Der Mont Aiguille

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON LOUIS SEYLAZ

Mit 3 Bildern ( 41-43 ) Seit mehr als 2000 Jahren sticht der Mont Aiguille den unzähligen Reisenden und Touristen in die Augen, die von Grenoble her die Trieves-Täler heraufkommen, um den Col de la Croix Haute zu überschreiten. Bald nach Monestier, und vor allem von Clelles-les-Eaux aus, erblickt man die Silhouette und die hohen, hellen Steilhänge dieser stolzen Bergfestung, die die ganze Gegend beherrscht. Sogar der Fahrer am Steuer seines Wagens, dessen ganze Aufmerksamkeit der Strasse gilt, kann nicht anders, als mit einem Auge nach dem mächtigen Felszahn ( so gelb wie der Zahn eines alten Gaules ) zu schielen.

Im Juni des Jahres 1492, als Kolumbus auf dem Ozean schaukelte, um die amerikanischen Kontinente zu erforschen, begab sich König Karl VIII. von Frankreich nach Italien, um das Königreich Neapel zu erobern. Mit grossem Geleite ritt er gegen den Croix Haute, als der damals schon berühmte Mont Inaccessible, eines der sieben Wunder des Dauphiné, bei einer Wegbiegung unvermittelt vor seinem Auge erschien. War es der Ausdruck seines überspannten Sinnes - er war ein grosser Bewunderer mittelalterlicher Heldentaten - oder einfach ein momentaner sonderbarer Einfall? Jedenfalls befahl er einem Offizier aus seinem Gefolge, dem Lothringer Antoine de Ville, seigneur de Domjulien et de Beaupré, von diesem Berg Besitz zu ergreifen. Für einen König von Frankreich konnte es nichts Unerreichbares geben, und für einen Höfling war ein königlicher Befehl undiskutabel.

Antoine de Ville nahm ausser einigen Hirten aus der Gegend, die einige Kenntnis über den Zugang zu diesem Berg haben mussten, zwei Priester, einen Zimmermann und einen « Eschelleur du Roy » mit, das heisst einen Militäringenieur, dessen Aufgabe es war, die Überwindung der schwierigen Stellen vorzubereiten; also mehr als zehn Personen im ganzen. Unter Verwendung von « subtilz engins », das heisst Leitern, und von « Crochetz de fer que l' on boutait dans les rochiers », also von Eisenhaken - der künstliche Alpinismus datiert nicht von heutegelang es ihm, die abweisende Felsmauer zu ersteigen und den Gipfel zu erreichen. Welche Überraschung: dieser erwies sich als oberer Rand eines leicht nach Süden geneigten, ausgedehnten Plateaus mit einer schönen blumenübersäten Wiese, auf der eine Gemse herumsprang. Der Seigneur blieb mehrere Tage auf dem Berg, liess auf dem höchsten Punkt drei Kreuze aufstellen, durch seinen Feldprediger eine Messe lesen und den Berg umtaufen. Er trug von nun an den Namen « Eguille Fort » und später Mont Aiguille. Sofort nach seiner Ankunft auf dem Gipfel hatte er durch seinen Diener an den Präsidenten des Parlaments von Grenoble einen Brief1 überbringen lassen, in welchem er denselben bat, ihm einen Gerichtsvollzieher zu schicken, um den Tatbestand offiziell zu bestätigen. Dies wurde gemacht - zwar nicht durch den Gerichtsvollzieher; denn der war entsetzt beim Anblick der steilen Wände - aber durch Pierre Liotard, Rittmeister eines Dorfes bei St-Michel-des-Portes.

