Der Windgällen-Westgrat

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Der Windgällen-Westgrat Grises-Grate. Auch ist die ganze Abfahrt lange nicht so genussreich. Mit heftigem Wind muss man bei dieser Winterfahrt immer rechnen, was die Verwendung des Schneeschuhs sehr erschwert.Rudolf v Tscharner t- Anmerkung: Diesen Beitrag hat Tscharner auf Wunsch der Redaktion geschrieben. Leider als seine letzte Arbeit, denn am 14. Juli 1924 erfiel Rudolf v. Tscharner am Südostgrat des Finsteraarhorns. ( Siehe Alpina 1924, Seite 207. )

Der Windgällen-Westgrat.

Sunt quos curriculo pulverem Olympicum Collegisse iuvat, Hunc, si mobilium turba Quiritium Certat tergeminis tollere honoribus; Gaudentem patrios findere sarculo Agros Attalicis condicionibus Nunquam dimoveas, Horaz, Oden I.

Ich mag vom Tiefland her oder von den Voralpen nach den Urnerbergen schauen, immer grüsse ich vor allem die Mauer, die in gewaltigem Ausmass nördlich vor dem Maderanertale mit mächtiger Steilwand emporragt. Und in diesem Kamm steht ein Berg mit breiter Wucht und edler Form, der doppelgipflig alle seine Nachbarn im Umkreis auch an Höhe übertrifft. Die ruhigen Linien seines dachartigen West- und Nordostgrates sowie die klare Geschlossenheit und Einheit seines Aufbaues haben nichts Zerrissenes und Aufreizendes und verleihen dem Berge eine stolze Ruhe und Überlegenheit. Wenigstens so erscheint er mir in meinem Geiste, und für mich bedeutet die Grosse Windgälle das Wahrzeichen der Urneralpen.

Jahr für Jahr steige ich hinauf zu den mit weichem Gras überwachsenen Höhen des Dieppen und des Firtiggrätli, denn von dort aus dünkt mich die schönste Sicht nach jenem Kamme und dem Berge, der mit breiter, hoher Flanke den Nordstürmen wehret, wie es der Name sagt.

Auch dieses Jahr stand ich an einem hellen Julisonntag mit einem jungen Freunde auf der Spitze des Rophaien, und der scharfe Zeiss suchte alle Winkel meines Berges ab, ob wohl aller Schnee verschwunden sei. Ich fand die Verhältnisse gut, und rüstig schritten wir aus durch das frische Grün und die Blumen. Auf dem Schönen Kulm warteten wir altem Brauche gemäss geraume Weile, denn ich liebe es über alles, erst im milden Lichte der sinkenden Sonne sinnend talwärts zu eilen. Alles erwog ich auf diesem Gange, sorgsam prüfte ich das Für und Wider, und indem die Gedanken kämpfend miteinander rangen, überwogen siegreich die Beweggründe, die uns Bergsteiger alle zwangsmässig in die Berge treiben. Da wusste ich es, wie die Sonne scheidend heute und morgen nach unverbrüchlichen Gesetzen hinter den Bauenstöcken verschwin- det, so musste ich, wenn nicht stärkere Kräfte walteten, über acht Tagen auf dem Westgrat der Grossen Windgälle stehen.

