Der Steinbock in den Waadtländer Alpen

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Daniel Ruchet, Montreux

Die unbeschränkte Jagd auf das Wild als Nahrungsmittel, diejenige auf Raubtiere aus Sicherheitsgründen, die ständig zunehmende Bevölkerungsdichte und die Unmöglichkeit für das Grosswild, in einem Lande zu leben, in dem der Anbau immer grössere Fortschritte machte, haben dazu geführt, dass das Wild selten geworden ist und mehrere Arten sogar verschwunden sind, so der Biber und der Steinbock ( seit 1805 ), der Luchs ( 1830 ), der Bär ( 1843 ) und der Wolf 1849 ). Man kann mit Sicherheit behaupten, dass Gemse und Murmeltier anfangs des O. Jahrhunderts nur dank den Freizonen gerettet worden sind.

Unter allen Tierarten, die so aus den Alpen und der ganzen Schweiz eliminiert wurden, ist der Steinbock unstreitig die schönste und interessanteste. Als mystisches, legendäres Fabelwesen ist die « capra ibex« das edelste, stattlichste und, seit dem Aussterben des Bären, auch das grösste Tier. Einen guten Teil seiner Berühmtheit verdankt der Steinbock wundervoll geformten Hörnern, deren Bogen bei den alten Böcken bis zu einem Meter messen kann. Herrlich gebaut, stark, scheinbar schwerfällig, im Grunde aber sehr gewandt, liebt er vor allem Höhe, Weite und steile Felsen. Als er 1805 verschwand, war das ein kaum wieder gutzumachender Verlust.

Aus alten Werken über unseren Kanton erfahren wir, dass der Steinbock in den Waadtländer Alpen, besonders in den Alpen nördlich von Bex, das heisst in den Muveran- und Dia-blerets-Massiven, sehr häufig vorkam, sicher auch in den Bergketten des Pays-d'Enhaut, die wenig bekannt und vor allen Dingen von den Naturfreunden sehr wenig begangen waren.

Beim Studieren des ausgezeichneten Werkes « Die Alpen », das Friedrich von Tschudi 1859 geschrieben hat, finde ich folgende ergreifende Stelle, die sich auf die damals aus der Schweiz verschwundenen Steinböcke bezieht:

« Früher waren sie sehr zahlreich auf den höchsten Bergen Deutschlands, der Schweiz und des Ural, denen sie zur Zierde gereichten. Die Römer fingen oft hundert oder zweihundert Tiere und brachten sie für ihre Zirkusspiele nach Rom. Mehrere Gründe erklären ihr rasches Aussterben: sie vermehren sich nicht stark, und sie sind so wenig scheu, dass sich der Jäger schon auf Schussweite befindet, bevor sie an Flucht denken. Sogar durch die Beschaffenheit des Landes, in dem sie leben, sind sie grossen Gefahren ausgesetzt: die Lawinen, die Felsstürze, die Wanderung der Gletscher, die Zerstörung einer grossen Anzahl ihrer früheren Weiden gestalten ihre Existenz immer schwieriger. Wahrscheinlich waren die Steinböcke im i 5.Jahrhundert in der Schweiz noch sehr zahlreich. » Man muss noch hinzufügen, dass, wenn auch der Mangel an fleischlicher Nahrung die Jäger dazu veranlasste, mit Vorliebe dieses Wild mit dem ausgezeichneten Fleisch zu jagen, die alte Arzneilehre ebensoviel Schuld an der Ausrottung trug: wegen der vielfachen Besonderheiten, wie des kreuzförmigen Knochens, der sich in ihren Herzen befindet, und des Bezoar ( Ver-dauungsstein ), der in ihrem Magen liegt, wurde auf die Steinböcke seinerzeit masslos Jagd gemacht. Ein anderer Grund für ihr dramatisches Verschwinden liegt darin, dass die Steinbock-und Gemsjagd während langer Zeit, von 1840 bis i860, unentgeltlich und an allen Tagen des Jahres gestattet war, und zwar ohne Patent, ohne irgendeine Genehmigung! Unglaublich, aber wahr! Was warf man diesen sympathischen Alpengästen denn vor? Dass sie das zarte und saftige Gras der Alpweiden frassen? Vielleicht... So wurden schliesslich die arglosen Steinböcke in allen Alpenländern dezimiert, ausgenommen in Italien, wo man den Schutz der letzten Überlebenden, also der Art, einem grossen und königlichen Jäger verdankt: König Victor-Emmanuel IL, der in seinem Reservat Grand Paradis im Aostatal die Jagd auf diese Tiere untersagte. Die Länder, die heute Steinböcke beherbergen: Frankreich, Deutschland, die Schweiz, Österreich und Jugoslawien verdanken bestimmt ihm ihren gegenwärtigen Bestand an Böcken.

