Der Weg über den Niederenpass

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON WILFRIED NEUMANN, LAASPHE D.

Im Rheintal hangen die Wolken. Wir besteigen das Postauto und fahren nach Grabs, um von da über die Berge nach Walenstadt zu gehen. Mittag ist vorbei. Das trübe Gewoge verhüllt noch immer die Sicht, als wir auf steilem Wege im Tälchen des Walchenbachs durch Laubwald bergan steigen. Bald gelangen wir in Tannenwald, dann stossen wir auf die Fahrstrasse, die sich seitlich ausholend heraufwindet. Links zweigt die Strasse zum Staudnerberg ab, und hinter ihr bäumt sich über 800 Meter hoch eine bewaldete Wand auf - die Spitzköpfe. Langsam weichen die Nebel von den Höhen. Über den Wipfeln taucht der graue Wall des Felsgebirges auf. Bergwald nimmt uns wieder auf; bemooste Steinblöcke bedecken den Boden. Der Tag beginnt zu verdämmern. Da öffnet sich an einer Strassenbiegung unvermittelt der Blick auf die Felsmauer des Kapfs, die sich uns zur Linken bis 2043 m hinaufzieht.

Bald lichtet sich der Wald, und wir treten hinaus auf die im letzten Licht des Tages liegende Voralp inmitten einer erhabenen Hochgebirgswelt. Abendfrieden ruht über den Wäldern und Alpen, nur zuweilen unterbrochen durch vereinzeltes Kuhgeläut oder ein Platschen im nahen Voralpsee.Vor uns im Südwesten steht der waldige Föhrenkopf, und weiter hinten hebt sich der Gebirgskamm mit der Passhöhe gegen den lichten Abendhimmel ab. Zwischen den Tannen lugt das rote Dach des Kurhauses ( 1218 m ) hervor, das für die Nacht Unterkunft gewährt.

Am nächsten Tag liegen die Alpen in strahlendem Sonnenlicht, das zwischen den Felsgipfeln im Osten und Süden hereinflutet. Das Kalkgebirge in diesem Gebiet zeigt seltsame Formen. Gegenüber ragen die auffälligen Zacken der Weissen Frauen und des Sichelkammes über den Waldhängen, und im Hintergrund reckt sich der breite Schild des Gamsberges, 2385 m, der höchsten Erhebung des ganzen Gebirgszuges. Nach links schliessen sich Rotstein und Kapf an. Zwischen ihnen öffnet sich die steinige Hochmulde der Alp Sisiz, zu der ein steiler Pfad unter der Felswand hinansteigt.

Den Bergen vorgelagert ist eine hundert Meter tiefe, abflusslose Senke, in deren Grund der blaugrüne Voralpsee schimmert. Nach Südwesten zieht die Alp Naus zur Kammhöhe empor. Sie vermittelt jedoch keinen Übergang, das Gebirge bricht auf der Südseite in steilen, felsdurchsetzten Mauern ins Seeztal ab. Auf einer Strecke von 2]/2 km vollzieht sich hier ein Absturz von etwa 1500 Metern. Eine Möglichkeit, dort hinüberzukommen, bietet die im Hintergrund der Alp Schlawiz eingesenkte Niedere, die mit dem Felsturm des Tristenkolbens ( 2160 m ) schon von weitem sichtbar ist.

Wir scheiden von der freundlichen Voralp und nehmen den Weg zum Pass unter die Füsse. Er führt noch eine Weile durch Wald, dann werden die Bäume spärlicher, und wir kommen hinaus auf den Alpboden. Die Landschaft wird öde und steinig, die staubgrauen Felswände der Umgebung sind mit dürftigem graugrünem Graswuchs überzogen und ihre Hänge schuttbedeckt; die Talsohle ist mit Steinen übersät. Bei einem Rückblick wird der Margelkopf über Sisiz sichtbar, zu dem ein Weg hinaufführt, dann schiebt sich der vom Föhrenkopf zum Höchst hinziehende Seitenkamm des Schafberges davor.

Der Weg wird zum Pfad und verliert sich später ganz. Über die Weide verstreut blühen überall die Stauden des blauen Eisenhuts zwischen Gras und Disteln. Den ganzen Tag begleitet uns das melodische Geläut der Weidetiere. Der begleitende Rücken zur Rechten weicht zurück, und überraschend tritt ein eigentümlich gestalteter Bergklotz ins Blickfeld, dessen Erscheinung ans Kolos-seum erinnert. Es ist der 2076 m hohe Gamserruck. Steil erheben sich seine von waagrechten Felsstreifen durchsetzten Wände rundum zu der ausgedehnten Gipfelkuppe, die, wie manch andere Höhe hier, dem Alpvieh als Weidefläche dient.

