Die Achttausender

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Von G. O. Dyhrenfurfh

Mit 1 Bild ( 39St, Gallen, Sektion Uto ) Nachdem die Genehmigung für die nepalische Seite der Kangchendzönga-Gruppe gerade noch rechtzeitig eingetroffen war, versuchte die I. H. E., an der von Freshfield zur näheren Prüfung empfohlenen NW-Front des grossen Berges eine bessere Route ausfindig zu machen. Das Standlager wurde westlich Pangpema bei 5050 m errichtet. Von dort aus wurden auf den oberen Kangchendzönga-Gletscher Hochlager bis 5930 m vorgeschoben. Der direkte Zugang zum « North Col » ( 6895 m ) zwischen Twins ( 7350 m ) und Kangchendzönga erwies sich als praktisch nicht möglich. Daher kam es darauf an, über einen bösartigen Eisbruch « die erste Terrasse » und von dort aus den NNE-Grat südlich des « Nord-Col » zu erreichen. In ausserordentlich schwerer und mühsamer Eisarbeit gelangte man bis 6400 m. Da setzte eine gewaltige Eislawine diesem Versuch ein Ende, und es war noch Glück im Unglück, dass dabei nur ein Mann den Tod fand — Chettan, einer der besten Sherpa-Träger.

Darauf wurde noch eine zweite Möglichkeit erkundet, nämlich über den « NW-Sporn » den Kangbachen Peak ( 7858 m ), den Gipfel Nr. 5 des Kangchendzönga, zu gewinnen, und damit den langen Westgrat des ungeheuren Massivs. Auch diese « Route » musste in 6380 m Höhe aufgegeben werden, denn sie ist ungewöhnlich schwer und gefährlich, viel zu lang und obendrein auf der Wetterseite des Berges gelegen, daher ständigen Weststürmen ausgesetzt. Die Hoffnung, von N oder NW einen praktisch möglichen Zugang zum Hauptgipfel des Kangchendzönga zu entdecken, hat sich also nicht verwirklicht. Die I. H. E. wandte sich dann anderen Aufgaben zu, wobei sie bekanntlich sehr viel bessere Erfolge hatte ( vgl. Lit. Nrn. 10—13, 26/27 ).

1931: Die zweite deutsche Himalaya-Expedition, wieder unter Führung von Paul Bauer, bestand aus zehn tüchtigen Bergsteigern, vorwiegend Münchenern. Wieder wurde der Angriff vom Zemu-Gletscher über den Ostsporn vorgetragen, und zwar im Hochsommer während des Monsuns, um den Schlussangriff auf den Gipfel dann bei gutem Herbstwetter ansetzen zu können. Wetter- und Schneeverhältnisse waren diesmal ausserordentlich ungünstig; man brauchte fast zwei Monate, um den türmereichen Grat gangbar zu machen, und es gab viele böse Zwischenfälle: Zwei « Tiger », darunter der berühmte Sirdar Lobsang, erkrankten und starben. Auch einige Sahibs wurden krank... zwei Blinddarmentzündungen, Ischias, Herzkollaps durch Überanstrengung, Erfrierungen usw. Hermann Schaller stürzte zusammen mit einem Sherpa, Pasang, tödlich ab. Mit den Trägern gab es grosse Schwierigkeiten, bis zu offenem Streik. Immer wieder musste der Klettersteig nachgebessert, verlegt und teilweise neu gespurt werden. Es war eine fast ununterbrochene Kette von Widerwärtigkeiten.

Trotzdem kämpften sich die Bayern unbeirrbar hartnäckig empor und standen am 17. und 18. September mit ihren Spitzentrupps — hoch über den « letzten Schwierigkeiten » von 1929 — auf dem « Sporngipfel » ( 7700 m ). Da erst erlebten sie die grösste Enttäuschung: Der Ostsporn geht nicht einfach in die Nordschulter des Kangchendzönga über, sondern zwischen dem « Sporngipfel » und dem « Zuckerhütl » ( 7775 m ) im Hauptgrat ( NNE-Grat ) ist ein Sattel etwa 80 m tief eingesenkt. Der jenseitige Schneehang, der zu P. 7775 hinaufzieht, ist also etwa 150 m hoch, konvex und sehr steil. Er kann keinesfalls umgangen werden und war offensichtlich zur Zeit äusserst lawinengefährlich. Die gewaltigen Massen von frischem Monsunschnee zeigten sogar schon verschiedene Spalten und Abrißstellen. Da hätte nur eines geholfen: die Lawinen durch leichte Minenwerfer auszulösen wie im Parsenngebiet — und darauf war man nicht vorbereitet. Ein kleiner Ausrüstungsmangel, an den damals noch niemand gedacht hatte, wurde entscheidend. Man musste sich also zum Rückzug entschliessen. Auch die zweite Münchener Kangchen-dzönga-Expedition war nach grossen Opfern und unsäglichen Mühen gescheitert.

