Der Verdon, Yosemite der Armen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Claude und Yves Remy, Bossière VD

Im Hinblick auf einen baldigen Besuch im Verdon mussten wir eifrig trainieren und unser Wissen über dieses Gebiet mit Informationen aus Büchern und Zeitschriften ergänzen. Die Geschichten und Beschreibungen dieses Kletterparadieses in der Haute-Provence klingen äusserst verlockend, hie und da aber auch etwas beunruhigend: Bergsteiger, gefangen in unheimlichen, oft überhängenden Felsfluchten, in denen der Schwierigkeitsgrad IV manchmal eher dem Grad VI entspricht!... Nun, der Verdon, der seit seiner « Entdeckung » ( erst 1968 ) von einigen der besten Bergsteiger unserer Zeit « bezwungen » worden ist, hat es verstanden, mit seiner « Neuheit » und seinen Schwierigkeiten einen echten Mythos zu schaffen.

Anfangs Mai reisen wir nach Genf und fahren von dort aus im Auto unseres Freundes Roger Burdet weiter. Wir lassen den Mont Salève hinter uns und werden von dichten Wolken empfangen: nicht eben eine freundliche Einladung der Pro-vence-Sonne.

Irgendwo unterwegs machen wir in einem Gasthaus halt. Draussen giesst es in Strömen. Durch ein Fenster sehen wir den Schnee auf den Bergen... Ein miserables Jahr!

Im Laufe des Nachmittags begleitet uns eine milde Sonne durch Moustiers-Sainte-Marie. Die Landschaft verwandelt sich, ebenso die Luft. Auf einer schmalen Strasse mit vielen Kurven dringen wir in die Abgeschiedenheit des berühmten Canyon du Verdon vor. Umgeben von Lavendel-feldern, entdecken wir das malerische Dorf La Palud, wo wir uns mit Vorräten eindecken können. Nach ein paar weiteren Kehren langen wir beim Point Sublime an, der sich auch wirklich erhaben darbietet. Hohe, von Pfeilern gesäumte Felswände ragen - senkrechten, geometrischen Figuren gleich - verheissungsvoll in den Himmel empor.

Wir fahren zum Parkplatz hinunter, welcher dem Couloir Samson gegenüberliegt, und befinden uns mitten in einer regen Menschenmenge. Diese Region ist wirklich ideal für verschiedene Sportarten, vor allem für lange Wanderungen, Kanu-fahrten ( die Strömung ist im Moment allerdings zu reissend ) und Klettertouren. Begierig, uns weiter umzusehen, folgen wir dem bekannten Wanderweg Martel. Uns gegenüber erhebt sich die imposante Paroi du Duc ( Herzogs-Wand ), welche Yves schon einmal auf der Voie des Enragés ( Route der Tollkühnen ) durchstiegen hat — ein Akt wahrer Luftakrobatik.

Der wilde Verdon hat sich in die senkrechten Felsen eingefressen, und auch der Mensch hat sich einen Weg bahnen müssen: Wir gehen durch einen Tunnel. Wir entdecken grossartige, von der Erosion ausgehöhlte Balmen, und etwas weiter weg, zu unserer Rechten, schweift das prüfende Auge über eine überhängende, in allen Farben schillernde Mauer, durch die grösstenteils die Route Castapiane Rouge hinaufführt. Am Ausgang des nächsten Tunnels öffnet sich uns ein herrlicher Ausblick auf die Paroi Rouge ( Rote Wand ), die uns zu einer furchterregenden künstlichen Klettertour durch eine überhängende Felsflucht verlocken will. Wir empfinden Furcht und Faszination, und zwar um so mehr, als wir wissen, dass die Wand um dreissig Meter überhängt und horizontale Traversen aufweist, welche mit « Rurps » ( kleinsten Haken ) bewältigt werden müssen. Unser Erkundungsgang führt weiter ins Chaos du Trescaïre ( Bezeichnung dieses Teils des Verdon ) und in ein Traumland: noch schönere Felswände mit herrlichen Rissen schwingen sich elegant empor, und überall ragen makellose Pfeiler wie gewaltige Bugspitzen gestrandeter Schiffe heraus. Der Fluss Verdon selbst rundet den Eindruck dieser mächtigen, wilden Landschaft mit seinem immerwährenden Tosen harmonisch ab.