Die Heldentat des Domjulien erregte in ganzen Lande grosses Aufsehen. In seinem Livre IV de Pantagruel vergleicht Rabelais die Insel, auf der er seinen Helden landen lässt, mit diesem unbezwingbaren Berg, « ce mons inaccessible du Dauphiné, ainsi dict pource qu'il est en forme d' un potiron ( Steinpilz ) et de toute mémoire personne surmonter ne Va peu, fors Doyac 2, conducteur d' artillerie du Roy Charles huictième ». Er ist auch wirklich von den ersten Zeichnern in Form eines Steinpilzes oder Eierschwamms dargestellt worden. Vielleicht haben im Lauf der Jahrhunderte die häufig erfolgten Bergstürze sein Profil verändert; jedenfalls ist heute seine Silhouette, obwohl immer noch imposant, doch weniger phantastisch. Man nehme der Tour d' AI die Grasschleppe, die sich stufenweise bis gegen die Alphütten hinabzieht, verdopple oder verdreifache die Höhe ihrer Felswände, breite auf dem Gipfel eine grosse Alpweide aus, und man hat den Mont Aiguille.

Den Vorteil der « mirifiques engins », der wunderbaren Leitern, ausnützend, die Antoine de Ville angebracht hatte, wurde in den folgenden Jahren die Besteigung von Leuten aus der Gegend 1 Dieses Dokument, wie auch das Protokoll der Besteigung, sind in den Archiven von Grenoble aufbewahrt.

2 Rabelais schreibt irrtümlich Doyac statt Antoine de Ville.

wiederholt; aber die Stunde für den Alpinismus hatte noch nicht geschlagen. Mehr als drei Jahrhunderte verstrichen, ehe wieder eine Besteigung registriert werden konnte, nämlich im Jahre 1834 diejenige eines gewissen Liotard dit Barroux vom Dörfchen Trézanne. Nach und nach fanden dann die Kletterer wieder den Weg zu diesem Berg. 1878 liess der Touristenverein des Dauphiné Eisenringe und Kabel anbringen, die aber von den Steinen, die unaufhörlich durch die Couloirs herabfallen, oft weggerissen wurden.

Es sind heute zwei Aufstiegsrouten, die als normal gelten, und kürzlich ist es gewiegten Kletterern gelungen, den Aufstieg über die Wände der Nordwestflanke zu erzwingen.

Ich bin überzeugt, dass jeder echte Bergsteiger im Anblick dieses Monoliths das Verlangen spürt, ihn zu besteigen. Das bestätigte schon vor 40 Jahren H. Correvon: «... le Mont Aiguille, dont la forme hardie et provocante m' agasse depuis plus de 30 ans et hante mon cerveau 1 ». Dennoch begnügte sich der Genfer Botanist, um ihn herum zu gehen. Das war eine Niederlage. Ich selbst habe seit meinem ersten Ausflug ins Dauphiné nicht aufgehört, davon zu träumen. Aber auch ich musste mehr als 30 Jahre warten. Auf meinem Programm des letzten Jahres vorgemerkt, musste die Tour des abscheulichen Wetters wegen immer wieder verschoben werden. Der Sommer, der Herbst gingen vorbei. Und dann wurde meine Geduld zuletzt doch belohnt.

Es war ein unterhaltsames Abenteuer mit unvorhergesehenen Wendungen. An jenem prächtigen Sonntagmorgen des 20. Juli 1958 führte uns das Auto in rascher Fahrt über Genf und Grenoble zu. Francis, Christian, Firmin und Agenor gehörten zu unserer Mannschaft. Auf der Strasse waren wir zu dieser Morgenstunde durch wenig Verkehr behindert; vor 10 Uhr erreichten wir Grenoble. Es war vorgesehen, den Wagen dort zu lassen, da wir über Berard zurückkommen wollten; aber weder die SNCF noch die Cars boten uns einen günstigen Fahrplan. So opferte sich Christian als neuer Winkelried: « Ich bringe Euch nach St-Michel-des-Portes, fahre nach Grenoble zurück, um zu parken, und werde wohl ein Mittel finden, Euch am Abend wieder zu treffen ». Wir fahren also weiter gegen Süden, durch die schöne Gegend von Trièves, die von den ernsten Wänden der Moucherolle beherrscht ist. Dann plötzlich und überraschend, kurz nach Monestier, unser Mont Aiguille! Im Lauf der nächsten zwei Stunden wird uns der Hals steif vom Kopfdrehen, um den Berg zu bewundern.