Samstag, den 19. Juli, bezogen Mettler und Gassler von der Sektion Gotthard und ich ein Biwak im obern Furkeli. Hüttenwart Epp von der Windgällenhütte hatte uns zu diesem Zwecke reichlich mit Milch und Brennholz versehen. Wir wählten die Seite gegen den Stäfelgletscher, in der Nähe der Schneerinne, die zum Furkeli führt, um vor Wind geschützt zu sein. Drei Pickel gruben schnell und tief in die unfruchtbare Erde und schufen ein leidlich ebenes Plätzchen. Mit Mühe herbeigeschaffte Steinplatten, die wir vom Sonnenlicht tagsüber immer noch wärmer glaubten als die feuchte Erde, machten das schmale, an den Felsen sich lehnende Erdband bezugsbereit. Und nun begann das von allen Bergfahrern wegen seiner Poesie gerühmte Freilager, das für gewöhnlich mit lachenden Reden seinen Anfang nimmt und mit wortlosem Zähneklappern aufhört. Nicht sonderlich bequem und eng aneinandergelagert hatten wir nun Zeit zum Schauen und zum Plaudern. Das Blau des Himmels ist tiefer geworden. Im Osten über dem Tödi kündet ein matter Schein das Aufgehen des Mondes. Und so wie dieser herrschend über der massigen Berggestalt steht, mildert das bleiche Licht die scharfen Grate und Kanten der nahen Gipfel. Mit der Nacht ist Ruhe in das Land gezogen, und das Aufgeregte des Tages ist nicht mehr. Einzig der Stäfel- und der Höhlenstock stehen im Mondschatten und erscheinen als schwarze Silhouetten ohne Gliederung, aber deutlich umrissen. Gespenstisch stehen sie uns gegenüber und bringen etwas Unruhiges, Düsteres in die Landschaft. Der Bergsteiger nämlich ist gewohnt, in das Licht zu schauen und alles klar und scharf zu sehen, und das Dunkle, Unbestimmte ist ihm verhasst. In unserer Nähe lodert hell das Biwakfeuer, die schmalen Scheiter knistern leise. Immerhin, wir sehen in dieser unwirtlichen Höhe von Holz genährte Flammen und glauben die Wärme zu spüren. Wir schätzen uns mit wenigem immer noch glücklich. Gassler unterhält mit Sorgfalt den Herd und erzählt mit bewegten Worten, wie sie letztes Jahr mit Mettler zusammen an der Ostwand des Monte Rosa vor einem unheimlichen Steinschlag den Rückzug antreten mussten. Die Rede ist noch von einem unvergesslichen Abend in der Jorasseshütte und von den aufreizenden Felsen der Aiguilles von Chamonix, bis ein leichter Schlummer uns alle gänzlich verstummen lässt.

Die Kälte rüttelt uns mahnend auf, und gierig führen wir die Wärme des Feuerleins in Form heisser Milch den schlotternden Körpern zu. Morgens 3 Uhr 40 brachen wir auf, um zuversichtlich in die Südwestwand einzusteigen. Mettler hat sich schon lange heimlich auf die Führung gefreut. Ich überlasse sie dem jungen Stürmer ohne Widerrede und ohne Bedenken, denn ich kenne ihn gut und überdies: einer muss König sein, der mit Wissen und hohem Können die Herde leitet. Gassler, der sichere, starke Gänger, bildet den Schluss, und so bleibt mir, den man nach berühmtem Muster ohne weiteres wegdenken könnte, nichts anderes übrig als die Mitte. Der Einstieg erfolgt auf einem leicht absteigenden Felsband, das etwa 50 Meter unter dem obern Furkeli in westlicher Richtung zu einem markanten Felssporn führt. Hier biegt der Anstieg in rechtem Winkel ab und, etwa in dritteis oder halber Höhe nach links haltend, gewinnt man das mächtige Plattenband, das unmittelbar vor dem grossen Abbruch im Westgrat in einer steilen Rinne endigt.