Nun aber zurück, ehe die Nacht hereinbricht. Neben dem Parkplatz finden wir in geräumigen Balmen unser Schlafzimmer...

Sehr früh, ganz entgegen den Gepflogenheiten des Landes, machen wir uns hungrig über unser Frühstück her. Unsere Marschroute gibt zu keinen grossen Diskussionen Anlass. Mein Bruder Yves - er wird Führer bleiben - stellt fest: « Der Pilier des Ecureuils ( Eichhörnchen-Pfeiler ) ist genau, was wir brauchen; er ist fix ausgerüstet, grossartig, extrem... » Nach einem angenehmen Marsch durch niedriges Gebüsch stehen wir drei am Fusse einer recht steilen Felswand. Da öffnet der Himmel seine Schleusen, und dies bedeutet leider, dass wir unseren Gefährten Roger zurücklassen müssen. Wir bitten ihn, uns gegen zwei Uhr über die Route des Crêtes am Gipfel abzuholen. ( Eine Autostrasse führt oben durch das Gipfelplateau, und so hat man Aussicht auf einen sehr bequemen Rückweg, sofern man einen gefälligen Autofahrer trifft. ) Der Regen, der nicht lange anhält, scheint den Fels nicht einmal befeuchtet zu haben.

Unvermittelt befinden wir uns in der rauhen Welt unserer Kletterroute, die ebenso wild ist wie der Lauf des Verdon. Es gibt nicht viele Haken, eben genug, um voranzukommen. Nach einer kurzen Passage auf Steigbügeln entdecken wir vor uns eine märchenhafte Partie von « Wassertropfen » ( tropfenförmige Unebenheiten im Fels ). Ein Fleck Erdboden, der unsern Weg kurz unterbricht, bietet ein willkommenes Plätzchen im Grünen an, wo wir uns einen Augenblick lang ausruhen können. Wie weiter? Ganz einfach — wie auf vielen anderen Routen anderswo auch — verrät es uns unsere Skizze: dem Riss folgen.

Gespannt, an den Haken hängend, beobachte ich meinen Bruder, wie er sich horizontal von mir fortbewegt. Dies ist einer der « heiklen » Abschnitte des Aufstiegs, um keinen andern Ausdruck zu verwenden. Weiter oben müssen wir wieder queren, zurück zum Riss, den wir eben verlassen haben. Eine äusserst interessante und abwechslungsreiche Route, ja ich würde sagen die schönste, die wir im Verdon kennengelernt haben. Die Fortsetzung bietet zwar gute Griffmöglichkeiten, ist aber verteufelt senkrecht und erfordert teilweise athletischen Körpereinsatz. Zur Abwechslung folgt ein rissartiges Kamin, durch das wir uns emporstemmen; und schon stehen wir auf dem Gipfelplateau. Ein paar Franzosen, die an mehreren Erstbegehungen in dieser Region beteiligt waren, schauen uns überrascht an. So früh?... Und dann stellen wir fest, dass wir, die wir laut Angaben zu einer « siebenstündigen Kletterei » aufgebrochen waren, es in knapp der halben Zeit geschafft haben!

Der Nachmittag kündigt sich « belebend » an, und auch der Wetterbericht verheisst nichts Gutes. Roger fährt lieber nach Hause zurück.

Während der Nacht entlädt sich ein heftiges Gewitter, und in den tropfenden Höhlen müssen wir uns mehrmals ein neues « Bett » suchen. Auch der neue Tag beginnt ziemlich hoffnungslos... Die Flaute zwischen zwei Regengüssen benützen wir zur Erkundung der Ausgangspunkte für verschiedene Routen.

Der nächste Tag, ein Sonntag, bringt endlich Sonne! Eine ganze Schar von Bergsteigern drängt sich durch die Tunnels, um sich auf die Einstiegstellen der verschiedenen Routen zu verteilen; der grösste Andrang herrscht beim Anfang der sehr klassischen Demande. Wir werden die einzigen auf der Ula sein, und dies nicht ohne Grund: Diese Führe scheint die gleichen Merkmale wie der Pilier des Ecureuils aufzuweisen, nur mit dem einen kleinen Unterschied, dass ihre Schwierigkeiten sehr viel grosser sind. Es ist bestimmt eine der schwersten freien Kletterrouten im Verdon: dreihundert Meter zwischen V + und VI!

