Der Karthala, ein Vulkan im Indischen Ozean

Alain Rouget, Genf

Obschon mich die Komoren-Inseln eigentlich nur wegen ihres Rufes als angenehmer Aufenthaltsort angelockt hatten, konnte ich dann nicht widerstehen, ihren Hauptgipfel, einen 2300 m hohen, tätigen Vulkan, zu besteigen.

Bei den seit 1975 unabhängigen Komoren handelt es sich um eine aus drei Inseln bestehende Inselgruppe, die sich im Kanal von Mozambique, d.h. zwischen dem afrikanischen Festland und Madagaskar, befindet. Die vierte Insel des Archipels, Mayotte, blieb unter französischer Flagge. Hier herrscht ein tropisches, durch den Einfluss des Ozeans allerdings gemässigtes Klima mit prächtigem Wetter im Winter ( ein Südwinter, der die Monate Juli und August umfasst ). Dazu findet sich ein Strand mit weissem Korallensand, der sich zwischen grünen Kokospalmen und dem türkisfarbenen Meer ausbreitet, eine reiche, die Luft mit Düften füllende Vegetation, ein prachtvoller Meeresboden - eigentlich genug, um ganze Touristenströme anzuziehen. Trotzdem bleiben diese zur Zeit noch aus... Zu den wichtigsten Erzeugnissen der Inseln gehören: Kokosnuss, Vanille, Pfeffer, Gewürznelken und Ylang-Ylang, ein Strauch, aus dessen Blumen man ein Öl destilliert, das in der Parfum-Indu-strie als Fixiermittel benützt wird. Die Bevölkerung ist ausserordentlich freundlich und liebenswürdig - und sehr arm. Wie ist dies nur möglich an einem Ort, der bezüglich Klima so bevorzugt und dessen Boden so reich ist?

Die Hauptinsel - die Grosse Komoren-Insel ( La Grande Comorehat die Form eines Ovals, dessen Zentrum ein ungeheurer, an seiner Basis ungefähr 20 Kilometer breiter Vulkankegel bildet. Sein Gipfelkrater gehört zu den grössten der Welt. Er misst 10 Kilometer im Umfang und verfügt über kleinere Nebenkrater, aus denen mit Vulkangasen vermischte Dampfschwaden emporsteigen. Im Augenblick zeigt er keine andere Aktivität. Der letzte Ausbruch erfolgte im Jahre 1977, wobei in 400 Metern Höhe auf der Aussenseite des Vulkans ein Lavastrom austrat, der auf seinem Weg zum Meer ein Dorf unter sich begrub. Todesopfer gab es keine zu beklagen. Allerdings erzählt man, ein Komorianer sei in seiner völlig intakt gebliebenen Hütte von den Lavamassen eingeschlossen worden und habe den Verstand verloren...

Der Aufstieg zum Gipfel bietet keinerlei alpintechnische Schwierigkeiten: Es handelt sich um einen langen, recht mühsamen Marsch mit 1900 Metern Höhenunterschied. Mühsam vor allem wegen der ungünstigen Beschaffenheit des Bodens, der in den Waldpartien aus glitschigem Lehm und anderenorts aus lockerer Vulkanasche und geröllartigem Auswurfmaterial besteht. Am schwierigsten erweist es sich für mich allerdings, einen Führer zu finden; denn mitten im Ramadan - das Land ist streng islamisch - essen und trinken die Komorianer zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nichts, was natürlich eine 10stündige Tour in Frage stellen muss. Schliesslich gelingt es mir, einen jungen, sympathischen Schwarzen aufzutreiben, der zwar Moslem ist, seine Religion aber nicht ausübt und nun gerne etwas Geld verdient.

Eine schlechte Strasse bringt uns auf 400 Meter Höhe, von wo der Weg zuerst durch einen zum Teil genutzten Wald von Bananen-pflanzen führt. Bevor wir aufbrechen, erklärt mein Führer:

Auf 1800 Metern hört der Wald plötzlich auf, und wir befinden uns von einem Augenblick zum andern inmitten einer von hohen Gräsern und Sträuchern geprägten Landschaft. An dieser Stelle,

Uns wartet jetzt noch ein zweistündiger Aufstieg, der allerdings infolge der weniger dichten Vegetation etwas angenehmer ist. Dafür stellt die Wasserversorgung ein Problem dar, da jeder Regentropfen sofort im durchlässigen Vulkanboden versickert. Deshalb gibt es keine Bächlein; jedoch entdecken wir in den Felsspalten vereinzelte Pfützen mit völlig klarem Wasser. Endlich gelangen wir zum Kraterrand, wo mein Führer seinen zweiten feierlichen Satz ausspricht:

Nach einem Picknick inmitten schwarzer Schlacke nähern wir uns einem weiteren Nebenkrater, dem aus einer Spalte dichte Schwaden entströmen. Man ist hier von einem warmen Dampf umgeben, der ein wenig nach Schwefel riecht. Und wenn der Vulkan nun plötzlich zum Leben erwachen sollte? Ich komme nicht umhin, mich zu fragen, während ich ruhig in diesem gewaltigen Heizkessel der Natur weitermarschiere.

Inzwischen hat sich der Himmel überzogen, und ein feiner Regen hat eingesetzt. Dieser Vorgang wiederholt sich fast jeden Tag. Am Morgen erstrahlt der Himmel in ungetrübtem Blau, dann bilden sich Wolken - eine typische Erscheinung auf solchen alleinstehenden Inseln -, die die Bergspitze einhüllen, während auf der übrigen Insel weiterhin die Sonne scheint. Dies hat zur Folge, dass man in den Bergen einen Sturm erleben und sich am Strand unten, kaum 5 Kilometer entfernt, in der Sonne bräunen kann.