St-Michel-des-Portes, wo wir gegen Mittag ankommen, sollte das Ziel dieses ersten Tages sein. Es ist ein schönes Dorf, das seinen ursprünglichen Charakter, seine authentische Patina bewahrt hat. Die Bevölkerung ist sehr entgegenkommend. Man kommt ins Gespräch und erkundigt sich nach einer Unterkunft. « Ja, aber! Sie können mit Ihrem Wagen weiterfahren bis Pellas, sogar zwei Kilometer darüber hinaus bis zum Fuss des Col du Laupet ». Wir schauen uns gegenseitig an: das Wetter ist schön, die Tage sind lang. Wenn wir den Aufstieg heute noch unternähmenIn ein paar Minuten gelangen wir auf dem schmalen Waldsträsschen, das sich ins Tal hinein-schmuggelt, nach Pellas. Es ist ein ganz kleiner Weiler, ein Dutzend Häuser, hinter Eschen halb versteckt. Aber es gibt da ein kleines Gasthaus, natürlich einfach und ländlich, und in diesem Gasthaus waltet Mme Coste, die für drei herumrennt, um uns zu bedienen. Im Handumdrehen stellt sie uns eine kräftige Omelette auf; dazu ein Stück einheimischen Käse, drei Gläser Wein, und wir sind gestärkt. Vor 14 Uhr sind wir unterwegs. Der Col du Laupet ( 1650 m ) steigt von hier 1 Echo des Alpes, 1921.

aus noch 600 m an. Zuerst ein guter Weg, dann ein sehr steiler Pfad führen uns in 90 Minuten zur Passhöhe. Der Berg steht vor uns. Gründlich studieren wir die Wände und versuchen vergebens, die übliche Route zu erraten. Auch als wir schon mit der Nase am Fels stehen, ist uns der Angriffspunkt nicht klar. Nachdem die erste Schicht erstiegen ist, kann man noch zwischen drei Kaminen schwanken, alle drei durchlöchert von Nägeln... und vom Steinschlag. Da zeigt uns ein schwerer Eisenring oben links die Richtung an. Von der kleinen Terrasse aus, auf der wir uns befinden, müssen wir einem schiefen Riss entlang nach rechts zurück und gelangen zum ersten Kabel. Es führt uns zur Bresche, die die « Vierge » von der eigentlichen Gipfelmasse trennt. Die Vierge -sie ist nicht mehr jungfräulich - ist ein breiter von der Bergflanke abstehender Turm. Über eine glatte Platte rutscht man in einen Trichter, den « Entonnoir », eine Vertiefung, die alle vom Berg herabkollernden Steine auffängt. Auf der andern Seite steigen wir über leichten Fels an der Wand empor, und nach einem Haken zur Rechten gelangt man, einem gut ausgebildeten Riss nach links folgend, zur Basis des letzten, grossen Kamins. Es ist mit einem Kabel ausgerüstet, das fast bis zur Mündung aufs Gipfelplateau führt. Man braucht sich nur mit den Armen hinaufzuhissen. Stellenweise hat sich das Kabel gelöst. Das Ganze ist senkrecht mit einigen überhängenden Stellen, dem Steinschlag ausgesetzt, auch ermüdend, aber nicht schwieriger als die Dent du Géant.

Über die Aussicht brauche ich nichts zu sagen. Sie reicht im Westen bis zum Vercors, im Osten bis zum Obion und zu den Alpen des Dauphinés, die heute leicht verschleiert sind. Der Abstieg geht gut vonstatten. Es heisst nur die Augen offenhalten, um sich im Labyrinth der Risse und Kamine nicht zu verirren. Um 20 Uhr sind wir zurück bei unserm Wagen, und bald darauf feiern wie in Pellas den schönen Erfolg dieses ersten Tages.

Am nächsten Morgen waren alle Gipfel in Nebel getaucht; unsere Besteigung hätte viel von ihrem Reiz verloren.Übers.: F. Oe. )

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