Und so zeigt sie sich denn auch vom ersten Schritt an; die Passage erinnert an eine Kletterschule. Auf jeden Fall schmerzen die Finger. In einem Quergang nach rechts überwinden wir den einzigen Abschnitt, der zwei Steigbügel erfordert; weiter oben erreichen wir wieder Erdboden, wo wir uns hinsetzen und den Riss bestaunen, der sich zweihundert Meter in den Himmel hinaufschwingt. Yves steigt in die Wand ein. Sofort sieht er sich vor grossen Schwierigkeiten. Die senkrecht abfallende Wand und das Fehlen von Sicherungspunkten ( wir werden keine Keile einsetzen ) bedingen einen ununterbrochenen und körperlich äusserst anstrengenden Aufstieg. Yves klettert an einem « Titon » ( eine besondere Art Keil ) vorbei und bittet mich, diesen mitzunehmen. In den breiten Riss eingestemmt, versuche ich mit ungeschickter Hand, den Keil herauszuziehen. Wenn ihn andere Bergsteiger vor uns zurückgelassen haben, hatten sie sicher sehr gute Gründe dafür... Um mehr Bewegungsfreiheit zu haben, bitte ich meinen Bruder, mich am Seil zu sichern. Frei schwebend entferne ich mich von der Wand... Rasch habe ich begriffen und gebe meine Spin-nenposition - und den « Titon»-Keil — auf, um meinen Standplatz wiederzugewinnen. Weiter geht es den Riss hinauf, grösstenteils mit Durchstemmen, was Haut und Kleider gleichermassen in Mitleidenschaft zieht. Noch ein paar wahrhaft « knifflige » Passagen, und dann sind wir beim Ausgang, durch den wir uns richtiggehend hindurchwinden müssen. Glücklich beenden wir -nun auf gutem Fels - diese aussergewöhnliche Besteigung. Auf dem ganzen Weg haben wir weniger als dreissig Sicherungspunkte - einschliesslich Standplätze - gezählt; und das ist sehr wenig, vor allem für eine Route mit solchen Schwierigkeiten. Der Kletterer ist notgedrungen übermässig stark exponiert; dies kann man durch den Einsatz von Keilen ( wofür sich der Fels im Verdon bestens eignet ) etwas verringern. Und so ist es möglich, eine derartig herrliche Route praktisch in jenem Zustand zu belassen, in welchem ihn schon die Erstbesteiger angetroffen haben. Wiederum sind wir sehr schnell gewesen: weniger als vier Stunden! Nun können wir damit rechnen, die Paroi Rouge ohne Biwak zu bewältigen. Beim Belvédère, von wo aus wir einen wunderbaren Ausblick auf die Escales geniessen, begegnen wir einigen Pionieren des Verdon und Stéphane Troussier, der mit seinem Freund soeben die Paroi Rouge in zehn Stunden durchstiegen hat ( zweifellos zum erstenmal ohne Biwak ). Sie machen uns darauf aufmerksam, dass wir vierzig bis fünfzig Haken brauchen werden, und warnen uns auch vor einem besonders gefährlichen Abschnitt: der morsche Fels sei dort - wie sie sich ausdrücken - vollkommen « seicht ».

Noch ist es früh am Nachmittag. Wir haben noch eine weitere Besteigung vor und lassen uns von einem Auto zur Falaise des Malignes mitnehmen, wo das Haus des Französischen Alpen-Clubs ( CAF ) steht. Rasch steigen wir zu Fuss ab. Wir sind der Ansicht, dass die Route Chan-Thé uns zusagen könnte, aber wir haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Der Verdon ist hier so breit, dass alle Versuche, ihn zu überqueren und an den Fuss der Wand zu gelangen, fehlschlagen. Ach, dieser verflixte Verdon! Aber das wird uns lehren, uns vorzusehen; und es beweist uns einmal mehr, wie wichtig eine gut vorbereitete Marschroute ist! Wie wir später erfahren werden, führt - wie übrigens auch bei andern Routen - ein mit fixen Seilen gesicherter Pfad unmittelbar zum Einstieg in diese Wand hinunter. Offensichtlich ist die topographische Karte der Alpes de Provence sehr geschätzt und ermöglicht schon ganz herrliche Touren; dennoch enthält sie bemerkenswerte Fehler, die wohl auf mangelnde Kenntnis des Gebietes zur Zeit ihrer Entstehung zurückzuführen sind. Zweifellos gestattet sie, die Routen ( wenn vielleicht auch nicht alle !) zu begehen, und sie erhält ihnen so eine frische, abenteuerliche Anziehungskraft. Die Bergsteiger sind auf jeden Fall gewarnt. Dennoch sind wir gezwungen, zu Fuss wieder hinaufzusteigen, und wir merken bald, dass dies mit unserem geschmeidigen Schuhwerk ein recht beschwerliches Unterfangen ist!