1933 wurde auf der Houston-Mount-Everest-Expedition auch der Kangchendzönga umflogen, leider bei nicht ganz klarem Wetter. Immerhin verdanken wir diesem Unternehmen einige lehrreiche Aufnahmen.

Eine eigentliche Kangchendzönga-Expedition hat seit 1931 nicht mehr stattgefunden, doch seien noch einige kleinere Fahrten erwähnt, die gewisse Zugangsmöglichkeiten zum Kangchendzönga zu erkunden versuchten:

1936 griff eine unter Führung von Paul Bauer stehende deutsche Sikkim-Expedition den Twins-Nordgipfel ( 7005 m ) über seinen Ostgrat an, also über den Kamm, der vom Sugarloaf ( 6440 m ) herkommend zwischen Nepal Gap Glacier und Twins Glacier verläuft. Der sehr tiefe und lawinengefährliche Monsunschnee zwang aber schon bei etwa 6400 m zum Rückzug.

1937 war eine andere kleine Münchener Expedition im Zemu-Gebiet; sie bestand aus dem Schweizer Ernst Grob und den beiden Deutschen L. Schmaderer und H. Paidar. Sie wiederholten den Versuch auf dem Twins-Ostgrat, aber auch bei schlimmstem Monsunschnee und mit dem gleichen Misserfolg. Sie kamen bis etwa 6350 m.

Wenn es einen nicht allzu schweren, sicheren Zugang über P. 7005 zum Hauptgipfel der Twins ( 7350 m ) gäbe, so könnte man auf diesem Umweg den « Nord-Col » ( 6895 m ) und damit den Nordgrat des Kangchendzönga erreichen. Dieser « Nord-Col » ist von grosser « strategischer » Bedeutung, und schon die « I. H. E. 1930 » hatte ja ursprünglich vorgehabt, ihn von der nepalischen Seite her zu gewinnen. Darum ist es von besonderem Interesse, dass im Herbst 1937 eine kleine englische Sikkim-Expedition, die aus C. R. Cooke, J. Hunt und Mrs. Hunt bestand, von der Zemu-Seite her den entsprechenden Versuch unternahm. Cooke, der Eroberer des Kabru ( 7315 m ), mit zwei der besten « Tiger », Pasang Kikuli und Da Thondup, machte einen energischen Angriff auf den « Nord-Col » von Osten, vom Twins Glacier aus. Der Aufstieg erwies sich zwar als schwierig, streckenweise sogar sehr schwer und steinschlaggefährlich, aber — fast wider Erwarten — als nicht unmöglich. Sie scheinen bis etwa 6600 m vorgedrungen zu sein, also rund 300 m unter den Sattel.

1939 hatten die drei Freunde Grob, Schmaderer und Paidar Ende Mai den stolzen Tent Peak ( 7363 m ) bezwungen. Nun wollten sie noch vor dem Monsun-Beginn die « Zwillinge » ( Twins ) besteigen, und zwar wieder über den in seinem unteren Teil schon hinlänglich bekannten Ostgrat. Aber dazu kam es leider nicht mehr; denn gerade auf dieser Tour brach der Monsun mit mächtigem Schneefall herein, und wieder musste man unverrichteter Dinge umkehren. So ist dieses Problem noch immer ungelöst. Sicher ist nur, dass die Twins von Osten eine sehr lange und schwere Bergfahrt bedeuten, die nur bei günstigen Verhältnissen durchführbar ist.

i ) Auch die Kangchendzönga-Bibliographie ist ein recht umfangreiches Gebiet. Hier die wichtigsten Arbeiten:

1. 1903 Freshfield, D. W.: Round Kangchenjunga. A Narrative of Mountain Travel and Exploration. Edward Arnold, London. 389 S., 41 Abb., 1 Panorama, 3 Karten.

2. 1904 Freshfield, D. W.: How to climb Kangchenjunga. A topographical note. Alp. J.

