Der Zuckwala

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Mit 4 Bildern.

Von W. Borfer.

Wer sich von der eigentlichen Stadt Addis-Abeba hinaufbegibt zum Negus-Gibbi oder noch weiter hinauf an die Abhänge des Entotto und seinen Blick hinausschweifen lässt über das zu seinen Füssen ausgebreitete Land, dem fällt im Südosten ein einzelner Berg auf, dessen Form sofort den erloschenen Vulkan verrät. Es ist der Zuckwala, der heilige Berg.

Man hatte mir viel erzählt von seiner Schönheit, von seinem Kratersee, dessen Wasser Wunder tun soll, und von den Einsiedlern, die in Felslöchern, von milden Gaben lebend, ihr Dasein fristen.

Seit sechs Wochen trommelten jeden Tag die tropischen Regengüsse auf die Wellblechdächer der Stadt. Wer keine Beschäftigung hatte, war ins Haus gebannt. Mir wurde dieses Leben beinahe unerträglich; und als ich hörte, dass unten in Modjo die Regenzeit oft durch eine Reihe schöner Tage unterbrochen werde, beschloss ich, den Versuch zu wagen und zum Zuckwala zu pilgern. Man warnte mich zwar davor, da das ganze Land unten am Haouache ein Sumpf sein werde. Aber man rate einem Berner von etwas ab, das er sich einmal in den Schädel gesetzt hat!

Am Mittwoch, den 15. August 1928, fuhr ich, begleitet von einem Freund und meinem Boy, nach Modjo. Da wir Mühe hatten, drei Reittiere zu bekommen, beschlossen wir, sogar das Zelt zurückzulassen. Es war ohne Zweifel ein riskiertes Unterfangen, aber wir hatten, wie man so sagt, mehr Glück als Verstand; denn während der fünf Tage, die wir mit den Maultieren unterwegs waren, fiel nicht ein Tropfen Regen. Nach zweieinhalb Tagen — einen Tag hatten wir am Haouachefluss mit Jagd auf Gänse, Enten und Perlhühner verbracht — kamen wir am Fusse des Zuckwala an.

In einem Galladorfe übernachteten wir. Der Chef hatte uns zu Gast geladen, und gerne leisteten wir seiner Einladung Folge, da für die Nacht Regen drohte. Man bereitete uns ein Nachtessen, bestehend aus Inchera und Woodt, der abessinischen Nationalspeise, dazu reichte man uns in Kürbisflaschen den Talla, das selbstgebraute Bier. Wer diese Speisen zum erstenmal geniesst, dem wird es gehen, wie es mir erging: er wird ausspucken, aber man kommt schliesslich doch dahinter, dass sie nicht so übel schmecken, und zuguterletzt isst und trinkt man sie sogar sehr gerne.

Da bei den Galla die Gastfreundschaft sehr ausgeprägt ist, überliess man uns auch den Ehrenplatz des Hauses als Schlaflager, während sich die ganze Familie einfach auf den festgestampften Lehmboden niederlegte. Ehrenplatz: Marterplatz! Nun weiss ich, was Wanzen sind! Es war eine fürchterliche Nacht. Zu den Wanzen kamen noch Flöhe und Moskitos, uns ihre Anhänglichkeit zu beweisen. Von Schlafen war natürlich keine Spur. So erwarteten wir rauchend und sehnsüchtig den anbrechenden Tag und damit die Erlösung von unserer Marter. Wir lasen einander am Morgen tatsächlich die Wanzen von den Kleidern ab. Hände und Gesicht sahen scheusslich aus.

Trotzdem bedankten wir uns schönstens, denn was konnten die guten Leute dafür, dass die Europäer so empfindlich sind?

Um zum Aufstieg zu gelangen, waren wir genötigt, von der Westseite nach der Ostseite herum zu reiten, da dort der einzige Weg hinaufführt. Nach einigen Irrfahrten in dem beinahe mannshohen Gras und der sehr dichten Dschagga, bestehend aus Akazienwald und dichtem Dorngebüsch als Unterholz, erreichten wir nachmittags um 1 Uhr den Pfad, der zum Gipfel führt. Der Weg ist so steil, dass man sogar die Maultiere führen muss. Die Sonne brannte heiss vom wolkenlosen Himmel, und der Schweiss rann in Strömen. Nach einer halben Stunde waren meine Kleider zum ausringen nass. Mein Begleiter keuchte ebenfalls. Trotzdem wir nicht das Geringste zu tragen hatten, wurde mir der Weg viel saurer auf diesen Gipfel von 2947 m Höhe als die Besteigung eines Berges in Europa, der noch 1000 m Höhe mehr hat.