Der folgende Tag wird zum Ruhetag erklärt, und um dieser Behauptung den nötigen Nachdruck zu verleihen, wählt Yves eine Route aus, die er als « leicht » einschätzt, die aber dennoch sehr empfehlenswert sein soll. Ihr Name lässt denn auch überhaupt nicht daran zweifeln: Eperon Sublime ( Erhabener Sporn ).

Die ersten Seillängen legen wir auf der Demande zurück, die Yves schon kennt; dann stehen wir auf dem Balcon. Man könnte sich in einem Privatgar-ten wähnen, welcher samt seiner grossen Terrasse in die Vertikale gestellt worden ist. Wir queren nach rechts und entdecken unsern Sporn... den wahrhaftig erhabenen. Der Aufstieg entpuppt sich als sehr abwechslungsreich: heikle Quergänge, Risse zum Durchstemmen, überhängende Partien und schlussendlich - sozusagen als Höhepunkt -eine herrliche ( als einzige Passage ) künstlich zu bewältigende Traverse nach links, die wir, frei am Fels hängend, überwinden. Noch eine letzte Seillänge, und wir sind bei den Touristen, die uns zugeschaut haben. Bald betreten wir wieder unser « Schlafzimmer », um uns auf das schwere Programm von morgen vorzubereiten: die Route Guy Heran durch die Paroi Rouge. Nach gründlicher Vorbereitung wurde diese Führe im Juni 1970 erstmals in drei Tagen von B. Dineur, S. Gousseault, G. Heran und P. Louis bezwungen. Sie ist eine der schwierigsten künstlichen Kletterrouten: Es gilt überhängende Stellen zu bewältigen ( die Wand ragt um mindestens zwanzig Meter vor ), verschiedene Arten von Haken einzuschlagen ( heute allerdings etwas leichter, da zahlreiche fixe Haken angebracht sind ) und recht unbequeme Standplätze zu benützen.

Wir haben schlecht geschlafen! Aber das ist normal. Wir zwingen uns, etwas zu essen. Normalerweise nehmen wir auf eintägige Touren keinen Proviant mit; die Ausnahme bestätigt aber die Regel, und so stopfen wir eine Flasche Top-Ten ( stärkendes Getränk ) in die Tasche. Es ist noch finstere Nacht, als wir bereits am Fuss der Wand stehen. Sie erscheint uns noch wilder und unheimlicher als bei Tageslicht. Zwei Grotten unterhalb des obersten Überhangs verleihen ihrem « Gesicht » einen « menschlichen Ausdruck »: Wir erkennen die Fratze eines Teufels, der uns höhnisch angrinst. Wir müssen das erste Morgenlicht abwarten, und grosse Wolken verlängern dieses Vergnügen noch zusätzlich...