22, S. 122—124.

3. 1906 Jacot-Guillarmod, J.: Vers le Kangchinjunga. Himalaya Népalais. Jahrb. S.A.C.

Bd. 41, S. 190—205.

4. 1914 Jacot-Guillarmod, J.: Au Kangchinjunga. « L' Echo des Alpes » S0, S. 390—406.

5. 1921 Raeburn, H.: The southerly walls of Kangchenjunga and the Rathong La.

Alp. J. 34, S. 33—50.

6. 1925 Jacot-Guillarmod, Ch.: Esquisses Topographiques du Chogori ou K2 et du Kangchinjunga. Bull. Soc. Neuchâtel. Géogr. Bd. 34, S. 34—37.

7. 1925 Tombazi, N. A.: Account of a photographic expedition to the southern glaciers of Kangchenjunga in the Sikkim Himalaya. ( Mit Abb. und Karte. ) Maxwell Press, Bombay.

8. 1930 Tobin, H. W.: Exploration and climbing in the Sikkim Himalaya. Him. J. II, S. 1—12.

9. 1930 Smythe, F. S.: The Kangchenjunga Adventure.Victor Gollancz Ltd., London.

464 S., 48 Abb.

10. 1931 Dyhrenfurth, G. O., unter Mitarbeit von Ch. Duvanel, H. Dyhrenfurth, H. Hoerlin, M. Kurz, H. Richter, E. Schneider und U. Wieland: Himalaya. Unsere Expedition 1930. Scherl, Berlin. 380 S., 120 Abb., 1 Panorama, 1 geol. Profil, 1 Karte 1:100 000. ( Mit Bibliographie von 329 Nummern bis 1931. ) 11. 1931 Dyhrenfurth, G. O., Hoerlin, H., Schneider, E. und Wieland, U.: Unsere Himalaya- Expedition 1930. Zeitschr. d. D. u. Oe. Alpenvereins S. 47—87.

12. 1931 Dyhrenfurth, G. O.: Die Internationale Himalaya-Expedition 1930. Zeitschr.

d. Ges. f. Erdkunde, Berlin, S. 14—34.

13. 1931 Dyhrenfurth, Hettie: Memsahb im Himalaya. Deutsche Buchwerkstätten, Leipzig. 71 S., 53 Abb.

14. 1931 Bauer, P.: Im Kampf um den Himalaya. Der erste deutsche Angriff auf den Kangchendzönga 1929. Knorr & Hirth, München. 174 S., 100 Abb., 5 Panoramen, 3 Karten.

15. 1933 Bauer, P.: Um den Kantsch. Der zweite deutsche Angriff auf den Kangchen- dzönga 1931. Knorr & Hirth, München. 191 S., 72 Abb., 2 Panoramen, 1 Karte 1 :,33 333.

16. 1933 Burrard, S. G. and Hayden, H. H., revised by Burrard, Sir Sidney and Heron, A. M.: A Sketch of the Geography and Geology of the Himalaya Mountains and Tibet. Delhi. 401 S., zahlreiche Karten, Tabellen und Profile.

17. 1933 Kurz, M., übersetzt von Montandon, P.: Die Erschliessung des Himalaya.

« Alpen » IX, S. 254—259.

18. 1934 Fellowes, P. F. M., Blacker, L. V. St. und andere Teilnehmer, Deutsch von P. Wit: Der erste Flug über den Mount Everest ( First over Everest ). Die Houston-Mt.Everest-Expedition 1933. S. Fischer, Berlin. 302 S., 46 Abb.

19. 1935 Smythe, F. S.: The problem of Kangchenjunga. Him. J. VII, S. 67—75.

20. 1937 Kurz, M.: Himalaya 1935/1936. « Alpen » XIII, S. 450—455.

21. 1937 Bauer, P.: Auf Kundfahrt im Himalaya. Knorr & Hirth, München. 170 S., 94 Abb., 5 Skizzen.

22. 1938 Grob, E. und Schmaderer, L., unter Mitwirkung von Paidar, H. und Schmitt, Fr.:

Drei im Himalaya. Die Erlebnisse einer Himalayafahrt. F. Bruckmann, München. 98 S., 63 Abb., 2 Panoramen, 3 Kartenskizzen.

23. 1938 Hunt, J. and Cooke, C. R.: A Winter Visit to the Zemu Glacier. Him. J. X, S. 49—70.