Der Bund greift ein Der Steinbock ist heute dank einer glücklichen Gesetzgebung in allen oben erwähnten Ländern geschützt und darf nicht gejagt werden. In der Tat ist dem Wunsch vieler Naturfreunde, diese Art zu erhalten, im ersten eidgenössischen Gesetz über Jagd und Schutz der Vögel von 1875 Nachachtung verschafft: « Der Bund wird versuchen, den Steinbock wieder in unsern Alpen einzusetzen. » Aus der vorsichtigen Abfassung dieses amtlichen Textes geht deutlich genug hervor, dass man sich über die Schwierigkeiten dieser Aktion keine Illusionen machte. Sie haben sich wirklich als vielfältig, ja sogar unüberwindlich erwiesen. Und doch kann man heute mit Vergnügen feststellen, dass die gemachten Anstrengungen erfreuliche Früchte getragen haben.

Ein sichtbares Resultat ist da Die grösste Schwierigkeit bei dieser Ansiedlung bestand offensichtlich darin, sich Tiere zu beschaffen. Es vergingen Jahrzehnte, bis man dank besonderer Aufzucht in der Schweiz die Reakklimatisierung der Steinböcke in Angriff nehmen und weiter verfolgen konnte. Das Verdienst, die Lösung des Problems gefunden zu haben, gebührt der Gesellschaft für den Wildpark « Peter und Paul » in St.Gallen. Sie nahm 1906 die Züchtung reinblütiger Steinböcke an die Hand, um die Zuchtergebnisse für die Wiedereinsetzung und die Bildung von Steinbock-Kolonien in unsern Alpen zur Verfügung zu stellen.

Wiederbesetzung in den Waadtländer Alpen An erster Stelle wollen wir vom Bezirk Aigle sprechen, denn in dieser Region wurden die ersten Wiederbesetzungsversuche in unserem Kanton unternommen. Am 23. August 1907 bewilligte auf den Vorschlag des eidgenössischen Jagdinspektors M. Ruffieux der waadtländische Staatsrat dem Landwirtschafts-, Industrie- und Handelsdepartement einen Versuch, in unseren Alpen wieder Steinböcke einzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt wurden mit der Gemeinde Gryon Verhandlungen geführt wegen der Errichtung einer Zuchtstation auf ihrem Territorium, doch ohne Resultat, da sich die Gemeinde finanziell nicht an dem Unternehmen beteiligen konnte.

Nun geschah nichts mehr bis 1929, als der Lausanner Professor Dr.Wilcsek den Gedanken der Wiederbesetzung, begleitet von einer Geldspende, wieder aufgriff. Sein Ziel war, einen welschen Nationalpark zu schaffen. Aber nach eingehendem Studium kam man zur Erkenntnis, dass die eidgenössische Freizone genüge und ein anderer Park unnötig sei. Da trat der Waadtländer Naturwissenschaftliche Verein das von Dr.Wilcsek überwiesene Kapital plus Zinsen an den Kanton Waadt ab, unter der Bedingung, dass er die Wiedereinsetzung der Steinböcke in unseren Alpen durchführe. Das ist der Ursprung des Wilcsek-Fonds, der vom Staat verwaltet wird und den Unterhalt des zoologischen Gartens von Bretaye bestreitet.

