Der Jura und seine Höhenwege

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON WALTER ZEUGIN, MONTFAUCON BE

Mit 6 Bildern ( 86-91 ) Im Wettbewerb um die Gunst der Touristen steht der Jura nicht im ersten Rang. Frei von ewigem Schnee und hohen Bergen ist er dem grossen Fremdenstrom entgangen. Man findet in alten Geographiebüchern etwa verzeichnet, dass er ein wenig begangenes, wasserarmes Kalkgebirge sei, bedeckt mit Weiden und Tannenwäldern. In den letzten Jahrzehnten hat sich wohl vieles geändert. Die Unberührtheit der Juralandschaft ist aber geblieben. Wer sich mit der anspruchslosen Einsamkeit von Weiden und Wäldern begnügt, schätzt die grosse Weite und die seltene Ruhe des Juragebirges. Er findet hier noch eine sich selber treu gebliebene Landschaft, frei von der « Fremdenindustrie ». Auf den einsamen Jurahöhen ruht noch immer der Abglanz des friedlichen Lebens einer Urzeit.

Betrachtet man den Jura vom schweizerischen Mittelland her, so bietet sich dem Blicke eine blaue Linie, ansteigend, fallend und wieder ansteigend. Stellenweise ist sie bewaldet, dann wieder kahl, manchmal von Klüsen durchbrochen und von Felsbastionen gekrönt. Es ist der Gebirgswulst, der sich von Genf bis Schaffhausen erstreckt.

Hinterm grünen Land, Zart, blau aus Gottes gewaltiger Künstlerhand Als jubelndes Werk hervorgegangen, Weckst Du das süsse, süsse Verlangen zu wandern.

Auf Deinen Höhen gehen in weissen Gewändern Wolken aus fernen, seligen Ländern.

Es ist wunderbar. Ich glaube fast Gott selber hält auf Deiner Höhe Rast.

Du bist so licht, so sehnsuchtsvoll.

Ach, weiss ich, wie ich es sagen soll!

Zarter, blauer Berg in der Ferne.

O, wie möchte ich gerne zu Deinen Wolken, den weissen, frommen, Und zu Gott, dem Herrn und Bruder kommen.

Diese Hymne an den Jura, von Emil Schibli, verspricht mit Recht dem Jurawanderer höchste Genüsse.

Dank seiner parallelen Stellung zur Alpenkette ist der Jura reich an markanten Aussichtspunkten. Im Westen heben sich La Dôle, Mont-Tendre, Dent-de-Vaulion und der Mont-Suchet über die umliegenden Kuppen hinaus. Östlich liegen der Chasseron, die Tête-de-Ran, der Chasserai, die Grenchenberge, die Hasenmatt, der Weissenstein mit der Rötiflue, Belchen, Geissflue, Wasserflue und die Lägeren. Von allen diesen Warten überschaut der Wanderer weithin das Land. Gegen Süden bleibt sein Blick an der Kette der Alpen hängen. Wendet er sich nach Osten und Westen, erschaut er die langgezogenen Wellen des Juragebirges, die im fernen Dunst verschwinden. Der Blick gegen Norden auf die Vogesen und den Schwarzwald erweckt die Sehnsucht nach fernen Ländern, die uns immer wieder auf einem Aussichtspunkt am Rande unseres Landes befällt. Es sind aber nicht nur diese Höhen und Abstürze, die das Wesen des Juras offenbaren. Es gibt daneben auch Bilder von ausgesprochener Lieblichkeit und herber Schönheit. Eilige Flüsse durchbrechen in Klüsen das Gebirge, rauschen in die Tiefe, wild schäumend und jugendlich sprudelnd, wie die Areuse, die Schuss, die Birs und andere. Ganz am östlichen Ende durchbricht bei Neuhausen der Rhein im grössten Wasserfall Europas das Juragestein. In weit ausholendem Sturz schleudert sich der 150 m breite Strom zwischen mächtigen Felsblöcken hindurch 21 Meter in die Tiefe. Das Alter dieses grössten Juradurchbruchs wird auf 6000 Jahre geschätzt. Als seltsamer Gast aus der Ebene umspült der Doubs die fruchtbare Gegend des Clos-du-Doubs. Im weiten Hochland der Freiberge liegt das Juwel des Juras, der Teich von la Gruère inmitten grüner Weiden und alter, ehrwürdiger Tannen. Nicht weit davon entfernt sind zwei andere Perlen im grünen Schmuckkasten zu sehen: der Teich von Plaine-Saigne und derjenige von Les Royes. Dort wo das Gebirge sich in seine höchsten Höhen erhebt, liegt, eingebettet in das Dunkel der Wälder, der Lac de Joux. Aber die eigenartigste Landschaft, ein Landstrich von verführerischer Schönheit, sind die Freiberge.