« Leicht » angeseilt geht Yves los. Bis zur ersten Grotte kann man frei klettern, und ich behalte vorläufig das schwere Material. Eine Rampe gibt uns eine schwere Nuss zu knacken, und unsere Ausrüstung schrumpft auf ein Minimum zusammen. Weiter oben müssen wir die Rinnen und einen kleinen rechtwinkligen Einschnitt durch eine horizontale Traverse verlassen,und zwar auf einem Fels, der grosse Vorsicht erfordert. Wir erreichen die Grotte, die einen völlig verwitterten Eindruck macht. Über eine ebenfalls horizontale Traverse gelangen wir mit Hilfe von « Rurps»Haken in die zweite Grotte. Wenn sie richtig eingeschlagen sind, sind diese Eisenhaken bekanntlich fürchterlich klein. Es gelingt mir nicht auf Anhieb, die Steigbügel wieder freizubekommen. Ein Halt ( nicht mehr aufzuschieben ), ein kurzer Blick rundherum, der Geschmack von Salz auf den Lippen... dann endlich ein Haken links oben, der mir meine Tätigkeit erleichtert. Auf dem guten Standplatz der Grotte, die oft als Biwakplatz dient, trinken wir die wunderbare Flüssigkeit. Die Fortsetzung der Führe, mein Gott! ein Abschnitt, den man am liebsten im Laufschritt zurücklegen würde... anderswo. Yves sieht sich zu einem mehr als schwierigen, ja gefährlichen Klettermanöver gezwungen, denn der sehr unstabile Fels verlangt grösste Aufmerksamkeit ( diese Passage wird ursprünglich mit A4 eingestuft und frei kletternd bewältigt ). Schliesslich überwindet mein Gefährte das Felsdach und erreicht ein paar Meter weiter oben den Stand des Genévrier ( Wach-holderstrauch ). ( Oft entdeckt man auf den Routen des Verdon Bäume, die einem das Weiterkommen erleichtern oder als Stand dienen. ) Sofort stürze ich mich selbst in den harten Kampf mit dem « seichten » Fels - wirklich sehr risikoreich! Als ich unterhalb des Felsdachs anlange, sind meine Kleider vollkommen durchtränkt — vom Schweiss der körperlichen Anstrengungen und vom Schweiss der nervösen Anspannung ( lies: Angst ). Die Dachpassage ist... annehmbar, und ich lasse mich rittlings auf dem Baum nieder, der irgendwie in dieser feindlichen Umwelt sein Leben fristen kann. Der Hakenreigen geht nun erst richtig los, immer entlang überhängender Zonen. Mit Hilfe von Steigbügeln erreichen wir den Stand der Fesse d' en bas ( Bezeichnung dieser Passage etwa: untere Backe ). Wer Haken einsetzt, muss auch wieder Haken entfernen, und wenn man nicht steckenbleiben will, muss man sich einfach die Zeit dazu nehmen, die Haken wieder freizubekommen. So reiche ich diese wichtigen Felswerkzeuge vorsichtig meinem Bruder weiter; eine bescheidene Herausforderung für den Seilzweiten, im Vorbeiklettern nichts zu vergessen. Um unser Tempo beibehalten zu können ( und ein unvorhergesehenes Biwak zu vermeiden ), geht Yves voll drauflos und klettert sehr wagemutig frei voran, um - wie es unsere Gewohnheit ist - möglichst wenig künstliche Hilfsmittel anwenden zu müssen. Auch die Sonne zieht ihre Bahn weiter, und wir lernen eine ihrer negativen Seiten kennen: eine wirklich grosszügige Hitze. Im Hochsommer muss der Verdon einem einzigen, riesigen Ofen gleichen.

Die Passage de la Fesse wird frei durchklettert; auf Steigbügeln verlassen wir anschliessend über ein Felsdach nach links die schwierige Route der Paroi Rouge und hängen schliesslich an einem Standplatz. Nach einer weitern Seillänge gelangen wir auf ein breites Band, und eine Verschneidung ermöglicht den Anstieg zur Leitplanke der Strasse, die über das Gipfelplateau führt.

Ein paar Belgier schauen uns verdutzt zu, wie wir aus dem Abgrund auftauchen. Tief unter uns glitzert das grüne Wasser des Verdon. Wie winzig er ist! Schwieriger Dialog zwischen den Auto-Touristen und uns, die wir aus den « fürchterlichen Tiefen » emporgestiegen sind. Erschöpft legen wir uns neben der Strasse hin; unsere Ausrüstung bleibt kunterbunt liegen. Ein Auto mit'34 Bergsteigern aus der Gegend hält neben uns; sie waren auf der andern Seite, um die Wände zu studieren und neue Routen zu entdecken. Der Verdon bietet noch unendliche Möglichkeiten, denn einige der Felsfluchten sind noch kaum begangen worden.