Die westlichen Randfelsen dieser mit Schneeresten gefüllten Rinne leiten schliesslich auf die kleine Schulter, die dem steilen Abbruch des Westgrates als Basis dient. Hier, auf dem höchsten Punkt der Schulter, wie wir nachträglich erfahren mussten zu weit nördlich, setzen wir zum Angriff an. Zwar nicht sonderlich behend und frohen Mutes, weil ein Ungewisses unsere Zweifel weckt. Ungehemmt und rasch ist der Vormarsch bis hierher verlaufen — ich notiere 6 Uhr morgens —, und nun sperrt unvermittelt ein Überhang und eine ganz böse Wand den Weiterweg. Indessen beeinflusst unsern Entschluss bestimmend ein vorgefundener Abseilring. Ein schwacher, aber kalter Föhn entführt unsern Leibern die Wärme, und erwartend messen wir am Bergschatten die Zeit, die noch vergehen wird, bis die Sonne die Felsen erwärmt. Der Überhang wird mit Schulterstand genommen. Langsam hebt sich die kostbare Last Mettlers auf meinen Schultern in die Höhe, während Gassler sichert. Der Stand ist zufolge abschüssiger Tritte denkbar schlecht, aber die Kletterschuhe halten gut. Lange dauert es, bis Mettler, der glänzende Felstechniker, unter den schlechten Griffen die beste Wahl getroffen hat, um sich dann behutsam und lautlos von meinen Schultern zu lösen. Mit gewaltiger Anstrengung arbeitet er sich etwa zehn Meter empor — die Felsen sind ungewöhnlich schwierig—, verankert sich, späht scharfen Blickes umher und erklärt diese Wandstelle als kaum begehbar. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als zu uns niederzugleiten. Nun ist die Reihe an mir, und ich kund-schafte die gefährliche Wandstelle wie Mettler ohne Erfolg. Doch wozu dieser Abseilring? Betrübt denken wir an Rückzug und hämmern wortlos das Eisen aus seiner felsigen Umarmung. Dann steigen wir südlich ab — weiter nördlich geht es sicherlich nicht —, ziehen den Urnerführer erneut zu Rate und lesen aufmerksam: « Kamin, gut gekennzeichnet, besonders von unten durch einen eingeklemmten Block. » Richtig, nun glauben wir den einzig möglichen Anstieg gefunden zu haben, und zwar etwa dort, wo die erwähnte schluchtartige Rinne ihr Ende nimmt. Ein steiles, schlechtgriffiges, immer etwas nach rechts verlaufendes, von der linksliegenden Wand der Abbruchstelle — die man unbedingt meiden muss — sichtbar sich abgrenzendes Plattenband weist uns den Weg. Bald stösst Mettler auf einen Abseilring. Wir stehen ihm vorerst zweifelnd gegenüber. Doch es geht, wenn auch exponiert und schwierig, vorwärts, und ein zweiter vorgefundener Haken löst endgültig die Spannung. Jauchzend grüssen wir ein drittes und viertes Eisen als willkommene Wegweiser und Sicherungsstellen. Zwei prächtige Stemmkamine, das obere mit dem eingeklemmten Block, werden behend erzwungen, die Rucksäcke aufgezogen, und wir nähern uns voller Erwartung der Höhe des Westgrates. So geradlinig, wenig steil und harmlos dieser von der Ferne erscheint, so zerrissen, vom Blitz zerschlagen, verwittert, wild und voller Gefahren zeigt er sich in der Nähe. Dazu ist er von einer ungewöhnlichen Länge. Wir überschauen alles und wissen sogleich, dass uns harte Arbeit bevorsteht. Von der Höhe des Grates wird man vorerst etwas wenig in die Südwand gedrängt, und das dachziegelartig geschichtete, brüchige, aus Hochgebirgskalk bestehende Gestein ist hier äusserst schlecht begehbar. Langsam, vorsichtig, unter Prüfung jedes Trittes und Griffes und unter Anwendung peinlicher Sicherung dringen wir vor. In der Folge bieten der Grat und die Südwand unüberwindliche Schwierigkeiten, so dass wir gezwungen werden, die Nordwand aufzusuchen. Diese Nordwandtraversen sind wohl das Schwierigste, aber auch Reizvollste dieser landschaftlich grossartigen Windgällenfahrt. Überaus böse Stellen liegen überwunden hinter uns, und wir kriechen auf einem schmalen Nordband zu einer tiefen Gratscharte hinab. Vermutlich ist dieser Turm das letzte ernste Hindernis vor dem horizontalen Teil des Westgrates. Ein grosser Block bietet vorzügliche Sicherungsmöglichkeiten. Mettler erklettert einen kanzelartigen Felsvorsprung und verschwindet um eine Ecke.

Bange Minuten verstreichen, und ich prüfe sorgsam das langsam gleitende Seil, damit es sich ja nicht in irgendeiner Ritze verklemme und den Freund durch Ruck gefährde. Endlich hören wir hellklingende Hammerschläge, die immer dumpfer werden, ein Zeichen, dass das Eisen tiefgegangen ist und vom Felsen fest umfasst wird. Mettler sichert sich, und ich folge nach. Fürwahr, ungewöhnlich heikel ist dieses Band und lediglich für schlanke Körper passierbar. Eine schwere Steinplatte sitzt auf losem Geröll. Mettler hat sie klug gemieden, ich aber lasse den gefährlichen Tritt mit einem kräftigen Fussstoss für immer in der Tiefe verschwinden. Nun gilt es, den Grat in senkrechtem, schwierigem Anstieg wieder zu gewinnen. Ich stehe, an die Felsen gelehnt, auf schmalen Tritten in der furchtbaren Nordwand und prüfe den eingeschlagenen Haken. Mettler ist jenseits des Grates verschwunden, und Gassler ist gleichfalls meinen Blicken entzogen. Ringsum feierliche, andachtsvolle Stille...