24. 1939 Kurz, M.: Himalaya 1937. « Alpen » XV, S. 4—7.

25. 1940 Grob, E., Schmaderer, L. und Paidar, H.: Zwischen Kantsch und Tibet. Erst- besteigung des Tent Peak, 7363 m. Bildertagebuch einer neuen Sikkim-Kund-fahrt 1939. F. Bruckmann, München. 123 S.

26. 1942 Dyhrenfurth, G. O.: Himalaya-Fahrt. Unsere Expedition 1930. Orell Füssli, Zürich. 192 S., 44 Abb., 1 Kartenskizze.

27. 1942 Dyhrenfurth, G. O.: Schweizer Bergsteiger und Forscher im Himalaya. « Die Schweiz und die Forschung. Eine Würdigung Schweizerischen Schaffens », Bd. I, S. 313—333. Verlag Hans Huber, Bern.

Karten Vgl. auch Bibliographie in G. O. Dyhrenfurth: Himalaya ( Lit. Nr. 10 ). S. 367 bis 368, mit einem Verzeichnis von 23 Karten bis 1931.

28. 1902 Garwood, E. J.: Sketch Map of the Glaciers of Kangchenjunga. 1: 125 000.

Beilage zu Lit. Nr. 1.

29. 1903 Garwood, E.J.: Material for a Geological Map of Sikkim. 1:253 440. Beilage zu Lit. Nr. 1.

30. 1914 Jacot-Guillarmod, Ch.: Himalaya Oriental. Esquisse Topographique du Kang- chinjunga et de ses abords immédiats. 1: 50 000. Beilage zu Lit. Nr. 6.

31. 1923 Survey of India: Bengal, Bhutan, Nepal, Sikkim & Tibet, Sheet No. 78A & 77D, Darjeeling. 1 inch to 4 miles or 1: 253 440.

32. 1931 Kurz, M.: Das Massiv des Kangchendzönga ( Himalaya ). 1:100 000. Beilage zu Lit. Nr. 10.

33. 1933 Wien, K. und Biersack, H.: Karte des Zemu-Gletschers ( Sikkim-Himalaya ), 1: 33 333 ( 1 km = 3 cm ). Beilage zu Lit. Nr. 15.

k ) Vom Kangchendzönga gibt es ein sehr reichhaltiges Bildermaterial. Besonders hingewiesen sei auf: i ) 1, 7, 10—15, 17, 19, 21, 22, 25 und 26, ferner auf « Bergkameraden » ( Orell Füssli, Zürich ) neben S. 112. Auch aus diesem Gebiet hat Vittorio Sella ( Biella ), der ja an der FreshfieJd-Expe-dition teilgenommen hat, eine wundervolle Serie von Photographien im Format 30 x 40 cm.

l ) 1931 schrieb ich ( Lit. 10, S. 352 ): « Es sieht fast so aus, als stünde für die heutige Bergsteiger-Generation der Kangchendzönga tatsächlich über menschlicher Kraft und menschlichem Willen. » Sehr viel hat sich bis heute daran nicht geändert. Von den allerhöchsten Bergen der Erde dürfte der Kangchendzönga der furchtbarste sein — sehr viel schwerer als Mount Everest und gefährlicher als Chogori. Er ist ein ungeheures Massiv, das von W nach E rund 15 km, von S nach N rund 7 km misst. Er liegt im Gebiet des schlechtesten Wetters und der meisten Niederschläge innerhalb des ganzen Himalaya-Systems. Er hat die grösste bisher bekannt gewordene Lawinenhäufigkeit. So haben wir z.B. an der Nordwand des Kangbachen Peak ( Gipfel Nr. 5 des Kangchendzönga ) im Mai 1930 an einem Tage von 8 Uhr morgens bis 10 Uhr abends 64 Eislawinen gezählt, also durchschnittlich alle 13 Minuten donnerte es herunter. In der Zone zwischen 6000 m und 7500 m Meereshöhe ist der Kangchendzönga rund herum mit einem gewaltigen Steilwandgürtel gepanzert. Auch für einen « einsatzbereiten » Bergsteiger kommen die Wände praktisch nicht in Frage. Die Grate sind unheimlich lang, wild gezackt und grossenteils sehr schwierig. Selbst die berühmtesten Alpengrate sind harmlose Spaziergänge, verglichen mit den Riesengraten des Kangchendzönga. Dieser ganz überalpine Berg hat keine schwache Stelle; er ist geradezu die Verkörperung aller bergsteigerischen Schwierigkeiten und Gefahren.

