Der Strukturboden auf der Fuorcla da Fàller

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VON HANS ELSASSER, ZÜRICH

Mit 2 Skizzen und 3 Bildern ( 26-28 ) Bei einer Wanderung von Juf im Avers nach Mulegns im Oberhalbstein - über Stallerberg und Fuorcla da Faller ( Marschzeit etwa sechs Stundenfinden wir auf der Fuorcla da Faller ein prächtiges Strukturbodenfeld ( 765.200/148.000,2830 m ).

« Unter Strukturboden ist der Boden zu verstehen, der durch Scheidung der steinigen und erdigen Bodenbestandteile bestimmte Strukturformen angenommen hat. » Diese auch heute noch gültige Definition stammt aus dem Jahre 1912 und wurde vom deutschen Geologen Meinardus aufgestellt. Es sind vor allem vier verschiedene Strukturen, welche wir antreffen:

- SteinstreifenSteinzungenSteinpolygoneSteinringe Steinstreifen und Steinzungen finden wir an Hängen mit Neigungen zwischen 4 und 36°; am besten ausgebildet sind sie bei Hangneigungen von 10 bis 20°, während Steinpolygone und Steinringe nur auf horizontaler Unterlage auftreten. Unter welchen Verhältnissen Steinringe entstehen und wann Steinpolygone sich bilden, ist noch nicht endgültig geklärt. Auf der Fallerfurka z.B. finden wir nur Steinpolygone, wogegen ein Strukturbodenfeld beim Bergalgapass ( 762.800/131.900, 2900 m ), der vom Avers zum Duanpass und weiter ins Bergell hinunter nach Soglio führt, ausschliesslich aus Steinringen aufgebaut ist. Zwischen den Strukturen auf geneigten und auf horizontalen Flächen gibt es alle möglichen Übergangsformen. Diesen Übergang vom Streifenboden zum Poly- Übersichtsskizze, Fuorcla da Faller 2800 148 250 mSteinstreifen ~p Steinzungen Ço SteinpolygoneSchnee/Firnflecken Äquidistanz: 20 m gonboden hat der Zürcher Geograph G. Furrer in seiner Habilitationsschrift sehr gut beschrieben: « Vom Hang über der Fuorcla da Faller ziehen Steinstreifen zum Pass und biegen dort in prachtvollem Schwung nach beiden Passflanken um, auf Verflachungen Polygone ( samt allen Übergangsformen von Streifen zu regelmässigen Polygonen ) einschaltend. » Furrer weist damit indirekt darauf hin, dass die Steinstreifen die Tendenz haben, dem stärksten Gefälle zu folgen. Für die Fallerfurka können wir die Verhältnisse folgendermassen tabellarisch zusammenfassen:

Hangneigung Strukturbodenform 0- 3° regelmässiger Polygonboden 2- 6° deformierter Polygonboden 4-10° geschwungener Streifenboden >10° geradliniger Streifenboden >25° nur noch wenige Steinstreifen Die Steinstreifen, Steinzungen und Steinpolygone auf der Fuorcla da Faller bilden einen der schönsten und grössten alpinen Strukturböden, der einen Vergleich mit arktischen Formen aus Spitzbergen oder Grönland nicht zu scheuen braucht, finden wir doch hier Steinstreifen mit einer Länge von über 200 Meter. Einen Überblick über die stark variierende Breite von Steinstreifen und Zwischenstreifen möge folgende Tabelle geben:

Stemstreifen Zwischenstreifen Stemstreifen 60 cm 130 cm 40 cm 30 cm 80 cm 60 cm 100 cm 80 cm 90 cm 70 cm 250 cm 50 cm 50 cm 70 cm 30 cm Die meisten Steinstreifen auf der Fallerfurka sind wallförmig ausgebildet, d.h. die Steine im Steinstreifen überragen das Niveau der Zwischenstreifen um 10 bis 20 Zentimeter. Daneben gibt es aber auch eingesenkte Formen, bei denen die Steine 5 bis 10 Zentimeter tiefer liegen als die mehr oder weniger horizontale Oberfläche der sie umgebenden Zwischenstreifen.

Bei all den Formen, die bis jetzt beschrieben wurden, handelt es sich um Grossformen. Daneben existieren aber auch sogenannte Miniaturformen, bei denen z.B. die Breite von Steinstreifen und Zwischenstreifen 5 bis 10 Zentimeter beträgt, und zwischen Gross- und Miniaturformen gibt es noch mittelgrosse Übergangsformen. Es ist auch nicht immer leicht, die Strukturen einer dieser drei Gruppen eindeutig zuzuordnen.

Ein Charakteristikum der Steinstreifen und -polygone auf der Fallerfurka ist die Kantenstellung der Steine. Überall dort, wo wir Strukturböden in schieferigem Material antreffen, finden wir diese Kantenstellung, so also auch auf der Fuorcla da Faller, wo der Strukturboden aus Bündnerschiefer gebildet ist. Da die Kantenstellung den Steinen im Zwischenstreifen fehlt, ist gerade in schieferigem Material der Gegensatz Steinstreifen/Zwischenstreifen besonders schön und deutlich ausgeprägt. Die meisten kantengestellten Steine liegen in Richtung des Steinstreifens. Es gibt aber auch Strukturböden in schieferigem Material, wo wir keine Kantenstellung vorfinden.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass Strukturböden nicht an bestimmte Gesteinsmaterialien gebunden sind, sondern überall dort auftreten können, wo wir folgende Verhältnisse haben: Verflachungen oder flach geneigte Hänge mit einer genügend mächtigen ( 30 cm ) Schuttdecke, die sowohl aus feinen als auch aus gröberen Komponenten zusammengesetzt ist, in einer Höhenlage über 2600 Meter, im Gebiet der Frostschuttzone, d.h. zwischen der Schneegrenze und der Mattenstufe.