Vor mir ausgebreitet liegt das weite, teure Bergland. « Wie nah sind meiner Sehnsucht die gerückt, die dort auf weiten Halden einsam wohnen. » Leuch- tender erscheinen mir an diesem klaren Föhntage die Farben: das Grün der Triften tief unter mir und das Blau des Seewlisees. Deutlich sehe ich, wie gegen die flachen Ufer hin das Wasser niedrig steht, und so ist das Seelein nicht gleichmässig blau, sondern braun umrandet. In sein Becken fliesst von rechts her ein kleiner Bach, der Grösse des Bergsees genau angemessen. Ich verfolge den Bach auf seinem Laufe bis dort, wo er verschwindet und wahrscheinlich der kühlen Erde entquillt. Dem Nordufer entlang gegen die Einsattelung des Seewli-Furkelis schlängelt sich durch tiefgrünes Gras ein Pfad. Und merkwürdig, so lieblich alles dies erscheinen mag, von meiner Warte aus ist in dieser grandiosen Landschaft der Seewlisee zu klein. Und in meinem Geiste sehe ich langsam rollende Wogen eines grossen Sees an die gigantischen Felsen schlagen, und ihr mächtig wildes Rauschen tönt als einzig mögliche Musik an mein Ohr. Die fernen Ufer sind nicht flach, sondern steil und das Wasser überall von tiefer Färbung. Den See nährt ein breiter, wilder Strom. Aber ich will nicht rechten mit der Natur, und freudig gebe ich Antwort dem dünnen Jauchzer, der von der Stichgand her zu meinem Standort dringt. Langsam gleitet mein Blick über die eigenartig gegliederte Nordwand mit den regelmässig folgenden, senkrechten Stufen. Über mir schneidet der Grat scharf in das Blau des Himmels und grenzt ihn ab, als ob er dort aufhöre. Nicht weit reicht der Blick nach dieser Seite hin, und weil ich das Schauen in die Ferne liebe, suche ich den ganzen Himmel ab. Wolken ziehen nordwärts. Ich verfolge sie, bis der ganze Berg mit mir fortgeht und mein Gleichgewicht gestört wird. Da fühle ich die Einheit der lebendigen und toten Natur ringsum. Die ziehenden Wolken aber werden mir zum Gleichnis und zum Bild. « Alles fliesst! » Alles ist Bewegung, Veränderung, Gestaltung und Übergang; dazwischen aber spielt der Kampf der widerstrebenden Kräfte, Eris, wie ihn die Griechen nannten —, der in buntem Wechsel bewegt, formt und verändert. Im Kampfe miteinander liegen auch unsere ins Bewusstsein getretenen Motive, wobei wir die unterlegenen kaum beachten und, wenn die siegreichen unser Handeln bestimmen, triumphierend verkünden, unser Tun geschehe nach freiem Willen und freiem Ermessen. Nicht von ungefähr bin ich dem Lauf des Bächleins rechts vom Seewlisee nachgegangen, und wie es ein Irrtum ist, zu sagen, das Wasser habe sich sein Bett selbst gegraben, während es gezwungen wurde, diesen und keinen andern Weg zu nehmen, so wirken meine Einstellung und bestimmte Beweggründe, die mich zurzeit beherrschen und die sich bis in die früheste Jugend verfolgen lassen, dahin, dass ich die Berge und nicht den « Ruhm olympischer Siege, hohe Würden oder Genuss und Behaglichkeit » aufsuche und heute notwendig an dieser gefährlichen Stelle stehe.

Vielleicht wird der Tag kommen, wo das bunte Spiel des Zwanges mich auf andere Bahnen drängt und mir nur noch die herrliche Erinnerung an scharfe Grate und blendende Firnen verbleibt. Werde ich dann freier handeln? Dort unten, wo sie wähnen, sich an Letztgültigem und Festem zu halten, wo sie an ein unbedingtes Glück glauben und meinen, dass es noch etwas Neues unter der Sonne gebe, werden sie sagen: Ja! Und so erfüllt tiefe Wehmut mein Gemüt, denn alles ist in ewigem Flusse, alles gleitet in rastlosem Wechsel nach stählerner Gesetzmässigkeit. Jedes Geschehen, alles Leben und Erkennen fliesst aus der Veränderung, und deshalb kann der Mensch nie zur Ruhe kommen. An jeder erfüllten Sehnsucht zündet sich eine neue an, aber immer wieder folgt, wie der Tod dem Leben, die Enttäuschung. Dieses Verlangen nach stetem Wechsel, nach Erlösung von der todesähnlichen Ruhe und dem Einerlei ist vielleicht der Urgrund alles Strebens und Wanderns und schafft höchste Lust. « Nur der Irrtum ist das Leben, und die Wahrheit ist der Tod. » Irrtum aber ist Bewegung, Schaffen, Streben und Leben; Wahrheit ist Ruhe, Wunschlosigkeit und Tod.