« Ah! Sie haben sich aber gewaltig angestrengt: neun Stunden für die Guy Heran! » Wir hoffen, dem ausgezeichneten Ruf der « kleinen » Schweizer im Verdon gerecht geworden zu sein, für den Claude Rodard aus Genf gesorgt hat.

Am folgenden Morgen regnet es so heftig, dass wir uns ohne Bedenken einen wohlverdienten Ruhetag gönnen können. Wir unterhalten uns mit vielen unternehmungslustigen Bergsteigern, und schliesslich nehmen wir uns für morgen gemeinsam mit Philippe Martinez die schwierigste freie Kletterroute vor: die Estemporanee ( eine der zahlreichen Führen von F. Guillot ).

Im Auto erreichen wir über die Route des Crêtes die Felswände von Eycharme, die über zwei-hundertundfünfzig Meter zum Verdon abfallen. Bei zweifelhaftem Wetter gelangen wir über einen kleinen, kaum markierten Pfad, der unter einem steilen, von ein paar spärlichen Pflanzen bewachsenen Couloir entlangführt, zum Einstieg in die Wand. Die erste Länge liegt bald hinter uns; noch ist es nicht schwierig. Schwungvoll erklimmt Yves die folgende Felsplatte, die sehr zäh aussieht. Und sie ist es auch mit ihren « Wassertropfen », die sehr kräftige Finger erfordern. Auf den ersten Blick sehen wir, dass der folgende Abschnitt vollen Einsatz verlangen wird: Ein abgeschliffener Riss mit glatten Rändern stösst in mehreren aufeinanderfolgenden Wölbungen zum Himmel empor.

Yves stemmt sich vertikal nach oben; es wird einem angst und bange dabei! Er atmet schwer, ächzt, stösst ein paar unfreundliche Bemerkungen über die Route und ihre Erstbezwinger zwischen den Zähnen hervor, schimpft, als er sich an einem kleinen Baum festhalten will, der natürlich viel zu schwach ist, klettert achtlos an einem Stand vorbei und erreicht schliesslich « in einem einzigen Zug » völlig erschöpft die Plattform des vierten Standplatzes. Philippe ist nicht mehr darauf erpicht, auch einmal zu führen, sondern überschüttet Yves mit überschwänglichen Lobhudeleien. Auch ich stelle keine Fragen mehr und begnüge mich damit, als letzter zu gehen, auch wenn ich manchmal die Entscheidungen von Yves nicht ganz verstehe. Die Seilschaft steigt also ruckweise weiter nach oben. Die Passagen zu beschreiben erübrigt sich, denn die Route ist ständig extrem und bietet nur schwer zu überwindende Schwierigkeiten. Es ist sicher eine Route, die eine hundertprozentig entgiftete Muskulatur und körperlich totalen Einsatz verlangt. Indem Yves sie frei kletternd mit weniger als fünfzehn Sicherungspunkten bewältigt, liefert er eine beispielhafte Besteigung bei Schwierigkeitsgrad VI, denn - so erfahren wir später - die Estemporanee war zuvor noch niemals auf diese Weise bezwungen worden.

Kaum haben wir den « Gipfel » erreicht, beginnt es auch schon zu regnen. Rasch erklettern wir die Böschung und besteigen das Auto, um auf ein Glas nach La Palud zu fahren. Dort treffen wir J. Perrier ( genannt Pschiit ) und ein paar Bergsteiger aus dem Ort. Bald sind wir in Fachsimpeleien vertieft, und in bezug auf die Gradeinteilung gelangen wir zum Schluss, dass sie mit der Ausrüstung der Seilschaften und den von ihnen erzielten Kletterzeiten zusammenhängen.

Am Abend stösst unser Vater noch zu uns. Wegen des andscheinend überall herrschenden schlechten Wetters hat er eine Hochtour im Wallis vorzeitig abbrechen müssen.