Wir benötigten für die Höhendifferenz von ungefähr 1400 m genau 3% Stunden, davon gehen noch 20 Minuten Rast ab. Von einer Kletterei ist natürlich keine Rede, da der Berg in seiner ganzen Ausdehnung bewohnt und bebaut ist. Die Anlage der Dörfchen und Weiler erinnerte mich stark an die Ansiedlungen im Tessin. Terrassenförmig lehnen sich die runden, mit Lehm verschmierten Bambushütten an die Abhänge an. Ebenfalls in Stufen angelegt sind die kleinen Gärtchen und Getreideäckerlein. Wo nichts gepflanzt wird, weiden Maultiere und Ziegen, denn jedes Fleckchen Erde wird ausgenützt.

Punkt d>y2 Uhr abends betraten wir den Kraterrand. Im Nu waren wir umringt von einigen Priestern und Novizen. Sehr gastfreundlich wurden wir auch da empfangen. Man führte uns sofort in eine leerstehende Hütte, brachte Holz, Wasser, Feuer und Talla, kurz, man sorgte aufs beste für unser Wohlergehen, allerdings beachteten wir nicht, dass der Bau noch nicht fertig war und der Wind ungehinderten Zutritt ins Innere hatte.

Nach einem herrlichen Mahl, bestehend aus einer fetten Perlhuhnsuppe mit Reis, versuchte man, sich am Feuer noch ein wenig mit den anwesenden Priestern zu unterhalten, denn die hier plötzlich einbrechende Dunkelheit erlaubt nach 7 Uhr keine Spaziergänge mehr. Zudem setzte ein scharfer Wind ein, und ein dichter Nebel verhüllte alles. Um 10 Uhr wickelten wir uns in die Decken ein und versuchten zu schlafen. Meinem Begleiter und dem Boy gelang das Kunststück, ich aber brachte es nicht fertig, trotz aller Kniffe, die ich versuchte, und trotzdem ich in der vorhergehenden Nacht auch kein Auge geschlossen hatte. Beständig schürte ich das Feuer und liess den Tee in der Kanne nicht kalt werden. Wenn auch nicht gerade unter Heulen, so doch unter « Zähneklappern » verbrachte ich auch diese Nacht schlaflos. Neid soll keine Tugend sein, aber kann man es einem Hungernden, Frierenden, Schlotternden übel nehmen, wenn er auf zwei selig Schnarchende neben sich neidisch wird? Ich glaube, Grund zur Vergebung ist in dem Falle vorhanden.

So dankte ich denn auch in diesem Augenblicke dem Schöpfer, als er den jungen Tag dämmern liess. Als ich hinaustrat, wogte immer noch brandender Nebel um den Berg. Erst gegen 10 Uhr vermochte die Sonne durchzudringen, und der Blick, der sich nun auftat, war wunderschön. Gegen Norden erblickte man eine regelrechte Mondlandschaft, eine ganze Anzahl sehr gut erhaltener Vulkankegel verschiedener Grosse bot sich dem erstaunten Auge dar. Auf den andern drei Seiten sah man auf ein gewaltiges Überschwemmungsgebiet hinunter. Regenzeit! Der Haouache hatte die ganze riesige Ebene in einen Sumpf verwandelt. Im Hintergrunde grüssten die Berge von Chillalo herüber, im ganzen ein Bild von eigenartigem Reiz.

Leider gelangen meine photographischen Aufnahmen infolge des Dunstes, der über der ganzen Gegend lag, nicht so, wie ich sie gerne gehabt hätte. Das Photographieren ist hier überhaupt keine leichte Sache!