Das Kind wechselt tausendmal seine Spiele und wirft Liebes gleichgültig weg. Der Bergsteiger eilt von Wand zu Wand, von Grat zu Grat und dürstet nach mehr. Was unterscheidet die beiden? Das Kind weint, wenn sein Wunsch nicht erfüllt wird, wir aber haben, wenn wir weise sind, gelernt zu schweigen. So bleibe ich heute völlig ruhig, wenn die schnell vorrückenden Stunden mir sagen, dass wir das ursprüngliche, stolze Ziel, die Überschreitung der Grossen Windgälle mit Abstieg über den Nordostgrat, kaum mehr erreichen werden. Und was ist der Grund dieser Verspätung, und dass wir der schönsten, längsten und wohl schwierigsten Fahrt in den Urnerbergen verlustig gehen? Ein lächerlicher Abseilring am grossen Abbruch, den irgendjemand irgendwann dort eingeschlagen und der uns kostbare Stunden hintan gehalten hat. Der Ring ist nicht mehr, aber weil « das Böse stetsfort Böses muss gebären », birgt der Felsen zehn Meter höher ein neues Eisen, das vielleicht einem spätem Gänger zum verhängnisvollen Wegweiser wird. Ja, wenn wir diese ungeheure, tausendfältige Verkettung kennten, wir würden, durch prophetisches Vorhersagen jedweden Geschehens — vielleicht masslos glücklich oder unendlich traurig werden.

« Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr lasst den Armen schuldig werden, Dann überlässt Ihr ihn der Pein, Denn alle Schuld rächt sich auf Erden. » Ein Stein fliegt auf meinen Handrücken, und ich fühle zuckenden Schmerz. Ich blicke zum Grat empor und sehe Mettler mit dem Hammer eine messerscharfe Kante wegschlagen. Kein Vorwurf dringt zu meinem Freund, denn ich weiss, er handelt aus kluger Erfahrung, und wenn er es nicht täte, wäre er strafbar. Denn er muss wissen, dass durch die Auffaserung des Seiles die Ursache zu einem spätem Unglück gelegt werden könnte. So wird der Bergsteiger in scharfem Kampfe erzogen, und die Berge sind harte Lehrmeister. Wir sind ihnen dankbar hierfür, denn « ein Mensch, der nicht geschunden wird, wird nicht erzogen »!

Wiederum tönen helle Jauchzer vom Seewli her zu uns herauf, wo die Älpler unser Rufen wahrscheinlich vernommen haben. Ich lasse Gassler folgen, und bald stehen wir vereint auf dem Grat, der nun bis zu seinem horizontalen Teil verfolgt werden kann. Hier lassen wir uns zu einer kurzen Rast nieder. Der folgende Teil des immer noch ausserordentlich verwitterten Grates, dessen schwierige Stellen ausnahmslos in der Südflanke umgangen werden können, ist gleichfalls immer noch lang und keineswegs leicht. 3 Uhr 20 stehen wir auf dem Westgipfel, unserm ersehnten Ziel; strahlende Freude glänzt auf den Gesichtern meiner trefflichen Gefährten. Ich überblicke nochmals den wilden, herrlichen Grat mit seinen jäh in die Tiefe bohrenden Flanken und freue mich gehobenen Mutes im Verein der Fröhlichen. Denn die grosse, glückliche Fahrt voller Schwierigkeiten bedeutet mir: es steht insofern in unserer Macht auf das Geschehen bestimmend einzuwirken, als wir durch scharfes Beobachten, kluges Überlegen und Erwägen lernen, die Entwicklung in Bahnen zu lenken, die uns frommen. So überlässt der echte Bergsteiger sich nicht hilf- und kampflos dem Schicksal und ist nicht willens, in dumpfer Ergebenheit zu brüten. Denn er hat Freude am Können und an kraftvoll männlicher Arbeit. Jauchzend grüssen wir die Täler und Berge der Heimat, wo es uns vergönnt war, mutig und erfolgreich den Hindernissen zu begegnen. « Si fractus illabitur orbis, impravidum ferient ruinae. » Singend ordnen wir die hundert Meter Seil, die für den Nordostgrat bestimmt waren, sowie die vielen Abseilringe und -schlingen, denn der kalte Föhn und der drohend bewölkte Himmel drängen zum Aufbruch. Auf das ursprüngliche Ziel, Stäfelpass, müssen wir der vorgerückten Zeit wegen verzichten, und ein zweites Biwak scheuen wir, weil der Föhn im Kampfe mit dem Westwind zu unterliegen scheint. So nehmen wir Abschied von der weitausschauenden Höhe und leise, leise, auf dass meine Freunde die Worte nicht hören, spreche ich den Spruch vor mich hin:

« Und scheint die Sonne noch so schön, Am Abend muss sie untergehn! » Nach kurzem Aufenthalt auf dem Ostgipfel erreichen wir in gemächlichem Abstieg den Stäfelgletscher — es ist ein herrliches Gefühl, nach schwerer Arbeit auf sichern Pfaden talwärts zu wandern — und bummeln in sträf-lichem Tempo der Windgällenhütte zu. Hüttenwart Epp hat unser Jauchzen schon längst vernommen, und bei der Ankunft sagt uns sein frohes Lächeln, dass auf dem Tisch im gastlichen Zimmer erfreuliche Sachen für uns bereit stehen: Milch von der Alp Gnof und tiefgelber Anken. Er kennt ja unsere bescheidenen Wünsche, denn er hat den und jenen unter uns von grossen Fahrten kommen sehen, von der Windgällen-, von der Pucher- und der Gwasmetnordwand. Plaudernd geben wir uns dem köstlichen Mahle hin, und Epp erzählt, die Arme übereinandergeschlagen und die Pfeife rauchend, wie er heute immer wieder nach dem Grate « gespieglet » habe und « ihm 's doch afange gwohlet heig », als drei Gestalten auf dem ebenen Teil sichtbar wurden. Punkt 11 Uhr brechen wir auf, denn 3 Uhr 45 verlässt der Schnellzug Erstfeld, der Gassler und mich heimwärts führen soll.

Wie bekannt sein dürfte, ist der Westgrat der grossen Windgälle zuerst im Abstieg begangen worden von H. Escher und E. Martiny vom A.A.C.Z., am 13. August 1906. G. Miescher und C. Egger, gleichfalls Mitglieder des A.A.C.Z., bewerkstelligten den ersten Aufstieg vom obern Furkeli aus am 28. August 1913. Unser Aufstieg am 20. Juli 1924 auf der Miescher-Egger-Route ist somit der zweite. Die Zeiten sind folgende:

Biwakplatz ab: 3 Uhr 40 Min.,Westgrat an: 10 Uhr 40 Min., Einstieg in die Felsen: 4 Uhr 30 Min.,horizontaler Teil Westgrat ( Stein- grosser Abbruch an: 6 Uhr ( 2 Stunmann ) den Zeitverlust infolge Fehlveran: 13 Uhr 20 Min., suchs),ab: 14 Uhr 5 Min., grosser Abbruch ab: 8 Uhr,Westgipfel an: 15 Uhr 20 Min.

Einem Briefe Mettlers entnehme ich folgende Stellen :« es war etwas, das mich tief ergriff, besonders nach unserem Fehlversuch am grossen Abbruch. Ich halte den Westgrat als die landschaftlich und klettertechnisch schönste Fahrt in den Urneralpen. Im Vergleich zur Nordwand ziehe ich den Grat vielmal vor. Die Nordwand ist heimtückisch und durch Steinschlag äusserst gefährdet. Deren Kletterstellen sind nicht dauernd so schwierig wie am Westgrat. Als wir auf der Höhe des Grates ankamen, war ich von der Wucht des Aufbaues der Südwestwand betroffen. Doch mein Herz wurde erfüllt von jubelnder Freude bei dem luftigen, schwierigen Klettern auf dieser scharf geformten Schneide. Keine Hinterlist bedrohte uns, und frei war der Blick zum Himmel und in schauerliche Tiefen... » Jedem, der diese Fahrt mit Glück vollendet, wird sie zum Ereignis und Erlebnis, das in stillen Stunden herrliche Erinnerungen weckt.

Anton Krupski.

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