In Lit. 10 ( S. 174—177 und 351/352 ) habe ich alle möglichen Routen sorgfältig erwogen. Hier noch ein paar Ergänzungen dazu. Nach dem heutigen Stand unserer Kenntnisse kommen vor allem folgende Möglichkeiten in Betracht:

1. Die « Münchener Route » über den Ostsporn. Wer Lit. Nr. 14 und 15 studiert, weiss über die ganz ungewöhnlichen Schwierigkeiten dieses Gratweges Bescheid. Das Bedenklichste ist, dass die Gangbarmachung ein bis zwei Monate kostet. Also reicht die Zeit vor dem Monsun nicht aus, und man muss die sehr niederschlagsreichen Sommermonate zu Hilfe nehmen, was die Schwierigkeiten und Gefahren sehr bedeutend steigert. Wenn eine kampfstarke Bergsteigergruppe in guter körperlicher Verfassung am Beginn des herbstlichen Schönwetters ein « Camp 12 » im Sattel zwischen Sporngipfel ( 7700 m ) und « Zuckerhütl » ( 7775 m ) einrichten kann, dann... sind die Schwierigkeiten zwar noch lange nicht zu Ende, aber dann bestehen wenigstens ernsthafte Erfolgsaussichten. Über die Notwendigkeit eines leichten Minenwerfers für den Lawinenhang unter P. 7775 wurde bereits gesprochen. Mit diesem markanten Gratkopf würde man den Hauptgrat betreten, genauer gesagt den NNE-Grat des Hauptgipfels, und zwar am Beginn einer breiten Schulter, die sich in der « 3. Terrasse » der Nordwand fortsetzt. Der eigentliche Gipfelaufbau oberhalb der Schulter erinnert etwas an den Matterhorn-Kopf und enthält noch mehrere steile, vermutlich ziemlich schwere Stufen. Oberhalb « Camp 12 » würde man mindestens noch ein, vielleicht sogar zwei weitere Hochlager brauchen. Lager 6 in Bauers Zählung ist das « obere Standlager » ( 5140 m ) am Fusse des Ostsporns. Man müsste also mit 7 oder 8 echten Hochlagern rechnen — eine auch organisatorisch schwere Aufgabe.

2. Vom Twins-Gletscher direkt zum « Nord-Col » ( 6895 m ), dann über den Nordgrat, zum Teil vielleicht auf der Firnterrasse östlich der Gratkante, nach P. 7775; weiter wie bei 1. Diese Route wäre relativ kurz und in mancher Hinsicht ideal, aber der Zugang zum « Nord-Col » ist technisch schwierig und steinschlaggefährlich. Immerhin hat die sehr verdienstvolle Erkundung von C. R. Cooke ( Lit. 23 ) gezeigt, dass die gefürchtete Steilwand unter dem Nord- sattel nicht so unmöglich ist, wie man bisher angenommen hatte. Ob das Risiko hier grosser ist als bei dem endlosen Ostsporn mit seinen vielen bösartigen Türmen und Gratabbrüchen, das scheint mir persönlich zweifelhaft.

3. Zum Sattel 6075 westlich des Sugarloaf, über den Ostgrat auf P. 7005 ( Lit. 33 ), weiter zum Twins-Hauptgipfel ( 7350 m ) und absteigend zum Nordsattel ( 6895 m ). Von dort wie bei 2. Gegen diesen grossen Umweg spricht vor allem die Länge der zu begehenden Gratstrecken — rund 9 km, meist schwierig, dabei bedeutende Gegensteigungen. Die « Zwillinge », die einen lawinensicheren Zugang zum Nordsattel vermitteln sollen, sind sogar so schwer, dass die drei bisherigen Versuche am Ostgrat in etwa 6350 bis 6400 m Höhe gescheitert sind ( Lit. 21, 22 und 25 ). Also scheint diese Möglichkeit nicht sehr aussichtsreich. Aber vielleicht kann man die Twins besser von der nepalischen Nordseite erreichen. Nach Beobachtungen, die auf der I. H. E. 1930 gemacht wurden, ist das nicht ausgeschlossen. Technisch ist es dort vielleicht etwas leichter, organisatorisch aber noch schwerer; denn es würde ein Standlager auf der Westseite des Nepal Gap bedeuten, eine denkbar unbequeme, schwer erreichbare Operationsbasis.