Der Krater des Zuckwala, der einen Durchmesser von ungefähr 400 m hat, ist noch sehr gut erhalten. Ein herrlicher See hat sich darin gebildet, und mächtige Bäume umsäumen seine Ufer. Ein ohrenbetäubendes Gequak und Geschnatter erfüllt die Luft, herrührend von unzähligen Fröschen und Enten, die das Wasser bevölkern.

Nach unserem Rundgang besuchten wir noch die Kirche unter der Führung eines Priesters. Wir bekamen allerdings nur den äussern Rundgang zu Gesicht, da das Heiligtum nur dem Oberpriester zugänglich ist. Allein schon diese Halle ist des Besuches wert, denn rund herum sind die Wände mit alten Gemälden geschmückt, die trotz ihrer Naivität von packendem Aus- Die Alpen — 1940 — Les Alpes.20 druck sind. Einige waren allerdings mit Tüchern verhängt und wurden uns nicht gezeigt, es nützte auch nichts, als wir es mit einem Backschisch versuchten. Nun war mir noch darum zu tun, zu wissen, wie sich der Eingeborne die Heilkraft des Wassers erklärt, und da wurde mir folgende Sage erzählt, die uns zugleich Aufschluss gibt, warum Berg, Kirche und See als heilig betrachtet werden.

Die Legende vom heiligen Berge.

Vor vielen, vielen Jahren quoll aus diesem Berge noch Feuer heraus, das den Leuten, die in der Umgebung wohnten, oft grossen Schaden tat. Sie mochten aber das Land trotzdem nicht verlassen, da es gut und fruchtbar war und ihren grossen Herden reichlich Nahrung bot.

. Da kam ein Fremder her zu ihnen und wollte sie bekehren, denn sie waren Heiden. Er erzählte ihnen von einem Gott der Barmherzigkeit und Nächstenliebe, der nicht schaue auf Reichtum und Macht, sondern auf Recht und Gerechtigkeit. Er mochte noch soviel erzählen von der Güte und Allmacht des Erlösers, Tag für Tag und Woche für Woche, sie spotteten seiner und glaubten ihm nicht. Da sprachen sie zu ihm:

Ist dein Gott wirklich so stark, wie du sagst, so soll er ein sichtbares Zeichen geben seiner Macht, dann wollen wir uns taufen lassen in seinem Namen, wie du es wünschest I Da stieg der Mönch den Berg hinan und trat hart heran an den Rand des Kraters, aus dem das Feuer quoll. Dort warf er sich auf die Knie und bat Gott, dass er sich offenbare und ein Wunder tue, damit das Volk der Heiden sich bekehre und sich bekenne als Jünger seiner Lehre.

Und er fiel in einen tiefen Schlaf, und eine Stimme sprach zu ihm: « Das Wasser dieses Berges wird all den Kranken helfen, die gestärkt im Glauben an mich und reinen Herzens davon trinken. » Plötzlich erwachte der Fromme, geweckt von einem sonderbaren Rauschen und Plätschern, und wie er sich umschaute, da konnte er das Wunder kaum fassen: wo noch vor wenig Stunden ein verheerendes Feuer herausgedrungen war, lag jetzt ein schöner, kleiner, leichtbewegter See. Das war das erflehte, sichtbare Zeichen der göttlichen Macht, das ihm helfen sollte, seinem Glauben neue Gläubige zu werben. Nachdem er Gott gedankt hatte für seine Güte, eilte er hinab ins Land, dem staunenden Volke seinen Sieg zu künden.

Und da sie hinauf schauten, dünkte es sie wirklich seltsam: wo gestern noch dichter Rauch und Feuer lohte, war heute heller Sonnenschein; und als sie gar hinaufstiegen mit dem Prediger und oben den glitzernden Spiegel des Sees sahen, da fielen sie nieder und war kein Zweifeln mehr: der Gott war stärker als ihre Götter, die solches nie geschaffen hätten. Als sie aber sahen, wie das Wasser Krankheiten und Gebrechen heilte, da kamen sie in Scharen, sich taufen zu lassen und dem neuen Gott zu dienen.

Dort aber, wo der Apostel die Stimme der Offenbarung gehört hatte, ward eine Kirche gebaut. Und heilig waren von nun an Kirche, See und Berg.

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