Für Papa haben wir einen ganz besondern Leckerbissen bereit: die Luna-Bong. Es handelt sich um eine Führe durch einen herrlichen Riss, der sich vom Balcon aus in einem Schwung zwischen der Demande und dem Eperon Sublime emporzieht. Noch eine der zahlreichen typischen Routen des Verdon, die ein endloses Durchstemmen bedingt und nicht zu unterschätzende Schwierigkeiten zu bieten hat. Aber Papa ist nicht im geringsten beeindruckt, und rasch kommen wir auf dieser herrlichen Route voran, die über massiven Fels führt. Wir können hören, wie auf beiden Seiten von uns'35 Haken eingeschlagen werden: ein Beweis dafür, dass der Keil trotz einer guten ökologischen Idee nicht die einzige oder beste Lösung ist, eine Kletterroute zu bezwingen. Unter einer bleiernen Sonne, die uns verführerisch zum Rasten einlädt, erreichen wir wieder das Plateau. Einmal mehr hat der Verdon seinen ausgezeichneten Ruf mit einer unbedingt empfehlenswerten Route bestätigt.

Der nächste Morgen bringt bedrohliches Wetter und verheisst einen regnerischen Tag. Einzig die Führe Péril Rouge ( Rote Gefahr ) scheint uns ratsam zu sein, da ihr Gipfel-Überhang die Kletterer vor der Unbill des Wetters schützt.

Papa fährt uns auf der Route des Crêtes zu den Felsfluchten des Imbut und empfiehlt sich dann, um sich einer Schlafkur zu widmen. Vom linken Rand des Belvédère de la Maugue aus benützen wir einen schmalen Pfad für « fortgeschrittene » Touristen, auf dem wir die steilen Abhänge mehr oder weniger hinunterrutschen. Er ist so überraschend und luftig angelegt, dass wir nach zwanzigminütigem, angenehmem Abstieg schon unten in der Schlucht stehen.

Bei den Einstiegstellen zu den verschiedenen Routen finden wir zu unserer nicht geringen Überraschung eine ganze Menge verlorenen Materials.

Nun müssen wir uns anseilen. Yves steigt als erster ein. Die Péril Rouge stimmt wirklich ausgezeichnet mit der Farbe der Wand überein. Der Fels zeigt sich hier etwas weniger offen und solide als üblich; wir stossen auf ein paar qualitativ mittelmässige Abschnitte, die zwar keine besondern Gefahren bergen, aber doch eine gewisse Vorsicht erheischen. Da praktisch keine Haken eingeschlagen werden müssen, können wir völlig frei klettern. Wir passieren eine bemerkenswert schöne Einbuchtung und mehrere leicht überhängende Felsvorsprünge. Rund um uns führen Vögel ein wahres Ballett auf; vielleicht wollen sie uns davon überzeugen, dass ihre Art der Fortbewegung der unsern weit überlegen ist... Das letzte Teilstück ( sehr kurz ) müssen wir mit Steigbügeln zurückle- 83 In der Roumagaou-Route ( Gorges du Verdon - Verdon-Schluchten ) in Frankreich Photo: Cl.Remy, Bossière ( VD ) 84 Der Verdon: Die Escalès-Felsflucht 85 Die Orni-Fiihre gen. In zweieinhalb Stunden haben wir diese Route bezwungen, und die Mühe hat sich gelohnt. Aber nun stehen wir wieder im Regen. Oben auf der Strasse warten wir nun auf Papa, mit dem wir uns erst viel später verabredet haben...

Am letzten Tag besteigen wir drei noch den viel weniger anspruchsvollen Pilier Sud ( Südpfeiler ) in der Wand des Point Sublime. Eine kurze, nur hundert Meter lange Route, die sich gut dazu eignet, mit der Region des Verdon Bekanntschaft zu schliessen.

Nach einem letzten Besuch per Auto, bei dem wir uns all diese Felswände nochmals genau einprägen wollten, verlassen wir den Verdon, mit dem uns jetzt schon unvergessliche Erinnerungen verbinden.

EIN PAAR TECHNISCHE ANGABEN UND HINWEISE Dokumentation: Topographische Karte Alpes de Provence ( M. Dufranc, A. Lucchesies kommt demnächst eine neue Karte heraus.

Zeitschriften: La Montagne 3/1974 und 2/1975.

Annalen G.M.H.: vor allemjahrgang 1970.

Crags Magazine: Nr. 6.

