Baselbiet nicht vergessen. Obwohl die Routen hier im Vergleich zu denjenigen am Raimeux oder Schild ( Reuchenette ) kürzer sind, ist ihr Übungscharak-ter doch grossartig. Wer so richtig mit den Trittleitern herumwerkeln will, findet am « Langen Mann » genügend Möglichkeiten, seine Kräfte zu messen.

Ob Raimeux, Rüttelhorn oder Falkenfluh, immer wieder reizt der weisse Kalk des Jura zum Klettern. Schon früh im Jahr kann mit dem Training begonnen werden, wenn in den Alpen noch tiefer Winter herrscht. Es ist eine ausgezeichnete Vorbereitung für grössere Touren im Hochge-birge.Viele hervorragende Bergsteiger und Kletterspezialisten sind durch die Schule oder, besser gesagt, durch den grossen Klettergarten des Jura gegangen. Und wer den Jura mit seinen bewaldeten Höhen und weisslichen Felsen liebengelernt hat, der wird immer wieder zu ihm zurückfinden, ob zum Klettern oder zum bedächtigen Wandern.

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