Der Bestand dieses 1930 eingerichteten Wild-parkes variierte zwischen zwei und elf Tieren; Ende 1935 wurde das Maximum erreicht. Die Tiere waren entweder gekauft, geschenkt ( zwei Paare 1931 von der italienischen Regierung ) oder da geboren. Während der Zeit von 1934 bis 1938 gab es im Park neun Geburten, davon waren sechs weiblich. Andererseits waren auch viele Abgänge zu verzeichnen, hervorgerufen durch zweimaliges Auftreten von Darmparasiten ( 1933 und 1938 ); das zweite Mal war es besonders schlimm, da fünf Tiere eingingen.

Als es im Jahre 1936 im Wildpark von Bretaye drei verfügbare junge Steinböcke gab, beschloss man, im Gebiet der Diablerets, mitten in der Freizone, eine Aussetzung zu versuchen. Drei Tiere aus der Aufzucht von Interlaken wurden denjenigen von Bretaye zugesellt. Die Freilassung war sorgfältig vorbereitet worden und fand auf dem Plateau von Châtillon oberhalb Taveyannaz statt. Alles schien sich normal abzuwickeln, aber einige Schlechtwettertage verhinderten die Jagdaufseher, sich um das Befinden der Neuankömmlinge zu kümmern. Einen Monat nach ihrer Einsetzung waren sie schon verschwunden. Nach einigen Jahren erfuhr man, dass diese Steinböcke in den Kanton Wallis ausgewandert und Jägern - mit oder ohne Patent - zum Opfer gefallen waren.

1965 versuchte man am gleichen Ort wieder eine Aussetzung. Diesmal stammten die vier Steinböcke aus dem Walliser Reservat von Mont-Pleureur, einem der schönsten und reich- sten dieses Kantons. Nach einigen Monaten verschwanden ebenfalls drei Tiere, und man meldete das vierte, einen Prachtsbock von acht Jahren, auf dem Chamossaire, ausserhalb der Freizone. Das war während des Winters 1967/68.

Sofort wurde Kontakt aufgenommen und im Frühjahr 1968 ein junges Steinbockpaar gleicher Herkunft dort ausgesetzt. Es bestand aus zwei 23 Monate alten Tieren. Dann wurde im Mai am selben Ort noch ein Paar freigelassen, wovon das trächtige Weibchen fünf, der Bock sechs Jahre alt war. Am 29. Mai wurde beobachtet, dass sich die beiden Paare vereinigt hatten und miteinander spielten. Auf den Rat von Herrn Fellay, einem erfahrenen Walliser Jagdaufseher, brachte man unter dem Gipfel des Chamossaire eine Salzstelle an, die sofort lebhaften Zuspruch fand, da die Steinböcke sehr gern Salz lecken.

Während des Sommers 1969 konnten zu verschiedenen Malen die Männchen allein beobachtet werden. Dann ist es den Jagdaufsehern im Dezember gelungen, eine genaue Bestandesaufnahme zu machen, da die Brunst die Tiere zusammengetrieben hatte. Es erweist sich, dass die zwei Weibchen je ein Junges zur Welt gebracht haben, was den Bestand am Chamossaire auf sieben Steinböcke erhöht ( der 1967 ausgesetzte Bock ist immer noch da ). Die kleine Kolonie scheint sich in diesem Sektor also wirklich festgesetzt zu haben.

Weitere Beobachtungen An andern Orten des Bezirks Aigle sind die Beobachtungen selten. Es handelt sich da um Wandertiere, die besonders im Frühjahr umherziehen. So wird am 17. April 1961 ein Steinbock in Dorchaux im Massiv des Mont-d'Or gemeldet, dann am 20. Mai drei, ein Paar und ein Junges. Aber leider scheinen diese Tiere nicht in der Gegend geblieben zu sein.

Am B. September 1967 beobachtet ein Jagdaufseher auf den Höhen von Comballaz einen einzelnen Steinbock. Im März 1968 sind einige Tage lang am Léchère ( Diablerets ) drei Böcke gesehen worden, die wahrscheinlich aus dem Wallis kamen. Im November 1968 wird in der Combe des Perriblancs ( Solalex ) ein Bock gesichtet.

Ebenfalls 1968 beobachten Gemsjäger am Südhang des Pic Chaussy einen einzelnen Bock, und schliesslich erlegt irrtümlicherweise ein Jäger im Oktober 1969 auf dem Seron-Pass ein Weibchen, während der Bock und das Jungtier die Flucht ergreifen und verschwinden.