Der Verdon bietet eine ungeheure Auswahl an Routen, doch sind die schönsten auch oft die schwierigsten. Er ist noch wenig « ausgebeutet » ( was sich allerdings rasch ändert ) und stellt ein erstklassiges Klettergelände dar, das sich über mehrere Kilometer erstreckt. Er gilt als hohe Schule der Kletterei, und man kann ihn auf alle möglichen Arten entdecken; die Skala reicht von leichten, freien Kletterrouten ( einschliesslich schwierigen Sprüngen über den tosenden Verdon ) bis zur schwierigsten dreitägigen Tour; immer befindet man sich in der charakteristischen Landschaft und im typischen Klima der Provence.

Was bei den verschiedenen Besteigungen immer am erstaunlichsten ist, ist das Fehlen von Sicherungspunkten ( ganze Seillängen ohne einen einzigen Haken sind nicht selten ). Es ist deshalb sehr wichtig, ein umfangreiches Sortiment von vorwiegend grossen Keilen ( z.B. exzentrische, Grosse 9 bis 12 ) mitzubringen.

Die folgende Liste umfasst die empfehlenswerten klassischen und grossartigsten ( aber auch schwierigsten ) Routen:

Falaise du Duc: Voie des Enragés, VI +, 7-10 Stunden; gemischt ( freie und künstliche Kletterei ), grösstenteils ausgerüstet.

86 Der Barjots-Riss 87 Die Luna-Bong-Route, In der Tiefe der Verdon 88 Triomphe-d'Eros-Führe: der Dülfer Sechser 89 Am Ecureuils-Pfeiler: die « Wassertropfen»-Länge Falaise de l' Escales: alles in allem wohl die schönste Route; bequemer Anmarsch, guter Rückweg.

Von links nach rechts in der Wand ( etwa 300 m ):

Pilier des Ecureuils: VI, 3-5 Stunden; eine abwechslungsreiche, freie, ausgerüstete Route.

Ula: VI, 4-6 Stunden; eine der schwierigsten freien Kletterrouten ( Durchstemmen ), ausgerüstet.

Demande: VI, 4-5 Stunden; die klassischste Route, abwechslungsreich, frei, ausgerüstet.

Triomphe a"Eros: neue Route, abwechslungsreich, frei, ausgerüstet, 4-6 Stunden.

Luna-Bong: VI, 4-5 Stunden; frei, Durchstemmen, ausgerüstet.

Eperon Sublime: VI, 4—5 Stunden; abwechslungsreich, frei, ausgerüstet.

Paroi Rouge: Route Guy Heran: VI +, vorwiegend künstlich ( zum Teil müssen Haken eingeschlagen werdeneine Tagestour von 10-12 Stunden; Achtung: eine Länge mit besonders stark verwittertem Fels.

Einige der neuen Routen durch die VEscales: Virginie, Virilimitée, Gravitation, Pichnebul, Barjots, Miss Catonic, Solanuts, Symphonie du temps, Micronomécron, Overdose, Nicktalop, Orni, Tuyaux d' Orgues, Mescalito, Technoflip.

Falaise de l' Estellie: Verschneidung L' Oursinade; IIIgrösstenteils ausgerüstet, gemischt, abwechlsungsreich; 5-7 Stunden.

Falaise de l' Eycharme: Route des Caquous: VI +. 10 Stunden; gemischt, jetzt vorwiegend frei, teilweise ausgerüstet.

Estemporanee: VI, 4-6 Stunden; sicher die schwierigste freie Route ( Durchstemmen ), ausgerüstet.

Falaise de l'lmbut: Verschneidung des Aixois: VI, 10 Stunden; gemischt, vorwiegend frei, teilweise ausgerüstet.

Péril Rouge: VI, 3-4 Stunden; abwechslungsreich, frei ( kurze Strecken mit zweifelhaftem Fels ), auch bei Regen begehbar, ausgerüstet.

Anmerkung: Der Ausdruck « ausgerüstet » bedeutet, dass die Route über ein Minimum von fixen Haken verfügt. Es ist deshalb ( normalerweise ) nicht nötig, neue zu setzen; manchmal kann es aber unvermeidlich sein, mit Keilen einen Stand zu schaffen.

Übersetzung D. W. Portmann 83..

Aft

90 Der Eperon Sublime ( Phantastischer Sporn ) im Profil 91 Am Eperon Sublime: die Querung 93 Die Duc- Wand: Die Enragés-Route ( Route der Tollkühnen ) Photo Michel Pétermann, Glarens

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