Wenn man die rot markierte Wegrichtung einhält ( an der Niederen wird der schlechte Pfad gar mit « Strasse » bezeichnet !), gelangt man an den « Alten Hütten » ( 1579 m ) vorbei. Der letzte Rest Wasser versickert im Kalkboden, und immer näher rückt das Felsgebirge, das vom Gamserruck zum Tristenkolben hinüberzieht. Die Berge haben sich verschoben, und ihre veränderte Gestalt täuscht. Die Lage der Passlücke ist von hier aus nicht mehr genau zu bestimmen, dazu durchziehen einige Hügelrücken den hintersten, geröllerfüllten Abschnitt des Hochtales.

Auf einer Anhöhe oberhalb der Steinreste einer ehemaligen Hütte kennzeichnet ein Schild den Ort. Der Pass liegt links auf der breiten Höhe. An der vor uns hinaufziehenden Schutthalde erkennen wir den hinanklimmenden Zickzackpfad. Unter einem Kopf teilt er sich; gerade hinauf leitet er auf einen schmalen Grassockel hinaus oberhalb von Felswänden, die mehrere hundert Meter in die Tiefe fallen. Hier, an den abschüssigen Hängen hoch oben am Berg, bringen die wettergebräunten Älpler in mühseliger, gefährlicher Arbeit das Wildheu ein und in mächtigen Bündeln auf dem Rücken über die Gebirgspfade zu den Hütten hinab. Der richtige Pfad führt links hinauf über Blockgestein. Wir betreten die Kammhöhe ( Niedere, 1833 m ) und lassen die graue Steinwildnis zurück.

Vor uns liegt im Nachmittagssonnenglanz, 1400 Meter tiefer, das flache Seeztal. Wir erkennen die Orte Flums, Berschis und Tscherlach in der breiten Talebene. Dahinter liegen die sanften, grünen Hänge der Flumser Berge, und aus den Alp- und Waldflächen steigt der Guschagrat des Weissen-berges anf. Links erhebt sich die Kuppe der Grauen Hörner, und im Hintergrund ragen die höchsten Gipfel d St.Galler Oberlandes im sonnigen Dunst. Von Walenstadt ist nur ein Eckchen zu sehen, und de'vValensee liegt noch von einem Bergvorsprung verdeckt.

Der Kamm fällt in einer geraden, begrasten Mauer 500 Meter tief, gegen Süden zur Wiesenterrasse von Lüsis ab, an deren Rand der Laubwald beginnt. Wir schauen noch der Höhe entlang, die fast eben hinüberläuft, hinauf zu den auffällig gebänderten Felszacken des Sichelkamms. Sein Hauptgipfel, der Knorren, erhebt sich dahinter mit dem Gamsberg in abweisenden, glatten Wänden; die anderen Berge sind verschwunden.

An den Hängen vorbei reicht der Blick bis zur Rheintalfurche hin. Das Gebirge liegt hinter uns; der Abstieg in die Tiefe beginnt.

Die Last auf dem Rücken, die Füsse von mehrtägiger Wanderung ermüdet, stolpern wir die engen Windungen des von Steingeröll bedeckten schmalen Steilpfades abwärts und kommen rasch tiefer. Die Gipfel hinter uns versinken, nur die Kammzacken des Hundseggs und der Tristenkolben bleiben bis unten sichtbar. Bei den Holzhütten von Lüsis, auf 1272 m Höhe, wird gerastet; es ist eine Alpsiedlung. Von hier aus weitet sich der Ausblick. Wir schauen das ganze tiefgelegene Seeztal hinaus bis zum Rätikon über der Rheinebene, wir erblicken vor uns den Spitzmeilen, den Magerrain, den Leistkamm und dahinter die hohe Kuppe des Tödi; wir übersehen den Ort Walenstadt, und nun schimmert auch in mattem Tiefgrün das langgestreckte Walenseebecken, über dem der dreigipflige Mürtschenstock emporragt, und ganz rechts schauen die grauen Spitzen der zersägten Churfirstenkette herein, die sich in weitem Bogen von der Felsburg unterm Tristenkolben über dem See hinzieht.

Von Lüsis aus führt eine geschotterte Strasse durch verträumten Laubwald in grossen Kehren bergab; links tost der Wydenbach über mächtige Steinblöcke in einem Tobel zu Tal, und durch die Zweige dringt das Gold der Abendsonne. Endlos dehnt sich der Weg, doch bei Sonnenuntergang treten wir aus dem Waldesdom hinaus und erreichen die Häuser von Walenstadt in 430 m Meereshöhe, die so lange heraufgegrüsst haben. Über dem Ort wachsen die mächtigen Mauern des Gebirges in die Dämmerung hinein.

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