4. Die relativ leichteste Route wäre sicher der lange Westgrat. Vom oberen Kangchendzönga-Gletscher aus und über den « NW-Sporn », wie die I. H. E. 1930 es versuchte, ist dieser Kamm allerdings kaum zu erreichen. Vielmehr wäre das richtige Itinerar: Ramthang Glacier — Sattel südöstlich White Wave ( 6960 m ) ( s. Karte Lit. 32SW-Grat des Kangbachen Peak — Kangbachen PeakKangchendzönga-Gipfel Nr. 5 ) ( 7858 mKangchen-dzönga-WestgipfelNr. 4 ) ( ca. 8500 mKangchendzönga-HauptgipfelNr. 3 ) ( 8579 m ) '. Der Zugang vom Ramthang-Gletscher zum « White-Wave-Sattel » ist von Eislawinen bedroht, der Aufstieg zu P. 7535 ist steil, aber offenbar möglich. Der folgende Gipfelgrat, der die nördliche Umrahmung des Yalung-Gletschers bildet, misst bis zum Hauptgipfel fast 8 1/2 km in der Horizontale und hat mehrere Gegensteigungen. Er befindet sich auf der Wetterseite des Massivs, ist also den fast ständig wehenden Weststürmen voll ausgesetzt. Aber... er sieht nicht schwer aus; auf lange Strecken scheint es sich sogar um Gehterrain zu handeln. Nach dem Monsun, im Oktober und November, wäre hier vielleicht doch etwas zu machen! Denn um diese Zeit ist das Wetter oft schön und die Windstärke geringer. In dieser Übergangsperiode zum Wintermonsun herrscht auch die westliche und südwestliche Richtung nicht mehr vor.

Ein Problem für sich ist die politische Schwierigkeit, d.h. die Tatsache, dass für ein Standlager am Ramthang-Gletscher das grosse nepalische Dorf Khunza die Basis bilden müsste. Nepal ist ja ein verschlossenes Land, und nur ganz ausnahmsweise wird eine lokal eng begrenzte Einreisebewilligung erteilt.

Es würde eine sehr bedeutende Verkürzung des Anmarsches von Darjeeling und eine wesentliche Vereinfachung der ganzen Organisation bedeuten, wenn man den SW-Grat des Kangbachen Peak von Süden, also vom Yalung-Gletscher, erreichen könnte. Diese Möglichkeit ist noch nicht genügend erkundet; sehr aussichtsreich ist sie allerdings nicht. Die Steilhänge, die den oberen Yalung-Gletscher umsäumen, gelten ja als ganz besonders lawinengefährlich.

Nur der Vollständigkeit halber sei noch der gewaltige Ostgrat des Kangchendzönga erwähnt, der vom Zemu Gap ( 5875 m ) ( s. Lit. 33 ) über Gipfel Nr. 1 ( 7780 m ) zum SüdgipfelNr. 2 ) ( 8500 m ) hinaufzieht. Als Anstiegsroute kommt dieser endlose, wilde Wächtengrat praktisch kaum in Frage. Dasselbe gilt von dem steilen SSW-Pfeiler, der sich von dem ( kaum zugänglichen ) Talung Saddle ( 6745 m ) zum Südgipfel emporschwingt. Von den Wänden des Massivs sind Südfront ( gegen Talung-Gletscher ) und Ostfront ( gegen oberen Zemu-Gletscher ) gänzlich indiskutabel, Nordfront ( gegen Kangchendzönga-Gletscher ) und Südwestfront ( gegen Yalung-Gletscher ) furchtbar lawinengefährlich. Alles in allem — die beste Route auf den Kangchendzönga ist noch immer ein Problem.