Es ist ein ganz einzigartiger Winkel der Schweiz, mit herbem Klima, aber frei von Nebel. Ein Reich von Weiden und Tannen. Ein seltsames Land mit seinen an die Erde geduckten, weissen Häusern. Unzählige Glocken der grasenden Kühe und Rinder geben die Musik der Freiberge. Dazu treiben sich eine Menge von Pferden, alte und junge, frei auf den parkähnlichen Weiden herum.

Dem Autofahrer stehen im Jura gute Strassen zur Verfügung. Es sind in erster Linie Verbindungsstrassen von einem Tal ins andere. Sie sind so angelegt, dass sie auch schöne Landstriche berühren. Die bekanntesten sind der Col du Marchairuz, der Col du Molendruz, die Vue-des-Alpes, der Pass- Übergang von Les Rangiers, der Passwang, der Obere und der Untere Hauenstein, die Staffelegg und der Bözberg.

Von der Höhenstrasse, der « Corniche du Jura », auf dem schmalen Bergkamm zwischen Les Rangiers und St-Brais, hat man eine wunderbare Fernsicht auf der einen Seite in die südlich gelegenen Juratäler und Höhen, auf der andern in das tief eingeschnittene Doubstal.

Es liesse sich vieles vom Jura erzählen, von den aufstrebenden Industrieorten, wo hauptsächlich die Feinmechanik und die Uhrenindustrie zu Hause sind; von den Eisenbahnen, welche die früher abgelegenen Juratäler erschlossen haben. Wir wollen jedoch von den höchsten Genüssen, die der Jura bietet, berichten, die dem Wanderer vorbehalten sind und dem ein eigenes Wegnetz zur Verfügung steht, das ihn von den gefahrvollen und lärmigen Strassen unabhängig macht. Es ist der vom Schweizerischen Juraverein angelegte und betreute Höhenweg, den Graten entlang, von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt. Man braucht zum Begehen dieses Höhenweges weder Steigeisen noch Mauerhaken. Nur Wanderlust braucht man und einen empfänglichen Sinn für die herbe Schönheit der Landschaft. Ich will versuchen, diesen Höhenweg in seiner ganzen Länge von Zürich bis Genf, mit seinen Nebenarmen und Abzweigungen dem Wanderer kurz zu beschreiben.

Doch vorerst noch etwas für den Kletterer: Neben den beschaulichen Wandermöglichkeiten bietet das Juragebirge mit seinen Schluchten und Graten auch dem Kletterer ungeahnte Möglichkeiten. Von zweien solcher Grate soll hier die Rede sein. Sie besitzen hervorragende Eigenschaften wirklicher Kletterberge. Da ist einmal der etwa 2 km lange Raimeux-Westgrat mit einem Höhenunterschied von fast 600 m. Dies hört sich wohl nicht sehr imposant an, doch der Grat weist etwa 25 markante Hindernisse auf, deren Überwindung meist grosse Anforderungen stellt und die teilweise den Schwierigkeitsgrad berühmter Aufstiege der Hochalpen übersteigen. Der Raimeuxgrat erheischt für den Kletterer, trotz dem Wegfallen der Exponiertheit, grössere Anstrengung als z.B. eine Besteigung des Matterhorns über das Hörnli. Nicht so imposant, nicht so lang und weniger exponiert, aber dennoch reizvoll ist der andere Klettersteig, die Somêtres, die von den Freibergen an den Doubs hinunterführt. Dieser Felsgrat wird weniger besucht und wird deshalb von Naturfreunden, welche die Einsamkeit lieben, bevorzugt. Der Blick vom Grat aus in das 600 m tiefer liegende Doubstal und in die französische Landschaft ist geradezu verführerisch!

Die Jurahöhenwege Eine Wanderung im Jura ist grundverschieden von einer Alpenfahrt. Man hat es ziemlich leicht, eine Jurahöhe zu erklimmen, denn von allen Seiten führen Bahnen, Postauto und Strassen zum Ausgangsort. Ist der Wanderer einmal auf dem Berg, dann kann er tagelang über die Höhen streifen, ohne ins Tal hinab steigen zu müssen.