Wenn wir nun die Lage der einzelnen Steine in den Steinstreifen betrachten, so stellen wir fest, dass die Längsachse der meisten Steine in Richtung des Steinstreifens zeigt. Die Steine, deren Profil Steinstreifen/Zwischenstreifen/Steinstreifen i— 100 cm SteinstreifenZwischenstreifen Steinstreifen Feinkiesmantel - 50 Feinerde 50 100 150 cm Längsachsen quer zum Steinstreifen liegen, bilden ein kleineres zweites Maximum. Schräg zum Steinstreifen liegen nur wenige Steine. Es existieren noch vereinzelte Steine, deren Längsachsen steiler als 45° stehen. Zusammenfassend ergibt sich folgendes Bild:

Richtung Steinstreifen 50% Schräg zum Steinstreifen 20% Quer zum Steinstreifen 30% Anders sieht es beim Zwischenstreifen aus: Wiederum liegen die meisten Steine in Richtung der Form, etwas weniger verlaufen schräg zum Zwischenstreifen und am wenigsten quer dazu. Auch hier bilden vereinzelte steil stehende Steine eine vierte Gruppe.Vereinfacht sieht das Bild folgender- massen aus:

Richtung Zwischenstreifen Schräg zum Zwischenstreifen 30% Quer zum Zwischenstreifen 20% Diese beiden Regeln treffen mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 80% zu, und zwar unabhängig davon, wo sich der Steinstreifen bzw. der Zwischenstreifen befindet und aus welchem Material er aufgebaut ist. Bei Steinpolygonen und Steinringen liegen die Verhältnisse gleich wie beim Steinstreifen. Am meisten Steine liegen in Richtung der Form ( beim Steinring tangential ) und am zweit-meisten quer zur Form ( beim Steinring radial ).

Um den innern Aufbau des Strukturbodens zu erkennen, wurde durch Steinstreifen/Zwischen-streifen/Steinstreifen ein Graben gelegt. Bei diesem Querschnitt erkennen wir deutlich die beiden Steinstreifen mit den kantengestellten Steinen, die Feinerde zwischen den beiden Steinstreifen und unterhalb dieser und in einer Tiefe von gut 60 Zentimeter das Steinbett, wo wir im Gegensatz zur Feinerde viel weniger Feinmaterial antreffen. Umgeben sind die Steinstreifen von einem mehr oder weniger vollständigen Mantel kleiner Steinchen, dem sogenannten Feinkiesmantel ( Rahmenauskleidung ). Dieser hier beschriebene Grundtyp erscheint auch in verschiedenen Abwandlungen: So kann z.B. der Feinkiesmantel vollständig fehlen; anstelle des Steinbettes stossen wir manchmal direkt auf den anstehenden Felsuntergrund; selten allerdings reichen die Steinstreifen bis zum Steinbett hinunter.

Die Entstehung der Strukturböden ist bis heute nicht eindeutig geklärt; es wurden wohl verschiedene Theorien aufgestellt, doch welche der Wirklichkeit am nächsten kommt, ist noch nicht mit Bestimmtheit ermittelt worden. Diese Frage beschäftigt gegenwärtig eine Gruppe von Doktoranden und Diplomanden am Geographischen Institut der Universität Zürich. Zur Lösung dieses Problems dienen sowohl Untersuchungen im Gebirge, vor allem im Kanton Graubünden, als auch Laboruntersuchungen wie beispielsweise Korngrössenanalysen, Versuche in Gefriertruhen usw.

Zum Abschluss seien hier noch weitere Strukturbodenfundstellen aus dem oberen Avers angegeben:

- Beim Aufstieg vom Stallerberg zur Fallerfurka: vereinzelte Formen, vor allem Miniaturformen.

- Auf dem Weg Stallerberg—Uf den Flüen—Fuorcla da la Valletta: ein kleines, aber sehr schön ausgebildetes Strukturbodenfeld in Grüngestein.

- Beim Aufstieg von der Forcellina zum Piz Turba: vereinzelte Formen.

- Auf dem Weg Alp Hinter Bergalga-Bergalgapass-Duanpass: mehrere kleine Strukturbodenfelder.

Literaturverzeichnis Es sei hier nur auf Arbeiten hingewiesen, die sich mit Untersuchungen an Strukturböden in den Schweizer Alpen beschäftigen:

G. Furrer. « Les sols polygonaux dans les Alpes suisses », Geographica Helvetica ( G.H. ) 4/1960.

M. Boesch, « Beobachtungen an subnivalen Bodenformen im Gebiet Weissfluhjoch/Davos », Diplomarbeit ( Manuskript ), Geogr. Inst. Univ. Zürich, 1967.

H. Elsasser, « Untersuchungen an Erdbülten und Strukturböden im Avers », Diplomarbeit ( Manuskript ), Geogr. Inst. Univ. Zürich, 1966.

G. Furrer, « Solifluktionsformen im schweizerischen Nationalpark », Diss.Univ.Zürich, 1954.

- « Strukturbodenformen der Alpen », G.H. 4/1955.

- « .Steingärtchen'in den Alpen », Leben und Umwelt 11/1955.

- « Untersuchungen am subnivalen Formenschatz in Spitzbergen und in den Bündner Alpen », G.H. 4/1950.

- « Die Höhenlage von subnivalen Bodenformen », Habilitationsschrift Univ. Zürich, 1965.

- « Die subnivale Höhenstufe und ihre Untergrenze in den Bündner und Walliser Alpen », G.H. 4/1965. R. Streiff-Becker, « Strukturböden in den Alpen », G.H. 5/1946.

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