m ) Der Kangchendzönga besteht zum grossen Teil aus Orthogneis. Es ist ein heller Gneisgranit von schwach schiefriger Augentextur. Mit blossem Auge erkennt man grosse, gepresste Orthoklase ( Kalifeldspat ), die in ein gebändertes und gefälteltes Muttergestein eingebettet sind. Diese Grundmasse setzt sich im wesentlichen aus Quarz, PlagioklasenKalknatronfeldspäte ) und Biotitschwarzer Glimmer ) zusammen. Akzessorische Bestandteile spielen besonders in den Pegmatitgängen, die das Hauptgestein vielfach durchschwärmen, eine grosse Rolle. Wechsellagernd mit dem Augengneis tritt in braunen Bändern, die sich über weite Strecken verfolgen lassen, ein feldspatreicher Biotit-Paragneis von schiefriger Textur auf. Die Lagerung ist im allgemeinen ziemlich flach, häufig fast schwebend. Aus der Ferne sieht das Gestein oft wie ein richtiges Sediment aus. Das liegt zum Teil an der pegmatitischen Bänderung, manchmal auch an blosser Fluidal-Struktur. Vor allem ist es aber eine Folge der häufigen Wechsellagerung von hellem Augengneis mit dunklem, feinkörnigem Biotitgneis und Hornblendeschiefer. Ich bin der Auffassung, dass es sich hierbei um eine nachträgliche Intrusion und Injektion von granitischem Magma in ältere Sedimentgneise und kristalline Schiefer handelt. Dafür spricht auch, dass gerade in den randlichen Zonen des Kangchendzönga-Massivs dieser Wechsel von Para- und Ortho-Gesteinen besonders auffällig ist. Die Intrusion erfolgte wahrscheinlich erst im Tertiär.

Der Kangchendzönga-Gneis liegt im Süden auf der metamorphen « Daling-Serie », die aus Serizitschiefer, Chloritglimmerschiefer, Kalkglimmerschiefer, kristallinen Kalken, Kieselschiefer und Quarziten besteht. Die südwärts gerichtete Bewegung des « Zentralgneises » über die Daling-Serie stand möglicherweise noch im Zusammenhang mit der Intrusion. Es ist aber auch möglich, dass die aus innig miteinander verschweisstem sedimentärem und eruptivem Material bestehende Masse erst nachträglich vom Deckenschub erfasst wurde.

Wie die Everest-Gruppe, so ragt auch der Kangchendzönga wie eine Insel über die ganze umgebende Gipfelflur empor, und zwar um etwa 1500 bis 2000 Meter. Diese höchst auffällige Erscheinung nur durch das « Axial- gefälle » ( Ansteigen der Faltenachse ) und durch Herauswittern erklären zu wollen, scheint mir ausgeschlossen. Wahrscheinlich ist auch hier eine post-diluviale, in die geologische Gegenwart hineinreichende Hebung anzunehmen, und zwar an mächtigen, ringförmig verlaufenden Bruchflächen. So wird der rund 1500 m hohe Steilwandgürtel des Massivs verständlich, der viel jugendlichere Formen aufweist als die Gipfelregion darüber. Vgl. z.B. Lit. Nr. 10, Abb. 53 und 54, oder — besonders überzeugend — Lit. Nr. 18 neben S. 240 unten.

4. a ) E1 oder Lhotse.

b ) E1 ist das Vermessungszeichen der Survey of India. Der Name Lhotse ist tibetisch und aus zwei Worten zusammengesetzt: Lhotse = Süd-Berg, d.h. der Berg, der südlich von Chomo Lungma ( Mount Everest ) liegt.

c ) Der Lhotse hat drei Gipfel über 8000 m, die in einem scharfen, SE-NW verlaufenden Grat liegen. Der dem Everest nächstgelegene NW-Gipfel ist der höchste: 8501 m = 27 890 ft. Mittelgipfel und SE-Gipfel sind noch nicht genau vermessen; zum mindesten ist darüber noch nichts publiziert worden. Nach dem Augenschein zu schliessen sind sie nicht viel niedriger, also etwa zwischen 8400 und 8450 m. Wenn der Everest um 40 bis 50 m heraufgesetzt wird, muss der Lhotse folgen. Denn alle Gipfelhöhen im Everest-Gebiet sind ja von der alten Zahl 8840 m = 29 002 ft. für den Mount Everest selbst abhängig. In Wahrheit dürfte der Hauptgipfel des Lhotse also rund 8540 m hoch sein.

d ) Ein Ersteigungsversuch hat bisher nicht stattgefunden; der Lhotse ist noch ganz unberührt.

e ) 27° 57'43 " nördlicher Breite.

f ) 86° 56'10 " östlicher Länge.

g ) Ost-Himalaya, Grenze von Nepal und Tibet, Everest-Gruppe.

h ) Unsere Kenntnis des Lhotse verdanken wir folgenden Expeditionen:

1921: Erste Everest-Expedition.

1933: Houston-Mount-Everest-Expedition mit zweimaliger Überfliegung auch des Lhotse.