Der rotgelb markierte Hauptarm des Jurahöhenweges beginnt in Dielsdorf, unweit des Flugplatzes Kloten. Er steigt zum mittelalterlichen Städtchen Regensberg hinauf, um dann über den Lägerngrat die Bäderstadt Baden zu erreichen. Von hier geht er zur Baldegg hinauf und über das Gebensdorferhorn nach Brugg hinüber. Droben auf dem Gebensdorferhorn kann man einmalig den Zusammenfluss der Aare, Reuss und Limmat erschauen. Der Blick schweift hinüber zum Bözberg, zur Habsburg, zur Gisliflue und ins Aaretal hinunter. In Brugg geht es dann durch die schöne Altstadt, über die Aare, in den Bruggerwald hinauf, und weiter bis zur Bözberg-Passhöhe bei Neu-stalden und an der alten Linnerlinde vorbei auf den Linnerberg. Bald sind wir auf der Passhöhe der Staffelegg, dem alten Übergang von Aarau nach Frick. Kennst Du die Höhenwege des Frick-tals? Auf drei markierten Routen lässt sich vom Haupthöhenweg aus die Hochebene des Tafeljuras durchwandern, um in die stillen Täler nach Norden zu kommen Die beiden historischen Städtchen Laufenburg und Rheinfelden bilden dabei ein würdiges Endziel. Von der Mumpfer Flue erschaut der Wanderer das Rheintal und den Schwarzwald. Wir wandern weiter zum Herzberg hinauf, der « Bildungsstätte für Erwachsene ». Dann folgen wir dem Höhenweg über die Wasserflue, Geissflue, Schafmatt zum Kurhaus Froburg. Nicht weit davon liegt die Ruine des Stammsitzes der Grafen von Froburg.

Dann erreichen wir den Passübergang des unteren Hauensteins. Zwei Stunden nachher schon stehen wir auf der Belchenflue. Nach Norden liegt vor uns das heimelige Oberbaselbiet mit seinen Terrassen von Obstbäumen, nach Süden das Mittelland mit den Vor- und Hochalpen als Abschluss. Weiter geht die prächtige Wanderung über die Höhen des Kantons Solothurn. Überall treffen wir üppige Weiden, auf denen gesunde Rinder sich tummeln. Die südlichste der fünf Solothurner Juraketten ist der Weissenstein mit der Rötiflue. Welch herrliches Panorama bietet sich uns dar! Vor uns das weite Mittelland. In der Ferne die Szenerie der hochalpinen Gipfel, vom Säntis bis zum Mont Blanc. Über die Hasenmatt, die Grenchenberge, den Romontberg wandern wir ins Tal der Schuss hinunter, dort wo die Klus von Rondchâtel und die Taubenlochschlucht zusammentreffen. Dann geht es hinauf zum Chasserai. Er schenkt uns nach Süden die gleiche unvergessliche Aussicht wie der Weissenstein. Wer den Jura durchwandert, wird immer wieder freudig überrascht vom steten Wechsel des LandschaftsbildesDie Wanderfahrt geht über die Vue-des-Alpes und den Mont-d'Amin weiter, dem Waadtländer Jura zu. Wir können aber auch vom Chasserai über den Chaumont nach der schönen Stadt Neuchâtel hinab steigen und uns an den lieblichen Gestaden des Neuenburgersees erfreuen. Durch den ausgedehnten Wald von Boudry steigt man dann wieder zum Haupthöhenweg hinauf und erreicht ihn beim grandiosen Felsenzirkus des Creux-du-Van. Von diesem führt der Höhenweg weiter über den Chasseron nach Ste-Croix und in abwechslungs- reicher Höhenwanderung über den Col de l' Aiguillon und über den Le Suchet nach Vallorbe. Weiter an den Lac de Joux und aufwärts zum Mont-Tendre mit seiner prächtigen Fernsicht. Über einsame Weiden, von Hainen und Waldbeständen unterbrochen, leitet der Höhenweg nach St-Cergue. Steil geht es dann hinauf zum höchsten Juragipfel, der La Dole, mit seiner Fernsicht bis zum Mont Blanc im Süden und in den französischen Jura im Westen. In Crassier, unweit der Stadt Genf, endet der Haupthöhenweg.

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