Und im Pays-d'Enhaut?

In diesem Bezirk werden die Steinbockkolonien gegenwärtig in den Massiven des Rocher du Midi, der Gumfluh und des Vanil Noir gehalten. Am 21. Mai 1955 hat man im Jagdrevier von Pierreuse-Gumfluh ( Gérine-Tal ) erstmals zwei Männchen und ein Weibchen ausgesetzt, die man am Augstmatthorn gefangen hatte. Die Freilassung fand ungefähr auf 1600 Meter Höhe in dem Tal statt, das sich von Laissalets gegen den Base-Pass am Fusse des Rocher du Midi erstreckt ( 2097 m ). Am 11. Mai 1957 wurde ein im Mont Pleureur-Massiv gefangenes Weibchen am gleichen Ort ausgesetzt. Dann kam am 26. Mai 1958 ein Paar vom Augstmatthorn und am 16.Juni 1958 ein weiteres, vom Dählhölzli in Bern offeriertes zu der Kolonie, die i960 fünfzehn Stück zählte.

Gegenwärtig schätzen die Jagdaufseher die Zahl der Steinböcke auf vierzig ausgewachsene und fünfundzwanzig junge, also insgesamt fünfundsechzig Tiere. Diese sind in zwei deutlich unterschiedene, durch den Salaires-Grat getrennte Gruppen geteilt. Zu erwähnen ist noch die eindrucksvolle Feststellung eines Polizisten aus Château-d'Oex, der im August 1969 am Rocher du Midi 16 Tiere beobachtet hat.

Im Sommer und Herbst 1969 konnte man ein gewisses Nomadentum in Richtung Wittenberg-kette feststellen, aber die alten Böcke verlassen die Ausläufer der Gumfluh nie.

Die zwei Wiedereinsetzungen von ig$6 und rgój erfolgten auf halber Höhe des Culan, auf dem Plateau von Châtillon ( Mitte ). Rechts das Dorf Tavayanne Photo D. Ruchet, Montreux 2Aussetzung eines jungen Steinbock-Weibchens am Chamossaire ( 16. Mai ig68 ). Ein herrlicher Sprung in die Freiheit... und in die neue Heimat.

Photo Fellay Auch die Kolonie des Vanil Noir gedeiht prächtig, obwohl sie nicht das ganze Jahr im Kanton Waadt bleibt; es handelt sich da vor allem um Männchen jeden Alters, die an den Südhängen der den Cray und den Vanil Noir verbindenden Bergkette übersommern. Sobald im Dezember die Brunstzeit beginnt, verschwinden diese Böcke, um sich mit den Weibchen zu vereinigen, und dann kann man die ganze Herde in den Felshängen zwischen den Dents de Brenlaire und Folliéran auf Freiburger Territorium beobachten. Hie und da sieht man allerdings vereinzelt auch Weibchen auf Waadtländer Boden. So hat ein Jagdaufseher am 22.Juni 1969 ein Rudel von 29 Tieren entdeckt. Aber sagen wir es noch einmal: alle diese Tiere verschwinden im Winter.

Wiedereinsetzung weiterführen Jetzt muss die Arbeit noch zu Ende geführt werden, denn die Wiederbevölkerung unserer Alpen mit Steinböcken darf hier nicht stecken bleiben. Das nächste Ziel ist das Tal von Nant, das zu einem richtigen Naturschutzgebiet geworden ist und alle für den Steinbock notwendigen biologischen Bedingungen aufweist. Dann wären, auch in der Freizone von Diablerets-Muveran, noch das Vare-Tal und die Argenti-ne-Kette. Ferner sollte man die Möglichkeiten des Pic Chaussy studieren, wo bis jetzt nur Ein-zeltiere erschienen sind.

Die Gebirge des Kantons Waadt sind weitläufig genug, um noch ganze Generationen von Steinböcken aufzunehmen. Es ist zu wünschen, dass sich diese Tiere nach und nach überall dort verbreiten, wo ihnen die Hochtäler günstige Lebensbedingungen bieten. Der legendäre Steinbock verdient es wirklich, dass man ihm endlich Gerechtigkeit widerfahren lässt.

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