Wir ersteigen noch den höchsten Punkt ( 2361 m ), wo der Kraterrand eine Art Vorsprung gegen das Zentrum hin bildet. Von hier aus eröffnet sich uns zwischen vorbeiziehenden Nebelschwaden und den sie durchbrechenden Sonnenstrahlen, die die verschiedenfarbigen Felsen aufleuchten lassen, eine packende Aussicht.

Nun müssen wir einen Platz zum Übernachten suchen, was sich als gar nicht so einfach erweist. Auf der Aussenseite des Kraters gibt es nämlich überhaupt keine geeignete Stelle, nicht zuletzt, weil das scharfkantige Lavagestein nirgends eine ebene Fläche bildet. Schliesslich stösst mein Führer auf eine in einer Basaltspalte verborgene, ihm aber bereits von früher her bekannte Höhle. Es handelt sich allerdings eher um eine Art Unterstand, des- sen Dach durch zwei parallel fliessende Lavaströme, die unter sich einen Hohlraum gelassen haben, entstanden ist. Alles ist hier schwarz, aber irgend jemand hat eine kleine Mauer und eine Feuerstelle gebaut; sogar eine Lagerstelle aus trockenem Gras hat man hergerichtet. Während wir hier die Nacht abwarten, spricht mein junger ( erst 18jähriger ) Führer lange über die Probleme seines Volkes: über die Abhängigkeit von der alten Kolonial-macht Frankreich und das Nebeneinander von Armut ( mit ihren Begleiterscheinungen wie Unterernährung und Krankheit ) und Reichtum, wie es bei einer dünnen Schicht begüterter Komorianer und Franzosen anzutreffen ist. Er erzählt von der Arbeitslosigkeit bei den Jungen, von den zwei Staatsstreichen seit der Unabhängigkeit, von der Teuerung, vom Mangel an verschiedenen wichtigen Produkten wie Zucker, Benzin usw. Er erwähnt auch die eigenen Sorgen: Er hat keine Arbeit und dazu Schwierigkeiten, eine richtige Ausbildung zu erhalten. Auch möchte er - gleich vielen anderen Komorianern - auswandern, aber das ist teuer. Wie oft schon in anderen Ländern der Dritten Welt bin ich auch jetzt wieder zutiefst beeindruckt von der Fähigkeit dieser Menschen, trotz ihrer schweren Probleme fröhlich und gastfreundlich zu bleiben und im Rahmen ihrer Familie oder im Freundeskreis stets wieder einen Ausweg zu finden. Hier gesteht mir mein Führer auch, dass er erst einmal auf dem Karthala gewesen sei. Daher also seine Unruhe beim Aufbruch.

Am nächsten Morgen beginnt er sich zu fragen, ob die Ramadan-Fastenzeit zu Ende ist. Wir haben ja keine Ahnung, denn wir sind keinem Menschen begegnet, und zudem entscheidet sich dies - je nach dem Mond - erst im letzten Moment. Wenn ja, dann wird unten das Fest schon begonnen haben. Jeder wird essen und trinken können, doch mein Führer wäre nicht in der Moschee gesehen worden. Es ist eben wohl einfach, sich hoch oben, allein auf einem Berg, zum Atheismus, ja sogar zum Marxismus-Leninismus zu bekennen.

Im Hauptkrater des Karthala: die Fumarolen Dasselbe jedoch in der Dorfgemeinschaft zu tun, erweist sich als problematisch, wenn nicht sogar als gefährlich. Wenn hingegen der Ramadan nicht zu Ende ist, so wird mein Führer, im Dorf angelangt, ungeachtet der gehabten Anstrengungen weder essen noch trinken können.

Von solchen Gedanken erfüllt, steigen wir auf der anderen, viel steileren Seite rasch herunter. Dabei durchqueren wir, wenn auch in umgekehrtem Sinne, dieselben Vegetationsstufen.

Der klare Himmel erlaubt es nun, einen Blick auf einen Grossteil der Insel zu werfen, die sich 1500 Meter tiefer zu unseren Fussen ausbreitet.

Im ersten Dorf ( Idjikoundzi ) finden wir jedermann in Festtagstracht: Die Kleider sind neu und sauber, die Hütten herausgeputzt oder neu gestrichen - man merkt die Erleichterung der Menschen nach einem Monat täglichen Fastens. Man bietet uns Coco-Getränke an ( dabei handelt es sich um Saft der noch unreifen Kokosnuss, den man durch ein kleines, mit der Machete in die Schale geschlagenes Loch trinkt ); dazu erhalten wir Milchreis und Bananen. Im nächsten Dorf ( Sidjou ) tanzen in der Mittagssonne Männer, Frauen und Kinder nach den Klängen eines Orchesters, wo sich traditionelle Instrumente zusammen mit Schlagzeug und sogar Akkordeon zu kreolischen Rhythmen vereinen. Mich berührt der Kontrast zwischen dieser Musik, dieser Lebensfreude, diesem Überschwang und der Strenge, der Stille und der physischen Beanspruchung am Berg sehr stark. Ich vergesse beinahe, in welchem Zustand sich meine Füsse befinden. Ich wage nicht, meine zu leichten, durchnässten Schuhe auszuziehen, denn wir müssen noch ein Stück gehen, bevor wir ein Fahrzeug finden, das uns zum Ausgangspunkt unserer Überschreitung zurückbringt.

Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Erica Blaser, Bern

Feedback