1935: Fünfte Everest-Expedition.

i ) Der Lhotse hat also auch keine eigene Bibliographie. Es genügt hier ein kurzer Hinweis auf unser Verzeichnis der wichtigsten Everest-Literatur, insbesondere auf Nr. 1, 17, 18, 21, 25, 30—32.

k ) Von Abbildungen nenne ich: Everest-Lit. Nr. 1, S. 168, 192 rechts und 256; Nr. 18 die doppelseitige Aufnahme zwischen S. 256 und 257 sowie das Bild neben S. 257 oben; Nr. 21 neben S. 5, Abb. 3 ganz links; Nr. 24 neben S. 405; Nr. 25 neben S. 18.

l ) Die gegebene Route wäre der Nordgrat, falls man den Sattel ( ca. 7800 m ) zwischen Everest und Lhotse erreichen kann. Der Zugang zu diesem « Südsattel » des Everest von Osten, vom Kangshung-Gletscher, ist vielleicht nicht ganz unmöglich, aber jedenfalls sehr lawinengefährlich. Die nepalische Westseite, also der Aufstieg vom « Western Cwm Glacier », ist, wie bereits erwähnt, infolge der politischen Sperre noch nicht erkundet. Sehr günstig scheinen die Aussichten auch hier nicht zu sein.

Von NE gesehen erinnert der Lhotse auffallend an den Kangchendzönga. Wie dieser ist auch der Lhotse anscheinend ein sehr schwerer und gefährlicher Berg. Erst wenn der Everest einmal erstiegen sein sollte, wird man sich für den Lhotse näher interessieren. Vorläufig steht er noch sehr im Schatten seines höheren und berühmteren Bruders. Dabei ist er nicht etwa ein blosser Südgipfel des Everest, sondern ein selbständiger, mehrgipfliger Berg von gewaltigem Format.

m ) Noch hat kein Geologenhammer am Lhotse geklopft, aber nach seiner Position und seinem Aussehen können wir als wahrscheinlich annehmen, dass er stratigraphisch und tektonisch unter die « Mount Everest Pelitic Series » gehört und sich, wie der Kangchendzönga, aus « Zentralgneis » aufbaut. Everest, Jongsong Peak und die Dodang-Nyima-Kette bestehen im wesentlichen aus ( wahrscheinlich paläozoischen ) Sedimenten, Lhotse, Makalu und Kangchendzönga aus dem zentralen Himalaya-Gneis.

5. a ) Makalu.

b ) Der Name, der auf der zweiten Silbe betont wird, ist tibetisch und scheint durch Umstellung aus Kamalu oder, tibetisch richtiger geschrieben, Kamalung, entstanden zu sein. Lung = Gebiet, Tal, Landschaft; das ng am Ende wird kaum ausgesprochen. Kamalung also = Kama-Tal. Kama oder auch Karma Chu ( Chu = Fluss, Bachso heisst der grosse Bach, der die Chomo Lönzo-Makalu-Kette im NE begrenzt. Er entspringt als Gletscherbach des Kangshung Glacier. In diesem Zusammenhange sei erwähnt, dass dieser Gletscher auf den englischen Karten zwar so geschrieben ist, aber offenbar sollte es besser Kangchung heissen. Kang = Schnee, Eis; chung = klein. Der richtige Name für den fünfthöchsten Berg der Erde wäre also Kama-Tse oder allenfalls Kama-Lung-TseKamatal-Berg ). Aber da Makalu sich bereits eingebürgert hat und auf allen Karten steht, ist daran nichts mehr zu ändern.

c ) 8470 m = 27 790 ft. ist die offizielle Höhenzahl, aber das beim Lhotse Gesagte gilt natürlich auch hier: Wenn der Everest einmal heraufgesetzt wird, folgt automatisch auch der Makalu, dessen richtige Höhe also rund 8510 m sein dürfte.

d ) Bisher noch kein Ersteigungsversuch.

e ) 27° 53'23 " nördlicher Breite.

f ) 86° 56'10 " östlicher Länge.

g ) Ost-Himalaya, Grenze von Nepal und Tibet, Everest-Gruppe.

h ) Was wir vom Makalu wissen, verdanken wir im wesentlichen den drei bereits beim Lhotse genannten Expeditionen.

i ) Everest-Literatur Nrn. 1, 13 ( S. 330 ), 14, 17, 18, 21, 25, 31, 32.

( Fortsetzung folgt )

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